03. Februar 2011

Abdel-Samad Stimme aus Kairo

Ägyptische Demonstranten fühlen sich vom Westen verlassen

Im November 2010 wurde auf ef-online meine Besprechung des Buches „Der Untergang der islamischen Welt“, verfasst vom deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad, veröffentlicht. Man hätte nicht gedacht, dass seine Vorhersagen so schnell aktuell werden würden. Noch versinkt die arabische Welt nicht im Chaos, aber eine Prognose ist jetzt schon wahr geworden: "Wir gehen schweren Zeiten entgegen."

Abdel-Samad ist ein mutiger Mann, hatte ich in der Rezension festgestellt. Er wolle nicht nur hier in Deutschland gut leben, er wolle auch in seinem Herkunftsland etwas bewirken. Heute morgen wurde Abdel-Samad im „Deutschlandfunk“ interviewt. Er hält sich gerade in Kairo auf, im Zentrum des Geschehens, unter den Demonstranten für die Freiheit. Seine Stimme klang übermüdet, er war auch verzagt. Die mangelnde Unterstützung aus der westlichen Welt, die sonst bei jeder Gelegenheit die Demokratie preist und die Freiheit einfordert, hat ihn und seine Mitstreiter tief enttäuscht, die Gewalt der letzten Nacht, der Gegenangriff des Regimes, hat ihn schockiert. Er zitierte die billigen offiziellen Äußerungen des deutschen Außenministers Westerwelle, die jetzt, wo eine klare Ansage und Taten nötig gewesen wären, jede Glaubwürdigkeit des Westens zerstört hätten.

Noch ist keine islamistische Ausrichtung der Proteste in der arabischen Welt erkennbar. Dies wird sich ändern, wenn die gemäßigten Kräfte nicht unterstützt werden. Noch kommt es in der arabischen Welt nicht zu der von Abdel-Samad prophezeiten Apokalypse. Aber auch diese Vorhersage könnte sich erfüllen, wenn nicht jetzt und richtig gehandelt wird. Natürlich sollten es zuallererst die Araber selbst und nicht irgendwelche Stellvertreter sein, die sich die Freiheit erkämpfen, aber das Gefühl, dass die Demonstranten allein stehen und der Westen nur auf eine Ordnung setzt, die diktatorisch ist, sollte nicht noch länger genährt werden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Denn die Migrationswellen, die aus dem Chaos resultieren würden, beträfen uns, beträfen Europa.


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