13. April 2011

Ostdeutsche Blätter Weg vom Regionalismus

Anmerkungen zur „Vertriebenenpresse“

Für Wilhelm von Gottberg, den kommissarischen Chefredakteur der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ (PAZ), ist die Sache klar: Die „PAZ“ gehört nicht zur „Vertriebenenpresse“. In der Tat hat aus dem Kreis der Vertriebenenzeitungen es nur das ehemalige „Ostpreußenblatt“ zu einer „richtigen Wochenzeitung“ geschafft. Von 1950 bis 2003 trug das in Hamburg erscheinende offizielle Organ der Landsmannschaft Ostpreußen den Namen „Ostpreußenblatt“. Seit Anfang 2010 kann man die Zeitung an etwa 1.000 Verkaufsstellen im ganzen Land erwerben. „Die ‚Junge Freiheit’ spricht eher das rechtsintellektuelle Milieu an, während die PAZ ein breiteres Spektrum abdecken will, von der Mitte bis nach rechts. Die „PAZ“ ist patriotisch, aber weniger national ausgerichtet und richtet sich an ein wertkonservatives und klassisch-liberales Publikum“, so von Gottberg. Christliche Werte seien dabei ebenso Leitschnur wie die preußischen Tugenden.

Wie gut dieser neue Kurs der „PAZ“ bei den Lesern ankommt, lässt sich nur schwer ermessen. Über genaue Verkaufszahlen schweigt man sich aus. Man munkelt von rund 50.000 Lesern. Mehr als die Hälfte der Abonnenten hat laut von Gottberg keinen Vertriebenen-Hintergrund. Der Großteil der Zeitung beschäftigt sich mit der „großen“ Politik im In- und Ausland. Für eine weiterhin starke Bindung an „alte“ Leserkreise sprechen allerdings die Rubriken „Preußen/Berlin“ sowie insbesondere die Sparten „Das Ostpreußenblatt“ und „Ostpreußische Familie/Aus den Heimatregionen“. Viele Leser schätzen die spitze Feder des langjährigen Redakteurs Hans Heckel. Darüber hinaus ist es der „PAZ“ gelungen, bekannte Autoren wie Jean-Paul Picaper, Klaus Rainer Röhl, George Turner und andere für sich zu gewinnen.

Um zu überleben, will sich die „PAZ“ nicht darauf festlegen lassen, „nur“ ein Vertriebenenorgan zu sein. Sie legt Wert auf einen modernen Internetauftritt. Seit neuestem ist die Redaktion unter dem Motto „Klartext für Deutschland“ auch bei Facebook vertreten. Man wolle ohne Polemik, aber mit klarem Standpunkt die Themen aufgreifen, an die sich die meisten anderen Medien kaum mehr herantrauten, so die Eigenwerbung. In der Tat gibt es neben „JF“ und „PAZ“ keine konservative Wochen- oder Sonntagszeitung mehr in Deutschland, wenn man einmal vom Spezifikum der katholisch-konservativen Tagespost absieht. Branchenkenner weisen jedoch darauf hin, dass die „PAZ“, die zur Zeit einen neuen Chefredakteur sucht, endlich Kontinuität an der Spitze braucht.

Und wie steht es um die eigentliche Vertriebenenpresse? „Nach1945 hatte fast jeder kleine Heimatverein seine eigene Zeitung. Mit zunehmendem Alter starben sie dahin und übrig blieben ‚Das Ostpreußenblatt’, die ‚Pommernzeitung’ und ‚Der Schlesier’. Das ‚Ostpreußenblatt’ gibt es nur noch als Beilage in der ‚Preußischen Allgemeinen’, die ‚Pommernzeitung’ nur noch am Rande und ‚Der Schlesier’ ist in den Verlag ‚Lesen und Schenken’ in Kiel übergegangen“, so Herbert Jeschioro, Vorsitzender des Zentralrats der vertriebenen Deutschen e.V., gegenüber dieser Zeitung.

Der Begriff „Überreste" der Vertriebenenpresse stimme nur in Bezug auf ihre politische Bedeutung, betont Verleger Dietmar Munier, der die Wochenzeitung „Der Schlesier“ vor kurzem übernommen hat. Von der Zahl der Blätter her und den Gesamtauflagen handele es sich immer noch um ein erhebliches Volumen.

Für sein Organ sieht er durchaus Zukunftsperspektiven. „Wenn man rein auf schlesischen Regionalismus abstellt, wird das natürlich nichts mehr. Aber Menschen, die an Ost- und Deutschlandpolitik interessiert sind, gibt es in ausreichender Zahl. Wenn man sich da thematisch öffnet, sein Gesicht und sein Thementableau umgestaltet – erreicht man unzählige Leser auch aus den anderen Vertreibungsgebieten und Patrioten aus ganz Deutschland. An unserer Zeitung schätzen die Leser den klaren politischen Kurs, deshalb sind viele Ostpreußen, Pommern und Sudetendeutsche schon lange als Leser zum ‚Schlesier’ übergelaufen, weil die einseitige Verbindung ihrer eigenen Heimatzeitungen zu den Parteien CDU und CSU ihnen missfällt“, behauptet Munier. Genau diese parteipolitische Einengung habe die Vertriebenen in ihre jetzige Situation manövriert, in der sie es sich nicht mehr erlauben könnten, ihre Positionen offensiv zu vertreten. Mit dem „Schlesier", der seit Anfang April auch wieder bundesweit im Bahnhofsbuchhandel und im Zeitschriftenhandel vertreten sei, hätten „heimatvertriebene und heimatverbliebene Patrioten“ (Munier) wieder eine kraftvolle Stimme.


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