Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Plädoyer für den Winterschlaf

von Edgar L. Gärtner

Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt

Bei jedem Wintereinbruch, zumal wenn tief hängende dunkle Wolken den Tag verdüstern, beschleicht mich ein gewisses Neidgefühl gegenüber unseren einstmals größten Nahrungskonkurrenten, den Bären. Wie hatten es die in ihrer wohligen Schlafhöhle doch so schön im Vergleich zu uns Kindern des Fortschritts, die sich bei eisigen Temperaturen mit dem Wagen über verschneite Straßen quälen oder in den ungemütlichen Wartehallen von Flughäfen nächtigen müssen. Dabei denke ich ständig ans Schlafen und schaffe das auch, sobald sich mir die Gelegenheit dazu bietet, bis zu vierzehn Stunden an einem Stück. Meine Freunde halten mich für depressiv. Ich hingegen vermute, diese Sehnsucht nach dem Winterschlaf liegt bei mir einfach in den Genen, denn auch meine bäuerlichen Vorfahren verbrachten den Winter bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in einer Art Stand-by-Modus, wie man heute sagen würde.

Meine Eltern kamen im Winter morgens selten vor neun Uhr aus den Federn und legten sich abends, außer in der Christnacht, zeitig wieder schlafen. Im Frühjahr und Sommer brachen sie dagegen oft schon um vier Uhr früh zur Feldarbeit auf. Doch im Winter hatten sie es überhaupt nicht eilig. Das Vieh war rasch mit den Vorräten von Heu, Getreide und Futterüben versorgt. Auch die Familie ernährte sich hauptsächlich von Vorräten wie Rauchfleisch, Dauerwurst, Sauerkraut und Rosenkohl und brauchte, außer für den sonntäglichen Kirchgang, kaum Haus und Hof zu verlassen. Auf dem Hof gab es tagsüber nur Arbeiten, für die im Sommer keine Zeit blieb. Mein Vater und mein Großvater widmeten sich dem gemächlichen Flechten von Weidenkörben oder dem Binden von Besen aus Birkenreisern, wobei oft Nachbarn Gesellschaft leisteten. Dabei gaben sie Kriegserlebnisse und Anekdoten aus dem täglichen Leben zum Besten. Angeregt von Kümmel-Schnaps oder Doppelkorn, sangen sie mitunter auch bei der Arbeit. Die Mutter nähte und strickte derweil. Die Großmutter besorgte die Küche.

Es machte uns kaum etwas aus, zeitweilig durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Nur das Mehl zum Brotbacken im Gemeinschafts-Backhaus musste aus dem Nachbardorf angeliefert werden, weil es in unserem Dorf keine arbeitende Mühle mehr gab. Der Müller brachte das Mehl dann mit einem Pferdeschlitten. Die abschüssige Dorfstraße wurde nur selten von Schnee geräumt. Sie diente uns Kindern als Rodelbahn. Oft blieb das Dorf wegen Schneeverwehungen tagelang mit Kraftfahrzeugen unerreichbar. Dann musste auch die Post, die normalerweise mit einem Lieferwagen kam, auf Schlitten umgeladen werden. Eine regelmäßige Busverbindung zur 20 Kilometer entfernten Kreisstadt wurde erst gegen Ende der 60er Jahre eingerichtet. Das Ende der Winterruhe begann mit dem Feiertag „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar. Im Prinzip halte ich es noch heute so.

Ich will diese Zeit nicht verklären. Denn das abgeschiedene Leben hatte sicher auch nachteilige Auswirkungen auf die Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten. Aber ich möchte doch, angesichts des von Solarforschern angesagten Beginns einer „Kleinen Eiszeit“ in den kommenden Jahrzehnten, nachdrücklich dafür plädieren, unserem winterlichen Schlafbedürfnis im Wirtschaftsleben wieder besser gerecht zu werden. Zum Beispiel könnten Firmen ihren Mitarbeitern statt des konterproduktiven Sommerurlaubs mehr Auszeiten im Winter anbieten, wenn der Schnee ohnehin die Betriebsabläufe stört. Wem dann nicht nach Winterschlaf zumute ist, der kann sich stattdessen auf der Südhälfte des Globus vergnügen. Seit der ef-Chef Licht geschlagen und die Kommentarfunktion dieses Blogs abgeschaltet hat, kann mir da zum Glück niemand mehr widersprechen. Also dann bis Mariä Lichtmess!

03. Januar 2011

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