07. Februar 2011

Richard von Strigl zum 120. Geburtstag Kapital und Produktion

Der Ökonom wurde am 7. Februar 1891 geboren, er starb am 11. November 1942

Runde Geburts- und Todestage verehrenswerter Damen und Herren sind immer eine gute Gelegenheit, zum hundertsten Mal zu wiederholen, was ohnehin jeder auf Wikipedia nachlesen kann. Je berühmter der Jubilar ist, desto weniger lässt sich noch etwas wirklich Interessantes über ihn sagen. Was dieses Problem betrifft, führen die Leser dieser Zeitschrift eigentlich ein sehr unterhaltsames Leben. Ihre großen Vordenker und Vorbilder nehmen im öffentlichen Leben – zumindest bisher – einen eher unbedeutenden Raum ein. Es handelt sich um Menschen, von denen man sich nicht pausenlos anhören muss, auf welch großartige Errungenschaften wir verzichten müssten, wenn sie nicht gewesen wären und durch ihren scharfen Blick die bürgerliche Gesellschaft entlarvt hätten. Aber auch unter denjenigen, auf die sich die Liberalen und Libertären berufen, gibt es solche, die im Lichte stehen, und andere, von denen man nur selten oder nie etwas hört. Zu der ersten Sorte wird man sicherlich die bekannten Autoren der Österreichischen Schule zählen dürfen, im deutschsprachigen Raum insbesondere Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Ihre exponierte Stellung hat dabei ihren guten Grund. Beide haben auf Grundlage ihrer an sich schon bemerkenswerten theoretischen Arbeiten gesellschaftspolitische Konsequenzen gezogen, die auch heute noch nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben. Es nimmt nicht wunder, dass andere, die nicht dazu gekommen sind, sich zu gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen systematisch zu äußern, dauerhaft im Schatten der beiden Großen stehen.

Einige dieser eher unbekannt gebliebenen Autoren haben auch gar nicht erst die Gelegenheit bekommen, sich in diesem Sinne unter Beweis zu stellen. Ihre wissenschaftliche Karriere stand aus unterschiedlichen Gründen von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Aufgabe einer Lobrede für solche Persönlichkeiten muss es sein, einerseits herauszustellen, was sie uns heute noch an Beachtenswertem zu sagen haben, und warum das andererseits bisher noch nicht ausreichend gewürdigt worden ist. Ein solcher Versuch soll hier für Richard von Strigl unternommen werden. Gerade im Hinblick auf die allgegenwärtige Finanzkrise muss die Bedeutung seiner Schriften betont werden.

Zunächst soll anhand seiner wichtigsten Lebensstationen veranschaulicht werden, warum sein wissenschaftliches Werk und dessen Wahrnehmung nicht dieselben Dimensionen angenommen haben, wie das beispielsweise bei Hayek oder Mises der Fall ist. Im Zuge dieser Überlegungen wird es erlaubt sein, auch ein paar Worte über seine Persönlichkeit und seine Familie zu verlieren. Strigl kam 1891 in Rokytzan (Böhmen) als Sohn des k.u.k.-Oberst Edmund und dessen Frau Emma (geb. Vilhar) zur Welt. Schon früh muss den Eltern die hohe Begabung Richards aufgefallen sein. Unter anderem war er auch ein begeisterter Klavierspieler, der über das absolute Gehör verfügte. Es wäre eigentlich vorgesehen gewesen, ihm mit Hilfe des elterlichen Vermögens ein sorgenfreies und ganz der Wissenschaft gewidmetes Leben zu ermöglichen. Wie so oft kam es aber anders. In den Wirren, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, schrumpften die Mittel der Familie derart, dass der ursprüngliche Plan aufgegeben werden musste. Außerdem erlangte Strigl, ähnlich wie Mises, niemals eine ordentliche Professur. Er muaate sich also nach seiner Promotion zum Dr. iur. im Jahre 1914 und anschließendem Kriegsdienst auf eine andere Weise über Wasser halten. Daher trat er 1920 als Sekretär in die Industriellen Bezirkskommission Wien ein, aus der später das Landesarbeitsamt Wien hervorging. Diese Behörde war vor allem für die Arbeitslosenversicherung zuständig. 1932 wurde er dort Geschäftsführer-Stellvertreter und 1936 leitender Beamter. Nach dem Anschluaa Österreichs versetzte man ihn als Gegner des Nazi-Regimes wieder auf einen unbedeutenden Posten.

