13. April 2011

Athanasios die Glosse Frei Weiwei!

Die Kunst chinesischer Aufklärung

Vay vay vay, lautet die Wehklage der Türken. Ay vay vay heißt so viel wie „Ach, der Mond!“ Das in ganz Anatolien beliebte „au weia“ wird zur Zeit in China im großen Stil kopiert, wenn auch klandestin. Womöglich war solche Produktpiraterie im Spiel, als die Behörden den Performance-Künstler Au Weiwei wegen Wirtschaftsdelikten in einer Mondnacht verschleppten, wie deutsche Kunstfreunde böswillig unterstellen. Ich habe eine andere Vermutung: Die Verbotene Stadt wollte es nicht länger hinnehmen, für westliche Exhibitionen den Stinkefinger gezeigt zu bekommen.

Das Tiananmen-Tor tat sich auf, um den Provokateur zu verschlucken, ihn eingehen zu lassen in den himmlischen Frieden des alten Kaiserpalastes. Dort putzt er (der das Olympiastadion 2001 als riesige Kloschüssel entwarf) nun Toiletten wie sein Vater, nachdem er von Mao als Dichter verstoßen worden war. Schade ist das allemal. Nix wird’s, heieiei, mit Weiweis Plan eines Dokumentarfilms über Kriminelle im deutschen Rechtsstaat. Darüber hinaus entgeht den Besuchern der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ im frisch eingeweihten Nationalmuseum in Peking sein Schmerbauch mit der Devise „Fuck“ unter spärlichem Brusthaar, gardiniert mit der Uniform westlicher Hochtiefkultur, dem Jeans-Hemd. Was sonst könnte sie auf einer Ausstellung unter diesem Motto erwarten — lauter weiße Wände?

„Die Aufklärung ist ein Begriff der Philosophie, der Literatur, aber nicht der Kunst.“ Diesen denkwürdigen Satz hat die Kunstkritikerin Petra Kipphoff in der „NZZ“ verlauten lassen. Und schon philosophisch-literarisch handelt es sich dabei um einen eher trostlosen Begriff. Die chinesische Exekutive hat ihm einen neuen, Aktions-künstlerischen Sinn gegeben: Sie hat Ai Weiwei, als sich dieser nach Taiwan deinstallieren wollte, einfach verschwinden lassen. Ganz ohne Guillotinen. Protestieren wir, auf dass sie ihn nach Schließung der Pekinger Ausstellung wieder entlasse: Frei Weiwei!


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