Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Drogenpolitik: Europa wird mit Designerdrogen überschwemmt

von Edgar L. Gärtner

Die Legalisierung des Drogenbesitzes ist unumgänglich

Wer heute den „Kick“ sucht, um dem tristen Alltag zu entfliehen, ist nicht mehr auf leider noch immer illegale Rauschmittel wie Marihuana oder Kokain und damit auf Geschäftsbeziehungen mit kriminellen Dealern lateinamerikanischer, türkischer oder afghanischer Drogen-Kartelle angewiesen. Er braucht lediglich ganz legale Webseiten wie etwa diese zu besuchen, auf denen freiwillige Testpersonen ihre Erfahrungen mit neuartigen Räuchermischungen schildern. Auf den Verpackungen dieser Mischungen steht oft der Hinweis, dass sie nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, sondern als Pflanzendünger oder Badesalz dienen sollen. Potenzielle Kunden wissen dann schon, was gemeint ist. Ein paar Mausklicks genügen, um einige Gramm der Produkte mit aufregenden Nebenwirkungen für 10 bis 30 Euro je Gramm zu kaufen. Immer häufiger werden auch hochwirksame und potenziell gefährliche Narkosemittel und Designer-Drogen auf diesem Weg unters Volk gebracht. An Kundschaft mangelt es nicht, denn anders als noch im vergangen Jahrhundert, hängen die typischen Drogenkonsumenten heute nicht mehr an bestimmten Stoffen wie Heroin, sondern probieren beinahe jeden Tag etwas Neues aus, oft auch Mischungen verschiedener Drogen.

Das „Wall Street Journal“ vom 30. Oktober schildert die Karriere des 49-jährigen Schotten David Llewellyn, der nach seiner Pleite in der Immobilienkrise in den legalen Drogenhandel umsteigt. Zunächst produzierte und vermarktete er das bekannte Aufputschmittel Mephredon. Als dieses in Verruf kam und in verschiedenen europäischen Ländern verboten wurde, ließ er sich von einem Chemiker die Designer-Droge „Nopain“ synthetisieren, die auf einer leichten Veränderung der Molekülstruktur des ADHS-Medikaments Ritalin beruht. „Nopain“ soll wie Kokain wirken. Llewellyn erwartet, dass er „Nopain“ nicht lange legal wird anbieten können. Deshalb hat er schon das weit verbreitete Narkotikum Ketamin als Nachfolgeprodukt ins Auge gefasst.  

Ketamin wird nicht so leicht verboten werden können, da es auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneistoffe steht und sogar in der Kinderheilkunde zugelassen ist. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ widmete dem kleinen Wundermolekül, einem aminierten Abkömmling des Cyclohexans, kürzlich sogar zwei ganze Seiten ihrer Wissenschaftsbeilage. Das auch in der Tiermedizin gebräuchliche Narkotikum wirkt rasch und zuverlässig, weil es den Schluckreflex aufrechterhält und Atmung und Kreislauf anregt. Bei einem Teil der Patienten ruft es aber auch psychedelische Effekte hervor, wie sie von der Hippie-Droge LSD bekannt sind. Schon im Vietnam-Krieg kursierte Ketamin bei den GIs als „Special K“ und zählt heute rund um die Welt zu den beliebtesten Partydrogen. Ketamin wird als „dissoziatives Anästetikum“ eingestuft, weil es nicht nur das Schmerzempfinden abschaltet, sondern zu einer veränderten Wahrnehmung der eigenen Identität führen kann. Berichtet werden zum Beispiel Tunnel-Erlebnisse, die an Schilderungen der Nahtoderfahrung erinnern.

In Deutschland ist Ketamin verschreibungspflichtig, fällt aber nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Neurologen und Psychiater versprechen sich viel von der einmaligen Verabreichung schwacher Dosen von Ketamin bei hartnäckigen Depressionen, gegen die bislang übliche Antidepressiva machtlos waren. Sie nehmen an, schon eine einmalige Ketamin-Gabe könne im Hirn eine lang anhaltende Kettenreaktion in Gang setzen, die zu einer Neuverknüpfung oder Wiederherstellung von Nervenverbindungen führt.

Ketamin dürfte also in den kommenden Jahren gerade wegen seiner vielfältigen therapeutischen Verwendbarkeit auch als Partydroge verhältnismäßig leicht zu beschaffen sein. Das gilt auch für andere Designer-Drogen. Allein im vergangenen Jahr hat die Europäische Drogenbeobachtungsbehörde EMCDDA in Lissabon das Auftauchen von 24 neuen Psychodrogen auf dem europäischen Markt gemeldet. In diesem Jahr sollen es nach Aussage des EMCDDA-Direktors Wolfgang Götz bereits 33 sein. Etliche von ihnen stammen aus chinesischen Labors. Sie nach Europa einzuführen dürfte ein Leichtes sein, seit die Überseehäfen von Neapel und Piräus fest in chinesischer Hand sind. Da ist es nur konsequent, wenn der Grünen-Politiker Tom Koenigs nun die Legalisierung aller Drogen fordert, um der Drogen-Mafia, die in Mexiko allein in diesem Jahr schon über 10.000 Todesopfer zu verantworten hat, nicht das Geschäft zu überlassen. Auch der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas-Llosa hat in dieser Woche ein flammendes Plädoyer für die von Aufklärungskampagnen begleitete Rauschgift-Legalisierung von Rauschgift veröffentlicht. „Ich hege keinerlei Sympathie für Drogen“, schreibt Vargas-Llosa,“ weder für die weichen noch für die harten, und einen Menschen unter Drogeneinfluss, genauso wie einen Betrunkenen, finde ich recht unerfreulich, lästig und langweilig. Aber genauso missfallen mir diejenigen, die in meiner Gegenwart in der Nase bohren oder Zahnstocher benutzen…Aber es würde mir nicht einfallen, ein Gesetz zu fordern, das dies verbietet und unter Gefängnisstrafe stellt.Deshalb sehe ich auch nicht ein, warum der Staat einem Erwachsenen, der bei Verstand ist, verbieten sollte, sich selbst Schaden zuzufügen...“

Internet

In Quest for ‘Legal High’, Chemists Outfox Law

Ketamin: Chemie und Wahnsinn

Grünen-Politiker fordert Legalisierung aller Drogen

Europas Drogensüchtige werden immer älter

Drogen-Beauftragte warnt vor neuer Ecstasy-Variante

Wolfgang Götz (EBDD): „Kokain ist heute in allen Schichten zu finden“

Mario Vargas-Llosa: Legalisiert Rauschgifte!, in: FOCUS 46/2010

21. November 2010

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen