09. Februar 2011

Athanasios die Glosse Antidiskriminierung

So läuft der Hase aus dem Pfeffer

Vier Jahre, nachdem der deutsche Gesetznehmer die Antidiskriminierungsrichtlinien der EU ins Gesetz aufgenommen hatte, bemerkte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ein Aufmerksamkeitsdefizit. Also brach die ADS eine „deutschlandweite Kampagne“ vom Stacheldrahtzaun. Um endlich „eine breite Bevölkerungsschicht zu erreichen“, verhängte sie über den Nah- und Fernverkehr ein Werbeplakat. Schnellzüge blieben ebenso wenig verschont wie Untergrundbahnen, Fahrpläne so wenig wie Speisepläne. Als mein Mercedes streikte, erreichte das Gebimmel ihrer Armeseelenglocken auch mich.

Ich warte auf dem Bahnsteig und werfe einen unschuldigen Blick in den Guckkasten: „Diskriminierung muss man nicht hinnehmen. Lassen Sie sich beraten!“ Darunter die Nummer einer „Hotline“. In der unteren Hälfte des Plakats acht frühere Opfer von Diskriminierung, die nach Satisfaktion durch die ADS dem politischen Freund selbstbewusst zulächeln: eine Frau im Rollstuhl, deren Vermieter das Treppenhaus mit Rampen ausgestattet hat; ein geistig behinderter Junge, an dessen integrierter Schule Benn vom Lehrplan gestrichen worden ist; eine kopfbetuchte Muslima, die als Putzfrau für die katholische Kirche arbeiten darf; eine Asiatin, für die man einfachen Lidschatten erfunden, eine Afrikanerin, für die man einen deutschen Mann gefunden hat; eine Zigeunerin, deren Kinder fürs Musizieren in der Straßenbahn nicht mehr ungerecht entlohnt werden; ein Frühvergreisender, der jetzt auch zu Abi-Parties eingelassen wird.

Und ein deutscher Geschäftsmann, das Sakko locker um die Schulter geworfen. Ungläubig schaue ich genauer hin, schaue ihm kritisch ins Gesicht: Glatze, Bart – ein Homosexueller! So läuft der Hase aus dem Pfeffer, die ADS schärft den Blick für die großen und kleinen Unterschiede. Der wahrhaft gerechte Staat nämlich behandelt seine Bürger nicht gleich. Er unterscheidet seine Freunde von der Bahnfahrerpartei, um den Feind von der Autobahn ins linke Gleis zu bringen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Athanasios

Über Athanasios

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige