Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Öko-Nihilismus: Können Katholiken grün sein?

von Edgar L. Gärtner

Papst Benedikt XVI. und die grüne Ökumene

Bezieht sich die Frage auf Themen wie Gender Mainstreaming, Kindestötung im Mutterleib, Empfängnisverhütung, Eugenik, Keuschheit, eheliche Treue, Homosexualität, Zölibat oder ähnliches, dann ist die Antwort sicher auch heute noch ein klares Nein. Aber angesichts des gerade in Deutschland beobachtbaren Schulterschlusses zwischen grünen Politikern aller Parteien und außerparlamentarischer Bewegungen mit den großen christlichen Kirchen in einer „Klima-Allianz“ ist diese Frage nicht mehr so leicht zu beantworten. Zumal der Vatikan selbst seit dem Pontifikat Johannes Pauls II. wiederholt mit „grünen“ Stellungnahmen an die Öffentlichkeit getreten ist. So heißt es in der 2009 veröffentlichten Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI.: „Für die Gläubigen ist die Welt nicht das Produkt des Zufalls noch der Notwendigkeit, sondern eines Planes Gottes. Von daher kommt die Pflicht der Gläubigen, ihre Bemühungen mit allen Menschen guten Willens – Angehörige anderer Religionen oder Nichtgläubige – zu vereinen, damit unsere Welt wirklich dem göttlichen Plan entspricht: als eine Familie unter dem Blick des Schöpfers zu leben.“  Klingt da nicht die Idee der Gleichheit aller Religionen an? Spielt der Vatikan damit nicht jenen in die Hände, die das Christentum in einer weltlichen Einheitsreligion ertränken wollen? Leistet Benedikt XVI. hier nicht dem Vordingen christlich getarnter anti-christlicher Ideen in die Christenheit Vorschub?

Zumindest scheint die grüne Ökumene bereits entscheidend dazu beigetragen zu haben, dass inzwischen auch die römisch-katholische Kirche die ihr eigene Gelassenheit gegenüber dem von Gott bestimmten Lauf der Welt verloren und die damit einhergehende Ablehnung zentralistischer Weltlenkungspläne („global governance“) samt der damit verbundenen Vorbehalte gegenüber der UNO aufgegeben hat. Deutlich wird das in der bereits zitierten Enzyklika von 2009. Dort fordert der Vatikan: „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, sowie Ernährungssicherheit und Frieden zu verwirklichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität, wie sie schon von meinem Vorgänger, dem seligen Papst Johannes XXIII., angesprochen wurde, dringend nötig.“ 

Dieses Plädoyer für eine Weltregierung, das Papst Benedikt XVI. sicher nicht selbst formuliert hat, steht im Widerspruch zu den Gedanken, die der Papst als Theologieprofessor Joseph Ratzinger in seinem 2007 erschienenen Jesus-Buch geäußert hat. Dort zitiert Ratzinger zustimmend aus Wladimir Solowjews Erzählung vom Antichrist. Darin schreibt Solowjew dem Antichrist ein Buch mit dem Titel „Der offene Weg zu Frieden und Wohlfahrt der Welt“ zu. Das darin ausgebreitete Programm einer vernünftig geplanten und durchorganisierten Welt ähnelt sehr der 1992 in Rio de Janeiro beschlossenen „Agenda 21“ der UN. Was Ratzinger selbst über Ökologie und „Klimapolitik“ denkt, ist schwer auszumachen. Es fällt auf, dass er sich in dem 2010 erschienen Gesprächsband mit dem Titel „Licht der Welt“ zu diesem Thema sehr zurück hält. Die Fragen seines Gesprächspartners Peter Seewald zum Thema „Klima“ sind länger als die Antworten des Papstes! Dieser beklagt hier lediglich ganz allgemein „das Fehlen von Verzichtsbereitschaft“ und „eine Vergiftung des Denkens.“ Diese zeige sich vor allem im Hochmut. Im Jesus-Buch schreibt Ratzinger dazu: „Die Erde trägt keine Frucht, wenn sie nicht von oben Sonne und Regen empfängt. Dieses nicht in unsere Hände gegebene Zusammenspiel der kosmischen Kräfte steht gegen die Versuchung unseres Hochmuts, uns selber und allein durch unser eigenes Können das Leben zu geben. Solcher Hochmut macht gewalttätig und kalt. Er zerstört am Ende die Erde; es kann nicht anders sein, weil er gegen die Wahrheit steht, dass wir Menschen auf die Selbstüberschreitung verwiesen sind, nur in der Öffnung Gott gegenüber groß und frei und wir selber werden.“

