Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Euro und Europa: Frieden durch gemeinsame Währung

von Gérard Bökenkamp

Gibt es dafür historische Belege?

07. Januar 2011

Helmut Kohl hatte den Euro als "Frage von Krieg oder Frieden" bezeichnet. Bis heute ist dies das letzte, entwaffnende Argument, wenn die rein ökonomischen Begründungen nicht mehr greifen. Merkel erklärte, bei der so genannte Euro-Rettung gehe es „um etwa Großes“, um die „Friedensidee Europas“. Das werde leicht vergessen, „wenn nur von Krisenmechanismus, Stimmrechten, Verträgen, Stabilitätskultur, Rettungsschirme, IWF, Währung, EZB und vielem mehr die Rede ist“. EU-Kommissar Günther Oettinger betonte die historische Bedeutung des Euro: "Die Währung ist auch ein Garant für Frieden. Es geht nicht nur um Haftung, es geht auch um die Friedensordnung. Die Europäische Union insgesamt und ihre Währung sind zwei Garanten für dauerhaften Frieden, für Partnerschaft und Freundschaft." Es ist bislang allerdings noch nicht einmal versucht worden, die Behauptung, der Euro sichere den Frieden, mit historischen Beispielen zu belegen.

Es lassen sich kaum Beispiele dafür finden, dass gemeinsame Währungssysteme Kriege verhindert und politische Stabilität gesichert hätten, aber sehr viele dafür, dass sie Kriege und politische Konflikte nicht verhindern konnten. Zwischen den Nordstaaten und den Südstaaten der Vereinigten Staaten kam es trotz des Dollars als gemeinsamer Währung und des gemeinsamen nordamerikanischen Wirtschaftsraums zum blutigen Bürgerkrieg. Nach 1871 übernahmen die Deutschen die Goldwährung der Briten, und der Goldstandard wurde quasi zu einer Weltwährung. Dies hat die Spannungen in den kommenden Jahrzehnten und den Ausbruch des Ersten Weltkrieges aber nicht verhindert.

Die integrierende Wirkung gemeinsamer Währungen wird ganz offensichtlich überschätzt: Das Pfund Sterling hat das British Empire nicht zusammengehalten. Der französische Franc konnte Algerien und Indochina und die übrigen Kolonien nicht friedlich ans Mutterland binden. Der Rubel hat das Auseinanderfallen der Sowjetunion nicht verhindert, und der jugoslawische Dinar nicht das Auseinanderbrechen des jugoslawischen Staates und den folgenden Balkankrieg. Die Tschechoslowakei hatte bis zur Aufspaltung in Tschechien und die Slowakei die gemeinsame tschechoslowakische Krone, die aber auch nicht in der Lage war, eine gemeinsame Identität zu schaffen.

Innerhalb der westlichen Staatengemeinschaft herrscht seit 1945 Frieden ohne die Basis einer gemeinsamen Währung. Deutsche und Franzosen kämpften auch schon vor dem Euro nicht mehr gegeneinander. Auch Briten nicht mehr gegen Deutsche und auch nicht mehr gegen Franzosen. Die USA hat keine militärischen Konflikte mit Kanada, und Japan hat keine Konflikte mit den USA, auch Südkorea nicht mit Japan. Nach 1945 zog Frieden ein in der westlichen Welt und zwar unabhängig von der jeweiligen Währungsordnung. Freie Wechselkurse traten an die Stelle von festen Wechselkursen, es gab den Goldstandard von Bretton Woods, der Goldstandard wurde abgeschafft, es gab in Europa die Währungsschlange und diverse Währungskrisen. Dies hatte für die Konjunktur und die aktuelle Wirtschaftslage erhebliche Auswirkungen, aber der Frieden wurde von Niemandem in Frage gestellt. Einen Beleg dafür, dass es einer europäischen Gemeinschaftswährung bedurft hätte, um den Frieden dauerhaft zu sichern, gibt es nicht.

