Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Kometenpolitik 2030: Der geheimnisvolle Stern

von Gérard Bökenkamp

Bunker für die Menschlichkeit

Wir zählen das Jahr 2020: Eine Nachricht erschüttert die Welt. Von dem neuen Weltraumteleskop kommt die Nachricht, dass sich ein Komet in großer Geschwindigkeit auf die Erde zu bewegt. Zwar ist der Komet noch sehr weit entfernt, aber wenn er in drei Jahrzehnten die Erde erreichen wird, werden die Zerstörungen verheerend sein. Viele Länder haben gewaltige Bürokratien eingerichtet, deren Aufgabe darin besteht, den Schutz vor dem Kometeneinschlag und die Bewältigung der voraussichtlichen Folgen zu koordinieren.

An den Universitäten wurden zusätzliche Stellen für Astronomen und Institute für die Kometeneinschlagsfolgeforschung geschaffen. Leider konnten sich die Staaten bislang nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, darum arbeiten die USA und China an jeweils getrennten Programmen, was die internationalen Kometengipfel immer wieder zum Scheitern bringt. In vielen Ländern haben sich Vereine gebildet, die sich zur Unterstützung des neuen Projektes zum Aufbau des Kometenabwehrschirms zusammengetan haben. Friedensaktivisten kritisieren die Federführung der NATO beim Aufbau des gemeinsamen Abwehrschirms der USA und der EU. Der Kometenschutz sei eine Friedensmission und dürfe nicht unter der Federführung der Militärs, sondern müsse unter der Verantwortung ziviler Kräfte durchgeführt werden. In einigen Ländern sind daraus sogar politische Bewegungen und Parteien entstanden. In Deutschland wird im Jahr 2030 die erste Kometenministerin vereidigt. In ihrer ersten Presseerklärung bekräftigt sie: Kometenpolitik ist Friedenspolitik.

Auch die Wirtschaft hat prompt reagiert und konkurriert um die lukrativen Staatsaufträge. Denn allein im US-Haushalt 2026 sind 200 Milliarden Dollar zum Bau der neuen Abfangsatelliten vorgesehen. Boeing hat sich den Löwenanteil des Auftrages gesichert, aber Airbus und die EU haben dagegen Klage eingereicht. Auf den Bestsellerlisten stehen an der Spitze die Titel „Leben nach der Katastrophe“, „Investieren in Kometenschutz – Werden Sie Reich mit Kometendollars.“ Auf der Internetseite der „FAZ“ findet sich die Anzeige „Feuerland-Immobilien – Wo der Komet nicht einschlägt.“ Dort haben sich die Immobilienpreise in den letzten 5 Jahren inzwischen verzwanzigfacht, und Vermögensberater raten dazu, jetzt einzusteigen, Rendite von 30 Prozent im Jahr garantiert. Banken und Sparkassen haben Fonds angelegt, die es auch kleinen Sparern ermöglichen, für ihre Altersvorsorge vom Kometenboom zu profitieren.

Keynesianische Ökonomen betonen, dass der Komet eigentlich ein Glück für die Weltwirtschaft sei. Allein der Bau von Bunkeranlagen zum Schutz vor dem Kometeneinschlag für alle Bürger der Bundesrepublik schaffe voraussichtlich bis zu 2 Millionen neue Arbeitsplätze und kurbele die Konjunktur kräftig an. Um der Regierung die Finanzierung dieser lebensnotwendigen Programme zu erleichtern, haben sich die Zentralbanken auf eine Nullzinspolitik geeinigt. Denn hohe Subventionen für den Mittelstand sind notwendig, um die Industrieanlagen unter die Erde zu verlegen. Aber, wie der Wirtschaftsminister betont, sei das Programm ein Erfolg und wird inzwischen von den Unternehmen dankbar angenommen. Die Abrufquote ist so gut, dass das Programm im nächsten Haushaltsjahr noch um 5 Milliarden Euro aufgestockt werden soll. Besonders herausgehoben werden müssten die Chancen für die deutsche Bauindustrie: Nach dem Zusammenbruch des neuen Marktes für Windkraftanlagen sei das eine notwendige Modernisierung der deutschen Wirtschaft. Auch die Kulturschaffenden beteiligen sich rege an der Diskussion. Im Feuilleton erscheint ein Beitrag eines führenden Intellektuellen, der begrüßt, endlich habe die Gesellschaft wieder eine Vision, die Menschen über soziale Schichten und ethnische und religiöse Grenzen hinweg verbindet. Die gemeinsame Aktivität der Gesellschaft gegen die dunkle Bedrohung aus dem All sei das beste Integrationsprogramm. Endlich hätten die Menschen einen gemeinsamen Feind, den es zu bekämpfen gilt.

