05. April 2011

Japan Möglicherweise 120.000 Tsunami-Opfer

Versuch einer systematischen Einordnung der Naturkatastrophe

Am 11. März 2011 ereignete sich mit einer Stärke von 9,0 auf der Richterskala das stärkste jemals in Japan registrierte Erdbeben. Bislang wurden offiziell (Stand: 5. April 2011) 12.259 Todesopfer sowie 15315 Vermisste gemeldet, was einer Opferzahl von bislang 27.574 entsprechen würde. Die offizielle Todesopferzahl bezieht sich auf die Zahl der geborgenen und identifizierten Toten, und als „vermisst“ gelten in Japan Menschen, für die ein Angehöriger Vermisstenanzeige gestellt hat.

Aufgrund der erdbebensicheren Bauweise forderte das Starkbeben selbst kaum Opfer. Der fünf bis dreißig Minuten später eintreffende Tsunami jedoch mit einer Höhe von bis zu 20 Metern (nach anderen Angaben sogar bis zu 37 Metern) flutete einen (kartographisch begradigt, also ohne Berücksichtigung von Inseln und kleinen Buchten) über 1000 Kilometer langen Küstenstreifen. In dem etwa 800 Kilometer langen Küstenabschnitt zwischen den Städten Kuji im Norden und Iwaki im Süden wurden sämtliche Städte und Ortschaften mit einer Rate von 50 bis 100 Prozent zerstört. Von den etwa eine Million Einwohnern dieses schwer getroffenen Küstenstreifens sind nach einer von mir zusammengestellten Statistik mindestens 710.000 Menschen direkt betroffen: Sie sind entweder obdachlos oder ums Leben gekommen.

Die Informationen und Nachrichten sowie das verfügbare Bild- und Videomaterial zu den einzelnen betroffenen Städten ist bruchstückhaft. Aufgrund der vorhandenen Mosaiksteine lässt sich aber eine Statistik über den menschlichen Gesamtschaden des Tsunamis erstellen. Eine solche Aufstellung ist bislang weder in japanischen, noch in anderen Medien versucht worden. Soweit mir bekannt, ist die von mir erstellte Statistik - siehe Excel-Tabelle im Anhang - der erste Versuch, auf systematische Weise die Gesamtzahl der Opfer des Tsunamis zu ermitteln.

Wie Presseberichten, Satellitenbildern und Amateurvideoaufnahmen zu entnehmen ist, sind vier Städte zu fast 100 Prozent zerstört worden: Rikuzentakata, Minamisanriku, Otsuchi und Onagawa. Von diesen vier Städten wird berichtet, dass die Hälfte oder mehr ihrer Einwohner vermisst werden. Wir können also von einer Todesrate von etwa 50 Prozent ausgehen. Die hohe Zahl der Toten hängt mit vielen Faktoren zusammen: Es wurde unmittelbar nach dem Erdbeben nur vor einem Tsunami einer Höhe von vier bis sechs Metern gewarnt. Das lag daran, dass auch für das Erdbeben in den ersten Meldungen nur eine weitaus geringere Stärke von 7,9 gemeldet worden war. Viele betroffene Städte verfügten über bis zu 8 Meter hohe Tsunami-Schutzmauern, und innerhalb der Städte gab es Tsunami-Schutzräume in Gebäuden mit drei oder vier Stockwerken. Den Menschen konnten also in den Minuten nach dem Erdbeben die dramatischen Ausmaße der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe nicht schnell genug bewusst werden.

Die tatsächlich erreichten Pegel von bis zu 20 Metern waren weder vorhergesagt worden, noch waren sie optisch vorauszuahnen: Es gab zumeist, vor allem in den Buchten, keine einzelne Riesenwelle, sondern der Wasserstand stieg in mehreren Kleinwellen auf immer größere Höhen. Als beispielsweise das Wasser die Tsunami-Schutzmauer der Stadt Kesennuma überspülte, war nicht abzusehen, dass der Höchstpegel noch mehrere Meter darüber liegen würde. Daher machten sich viele Menschen buchstäblich erst in letzter Minute daran, in höher gelegene Gebiete zu flüchten. Logistisch ist es jedoch nicht zu bewerkstelligen, binnen weniger Minuten ganze Städte mit mehreren zehntausend Einwohnern zu evakuieren. In einigen Städten wie in Minamisoma gibt es nicht einmal unmittelbar angrenzende höhere Gebiete, in die man geschwind hätte fliehen können. Wen der Tsunami einmal erfasst hat, ist so gut wie verloren. Nicht nur aus dem Wasser selbst gibt es kein Entkommen, sondern auch die mitgerissenen Gegenstände wie Autos, Schiffe, Gebäudetrümmer und selbst ganze Häuser wirken wie tödliche Geschosse. Berichte von Überlebenden sind entsprechend absolut rar.

Ironischerweise wurde auch die erdbebensichere Bauweise den Bewohnern zum Verhängnis: Die Häuser sind, um Schwankungen abzufedern, nicht sehr solide grundiert, und wurden daher von den Wassermassen schnell aus der Verankerung gerissen. Und Gebäude mit mehr als fünf Stockwerken, die als Tsunami-Bunker hätten dienen können, werden in japanischen Kleinstädten so gut wie gar nicht gebaut. Es ist also plausibel, dass bei einem Zerstörungsgrad von 95 bis 100 Prozent mindestens die Hälfte der Bevölkerung den Tsunami nicht überlebte.

