25. März 2011

Katastrophenverstärkungspolitik Japanische Notenbank druckt Rekordgeldmengen

Warum dies nicht im Interesse der Japaner sein kann

Die japanische Notenbank druckte im Zuge der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan spontan die Rekordsumme von umgerechnet mehreren hundert Milliarden Euro. Damit erzeugte die japanische Notenbank so viel neues Geld, wie noch nie an einem Tag in der Geschichte Japans. Offiziellen Erklärungen zufolge soll diese Maßnahme verhindern, dass der japanische Yen zu stark aufwerte. Ein durch die Notenbankpolitik abgewerteter Yen solle wiederum verhindern, dass die Exporte abnehmen. Generell soll angeblich durch die in der Geschichte Japans einmalige Aktion der Notenbank die durch Erdbeben und Tsunami zerstörte Wirtschaft in Japan durch zusätzliches Geld in Rekordhöhe wieder „angekurbelt“ werden.

Tatsächlich erreicht die japanische Notenbank damit das Gegenteil. Warum sie dennoch so handelt, ist ein Rätsel. Da fast sämtliche „Experten“ die Politik der japanischen Notenbank mit poetischen Worten wie „absolut notwendig“, „umsichtig“, „besonnen“ oder „sensibel“ beschreiben und man kaum mehr über die Hintergründe und Wirkung dieser Politik erfährt, tut es Not, hier eine logische Gegendarstellung zu präsentieren.

Warum der Yen im Zuge der Krise in Japan aufwertet

Wie ist die Aufwertung des Yen gegenüber anderen Währungen in Verbindung mit einer Katastrophe, die Häuser, Fabriken und Infrastruktur zerstörte und viele tausend Menschenleben kostete, zu verstehen? Die Antwort ist, dass in Japan nun dringend Investitionen notwendig sind, um die zerstörten realen Kapitalgüter dort wieder aufzubauen. Verglichen mit anderen Investitionsmöglichkeiten auf der Welt sind jetzt Investitionen in Japan besonders dringlich und deswegen auch lukrativer als an anderen Orten der Welt. Durch die Zerstörung vieler Kapitalgüter sank die Produktivität in Japan, was dazu führt, dass sich das Versorgungsangebot in Japan verschlechtert, produzierte Güter knapper werden und deswegen auch im Preis steigen. Diese gestiegenen Preise für die Endprodukte vor Ort, gerade in durch die Katastrophe besonders hart betroffenen Wirtschaftszweigen, sind das Signal an Investoren, in diesen Bereichen in Japan zu investieren. Die viel erwähnten Versicherungsgelder, die aus dem Ausland abgezogen werden, um Investitionen in Japan zu tätigen, sind nur ein Teil dieses Effekts und nicht seine Ursache.

Durch Investitionen in Japan können Unternehmer die Produktivität wieder erhöhen, dadurch vor Ort günstiger produzieren und so bei noch hohen Preisen für die Endprodukte einmalig einen Pioniergewinn für die Wiederaufbauarbeit in Japan verdienen. Wenn durch diese möglichen Pioniergewinne einmal genügend Investitionen angelockt wurden, führt der Wettbewerb dazu, dass die Kostensenkungen durch die wiederhergestellte Produktivität der japanischen Wirtschaft an die Kunden weitergegeben werden müssen, sodass wieder eine normale Versorgungslage zu normalen Preisen ähnlich wie vor der Katastrophe herrschen würde und das normale Leben wieder seinen Gang nähme. Dies gilt auch für Güter, die das Ausland aus Japan bezieht, etwa für Zulieferprodukte für die Elektroindustrie. Insgesamt wäre so durch freie Preise, die zugleich Signale an die Investoren senden, der schnellstmögliche Wiederaufbau, begonnen mit den dringlichsten Investitionen, gesichert.

Um in Japan zu investieren, wird der Yen als Zahlungsmittel benötigt. Da die Nachfrage nach Investitionsprojekten in Japan auf Grund der oben beschriebenen Mechanismen durch die Katastrophe dort gestiegen ist, steigt also gleichzeitig die Nachfrage nach Yen. Investitionsobjekte im Ausland werden beispielsweise gegen Dollar oder Euro verkauft. Die Verkaufserlöse müssen nun in Yen umgetauscht werden, um in Japan investieren zu können. Dadurch steigt das Angebot an Dollar oder Euro, die gegen Yen eingetauscht werden sollen, während die Nachfrage nach Yen steigt. Folglich steigt auch der Preis in Dollar oder Euro, der für einen Yen zu zahlen ist: Der Yen „wertet auf“.

Für die Japaner würde dies eine erhöhte Kaufkraft ihrer Ersparnisse in Yen bedeuten. Gerade Importe, die wegen der zerstörten japanischen Wirtschaft nun dringend notwendig wären, könnten sich so für die Japaner verbilligen. Durch die aus Sicht der Japaner verbilligten Importe könnten mehr Rohstoffe und Kapitalgüter, die für den Wiederaufbau dringend notwendig wären, bezogen werden.