Die Kometenpolitik verändert die Akteure der politischen Auseinandersetzung im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Besonders die Bewegung „Bürger für Bunker“ ist in ihrem Auftreten sehr offensiv. Am Brandenburger Tor wird ihr kritisches Transparent mit ihrem Slogan: „Bunker statt Banker“ entrollt. Die Sozialdemokraten möchten Bunkerplätze gerecht verteilen, indem die Bürger einen Bunkerplatz von der Zentralverwaltungsstelle für Kometenschutz zugewiesen bekommen, wohingegen die Liberalen die Bürger an den Kosten des Bunkerbaus mit einem Prämienmodell beteiligen wollen, um die Ausufernde Staatsverschuldung zu begrenzen. Bedürftige sollen allerdings entsprechend ihres Einkommens einen Zuschuss erhalten. Die Internetausgabe der „Frankfurter Rundschau“ titelt: „Nur Bunker für Reiche?“ Bundeskanzler Philipp Mißfelder sucht eine Einigung im Vermittlungsausschuss. Großen Anklang findet das Konzept der Familienministerin zum Bau von Mehrgenerationen-Bunkern. Auch auf globaler Ebene spielt das Verteilungsproblem eine große Rolle. Der elder statesman Barack Obama setzt sich in seiner Kampagne für das UN-Programm Bunker für die Menschlichkeit – „bunker for humanity“ – ein, das den flächendeckenden Bunkerbau in den armen Staaten Zentralafrikas vorsieht. Obama erhält dafür als erster Politiker zum zweiten Mal den Friedensnobelpreis. Pop- und Rockgruppen aus aller Welt haben sich zu einem gemeinsamen Musikfestival zusammengetan, um dieses Programm zu unterstützen. Der Popsong „Lasst uns einen Bunker mit der Liebe unserer Herzen bauen“ („Let us build a bunker with the love of our hearts“) sprengt die Charts.

Doch wie immer gibt es auch Kritiker dieses gesellschaftlichen Aufbruchs. „Spiegel Online“ schreibt in einem längeren Beitrag über die sogenannten Kometenskeptiker: „Obwohl unter den Astronomen weitgehend Konsens darüber herrscht, dass der Komet auf der Erde einschlagen und der Einschlag verheerende Folgen haben wird, gibt es immer noch einen vielstimmigen Chor sogenannter Kometenskeptiker. Einige behaupten, es würde den Kometen gar nicht geben, sondern er sei eine Erfindung der amerikanischen Regierung, um von den desaströsen Folgen des Irankrieges abzulenken. Andere glauben, dahinter stehe die schwächelnde Bauindustrie und die sie finanzierenden Großbanken. Andere sprechen von einer vom internationalen Makakentum inszenierten Kometen-Verschwörung. Weniger schrille Stimmen räumen zwar die Existenz des Kometen ein, sie weisen aber darauf hin, dass schon kleine Berechnungsfehler dazu führen könnten, dass der Komet Lichtjahre an unserem Sonnensystem entfernt vorbeifliegen könnte.

Allerdings hat jetzt auch die Politik mehr Transparenz angemahnt. Bisher weigert sich das größte Observatorium, das die Bilder des Weltraumteleskops auswertet, beharrlich, ihre Daten allgemein zugänglich zu machen. Man wolle damit keiner undifferenzierten Debatte Vorschub leisten, erklärte der Sprecher der internationalen Kometenforschungsvereinigung ICC. Nicht-Kometologen könnten die Daten leicht falsch interpretieren und die Öffentlichkeit verunsichern. Allerdings steht die Vereinigung seit den letzten Skandalen stark unter Druck. Es war aufgedeckt worden, dass Teile des für die Vereinten Nationen verfassten Kometeneinschlagfolgeberichtes direkt aus Sciencefiction-Büchern abgeschrieben worden waren. So konnte etwa ein Journalist nachweisen, dass die Annahme, dass nach dem Einschlag Riesentiere die Erde bevölkern, die auf Seite 4325 des Berichts auftaucht, von dem Band der Comicreihe Tim und Struppi „Der geheimnisvolle Stern“ angeregt worden war. Daraufhin hatte der Vorsitzende des Kometen-Kongresses bessere Qualitätskontrollen für die kommenden Berichte angekündigt. Ein Aktivist meinte hingegen, es sei verständlich, dass Journalisten zur Illustration auch auf Literatur zurückgreifen würden, anders sei den Menschen die Dramatik der Lage nicht zu verdeutlichen.“

06. Dezember 2010

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