Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

Michael Manns „Die Geschichte der Macht“: Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Geflechte

von Gérard Bökenkamp

Organisation und Logistik als Motor der Geschichte

02. Mai 2011

Das dreibändige Werk „Geschichte der Macht“ des Soziologen Michael Mann, dessen letzter Teilband ziemlich genau vor einem Jahrzehnt erschienen ist, ist ein Opus Magnum der historischen Soziologie, und es gibt gute Gründe es zu studieren. Der Autor wählte einen innovativen Ansatz. Er bedient sich der Erkenntnisse der Militärhistoriker über die historische Entwicklung der logistischen Versorgung von Armeen und verwendet sie für die Analyse zentraler sozialer Phänomene. Nicht was Menschen tun wollten, sich wünschten oder was sie behaupteten getan zu haben, ist seine leitende Fragestellung, sondern warum sie das, was sie getan haben, überhaupt tun konnten.

Sein Ansatz verklärt nicht die gesellschaftliche Macht, sondern erklärt sie aus der Fähigkeit sie auszuüben. Es geht in dem Buch darum, wie sich Herrschaftssysteme und Staaten finanzieren, wie Kirchen und Religionsgemeinschaften Gläubige durch eine ideologische Infrastruktur an sich binden, mit welcher Geschwindigkeit man Truppen bewegen konnte und welche Auswirkung das hatte, welche Informationen Verwaltungen überhaupt verarbeiten können, welche Kommunikationsgeschwindigkeit und Wege technisch überhaupt möglich waren und wie sich aus diesen Einflüssen der Gang der Geschichte erklären lässt. Im Zuge dessen löste er sich von zentralen Dogmen der soziologischen Theorie.

Margaret Thatcher wird der Satz zugeschrieben, so etwas wie eine Gesellschaft gebe es nicht, sondern nur Individuen und ihre Familien. Mann, dem eine besondere Nähe zu der früheren Premierministerin wohl kaum unterstellt werden kann, kommt auf dem Weg der historischen Soziologie theoretisch und empirisch zu einer ebenso weitgehenden Kritik am Gesellschaftsbegriff wie die frühere Premierministerin. Die Vorstellung einer „Gesellschaft“ als abgrenzbarer, einheitlicher Größe sei im 19. und 20. Jahrhundert entstanden und habe unreflektiert das damals vorherrschende Modell des Nationalstaates mit einem anderen Etikett versehen und zum Ausgangspunkt der Sozialtheorie gemacht. Es lohnt sich Manns Kritik an dieser Stelle ausführlich zu zitieren:

„Gesellschaften sind nicht einheitlich. Sie sind keine sozialen Systeme (ob geschlossen oder offen); und sie sind keine Gesamtheiten. Eine in einem geographischen oder sozialen Raum völlig für sich stehende, nach außen hin abgeschlossene Gesellschaft wird sich nicht finden lassen. Und weil es kein System, keine Gesamtheit gibt, kann es auch keine ‚Subsysteme’, ‚Dimensionen’ oder ‚Ebenen’ einer solchen Gesamtheit geben. Weil es kein Ganzes gibt, können soziale Beziehungen nicht ‚letzten Endes’ oder in ‚letzter Instanz’ auf irgendeine systemische Eigenart, ein Merkmal dieses nicht existenten Ganzen reduziert werden. Weil es eine sich begrenzende Gesamtheit nicht gibt, werden die Einzelnen in ihrem Verhalten nicht von der ‚Sozialstruktur als Ganzer’ bestimmt; zwischen ‚sozialem Handeln’ und ‚sozialer Struktur’ zu unterscheiden, macht deshalb wenig Sinn.“

Frei nach Thatcher und Mann könnte man es so auf den Punkt bringen: So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur sich überlagernde Machtgeflechte. Macht ist bei Michael Mann keine psychologische oder metaphysische Größe wie bei Friedrich Nietzsche, Alfred Adler oder Norbert Elias, sondern eine Analyse der Umsetzungsfähigkeit individueller Zielvorstellungen. Die Ziele des Menschen sind mannigfaltig, Mann interessiert sich für die Mittel, mit denen diese Ziele mit oder gegen andere im Laufe der Geschichte erreicht wurden:

