Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Individuelle Zuversicht statt kollektiver Angst: Die Unbesiegbarkeit des Menschen

von Gérard Bökenkamp

Handeln in einer unvollkommenen Welt

In der Regel blickt der öffentliche Diskurs aus der Vogelperspektive auf die Welt. Menschen werden in Schubladen gepackt und nach Standardlösungen für die Gesellschaft gesucht. Wir haben alle unsere Meinungen und positiven und negativen Vorurteile über diese oder jene Gruppe von Menschen und lauter gute Ratschläge, die in politische Maßnahmen umgesetzt werden sollen. In diesem Diskurs entstehen abstrakte Konstrukte, Pseudowelten, für die am grünen Tisch nach Lösungen gesucht werden. In der Realität gibt es diese Welten so nicht: Viele der Gruppen, die wir als Objekt unserer Unterstützung oder Ablehnung identifizieren, sind rein statistische Größen. Aber es gibt nicht die Gesellschaft, sondern immer nur einzelne Menschen, die sich in einer Welt wiederfinden, von der sie immer nur einen Teilausschnitt wahrnehmen und die sie nur begrenzt durchschauen und kontrollieren können. Für diese individuellen Herausforderungen sind die Verordnungen, Vorgaben und Hinweise, die von oben nach unten weitergereicht werden, in der Regel wenig hilfreich, und große Anstrengungen werden unternommen, um diese zu umgehen.

Die Vogelperspektive der Soziologen, Ökonomen und Politiker und die gesamtgesellschaftlichen Maßstäbe sind reine Abstraktionen mit dem Ziel, statistische Größen zu verändern. Im Zentrum der Welt steht aber nicht eine objektive gesellschaftliche Größe, nicht die Statistik, sondern das Subjekt, ein denkendes, fühlendes und handelndes Individuum, das diese Größen erst in seiner Vorstellung erzeugt. Das Erleben des Einzelnen ist die erste und einzige uns jeweils zugängliche Realität. Das Individuum befindet sich immer in einer konkreten und einmaligen Situation, die so wie sie ist nicht mehr wiederkehren wird. Schon kurze Zeit später wurde diese Konstellation von einer anderen abgelöst, die wiederum von einer anderen abgelöst wird, und so weiter. Das Individuum wirkt durch sein Handeln auf die Konstellation ein, aber es ist auch enormen natürlichen und historischen Bewegungen ausgesetzt, die es selbst und allein nicht beeinflussen kann.

Diese Konstellation besteht aus der Welt der Physik und der Welt der sozialen Interaktion. Die Welt aus Zeit, Raum, Materie und Kausalität kann man mitgestalten, aber letztlich kann man sie nicht beherrschen. Ein heruntergestürztes Dach, ein Feuer im Wald, eine zusammenbrechende Brücke – jedes dieser Ereignisse kann von einem Moment zum nächsten das Leben drastisch verändern. Ebenso wenig lässt sich die soziale Welt kontrollieren. Der Wille und das Handeln unserer Mitmenschen entziehen sich sehr weitgehend unserem Einfluss. Ein übermüdeter LKW-Fahrer, ein gelangweilter Ehepartner, ein unzuverlässiger Mitarbeiter, ein fanatisierter Gläubiger – jeder kann durch sein Handeln und seinen Willen unser Leben in kurzer Zeit drastisch verändern, ohne dass wir uns in jeder Hinsicht davor schützen könnten. Der moderne Wohlfahrts- und Interventionsstaat schöpfte seine Autorität aus der Fiktion, dieser gewaltige Organisationsapparat könne den Faktor Unsicherheit aus dem Leben tilgen. Das ist aber nicht möglich. Unsicherheit ist ein integraler Bestandteil der menschlichen Existenz.

