18. März 2011

Zeitgeist Deutschland verweichlicht und entmannt

Über fehlendes Selbstbewusstsein und deutsche Angst

Kaum etwas könnte die sagenumwobene ,,Deutsche Angst“ besser illustrieren als die jetzt wieder aufgeflammte hysterische Debatte um Atomkraft. Mit seinem Ausstiegs-Kurs aus der Atomkraft steht Deutschland weltweit ziemlich alleine da. Tatsächlich dürfte die Angst vor der Technologie in kaum einem anderen Land so ausgeprägt sein wie in den beiden Kriegsverlierer-Ländern Deutschland und Österreich. Es sind die Länder, denen man die ,,Alleinschuld“ am Zweiten Weltkrieg zusprach.

Die Neigung zu übertriebenen Ängsten ist immer ein Ausdruck eines schwachen Selbstbewusstseins. Dieses rührt in Europa von den zwei Weltkriegen her und von der daraus folgenden Befürchtung, der Fortschritt führe nicht zu einer Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, sondern die Menschheit treibe immer tiefer in den Strudel von Zerstörungswut, Mordlust und Hass hinein, besonders natürlich wegen der Deutschen. Daraus resultierte die Zivilisations- und Deutschenangst der Grünen. Besonders schwach ist das Selbstbewusstsein der Gesellschaft in Österreich und Deutschland, weil diese Länder nicht nur den Zweiten Weltkrieg durchmachen mussten, sondern auch die Demütigung der Niederlage erlebten und zudem in dieser grauenhaften Situation auch noch für den Zweiten Weltkrieg allein schuldig gesprochen wurden. Dadurch wurden sie erst Recht für das Grauen des Zweiten Weltkriegs extrem ,,sensibilisiert“, aber in einer Weise, die nur Angst und einen Mangel an Selbstvertrauen förderte.

Die Deutschen haben tatsächlich sehr viel Angst, wenn man ihre – noch – recht komfortable wirtschaftliche und politische Lage bedenkt. Sie fürchten sich vor Arbeitslosigkeit und ,,Armut“, vor Krieg, vor Atomkraft und -bomben, vor dem Klimawandel, wegen des verlorenen Weltkrieges besonders jedoch vor den ,,Neonazis“; neuerdings aber auch zunehmend vor dem Islam. Es sind sehr irrationale Ängste. Wegen dieser allgemeinen übertriebenen Angst-Mentalität wollen sie keine Kinder kriegen, denn die Kinder könnten ja arbeitslos werden oder einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen. Außerdem, was ist denn, wenn das Kind mit seinem Gekreische nervt oder die Nachbarn schlecht über die Eltern reden, weil sie finden, dass die Eltern keine perfekte Erziehung bieten? Laut einer im Februar veröffentlichten Forsa-Studie haben 63 Prozent der befragten Kinderlosen mit Kinderwunsch unter Anderem deshalb keine Kinder, weil sie ,,erst eine solide finanzielle Basis für die Gründung einer Familie mit Kind schaffen“ wollen. Das ist ein schwaches Argument, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen in der Nachkriegszeit Kinder geboren wurden – schließlich sank bereits 2006, in Zeiten des finanziellen Überflusses, die Geburtenrate auf den Stand von 1945. Und dennoch sahen nach der Studie 86 Prozent der befragten Kinderlosen mit und ohne Kinderwunsch einen Grund für die niedrige deutsche Geburtenrate darin, dass ,,finanzielle Unsicherheit oder die Sorge um den Arbeitsplatz die Entscheidung für Kinder erschwert“. Die allgemeine deutsche Angst-Mentalität ist zu einem existenziellen demographischen Problem geworden, aber es geht auf allen Bereichen kontinuierlich bergab, es tickt auch die finanzielle, gesellschaftliche und einwanderungspolitische Bombe. Nach den Zahlen des EU-Statistikamts Eurostat aus dem Juli 2010 haben die Kriegsverlierer-Nationen Deutschland und Österreich die niedrigsten Geburtenraten in der EU, womit diese beiden Kriegsverlierer neben der Angst vor der Atomkraft noch eine weitere Gemeinsamkeit haben.