Ein zerstörtes Land braucht Importe, nicht Exporte

Genau dies wird aber durch die Geldpolitik der japanischen Notenbank verhindert, die einfach so viel Geld in den japanischen Markt pumpt, bis die natürliche, förderliche und gesunde Aufwertung des Yen wieder rückgängig gemacht wird. So werden die jetzt dringend benötigten Ersparnisse der Japaner wieder entwertet. Offiziell sollen so unter anderem die Exporte stabilisiert werden, damit japanische Produkte im Ausland künstlich verbilligt werden. Es ist jedoch absurd, die Exporte eines zerstörten Landes ankurbeln zu wollen. Aufgrund der in einem solchen Land fehlenden Investitionen sind eher weniger Exporte als Importe notwendig und normal, um wie oben beschrieben Kapitalimporte und somit Investitionen in Japan zu generieren. Auf lange Sicht stiege dann durch die Kapitalimporte die Produktivität, was dann die Wettbewerbsfähigkeit Japans wieder voll herstellen und so auch die Exportfähigkeit im Sinne einer gesunden Arbeitsteilung stärken würde. Dies wird durch die Abwertungspolitik der japanischen Notenbank jedoch verhindert.

Eine schwache Binnenwährung fördert den Export zudem nur zum Schein. Sofort werden damit wie bereits erwähnt auch die Importe teurer und die Aktion der Abwertung hat per Saldo nichts gebracht. Dass Japan von einer schwächeren Währung profitieren würde, ist Irrtum oder Lüge. Ich zitiere hierzu folgendes aus meinem Artikel zur Euro-Lüge: „Es ist sogar so, dass Unternehmen ihre Kapitalien durch die Produktion für den Export übermäßig abnutzen, wenn der Export künstlich durch eine schwache Währung angeregt wird. Langfristig steigen die Instandhaltungskosten durch die mit der Abwertung verbundenen Inflation, sowie die Kosten für den Bezug der Rohwaren und der Vorprodukte. Dann kommt man bei einer sich entwertenden Währung am Ende darauf, dass man unter realem Wert exportiert und so Verluste gemacht hat. Man hat zu Preisen verkauft, die weniger eingebracht haben, als man später Kosten für die Instandhaltung der Maschinen und Wiederauffüllung der Lager bezahlen muss.“

Dieses Verlustgeschäft dem japanischen Volk auch noch nach einer nationalen Katastrophe aufzubürden ist eine Ungeheuerlichkeit. Schließlich handelt es sich dabei um einen Ausverkauf, eine Vernichtung japanischen Kapitals, obwohl das Land ohnehin schon durch die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe stark angegriffen ist. Gleichzeitig werden durch die Abwertung der japanischen Währung für den Wiederaufbau dringend benötigte Importe verteuert.

Bank of Japan erschwert jetzt durch Inflation das Leben der Japaner zusätzlich

Baron Keynes, Fürstreiter des Geld- und Produktionsgütersozialismus durch die Kreditgeldpolitik der Zentralbanken und Begründer heutiger Geldpolitik, ging bei einer Ausweitung der Geldmenge richtigerweise davon aus, dass diese keine Preissteigerungen bewirke, sofern eine Unterauslastung der Produktionskapazitäten vorläge oder sich gleichzeitig die Kassenhaltung in Barmitteln (Geldnachfrage) der Menschen erhöhe. Nicht ausgelastete Produktionskapazitäten als Massenerscheinung sind schon für sich genommen eine willkürliche Annahme, da sie im Widerspruch zu jedem wirtschaftlichen Interesse, jedes Unternehmers und Menschen überhaupt stehen. Für das zerstörte Japan ist einer angenommene „Unterauslastung“ jedoch geradezu pervers. Ihre Kassenhaltung erhöhen die Japaner jetzt auch nicht. Im Gegenteil benötigen sie ihre Geldersparnisse jetzt dringender denn je, um sie für die notwendige Versorgung und den Wiederaufbau auszugeben. Es wird sogar von Hamsterkäufen berichtet. Damit ist klar, dass auf jeden Fall die Preise durch die Politik der Japanischen Notenbank steigen werden. Dadurch wird das Leben der katastrophengeschüttelten Japaner zusätzlich zu der durch die Zerstörungen verschlechterten Versorgungslage weiter verteuert und erschwert.

Auch das Argument, dass die Aktienmärkte in Japan durch die Geldpolitik gestützt werden müssten, ist unhaltbar. Es ist völlig normal, dass Aktien von Unternehmen, die durch die Katastrophe in Japan negativ getroffen wurden, im Wert fallen. Kapital wird aus zerstörten Unternehmen abgezogen, um es in aussichtsreichere Projekte zu investieren. Auch diese gesunde Anpassung wird durch die Geldpolitik der japanischen Notenbank verhindert. Dass die japanische Notenbank auch noch Anleihen solcher zerstörten Unternehmen aufkauft, ist im gleichen Sinne kontraproduktiv. Aus allen Blickwinkeln betrachtet kann man darum in der aktuellen Geldpolitik der japanischen Notenbank nur eine Katastrophenverstärkungspolitik erkennen. Warum und mit welchem Interesse die japanische Notenbank so handelt, ist ein Rätsel.

Weiterführende Artikel und Quellen:

„FOCUS“: Japanische Notenbank pumpt Milliarden in die Wirtschaft

„Die Euro-Lüge“: Warum eine schwache Währung Exporte nicht wirklich „ankurbelt“

„WirtschaftsWoche“: Japans Schatten und die Inflationsgefahr


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Ralph Bärligea

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