Lebensplanung, Routine, eingespielte Handlungskreisläufe, Institutionen, ein allgemeiner Konsens über wahr und unwahr vermitteln den Eindruck einer Sicherheit, die garantieren soll, dass der Tag morgen nicht viel anders sein wird als der Tag heute, dass der Wochentakt sich alle sieben Tage wiederholt, dass man in Urlaub fliegt wie jedes Jahr und auf die Zeit der Ausbildung die Phase der Familiengründung, des Berufsleben und schließlich die der Rente und Pension folgt. Die gesamte Weltgeschichte ist jedoch Beleg dafür, dass Sicherheit in der Regel nur die Illusion von Sicherheit ist. Goldene Zeitalter wurden durch Zeiten schwerer Wirrnisse und Krisen abgelöst. Es sind die großen Wellen, die über den Menschen kommen und zwar im wortwörtlichen und im metaphorischen Sinne. So wenig der Einzelne Erdbeben und Tsunamis aufzuhalten vermag, ebenso wenig vermag er große historische Wellen aufzuhalten. Die Erschütterungen der Gegenwart gehen oft auf Entscheidungen zurück, die getroffen wurden lange bevor diejenigen, die die Auswirkungen zu spüren bekommen, überhaupt geboren wurden. Martin Heidegger beschrieb das Dasein richtig als ein „Geworfensein“. Mit unserer Geburt fangen wir nicht bei null an, sondern treten in eine fertige Welt voller Vor- und Nachteile.

Wenigstens so wichtig, wie die Fähigkeit des Menschen zu planen, ist deshalb seine Fähigkeit zu improvisieren. So perfekt geplant, so vollkommen einstudiert und so fehlerfrei ein Ablauf auch wirkt: alle Menschen improvisieren fast immer. So sehr wir meinen, unser Leben zu planen, so sehr entpuppt sich der individuelle Lebenslauf in der Rückschau als eine Kette spontaner Reaktionen auf unvorhergesehene Ereignisse. Oft ist es nicht der Verstand, der in Zeiten plötzlicher Veränderung schlicht über zu wenig Informationen verfügt, um eindeutige Schlussfolgerungen ziehen zu können, sondern der Instinkt, der den Menschen mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Gefahrenzone trägt. Müsste der Mensch erst alle vorhandenen Theorien miteinander vergleichen, ihre empirische Basis untersuchen und würde dann auf Basis der zusammengetragenen Informationen zu einer Entscheidung kommen, dann wäre es für das Handeln oft schon zu spät.

Selbst wenn man ein ganzes Team von Leuten damit beschäftigte, relevante Informationen zusammenzutragen und auszuwerten, so bleibt am Ende immer ein großer Anteil Unsicherheit bestehen. Die Fähigkeit zu improvisieren heißt, mit einem Minimum an Zeit und Informationen Entscheidungen zu treffen, die Nerven zu behalten, die Mittel einzusetzen, die man hat, und nicht die, die man gerne hätte. In einer idealen Welt unter idealen Bedingungen mit idealen Menschen ideale Ziele zu erreichen, ist keine Kunst. In einer unvollkommenen Welt mit unvollkommenen Menschen und unzureichenden Mitteln so viel wie möglich zu erreichen, braucht echte Brillanz. Ein Mensch mag einen noch so hohen IQ besitzen, wenn es ihm an Instinkt und Intuition mangelt, ist er für eine große Zahl wichtiger Aufgaben, die mit Entscheidungen verbunden sind, ungeeignet.

Jeder Mensch ist ein Kapitän auf einem Schiff, ausgesetzt den Unbill des Meeres, der Stürme und dem Verschleiß des Materials, aber im besten Fall ausgerüstet mit einem Kompass, einem starken Willen und seiner Erfahrung mit Menschen und Gewässern. Eine weitere entscheidende Fähigkeit des Menschen ist seine Fähigkeit sich anzupassen. Er ist eines der wenigen Lebewesen, das im Eis der Arktis ebenso überlebt hat wie in der Unwirtlichkeit von Sandwüsten, auf Inseln ebenso wie auf dem festen Land. Der Mensch ist kein Mängelwesen wie der Soziologe Arnold Gehlen meinte, sondern eine Überlebensmaschine. Gerade in Extremsituationen, in denen die tradierten Institutionen versagen, ist der Mensch in der Lage, Widerstände zu überwinden, die die Betreffenden selbst in ruhigeren Zeiten für unüberwindlich gehalten hätten. Dies umso mehr, wenn er aus psychologischen Kraftquellen schöpfen kann, die ihm selbst in einer trüben Gegenwart den Blick in eine verheißungsvollere Zukunft weisen.

Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, das obliegt nicht einem objektiven Urteil, sondern ist eine Frage des Lebensgefühls. Bücher, die wir lesen, Weltbilder, die wir entwickeln, Menschen, die wir uns zum Vorbild nehmen, die Einstellung von Freunden beeinflussen unsere Lebenseinstellung und unser Tun. Aus der Netzwerkforschung weiß man, dass sich Depression und Zuversicht über Kontakte, Familie, Freunde und Bekannte ausbreiten. Depressive, lebensfeindliche Weltbilder können sich durch die sozialen Adern verbreiten wie Viren, sie infizieren das Denken mit einer Stimmung von Trübsinn und Hoffnungslosigkeit. So war es in den achtziger Jahren mit der Nullbock-Generation und dem Slogan „No Future“. In unserer Kultur hat sich eine permanente Herrschaft der Angst, der Missgunst und des Pessimismus eingeschlichen. Oft ist kollektive Angst vor möglichen Katastrophen für den Einzelnen wie für eine große Zahl von Menschen verhängnisvoller als die Katastrophe selbst im Falle ihres Eintretens. Denn es ist die innere Einstellung, die die Wahrscheinlichkeit umreißt, solche Herausforderungen zu meistern oder an ihren zu scheitern. Lebensfreude und Zuversicht sind die Quellen der Inspiration. Angst macht einen Menschen nicht groß, sie macht ihn klein. Kollektive Angst ist der große Gegenspieler der individuellen Zuversicht.

Dabei ist die Angst vor Kollektivphänomenen für das eigene Leben in der Regel unbegründet, denn das meiste von dem, was uns als Folge großer historischer Ereignisse passieren kann, ist nicht schlimmer als das, was uns auch unter ganz normalen Umständen geschehen kann. Ob wir bei einem Zugunglück umkommen, das durch menschliches Versagen verursacht wurde oder durch einen terroristischen Anschlag macht für das Ergebnis – nämlich dass wir vom Leben zum Tode kommen – keinen großen Unterschied. Ob man durch eine Ohnmacht in der heimischen Badewanne ertrinkt oder infolge des Anstiegs des Meeresspiegels, macht für das Individuum im Ergebnis auch keinen Unterschied. Historische Umbrüche, Katastrophen und andere kollektive Erscheinungen können die Wahrscheinlichkeit persönlicher Schicksalsschläge erhöhen. Für unsere subjektive Wahrnehmung ist es jedoch nicht schlimmer, von einem Unglück mit großer als von einem mit kleiner Wahrscheinlichkeit getroffen zu werden. Ganz im Gegenteil ist das Missgeschick, das wir mit anderen teilen, oft leichter zu ertragen, als das Unglück, das nur uns allein ereilt. Als Individuen müssen wir also die politisch bedingten Bedrohungen nicht unbedingt mehr fürchten als die „normalen“ Schicksalsschläge auch.

Der stoische Umgang mit dem Schicksal ist das Gegenteil zur Hysterie. Es kommt darauf an, die Nerven zu behalten, wenn andere sie verlieren. Es kommt darauf an, seinen Humor zu behalten, wo andere in Depressionen verfallen. Die Zuversicht ist die Kraft, die den Menschen aufrecht erhält und nicht straucheln lässt, ihn voranbringt und die richtige Gelegenheit ergreifen lässt, die in einem kurzen Moment inmitten des Chaos an einem vorüberzieht. Scheitern ist keine Schande, sondern ein natürlicher Teil des Lebens. Die Kunst besteht nicht darin, nicht zu scheitern und nicht zu versagen, sondern darin, nach jedem Scheitern und jedem Versagen wieder aufzustehen und einen neuen Anlauf zu wagen. Verlieren ist eine Frage der Definition.

Wer den Glauben an sich selbst nicht verliert, und sich dabei nicht vom Urteil anderer abhängig macht, kann gar nicht verlieren. Verlieren kann man nur anhand eines Maßstabs, den anderen für einen setzen, wenn man ihn nicht selbst setzt. Wir Menschen können keine Wunder verbringen, wir können die Welt nicht ändern, nicht jede Katastrophe verhindern, und uns bleibt nichts anderes übrig, als vielen Zwängen nachzugeben, aber wir können uns das Ziel setzen, unsere innere Autonomie niemals preiszugeben und uns selbst nicht aufzugeben. Ernest Hemingway brachte diese Lebenseinstellung mit dem Satz auf den Punkt, der Mensch könne zwar vernichtet, aber nicht besiegt werden.

04. April 2011

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