Da Strigl beruflich eingespannt war, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine wissenschaftlichen Ambitionen in seine Freizeit zu verlegen. Er ist dabei eindeutig der Wiener Schule der Nationalökonomie zuzurechnen. Als junger Mann besuchte er sogar noch das berühmte Privatseminar Eugen von Böhm-Bawerks. Später war er dann auch ständiger Teilnehmer des sagenumwobenen Privatseminars von Ludwig von Mises. 1923 habilitierte er sich mit der methodologischen Schrift „Die ökonomischen Kategorien und die Organisation der Wirtschaft.“ Es folgten weitere Bücher und Aufsätze. 1928 wurde er aufgrund seiner Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Universität Wien zum außerordentlichen Professor ernannt. Ab 1931 unterrichtete er auch an der Hochschule für Welthandel in Wien. Über die Lehre war es ihm immerhin möglich, einen prägenden Einfluss auf so bekannte Ökonomen wie Friedrich von Hayek, Gottfried Haberler und Oskar Morgenstern auszuüben. 1936 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Utrecht verliehen. Da er fast als einziges Mitglied der Österreichischen Schule nicht auswanderte und außerdem unter seinen Schüler keiner war, der sich um die Fortführung seines Werkes gekümmert hätte, blieb er im englischsprachigen Raum nahezu unbekannt. Da die Österreichische Schule seit den Dreißiger Jahren aber hauptsächlich in den Vereinigten Staaten zu Hause ist, dürfte darin ein weiterer und entscheidender Grund für seinen recht niedrigen Bekanntheitsgrad liegen. Erst seitdem sein Hauptwerk im neuen Jahrtausend ins Englische übersetzt wurde, hat sich das ein wenig verbessert.

Neben den äußeren Umständen gibt es auch persönliche Gründe für den vergleichsweise geringen Umfang seines Werkes und seine weniger prominente Stellung innerhalb der Österreichischen Schule. Strigl starb bereits im Alter von 51 Jahren nach langer und schwerer Krankheit. Überhaupt hat ihm seine schwächelnde Gesundheit immer wieder zu schaffen gemacht. Schon 1939 ging es ihm nach der Rückkehr von einem Vortrag in Paris so schlecht, dass er sich einer damals sehr gefährlichen Operation am Gehirn unterziehen musste.

Es bleibt hier anzumerken, dass er trotz der widrigen Verhältnisse stets ein umgänglicher und herzenswarmer Mann geblieben ist. Zahlreiche Schüler und Kollegen bescheinigten ihm eine sehr angenehme Persönlichkeit sowie herausragende Fähigkeiten in der Lehre. Stellvertretend soll hier Josef Steindl zitiert werden, einer seiner Schüler, der nicht verdächtigt werden kann, seinem Lehrer nach dem Mund zu reden, da er sich inhaltlich von diesem schon recht früh entfernt hatte: „Aufgewachsen in der Tradition liberalen Denkens, die seine Lehrtätigkeit durchtränkte, wirkte Strigl inmitten der reaktionären Einflüsse des akademischen Lebens Österreichs äußerst anziehend auf die, welche vom vorherrschenden mystischen und hysterischen Nationalismus abgestoßen waren. Selbst diejenigen, die er nicht völlig überzeugen konnte, mussten die immense Überlegenheit der von ihm repräsentierten Tradition über die Ideologien feststellen, die momentan (1943) ‚Großdeutschland’ heimsuchen. Seine Persönlichkeit hat dabei einen wesentlichen Beitrag geleistet: menschenfreundlich und kultiviert, ein guter Pädagoge und seinen Schülern ein großartiger Freund. Er war einer jener großen Lehrer, die in der Lage sind, Werte zu vermitteln, die die Dummheiten der Gegenwart überdauern. Es gibt nur wenige unter seinen Schülern und unter den ausländischen Ökonomen, die nach Wien kamen und in seinen Kreisen verkehrten, die ihn nicht sehr lieb gewannen. Seit dem Anschluss Österreichs ist er verstummt. […] Ihm, dem in seinem ganzen beruflichen Leben so offenkundig das Talent zum Karrieristen fehlte, war der Anblick derer zuwider, die über Nacht zum neuen Dogma überliefen.“

