25. Februar 2011

Von Kairo nach Tripolis Der Untergang

Die arabische Führerdämmerung und das Gespenst des Volkswillens

Mein Stammcafé in Alexandria liegt an einer Seitenstraße der Uferpromenade. Von hier aus hätte man in der Antike eines der sieben Weltwunder sehen können, den großen Leuchtturm. Dessen Trümmer fanden 1480 als Baumaterial für die Festung eines Mameluken-Sultans Verwendung. Heute ist Alexandria zwar ein Vier-Millionen-Moloch, aber vom Glanz und vom Geist altägyptischer und hellenistischer Zeiten ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eine Ausnahme ist das Hinterzimmer meines von einem Kopten betriebenen Stammcafés: Clubmitglieder können sich hier an Spirituosen laben, vom süßlichen Nil-Muskateller bis hin zu einem betörenden Dattelschnaps Marke Eigenbau. Nicht nur koptische Christen verkehren hier, sondern auch so mancher Moslem, der die Sache mit dem koranischen Trinkverbot nicht allzu eng sieht, denn man gönnt sich ja sonst so gut wie nichts.

Auch in musikalischer Hinsicht sorgt der Wirt für multikulturelle Stimmung. Neben den unvermeidlichen Schnulzen von Umm Kulthum, der ägyptischen Antwort auf Zara Leander, und den schaurig schönen und hoffnungslos melancholischen Balladen der in der ganzen arabischen Welt verehrten christlich-libanesischen Sängerin Fairuz, laufen auch sehr westliche Lieder, vor allem wenn sie einen Bezug zum Land haben wie etwa „Fire in Cairo“ von The Cure oder „Walk like an Egyptian“ von den Bangles. Auch die in Ägyptens Untergrund verhältnismäßig stark vertretene Black-Metal-Szene mit Gruppen wie „Hellchasm“, „Nutr“ oder „ex oriente nox“ kommt mit ihrem rhythmischen Untergangsgegröle nicht zu kurz.

Für die Vormittage habe ich ein zweites Nebenzimmer des Cafés als Unterrichtsraum für meine Deutschstunden für junge Ägypter gemietet. Es sind dies zumeist Männer aus der unteren Mittelschicht, denen ein Kurs beim Goethe-Institut zu teuer ist. Alle möchten sie später in Deutschland studieren. Meine Schüler halten mich auf dem Laufenden darüber, was sich in Alexandria so tut und zusammenbraut. Einer von ihnen hat mir ganz freimütig erzählt, dass er anfangs gegen das Mubarak-Regime demonstrierte, dann aber für ein Taschengeld die Seiten wechselte und mit einem Pro-Mubarak-Schild auf die Straße ging. Die Frage, was denn ihn und überhaupt „die Ägypter“ auf die Palme bringe und dann auf die Straße treibe und wofür er eigentlich stehe, konnte er mir nicht beantworten. Auch die meisten anderen meiner Schüler haben nur sehr vage Vorstellungen davon, worum es eigentlich geht.

Ein besseres Leben wollen natürlich alle. Und für einen jungen ägyptischen Mann bedeutet das: ausreichend Geld zu haben, um eine Familie gründen zu können und sich nicht dafür zu Tode schuften zu müssen. Bei diesem Anspruch hat Pharao Mubarak offensichtlich versagt, so viel ist für die meisten schon mal klar. Aber welches Rezept genau mehr Wohlstand bringt – darüber herrscht keine fundierte Meinung. „Demokratie“ ist für die meisten meiner Schüler ein positiver Begriff, aber niemand kann erklären, was dieser beinhaltet. „Dann entscheidet die Mehrheit, wohin das Geld fließt“, sagt einer. „Und woher kommt das Geld?“ frage ich. „Äh, vom Staat, ja vom Staat. Der muss es gerecht verteilen.“ – „Aber der Staat muss es doch zuerst irgendjemandem abnehmen“, versuche ich einzuwenden. „Ja doch, den Reichen“, erwidert einer. Und ein anderer fügt leise hinzu: „Und den Kopten. Die haben doch alle von Mubarak profitiert.“ Sprach’s und trank einen kräftigen Schluck aus dem Gläschen mit dem koptischen Feigenschnaps.

Die meisten Ägypter, die ich etwas näher kenne, sind im Grunde genommen herzensgute und aufrichtige Menschen. Aber von ihnen kann man ebenso wenig wie vom „ägyptischen Volk“ erwarten, dass sie genau wissen, was sie wollen und was eine gute Regierung tun sollte. Genau diese Frage aber stellen westliche Medien, wenn sie darüber mutmaßen, wofür denn die Ägypter nun eigentlich demonstrieren. Wir haben es hier mit der Schimäre der „Volksmeinung“ zu tun, einem Konzept, das in Ägypten genauso wenig funktioniert wie in Deutschland. Es ist geradezu so, als ob man Schnaps, Cola, Bier, Wasser und Wein zusammenschüttet und das Ergebnis zum „Volksgetränk“ ernennen würde.

Und in Ägypten ist es noch viel schwieriger als in Deutschland, überhaupt irgendwelche Meinungsfraktionen festzumachen. Das liegt daran, dass das Allgemeinbildungsniveau in Ägypten vergleichsweise niedrig ist. Natürlich ist nicht jeder Ägypter so ein intellektuelles Kaliber wie der Archäologe und Ayn-Rand-Fan Zahi Hawass, der Chef der ägyptischen Antikenverwaltung, der stolz auf das vorislamische Erbe seines Landes ist und nicht möchte, dass die Pyramiden das Schicksal der Buddha-Statuen von Bamiyan ereilt. Doch kaum ein Prozent der Ägypter liest regelmäßig Zeitung, und wenn, dann bietet sich ihm ein Meinungsgemisch aus Regime-Lobhudeleien, Verschwörungstheorien, grotesken Geschichtsklitterungen und islamischen Interpretationen. In ägyptischen Schulbüchern sieht es übrigens nicht viel besser aus.

Das alles sind denkbar schlechte Voraussetzungen für Meinungsforschungsinstitute. Die wenigen, die sich wie das Pew Resarch Center auf Umfragen einlassen, befördern zu Tage, dass „die Ägypter“ zwar mehrheitlich die Demokratie befürworten, aber noch mehrheitlicher die Scharia wollen. Und immerhin 20 Prozent sympathisieren mit Al-Qaida und Selbstmordattentaten. Die Einführung der Demokratie würde demnach unweigerlich eine Islamisierung des Landes nach sich ziehen. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die einflussreichen und geistig wie karitativ sehr aktiven Muslimbrüder sich recht zurückhaltend gezeigt haben: Die nun von den westlichen Regierungen und von „den Ägyptern“ so heißersehnte und allerseits anvisierte Demokratie ist – Erdogan lässt grüßen – genau der Zug, der das Gespenst des Islamismus zum Ziel führen wird. Der Anteil der christlichen Minderheit in Ägypten dürfte dann auch bald auf türkisches Niveau sinken.

Seit dem Kirchenanschlag von Alexandria am Neujahrstag mit 23 Toten hat sich die Pogromstimmung gegenüber den Kopten eher noch verschärft. Erst gestern wurde wieder ein koptischer Priester in Oberägypten ermordet, und mehrere Klöster wurden angegriffen. Auch unser Caféwirt hat Angst davor, dass ihn vielleicht bald ein Gast im Vollrausch und mit schlechtem Gewissen um einen Kopf kürzer macht. Die Kopten sehen sich als Nachfahren der Urägypter, mithin als die echten Ägypter, was für viele Landsleute islamischen Glaubens eine frevlerische Anmaßung darstellt. Für diese ist es eine ausgemachte Sache, dass die Kopten die fünfte Kolonne des Westens und Israels seien – gerade Letzteres ist in Ägypten eine fürchterliche und folgenschwere Anschuldigung. Zahlreiche Demonstranten in Kairo, Tunis und Tripolis haben Plakate ihrer jeweiligen Diktatoren mit Davidsstern verziert – offenbar die schlimmste Schmähung, die man Ottoman-Normal-Muslim antun kann, so grotesk eine solche Unterstellung, etwa im Falle des erklärten Israelfeindes Gaddafi, auch anmutet.

Gestern diskutierte ich im Kreis meiner Schüler die Lage in Libyen. Ich verglich Führer Gaddafi, der sein Volk mit aller Gewalt in den Untergang mitzureißen bereit ist, um dann doch noch den Endsieg zu erringen, mit Hitler, was für arabische Verhältnisse sehr politisch inkorrekt ist: Einer meiner Schüler mit ägyptischem Einser-Abitur und acht Semestern Zahnmedizin, der eine verblüffende äußerliche Ähnlichkeit mit Goebbels aufweist, erwiderte: „Nein, nein. Das siehst du falsch. Gaddafi ist tausend mal schlimmer als Hitler. Hitler war ein guter Mann. Der hat nur die Juden getötet, aber Gaddafi tötet sein eigenes Volk.“ Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass auch ein durchschnittlicher deutscher Medizinstudent höchstwahrscheinlich kaum über profundere Kenntnisse über Nasser, Mubarak oder Gaddafi verfügt als dieser gebildete junge Ägypter über den deutschen Gröfaz.

Quellen:

Pew Reserch Center (31.01.2011): Egypt, Democracy and Islam

Kopten ohne Grenzen (deutschsprachiges Kopten-Blog)


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Björn Tscheridse

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