Zu denken geben muss hierbei, dass das Gegenteil von Angst, nämlich Mut und stoisches Draufgängertum, eindeutig eine sehr männliche Eigenschaft ist. Deshalb fürchtet sich Deutschland auch vor allem, was männlich ist. Dieses Männliche wird, wie fast alles, wovor sich die Deutschen fürchten, als verwandt mit dem Nationalsozialistischen eingestuft, um die Angst und Abscheu noch zu verstärken. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz beschrieb es einmal so: „Nach der Entnazifizierung kommt jetzt die Entmachoisierung, die Verwandlung des Mannes in ein sorgendes Haustier. Letztlich geht es um die Ausrottung von Stolz und Ehrgeiz.“ Tatsächlich findet im Westen eine Art mentale Vertuntung der Gesellschaft statt, und das Epizentrum dieser mentalen Vertuntung ist Deutschland. Es herrscht eine linke Abscheu auf alles, was hart, stark, männlich, deutsch und rechts ist. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft der Waschlappen, die duckmäuserisch und mimosenhaft auf ihre Feinde reagiert. Kurzum: „s ist ein wehrloses, schwaches Land.

Das kann man beispielsweise daran ablesen, wie waschlappenhaft auf Jugendkriminalität oder Linksextremismus reagiert wird. Es darf kein Gut und Böse mehr geben, denn das ist ja nach der Logik der Weicheier überkommenes Männlichkeitsdenken. Stattdessen werden die Grenzen zwischen Gut und Böse immer mehr verwischt, Kriminalität und Linksextremismus werden nicht geächtet und mit aller Härte bekampft, sondern permanent verharmlost, kleingeredet oder mit Verweis auf die Kindheit des Täters und seine Leiden gerechtfertigt. Kriminelles Gesindel als das zu bezeichnen, was es ist, gilt als ,,Schwarz-Weiß-Denken“. Der ehemalige US-Präsident George Bush wurde besonders deshalb so gehasst, weil er einer der wenigen Politiker war, die überhaupt noch auszusprechen wagten, dass es Gut und Böse gibt. Und dass das Böse bekämpft werden muss.

In Deutschland dagegen bilden sich überall Räume des Linksextremismus und der jugendlichen Gewaltkriminalität, die Polizei zieht sich feige aus den rechtsfreien Räumen zurück. Und die Gesellschaft gewöhnt sich daran. Das fängt schon damit an, dass das Vermummungsverbot etwa am 1. Mai in Berlin nicht durchgesetzt wird, sondern die Polizei zuguckt, wie sich Massen von Vermummten versammeln. Man wird auch nicht konsequent kontrolliert, wenn man sich etwa mit einem Rucksack in die Zone der Randale begibt. Stattdessen werden lachhafte, sogenannte ,,Anti-Konflikt-Teams“ gebildet, die ,,grüngelbe Lätzchen“ tragen (Henryk M. Broder). Die Polizei setzt auf ,,Deeskalation“, wobei schon dieser Begriff die Verwischung des Unterschieds zwischen Gut und Böse zeigt: Suggeriert er doch, dass die Polizei, indem sie den Rechtsstaat durchsetzt, an einer ,,Eskalation“ schuld wäre.

Wegen dieser durch den anti-männlichen Affekt begründeten Verwischung zwischen Gut und Böse richtet sich die Empörung der Gutmenschen weniger stark gegen Straftäter und andere asoziale Elemente der Gesellschaft, als gegen jene, die diese Kriminellen und asozialen Elemente anprangern. Als Nicolas Sarkozy etwa noch als französischer Innenminister jugendliche Randalierer als ,,Abschaum“ und ,,Gesindel“ bezeichnete, brach absurderweise eine Kampagne gegen Sarkozy los, und nicht etwa gegen die Randalierer. So als ob Sarkozy und nicht die marodierenden Jugendlichen randaliert hätten. Es war, als ob kriminelles Gesindel ein Anrecht auf nette Behandlung hätte. Deutsche Medien diffamierten Sarkozy, indem sie unterstellten, er hätte alle Jugendlichen so betitelt. So behauptete die ,,Berliner Zeitung“ dreist, der Präsident hätte ,,französische Vorstadtjugendliche“ als ,,Gesindel“ bezeichnet. Wieder zeigt sich hier die Verwischung zwischen Gut und Böse, indem nämlich französische Vorstadtjugendliche mit randalierenden französischen Vorstadtjugendlichen nonchalent gleichgesetzt werden.

Die Verweichlichung und Heulsusenhaftigkeit der deutschen Eliten zeigt sich aber auch in einem ehemaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach einer Medienkampagne gegen ihn seinen Rücktritt kundtut und dabei meint, er befinde sich ,,am Ende meiner Kräfte“. Dieser Mann, der sich wegen des Geschreibsels von ein paar linken Feuilletonisten am Ende seiner Kräfte fühlt und daher fast zu heulen beginnt, soll nun die Führung über deutsche Generäle ausgeübt haben – das ist der Zustand von Deutschland! Guttenberg erinnert damit an den Rücktritt des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der dabei Tränen in den Augen hatte. Seinen Rücktritt begründete Köhler allen Ernstes damit, dass die Kritik, er habe einen grundgesetzwidrigen Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen befürwortet, den notwendigen Respekt vor dem höchsten Staatsamt vermissen lasse.