Auch als Familienvater ist er sehr angenehm in Erinnerung geblieben. Strigl heiratete kurz nach seiner Habilitation 1923. Mit seiner Frau Maria (geb. Plehan) bekam er zwei Kinder. Seine Tochter Alice schwärmt noch heute von ihrem guten und lieben Vater. Sein Sohn Richard studierte, um seinen Vater zu ehren, neben Staatswissenschaften auch Nationalökonomie. Leider war Strigls Familie auch nach seinem Tod vom Pech verfolgt. Da er nie in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis zur Republik Österreich gestanden hatte, erhielt seine Witwe ab 1947 keine Pension mehr. Nur dem Eingreifen seines ehemaligen Kollegen Arnold Steinbach war es zu verdanken, dass sie in der Folge eine Art Gnadenpension zugesprochen bekam. Aufgrund der begrenzten Mittel war es der Familie nicht möglich, die Tochter studieren zu lassen. Sein Sohn, der als promovierter Staatswissenschaftler am Anfang einer aussichtsreichen Karriere in den Vereinten Nationen stand, starb schon im Alter von 30 Jahren an Kinderlähmung.   

Was Strigls wissenschaftliches Wirken betrifft, ragt besonders sein 1934 veröffentlichtes Buch „Kapital und Produktion“ hervor. Zwar sind auch seine weiteren drei Bücher und etliche seiner Aufsätze heute noch lesenswert. In „Kapital und Produktion“ aber hat er sein Meisterstück abgeliefert, weswegen im folgenden ausschließlich davon die Rede sein soll. Seine Lektüre kann auch heute noch jedem ans Herz gelegt werden, der sich ernsthaft mit dem Wesen der Kapitalmärkte und dem Konjunkturproblem auseinandersetzen möchte. Was Strigl in diesem Buch vollbringt, ist nichts weniger als eine allgemeinverständliche Erklärung der Prozesse, die dem Wirken der Kapitalmärkte zugrunde liegen. Damit war er 1934 schon weiter als die heutigen Volkswirte, die zum Großteil nicht in der Lage sind zu erkennen, was sich eigentlich hinter den Geldgeschäften verbirgt, die man auf diesen Märkten beobachten kann. Auch Hayeks Darstellung derselben Zusammenhänge übertrifft er bei weitem an Verständlichkeit und Systematik. Dies ist insofern erwähnenswert, als Hayek gerade dafür den Nobelpreis erhielt. Das besondere an Strigls Buch ist, dass er den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt einer Theorie stellt, von der man normalerweise annimmt, sie befasse sich nur mit unpersönlichen Transaktionen. Er erreicht das, indem er im ersten Teil seines Buches gänzlich vom Geld absieht und sich überlegt, was „Finanzieren“ in einer geldlosen Wirtschaft überhaupt bedeuten kann. Auch diese saubere Trennung zwischen den monetären Zusammenhängen und den darunterliegenden realen Phänomenen zeichnet ihn vor Hayek aus. Strigl kommt zu dem Schluss, dass eine „Finanzierung“ der gesellschaftlichen Produktionsprozesse immer nur insoweit notwendig sei, als Menschen daran beteiligt sind. Nur diese haben Bedürfnisse, deren Befriedigung die Voraussetzung dafür darstellt, dass sie sich an der Produktion beteiligen. Alles andere, was in der Produktion sonst noch eine Rolle spielen mag, also Werkzeuge, Maschinen, Fabrikgebäude usw., muss dagegen nicht finanziert werden. In gewisser Hinsicht, so könnte man seine Gedanken ausdrücken, handelt es sich ja nur um totes Material. Es mag sein, dass Arbeiter notwendig sind, um diese Dinge zu produzieren oder in Schuss zu halten, aber dann ist es eben die Alimentierung dieser Arbeiter, die finanziert werden muss, und nicht das Material selbst. Strigl übernimmt diese Gedanken teilweise von den englischen Klassikern der Volkswirtschaftslehre. Diese haben bisweilen das Wort „Lohnfonds“ benutzt, wenn sie von Kapital sprachen. Was demnach die Finanzierung jedweder Produktion voraussetzt, ist ein Fonds an „Subsistenzmitteln“, der die Versorgung der an der Produktion Beteiligten, insbesondere der Arbeiter sichert.