„Meine zentralen Fragen betreffen Organisation, Kontrolle, Logistik und Kommunikation, d. h. die Fähigkeit und Möglichkeit, Menschen, Materialien und Territorien zu organisieren und zu kontrollieren bzw. zu beherrschen, sowie die Entstehung und Fähigkeit im Lauf der Geschichte.“

Den Ansatz, die historischen Epochen von den Anfängen der Zivilisation bis zum Ersten Weltkrieg anhand der Entwicklung ihrer logistischen Grundlagen zu analysieren, nennt Mann das IEMP-Modell. Benannt nach den Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe für Ideologie, Ökonomie, Militär und Politik. Es handelt sich bei diesen vier „Quellen der Macht“ nicht um abgrenzbare „Systeme“, sondern um Netzwerke, oder – wie Mann es ausdrückt – um logistische „Geflechte“, die sich überlagern und gegenseitig beeinflussen, aber sich auch teilweise unabhängig von einander ausbilden.

„Die Machtquellen sind nicht wie Billardkugeln, die, wenn sie rollen, so lange ihrer Bahn folgen, bis ihr Zusammenprall ihrer Bewegung eine neue Richtung gibt. Sie ‚verschlingen sich’ vielmehr bei ihrem Aufeinandertreffen ineinander, mit dem Resultat, dass sich nicht nur ihr äußerer Verlauf, sondern auch ihre innere Gestalt ändern.“

Jede dieser Größen hat ihre eigenen, spezifischen Eigenschaften, für die er verschiedene Begriffspaare kreiert. So kann Macht entweder extensiv oder intensiv sein oder autoritativ oder diffus. Extensive Macht ist die Fähigkeit, weite Räume zu überbrücken, intensive Macht bedeutet hingegen, kleine oder große Gruppen und Territorien engmaschig zu durchdringen. Autoritative Macht beruht auf Befehl und Gehorsam und einer festgelegten Struktur, wohingegen diffuse Macht spontan, unwillkürlich und dezentral wirkt. Der Markt ist nach seiner Definition also extensiv und diffus. Das heißt er integriert weite Räume, überschreitet Grenzen und beruht dabei auf spontanen Übereinkommen, die sich schnell ändern können. Das genaue Gegenteil ist hingegen eine Armee. Die Macht ist dort autoritativ und intensiv. Das heißt eine klar abgrenzbare Gruppe wird mit klaren Hierarchien geführt. Ein militärisches Großreich wie das Römische Reich ist hingegen extensiv und autoritativ, das heißt es überwölbt mit Hilfe von Zwangsgewalt weite Räume. Ein spontaner Protest oder eine spontane Arbeitsniederlegung wäre hingegen nach dieser Definition intensiv, weil auf einen kleinen Raum beschränkt, aber diffus, weil nicht zentral kontrolliert.

Bei seiner Betrachtung gelingen ihm pointierte Charakterisierungen der verschiedenen Formen der Machtausübung: „Militärische Macht ist sozialräumlich zweidimensional: Um einen konzentrierten Kern, in dem offener Zwang ausgeübt werden kann, legt sich ein ausgedehnter Halbschatten, in dem eingeschüchterte Bevölkerungen zwar brav ihre Willfährigkeit bekunden, in ihrem Verhalten aber dennoch nicht umfassend und wirksam kontrolliert werden können.“ Ökonomische Macht sei hingegen „diffus und nicht zentral kontrollierbar.“ Ideologische Macht habe eine transzendentale und eine immanente Ausprägung – sie verstärkt die Moral einer bestimmten Gruppe, aber sie vermag auch die Angehörigen verschiedener Gruppen über Grenzen hinweg durch eine Glaubensüberzeugung miteinander zu verbinden. Nationalismus und Nationalreligionen gehören zum ersten, die universalen Religionen wie das Christentum zum zweiten Bereich der ideologischen Macht. Politische Macht definiert sich durch die Verwaltung eines Territoriums mit dem innewohnenden Drang zur Zentralisierung nach innen und einheitlicher Vertretung nach außen.