Es ist deshalb eigentlich fehl am Platz, von nicht-linker Seite immer wieder den Meinungsterror durch die Linken derart intensiv anzuprangern und in den Mittelpunkt zu stellen. Keine Frage, konservative und liberale Positionen werden nicht nur hierzulande sehr schnell stigmatisiert, aber solche Phänomene des Meinungs-Konformismus gibt es nicht nur im Post-DDR-Deutschland, sondern es gab sie schon immer und überall. Das eigentliche Problem in der heutigen Zeit ist, dass sich im Gegensatz zu früher nicht gegen den Konformismus gewehrt wird, sondern man sich stattdessen bereits nach der geringsten Beschimpfung zurückzieht und den Mund verbieten lässt. Schon Bismarck sah dies bei einem Erlebnis nach seinem ersten Parlamentsauftritt als das eigentliche Problem an. Er war damals im Reichstag ausgepfiffen worden, und ein älterer Verwandter gab ihm später den Rat, Bismarck habe zwar recht gehabt, aber so etwas sage man doch nicht. Bismarcks Antwort: ,,Wenn du meiner Meinung gewesen wärst, hättest du mir beistehen sollen. Nur dein Eisernes Kreuz hindert mich, dir einen verletzenden Vorwurf zu machen.“ Noch zwanzig Jahre später meinte Bismarck bei der Erinnerung an dieses Erlebnis gegenüber seinem Vertrauten Robert von Keudell: ,,Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut. Aber sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

Ob es heute an Mut auf dem Schlachtfeld nicht mangelt, vermag ich nicht zu beurteilen, aber in Bezug auf die Zivilcourage stimmt das Bismarck-Zitat noch immer. Nur weil ein paar linke Sozialwissenschaftler die eigene Meinung als ,,rechtsextrem“ oder etwas anderes einordnen, macht sich das Bürgertum politisch in die Hose. Der normale Bürger beklagt sich dann aber darüber, dass Angela Merkel und die CDU-Politiker bei linkem Gegenwind sofort einknicken würden. Doch das Duckmäusertum und die Hasenfüßigkeit sind auch an der Basis weit verbreitet. Man denke nur an eine CDU-Fraktion eines niedersächsischen Kreisverbandes, die 2009 ihren Fraktionsvorsitzenden abwählte, weil eine linke Kampagne dessen Tätigkeit für die nationalkonservative Wochenzeitung ,,Junge Freiheit“ skandalisierte. Man denke auch daran, dass in den einschlägigen ,,politisch inkorrekten“ Medien und dem dazugehörigen Kommentarbereich häufig nur unter Pseudonym geschrieben wird, denn es könnte ja berufliche Probleme geben. Man geht dabei stets vom schlimmsten Fall aus und ermuntert auch noch andere zur Unsicherheit und fragt sie, ob sie nicht lieber unter Pseudonym schreiben wollen – deutsche Angst eben.

Am Deutlichsten zeigt sich die deutsche Angst, wie sollte es anders sein, beim Umgang mit der NPD und dem Rechtsextremismus, denn man hat Angst vor einer Rückkehr des braunen Reichs – und vor sich selbst. Dass man solchen lächerlichen Witzvereinen wie der NPD nicht ihre Versammlungsfreiheit zugesteht und ihnen keine faire Medienberichterstattung und keine faire Behandlung durch die Politik zukommen lassen will, ist nicht nur ideologisch zu erklären, sondern muss Ausdruck einer ungeheuren Angst sein. Deshalb die allgemeine Verbots- und Gängelungs-Freude in diesem Bereich. Da machen sich ganze Dörfer und Städte ins Hemd, nur weil sich irgendwo 50 „Rechtsradikale“ in einer Kneipe versammeln wollen, während auf den Straßen brutale Gewalt weitgehend unbehelligt ihr Unwesen treiben darf. Wenn ein CDU-Bundestagsabgeordneter sich nicht 100-prozentig politisch korrekt über die deutsche Geschichte äußert, muss er gleich aus der Partei geschmissen werden und sein Bundestags-Mandat verlieren. Selbst bei Worten und Begriffen, die nicht als absolut konditionierend im Sinne des Antifaschismus erscheinen, zeigt man sich schon ,,entsetzt“ und wittert größte Gefahr, egal ob es um den ,,inneren Reichsparteitag“, um die ,,gleichgeschalteten“ Medien oder um ,,entartete“ Kultur geht. Vor einigen Jahren riss in Berlin gar ein junger Mann einer Hitler-Figur im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds den Kopf ab, weil er sich offenbar vor Hitler noch im Zustand einer Kerze ängstigte. Dabei sah er sich vermutlich selbst als modernen Stauffenberg! Auch die Tatsache, dass Deutschland es seinen Bürgern nicht zutraut, Adolf Hitlers Buch ,,Mein Kampf“ im Handel erwerben zu können und sich anschließend ein kritisches Urteil darüber zu bilden, sondern dass dieses Buch zensiert werden muss, zeigt, dass in Wirklichkeit nichts ,,bewältigt“ ist und bei Politik und Medien immer noch extreme Angst vor einem vierten Reich mitschwingt.