Die Selbstverständlichkeit, mit der vom Euro als „Friedenswährung“ oder als „Garant für den Frieden“ gesprochen wird, hat kein empirisches Fundament. Auch die These, dass wirtschaftliche Integration zur politischen Integration führe, die letztlich die Grundlage für die starke Fixierung auf die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung gewesen sei, lässt sich historisch schwerlich belegen. Der 1834 begründete Deutsche Zollverein wurde oft als Vorbild für die EWG und später für die EU herangezogen. Die wirtschaftliche Integration der deutschen Staaten unter Preußens Führung sei die Grundlage für die nationale Einigung mit der Reichsgründung 1871 gewesen. Diese Sichtweise unter anderem des nationalliberalen Historikers Heinrich von Treitschke wird relativ unreflektiert auf die europäische Ebene übertragen. Denn Ähnliches schwebt auch vielen Protagonisten der „Vereinigten Staaten von Europa“ vor. Die Wirtschafts- und Währungsunion soll die Grundlage für die politische Union bilden. Aber auch dieses historische Vorbild hält einer genaueren Untersuchung nicht stand.

Zum 1. Januar 1834 trat unter Preußens Führung der Deutsche Zollverein in Kraft, dem norddeutsche und süddeutsche Staaten angehörten. So entstand in Mitteleuropa eine Freihandelszone von 30 Millionen Einwohnern. Die ökonomische Integration schritt schnell voran. Schon 1837 kamen 87 Prozent der süddeutschen Importe von Fertigwaren und Halbfertigwaren aus Preußen und Sachsen. Zwar kam es nicht zur Prägung einer gemeinsamen Währung, aber doch zu einer stärkeren Harmonisierung zwischen den Währungen des Bundes, so dass auf der Basis von Silber ein Taler-Gulden-Währungssystem entstand. Der von Preußen vorangetriebenen wirtschaftlichen Integration folgte nach den sogenannten drei Einigungskriegen, dem deutsch-dänischen Krieg von 1864, dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 und dem deutsch-französischen Krieg von 1871, die Gründung des deutschen Kaiserreiches unter der Federführung Preußens. Die Reihenfolge der Ereignisse – Die Gründung des Zollvereins, dann nach der Niederlage Österreichs bei Königgrätz 1866 die Gründung des Norddeutschen Bundes und schließlich die Reichseinigung 1871 – scheint für die Entwicklung von der wirtschaftlichen Integration zur politischen Einigung zu sprechen. Dies ist aber eine oberflächliche Betrachtung.

Wenn man die historische Karte des Deutschen Zollvereins neben die Karte mit den Bündnissen im deutsch-deutschen Krieg von 1866 – einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zur Reichseinigung – legt, dann ist aber etwas augenfällig. Es lässt sich kein Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Integration und den militärischen Konfliktlinien feststellen. Die wirtschaftliche Integration hat einen Krieg zwischen den Mitgliedern des Zollvereins nicht verhindert. Das Großherzogtum Hessen war bereits 1828 als erster größerer Staat – also sogar noch vor der offiziellen Gründung des Zollvereins – dem preußischen Zollgebiet beigetreten, trat aber 1866 auf der Seite Österreichs gegen Preußen in den Krieg ein. Ebenso die Zollvereinsmitglieder Bayern, Württemberg, Hannover, Baden und die Freie Stadt Frankfurt und einige kleinere Staaten. Mit Preußen waren hingegen auch deutsche Staaten verbündet, die dem Zollverein bis dahin nicht angehört hatten, wie Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg-Schwerin und die Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck. Eine gemeinsame Währungs-Ordnung oder auch die Mitgliedschaft in einem Wirtschaftsverbund sind offensichtlich weder ein Garant für Frieden, noch für politische Integration.

Der Friede in Europa und in der westlichen Welt beruht auf einem sehr viel festerem Fundament, als dem geld- und fiskalpolitischen der europäischen Gemeinschaftswährung.

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