Aber auch bei einem geringeren Zerstörungsgrad dürften immer noch eine beträchtliche Zahl von Menschen ums Leben gekommen sein. Die zu 50 Prozent zerstörte Stadt Ishinomaki etwa mit 164.000 Einwohnern meldet 2300 Tote und 2600 Vermisste, was einer Opferquote von 3 Prozent entspricht. Aus anderen Städten, die zu 80 Prozent verwüstet wurden, wie etwa Miyako und Kesennuma werden um die 12 Prozent Tote und Vermisste gemeldet. Wir können daher davon ausgehen, dass auch bei zahlreichen anderen Städten, für die keine oder nur bruchstückhafte Betroffenenzahlen vorliegen, die Zahl der Opfer vergleichbar hoch ist. Bei einem Zerstörungsgrad von 50 Prozent kann von einer Todesrate von 3 Prozent ausgegangen werden. Bei höheren Zerstörungsgraden sehen die ermittelten Relationen wie folgt aus: 65 Prozent : 6 Prozent, 80 Prozent : 12 Prozent, 90 Prozent : 25 Prozent, 95 Prozent : 50 Prozent. Die fast exponentiell ansteigende Mortalitätsrate bei zunehmendem Zerstörungsgrad ist plausibel: Je weniger unzerstörte Zufluchtsorte eine Stadt aufweist, desto geringer ist die Überlebenschance für den Rest der Bevölkerung.

In meiner Statistik habe ich sämtliche 28 Küstenstädte mit einem Zerstörungsgrad von mindestens 50 Prozent aufgeführt und sie den fünf Zerstörungsgradkategorien von 50, 65, 80, 90 und 95 zugeordnet, wobei ich bei den Schätzungen eher konservativ vorgegangen bin, dass heißt im Zweifel stets die jeweils niedrigere Zerstörungskategorie gewählt habe. Aufgrund der bislang vorliegenden Daten über Tote und Vermisste in Bezug auf einzelne Städte konnte ich auf diese Weise eine Schätzung für jene Städte ermitteln, für die es bislang keine oder nur unzureichende Zahlen gibt. In der Aufstellung fehlen sowohl Städte mit einem geringeren Zerstörungsgrad als 50 Prozent (wie etwa die zu etwa 10 Prozent zerstörte Stadt Hachinohe, aus der ebenfalls Todesopfer gemeldet wurden) als auch Küstendörfer, von denen allerdings die meisten wiederum in eine der aufgestellten Städte eingemeindet sein dürften.

Auf der Basis dieser Hochrechnung ergibt sich eine Gesamtopferzahl von 120.000. Diese Zahl ist somit vier mal höher als die offiziell gemeldete Summe von Toten und Vermissten. Vermutlich wird es Jahre dauern, bis eine offizielle Gesamtbilanz vorliegt. Auch nach dem Erdbeben von Kobe 1995 hatte es zehn Jahre gedauert, bis die Endbilanz von 6.434 Toten feststand. Aus den Tsunami-Folgen ergeben sich aber ungleich schwierigere Bedingungen: Da ganze Städte und Stadtteile und damit ganze Familien und Haushalte (darunter aufgrund der Altersstruktur Japans eine große Zahl von Rentnerhaushalten) ausgelöscht wurden, wird es in einem Großteil der Fälle auch keine Vermisstenanzeige geben. Und ein großer Teil der Toten wird nicht aufgefunden, geschweige denn identifiziert werden können.

Die so ermittelte Gesamtopferzahl deckt sich übrigens mit einer einfachen Vergleichsrechnung: Offiziell hat der Tsunami 590.000 Menschen obdachlos gemacht, die nun in Notunterkünften verharren müssen. Wenn man die ermittelte Zahl von etwa 710.000 Betroffenen (Einwohnerzahl abzüglich anteilsmäßig unzerstörter Flächen der betroffenen Städte) mit diesen 590.000 Obdachlosen subtrahiert, bleiben 120.000 Menschen übrig, die demzufolge als vermisst oder tot gelten müssen. Es ist zu befürchten, das Vermisste, die drei Wochen nach dem Beben noch nicht wieder aufgetaucht sind, allesamt zu den Opfern gezählt werden müssen.

Bleibt die Frage, warum die Dimension dieser Katastrophe bislang nicht einmal von den japanischen Medien aufgearbeitet wurde. Hier lassen sich nur Vermutungen anstellen: Japan steht unter einer Schockstarre, und man möchte nicht wahrhaben, dass eine derart fortschrittliche Industrienation Opfer einer Katastrophe wurde, deren Todeszahlen man allenfalls in Ländern wie Indonesien oder Haiti vermutet, auch wenn das letzte große Beben in Tokio im Jahre 1923 ebenfalls 140.000 Todesopfer gefordert hatte.

Zudem werden die Folgen des Tsunamis medial überlagert von einer drohenden Atomkatastrophe in Fukushima. Außerdem ist auch die japanische Presse wie auch die gesamte Wirtschaft, so auch das Versicherungswesen, korporatistisch strukturiert, das heißt stark mit staatlichen Institutionen verflochten und somit direkt bis indirekt auch staatlicher Kontrolle unterworfen. Der geschätzte Gesamtschaden des Tohoku-Erdbebens von 300 Milliarden US-Dollar dürfte viel zu tief gegriffen sein, auch wenn diese Zahl bereits der größte jemals ermittelte Katastrophenschaden der Menschheitsgeschichte bedeuten würde. Das Gesamtausmaß der Verluste an Menschen und Material dürfte die japanische Versicherungsbranche vollends ruinieren und weltweit verheerende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Es gibt also ein gewaltiges Interesse daran, mit entsprechenden Zahlen äußerst zurückhaltend umzugehen. Da kommt möglicherweise die Fokussierung der weltweiten Medien auf die Havarie in Fukushima nicht ganz ungelegen.

Anhang:

Excel-Tabelle: Aufstellung der betroffenen japanischen Küstenstädte mit vermuteten Opferzahlen


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Naomi Braun-Ferenczi

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