Der ehemalige SPD-Staatssekretär im Verkehrsministerium, Ulrich Kasparick, zeigte kürzlich den bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer an, weil dieser meinte, gegen eine Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wolle man sich bei der CSU ,,bis zur letzten Patrone“ wehren. Der SPD-Mann Kasparick sah sich hier an Hitlers Befehl zur Verteidigung Stalingrads ,,bis zur letzten Patrone“ erinnert, zeigte Seehofer wegen ,,Volksverhetzung“ an und überschrieb die Begründung für diese Entscheidung in seinem Blog mit den Worten: ,,Wehret den Anfängen“. Er mahnte ernsthaft: ,,Aus den Gedanken folgen die Worte, aus den Worten die Taten, aus den Taten wird unser Schicksal.“ Der Mann war Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung! Auch Karl-Theodor zu Guttenberg vergleicht er in seinem Blog immer wieder mit Hitler: ,,Die Bereitschaft solch verunsicherter Menschen, sich anzupassen, nimmt weiter zu. ‚Führer befiehl – wir folgen’. Wir kennen diesen Satz aus nicht allzu weit entfernter Vergangenheit. Wir wissen aus der zweiten Diktatur, wie groß die Bereitschaft war, den neuen Verführern zu folgen. Und wir sehen nun, wie groß die Bereitschaft vieler ist, sogar erwiesenen Hochstaplern weiter zu folgen.“ Eine weitere Kostprobe dieser Fundgrube für Historiker, die sich einmal mit dem deutschen Massenwahn des ,Schuldkults beschäftigen wollen: ,,Aus der Schweiz kommen besorgte Stimmen. Da werden Vergleiche angestellt zwischen dem Erstarken der Nazis mit Hitler und dem Rückhalt in der Bevölkerung, den zu Guttenberg hat. Beides ‚verkrachte Intellektuelle’, der eine als ‚Weltkriegsgefreiter’ verhöhnt, der andere als ‚Betrüger’ entlarvt – und doch folgen ihnen die Massen. Beide geübt im Verdrehen der Argumente: Schuld hat nicht der Täter, sondern der Ankläger. Beide geübt im Umgang mit den Medien. Denn: da gibt es mächtige Zeitungen und da gibt es Leute mit Geld, die sie stützen. Man kauft sich das Volk. Man kauft ‚Fans’. Und erzeugt so mediale Aufmerksamkeit. Wir wissen aus den Anfängen der Naziherrschaft, dass die Verquickung von Medien, Geld und Beziehungen maßgeblich war für den Aufstieg des Verführers. Die Deutschen haben ‚an ihn geglaubt’. Wörtlich kann man in diesen Tagen Ähnliches über die deutsche Bevölkerung und zu Guttenberg lesen.“ Wow!

Über die Begleitung Guttenbergs nach Afghanistan durch seine Frau schrieb Kasparick: ,,Die Frau des Ministers begründet ihre Teilnahme an der Reise: sie wolle ‚als Gattin und Mutter zu Weihnachten bei den Soldaten’ sein. Ich werde aufmerksam. Diese Klänge kenne ich. Von Goebbels.“

Ausdruck von Verweichlichung, Dekadenz und Angst ist auch die durch linke Sozialwissenschaftler nunmehr gesellschaftlich und politisch zum allgemeinen Konsens gewordene These, wer Hartz IV beziehe, lebe in ,,Armut“. Von ,,menschenunwürdigen“ Niedriglöhnen in Deutschland wird zudem häufig gesprochen. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsinstituts DIW, die im letzten Jahr öffentlich wurde, sollen in Deutschland angeblich mehr als elf Millionen Deutsche unter der Armutsschwelle leben. Es handelt sich jedoch tatsächlich natürlich allenfalls um geistige, moralische und mentale Armut.