Strigl wendet diese Gedanken nun auch konsequent auf die Kapitalmärkte an. Auf diesen werden dementsprechend die Mittel gehandelt, die notwendig sind, um die am gesellschaftlichen Produktionsprozess beteiligten Personen mit den zum Leben notwendigen Dingen zu versorgen. Wenn der Zinssatz niedrig ist, bedeutet das, dass genügend Mittel vorhanden sind, um mehr Arbeiter in zeitintensiven Investitionsprojekten zu versorgen. Ein hoher Zinssatz dagegen deutet hin auf die Knappheit solcher Mittel. Die Versorgung der an der Produktion Beteiligten ist dann nicht auf Dauer gesichert, weswegen nicht langfristig investiert werden sollte. Vielmehr ist in dieser Situation darauf zu achten, möglichst wieder solche Dinge herzustellen, mit denen Menschen versorgt werden können, also vor allem Konsumgüter.

Auf dieser Grundlage erbaut Strigl seine eigene Fassung der sogenannten Österreichischen Konjunkturtheorie. Auch hier steht folgerichtig der Mensch und dessen Versorgung mit dem Lebensnotwendigen im Vordergrund. Wenn die Zentralbanken am Zinssatz herumspielen, senden sie nach seiner Theorie falsche Signale darüber aus, inwieweit die Versorgung der am Produktionsprozess Beteiligten gesichert ist. Durch Kreditexpansion künstlich gesenkte Zinsen erwecken den Eindruck, es stünde auf einmal eine größere Menge an Subsistenzmitteln zur Verfügung, die scheinbar eine billigere Versorgung der Arbeiter ermöglicht. Manch ein Investitionsobjekt erscheint dadurch als lohnend, von dem man bisher zurecht annahm, dass die Mittel zu knapp seien, um es durchzuführen. Eine von der Zentralbank künstlich durchgeführte Zinssenkung führt also zu einer vermehrten Investitionstätigkeit, die sich eigentlich aufgrund der begrenzten Subsistenzmittel gar nicht finanzieren lässt. Irgendwann muss sich der Mangel an Subsistenzmitteln aber natürlich bemerkbar machen. Dieses Problem äußert sich in steigenden Zinssätzen. Einige der begonnenen Projekte müssen in der Folge abgebrochen werden. Es kommt zu Arbeitslosigkeit, Kreditnot und allgemeinem Misstrauen. Die Krise bricht aus.

Es ist bekannt, dass die Österreichische Konjunkturtheorie hervorragend geeignet ist, die immer wiederkehrenden Konjunkturzyklen zu erklären. „Kapital und Produktion“ sollte zum Beispiel vor dem Hintergrund der Großen Depression der Dreißiger Jahre gelesen werden. Aber auch im Hinblick auf die allgegenwärtige Finanzkrise ist Strigls Buch sehr lehrreich. Der große Vorteil seiner Version der Theorie ist die systematische Herangehensweise und die allgemeinverständliche Darstellung seiner Ideen. Er bringt auch dem gebildeten Laien nahe, was es mit den Finanzmärkten denn „eigentlich auf sich hat“. Man sollte sich dabei nicht daran stören, dass er nicht ins Detail geht, sich also wenig um die tatsächlichen Institutionen kümmert. Auch mag seine Darstellung der monetären Zusammenhänge im zweiten Teil dem einen oder anderen Leser als zu oberflächlich erscheinen. Beides kann aber wohl dadurch gerechtfertigt werden, dass er auf diese Weise ein hohes Maß an Zugänglichkeit erreicht.

Richard von Strigl wäre heute, am 7. Februar, 120 Jahre alte geworden. Es ist ihm zu wünschen, dass die derzeitige Finanzkrise als Anlass genommen wird, sich wieder mit seinem Werk auseinanderzusetzen.

Autor

Eduard Braun, Doktorand an der Universität Angers (Frankreich) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Volkswirtschaftstheorie der Universität Passau.

Information

Das Zitat von Josef Steindl ist dem Nachruf Hayeks entnommen: The Economic Journal 54, No. 214 (Jun.-Sept. 1944), S.284-86.

Sein Schriftenverzeichnis findet sich neuerdings auf http://www.mises.de/public_home/topic/86


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