Der Widerspruch zwischen den Äußerungen Joseph Ratzingers als Papst und als Theologieprofessor wirft die Frage auf, ob die verbale Annäherung des Vatikans an die Weltsicht der grünen Globalisierer nicht lediglich ein diplomatisches Manöver angesichts der insgesamt schwierigen Lage der katholischen Kirche ist. Denn tatsächlich ist auch das Ziel der „Klimapolitik“, die Limitierung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius, eindeutiger Ausdruck von Hochmut, wenn nicht Blasphemie. Das Alte Testament warnt in Form der Geschichte des Turmbaus zu Babel vor solchem Hochmut. Der biblische Auftrag, „die Erde zu bebauen und zu hüten“ (Gen 2, 15) legt dem Menschen gegenüber der außermenschlichen Natur stattdessen die demütige Haltung des Gärtners nahe. Die davon abgeleitete Parole „Schöpfung bewahren!“ leistet aber einer Fehlinterpretation Vorschub, da in der Bibel „bebauen“ eindeutig vor „behüten“ steht. Die Bibel weist dem Menschen die aktive Rolle eines Mitgestalters des Antlitzes der Erde zu. So sieht es auch die zitierte Papst-Enzyklika von 2009: „Es ist dem Menschen gestattet, eine verantwortungsvolle Steuerung über die Naturauszuüben, um sie zu schützen, zu nutzen und auch in neuen Formen und mit fortschrittlichen Technologien zu kultivieren, so daß sie die Bevölkerung, die sie bewohnt, würdig aufnehmen und ernähren kann. Es gibt Platz für alle auf dieser unserer Erde: Auf ihr soll die ganze Menschheitsfamilie die notwendigen Ressourcen finden, um mit Hilfe der Natur selbst, dem Geschenk Gottes an seine Kinder, und mit dem Einsatz ihrer Arbeit und ihrer Erfindungsgabe würdig zu leben.“

Viele Beobachtungen stützen diese Ansicht: Beseelt vom Forschergeist, kann der Mensch selbst mehr oder weniger wertlosen Sand in wertvollen Rohstoff (Silizium) verwandeln. Diese Auffassung steht in starkem Kontrast zu dem von den Grünen aller Parteien akzeptierten Weltbild des Malthusianismus, in dem der Mensch die Rolle eines unersättlichen Konsumenten absolut begrenzter Ressourcen spielt. Der Mensch wird hier zum Fremdkörper, zum Parasiten, der das „natürliche Gleichgewicht“ stört. „Der gemeinsame Feind der Menschheit ist der Mensch“, heißt es im 1991 erschienen Club-of-Rome-Bericht „Die erste globale Revolution“. Nur wenn sich der Mensch klein macht, selbst erniedrigt, kann er sich, so gesehen, in das „natürliche Gleichgewicht“ einfügen. Tatsächlich haben Milliardäre im Umkreis des „Club of Rome“ wie etwa Ted Turner offen eine Reduktion der Weltbevölkerung auf zwei Milliarden Menschen gefordert.

Es handelt sich bei der grünen Ideologie, dem „Ökologismus“, also im Kern um die triste, unschöpferische Religion einer manichäischen Selbstmordsekte nach dem Vorbild der Katarer im Mittelalter, die ex- oder implizit davon ausgingen, dass die materielle Welt nicht von Gott, sondern vom Teufel erschaffen worden ist. Aktueller Ausdruck dieser Weltsicht ist die Verteufelung des lebenswichtigen atmosphärischen Spurengases Kohlenstoffdioxid (CO2), dessen Netto-Emission mithilfe planwirtschaftlicher Vorgaben tendenziell bis auf Null gebracht werden soll. Kurz: Endziel der „grünen“ Bewegung ist letztlich das Nichts, die Tilgung des menschlichen „Fußabdrucks“ von der Erde.

Joseph Ratzinger selbst hat in seinen früheren Schriften zur Eschatologie gezeigt, dass sich hinter dem malthusianischen Nihilismus und dem Versprechen einer heilen Welt ein Vorbote des Antichrist verbirgt. Sehr intensiv hat sich Ratzinger mit den Schriften des vom Anglikanismus zum Katholizismus konvertierten englischen Kardinals John Henry Newman aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt und diesen im vergangenen Jahr während seines England-Besuches selig gesprochen. Eines der zentralen Anliegen Newmans war die Entlarvung der Machenschaften des Antichrist, der im Auftrag des Satans versucht, die Kirche von innen her zu zerstören, und zwar durch das Gift der Lüge. Eine der größten Lügen der heutigen Zeit ist zweifelsohne die Klimalüge. Durch die Veröffentlichung verräterischer e-Mails der britischen Climate Research Unit (CRU) im Internet („Climategate“) ist dieser Schwindel im Spätherbst 2009 aufgeflogen. Zwei außerordentlich strenge Winter In Folge haben die Glaubwürdigkeit der Warnungen vor einem von uns Menschen gemachten „Treibhauseffekt“ weiter untergraben. Gerade für Katholiken wäre es nun an der Zeit, ihre Wahrheitsliebe unter Beweis zu stellen.

Leider ist die katholische Kirche in Deutschland weitgehend in der Sozialindustrie aufgegangen und hält wenig Distanz zum Staatsapparat und zur Parteiendemokratie. Die Deutschen sind aus historischen Gründen sehr empfänglich für wohlfahrtsstaatliche Vorsorge- und Sicherheitsversprechen. Dennoch beginnen auch sie zu begreifen, dass die damit verbundene Bevormundung unglücklich macht. Sie ahnen, dass die Unterordnung unter willkürliche CO2-Quoten und Bauvorschriften oder aufwändige Nachhaltigkeits-Zertifizierungsprozeduren das Leben keineswegs lebenswerter macht. Die meisten Menschen ziehen es letztlich wohl doch vor, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Die Reaktionen auf das von der EU ausgesprochene Glühlampenverbot oder die von der Bundesregierung in ihrem „Energiekonzept“ vom September 2010 angekündigte ordnungsrechtliche Verpflichtung zur ebenso aufwändigen wie gesundheitlich bedenklichen Wärmedämmung von Wohngebäuden wie auch gegenüber der nicht nur teuren, sondern auch nutzlosen Schweinegrippen-Impfkampagne zeigen, dass durchaus Widerstandspotential vorhanden ist.

Inzwischen kommt offenbar auch der „Climategate“-Skandal langsam im Bewusstsein der Deutschen an. Der „Weltklimarat“ IPCC hat erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Furcht vor der kulturellen und wirtschaftlichen Verarmung durch die unkontrollierte Zuwanderung bildungsferner und gewaltbereiter muslimischer Clans gewinnt, wie die überwältigend positive Aufnahme des Buches von Thilo Sarrazin zeigt, im Angsthaushalt der Deutschen zunehmend die Oberhand. (Kardinal Newman hielt übrigens auch Mohammed für einen Vorläufer des Antichrist.) Im Zusammenhang mit der Schuldenkrise und dem sich anbahnenden Auseinanderfallen der Euro-Zone kann es zu einem massiven Verlust von Vertrauen in die Staatsbürokratie kommen. Es könnte offenkundig werden, dass es bei der „Klimapolitik“ gar nicht um das „Weltklima“ geht, sondern um die Bilanzen von Großbanken und Hedgefonds, die mit dem CO2-Emissionshandel Milliarden, wenn nicht Billionen verdienen wollen.

Es besteht also die Chance, breiten Bevölkerungsschichten klar zu machen, dass NGOs wie Greenpeace, der BUND oder der WWF immer die Rolle von Einheizern und Erfüllungsgehilfen, wenn nicht nützlichen Idioten finanzkapitalistischer Drahtzieher beziehungsweise staatskapitalistischer Bürokratien spielen und die Einzelnen bevormunden, ihnen hohe Kosten aufbürden, ohne dafür positive Gegenleistungen wie Sicherheit oder Gesundheit liefern zu können. Gegen den säkularen Machbarkeitswahn der Brüsseler Bürokratie hilft nur die Besinnung auf das christliche Erbe Europas. Das fordert der ehemalige Präsident des italienischen Senats, der Philosophieprofessor Marcello Pera, in seinem 2008/2009 veröffentlichten Buch mit dem Titel „Warum wir uns Christen nennen müssen“. In diesem aufrüttelnden Essay, zu dem Papst Benedikt XVI. selbst das Vorwort schrieb, stellt Pera fest, Europa sei dabei, zur am meisten entchristlichten Region des Westens zu werden, und entferne sich dadurch von Amerika. Dort gelte noch immer die von Locke, Jefferson und Kant inspirierte Maxime, so zu leben „als ob es Gott gäbe.“ Der Versuch, zu leben, „als ob kein Gott existierte“, müsse dagegen schiefgehen, da er in totalitären Allmachtsphantasien münde. Ohne klares Bekenntnis zu seinen christlichen Wurzeln, bleibe Europa ohne Identität, erklärt Pera.

Die Menschen würden das Vegetieren in einer verkehrten Welt aber sicher bald satt haben und sich daran erinnern, dass sie weder eitle Affen noch primär lustgesteuerte Individuen sind, sondern Personen mit einem freien Willen und einem Bezug zur Transzendenz, kurz: Ebenbilder Gottes. „Der Glaube an die Wiederkunft Christi ist der Glaube daran, dass am Ende die Wahrheit richtet und die Liebe siegt, freilich nur in der Transzendierung der bisherigen Geschichte“, schrieb Professor Joseph Ratzinger im Jahre 1978. Meine Schlussfolgerung: Katholiken können sich, sofern sie an der göttlichen Vorsehung zweifeln, zwar grün ärgern. Aber sie können, ohne ihren Glauben aufzugeben, nicht zu Anhängern der grünen Bewegung werden.

Literatur:

Benedikt XVI.: Enzyklika „Caritas in veritate“

Benedikt XVI.: Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald, Freiburg 2010

Die erste globale Revolution. Ein Bericht des Rates des Club of Rome, 1991, 1996

Oberkofler, Friedrich: Der Antichrist. Der Mythos des Abschieds vom Teufel, Aachen 2009

Pera, Marcello: Warum wir uns Christen nennen müssen. Plädoyer eines Liberalen, Augsburg 2009/2010

Ratzinger, Joseph: Eschatologie – Tod und ewiges Leben, Regensburg 1978, 2007

Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth. Erster Teil, Freiburg 2007

03. Februar 2011

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