Mehr Menschlichkeit bringt diese Verweichlichung und Entmannung der Gesellschaft nicht, im Gegenteil, die tatsächlichen Unmenschlichkeiten werden dadurch verdeckt. Die Gewinner von Verweichlichung und der Diskreditierung von allem Harten und Männlichen sind zudem die tatsächlichen Machos und gewaltaffinen Klientels. Weil man ja immer schön ,,deeskalieren“ und ,,die Hand reichen“ will, agieren Kriminelle und Extremisten immer dreister und unbekümmerter, die Opfer werden im Stich gelassen und verhöhnt. In den Schulen gucken viele Lehrer bei Gewalttaten feige weg oder schieben dem Opfer die Schuld in die Schuhe, um sich mit den Tätern gutzustellen. Es deutet sich zudem bereits an, dass diese Waschlappen-Mentalität bei einem Teil der Gesellschaft ins Gegenteil umschlägt und es nun zu einem tatsächlichen Kult um übersteigerte Männlichkeit und Grobheit kommt. Bei zahlreichen Hip-Hop-Texten kann man das ,,bewundern“. Während erst die Feministen den Männern vorschreiben wollten, dass ein Mann gefälligst einfühlsam und kommunikativ zu sein und das Haus zu hüten hat, treten nun die Neo-Feminismus-Machos auf, die wiederum allen Männern die Männlichkeit absprechen, welche nicht verprollt und asozial sind. Es gilt, hier nicht von einem Extrem ins Andere zu schwenken, sondern sich mit deutlichen Worten gegen die dreisten Anmaßungen von beiden Seiten zu wehren.

Neben dem verbreiteten Irrglauben, diese Verweichlichung führe doch zu mehr Menschlichkeit, besteht ein weiterer darin, diese Verweichlichung sei doch nur liberal, oder, aus der Perspektive der Kritiker, der Liberalismus sei an ihr schuld. Das Gegenteil ist der Fall. Das schwache Selbstbewusstsein und das ständige Eingeredet-bekommen, dass bereits eine Existenz als Hartz-IV-Empfänger ,,Armut“ darstellt, und dass Niedriglöhne in Deutschland ,,menschenunwürdig“ seien etc., führt dazu, dass der Einzelne sich nicht mehr zutraut, die Probleme selbst zu lösen. Die einzige Rettung naht in seinen Augen dann durch den alle und alles umsorgenden, totalen Sozialstaat. Dieser soll Luxus-Renten und komfortables Leben fürs Nichtstun garantieren, allen Kindern ,,Chancengleichheit“ in der Bildung bieten und die armen Studenten mit kostenlosem Studium auf Steuerzahlerkosten alimentieren; er soll ferner selbst für die durch Fress-Wahn und unvernünftigem Alkoholkonsum selbst verschuldeten Krankheiten von beleibten Leuten aufkommen und uns durch Verbote vor den Nazis, Islamisten und Glühbürnen schützen. Und vor der Atomkraft. 

Um aus dieser Situation herauszukommen, sind neben einer marktwirtschaftlichen Kehrtwende vor allem auch andere Inhalte in deutschen Leerplänen und eine weniger pessimistische Schulpädagogik erforderlich. Ich erinnere mich gut, wie mir von meinen Lehrern in einer im Nachhinein völlig absurden Weise ständig Angst vor dem Atomkrieg, dem Klimawandel oder der Arbeitslosigkeit eingetrichtert wurde. Gudrun Pausewangs Atom-Horror-Buch ,,Die Wolke“ mussten ja bekanntlich ganze Schüler-Generationen in Deutschland lesen. Am Ende meiner Schulzeit war ich überzeugt davon, dass ich in einem Alter von 30 oder 40 Jahren ohnehin tot sein werde – wegen dem Klimawandel. Dazu kommt natürlich die viel zu intensive Beschäftigung mit der Zeit von 1933 bis 1945. Diese Beschäftigung bringt kaum Erkenntnisse, dafür aber ständig beklemmende Stimmung im Klassenraum, die die Schüler nur ,,runter zieht“. Die tatsächlichen demographischen, finanziellen und gesellschaftlichen Gefahren für Deutschland werden durch solche Untergangsphantasien und ewigen erkenntnislosen Bewältigungen verdrängt. Ach ja, übrigens: Das zweite von Gudrun Pausewang intensiv behandelte Thema war der Nationalsozialismus.


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