Mann kann erklären, warum Revolutionen so selten vorkommen und ohne Unterstützung von Teilen der herrschenden Elite von innen oder von Mächten von außen keine Chance haben, wie man jetzt zum Beispiel wieder in Libyen beobachten kann. Dies liegt daran, dass die zentrale Zwangsgewalt dem diffusen und dezentral organisierten Protest fast immer logistisch überlegen ist. Deshalb konnten Minderheiten so erfolgreich Mehrheiten beherrschen: „Die Massen halten still, weil es ihnen an kollektiver Organisation fehlt, derer sie bedürfen, um sich anders verhalten zu können, sie halten still, weil sie in kollektive und distributive Machtorganisationen eingebunden sind, die von anderen kontrolliert und beherrscht werden. Sie sind organisationell umstellt und umzingelt.“ Wie aus dieser Formulierung deutlich wird, neigt der Autor nicht zur Romantisierung und Legitimierung politischer Macht, sondern zur Rückführung auf den harten, unsentimentalen Kern politischer Herrschaft.

„Organisation“ ist dann auch das Schlüsselwort in Manns historischer Betrachtung. Im ersten Band untersucht er die Anfänge der Zivilisation bis zur Griechischen Antike, im zweiten Band die Entwicklung vom Römischen Reich bis zur Industrialisierung und im dritten Band die Entstehung des modernen Staates. Der absolutistische Herrscher besaß in der Theorie geradezu eine Allmacht über seine Untertanen. In der Realität bestand der „Staat“ bis ins 18. Jahrhundert hinein lediglich aus dem Hof und der Armee. Darüber hinaus besaßen diese Militärmonarchien einfach zu wenig Informationen, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Über drei Jahrtausende hinweg war die Macht der Zentralgewalt dadurch beschränkt, dass sich keine Armee länger als drei Tage fortbewegen konnte, ohne neuen Proviant aufnehmen zu müssen. „Wenn eine routinemäßige militärische Kontrolle entlang einer Marschroute von mehr als 90 km Länge logistisch nicht möglich ist (was für einen großen Teil der Geschichte gilt), dann kann die Herrschaft über eine größere Region in der Praxis nicht zentralisiert und der Alltag der Bevölkerung nicht bestimmend beeinflusst werden.“ Infrastrukturell besitzt selbst jedes demokratische System daher heute ein potenziertes Maß von Einfluss auf das Leben des Einzelnen als selbst der grimmigste Despot im 17 Jahrhundert. Das Römische Reich oder das Chinesische Kaiserreich wie auch der europäische Absolutismus waren zwar mit beträchtlicher despotischer, aber eben nur mit geringer infrastruktureller Macht ausgestattet: „Sie konnten brüllen: ‚Schlag ihm den Kopf ab!’ und der Gemeinte, war er in Reichweite, wurde tatsächlich geköpft – doch es waren nur wenige in Reichweite.“

In Band drei stellt er fest, dass „die Staaten des achtzehnten Jahrhunderts im Verlauf der von ihnen geführten Kriege ihre fiskalischen und personellen Forderungen dadurch enorm erhöhen konnten, dass sie ihre Untertanen in einen Käfig sperrten, in den Käfig ihres nationalen Hoheitsgebiets, dass sie damit zugleich aber auch politisierten.“ Das neue an dieser Organisationsform des modernen Staates war, dass er zum ersten Mal nach und nach das soziale Leben durchdringen konnte mit dem Ziel, es zu vereinheitlichen. Der von ihm verwendete Begriff „Sozialkäfig“ beschreibt treffend das Gebilde, das durch die administrative und politische Durchdringung der Territorialstaaten entstanden ist. Während des Totalitarismus des 20. Jahrhundert mussten viele Verfolgte die Erfahrung machen, was es bedeutete, in diesem Sozialkäfig eingeschlossen zu sein. Der dritte Band fällt aber insgesamt gegenüber den ersten zwei Bänden ab, weil er nicht frei ist von den in der Sozialgeschichtsschreibung vorherrschenden Klischeevorstellungen vom Kapitalismus. Bemerkenswert ist allerdings die Einsicht, dass es internationale Klassen niemals gegeben hat, sondern dass Klassen und Nationalstaat zwei kaum zu trennende Faktoren sind und mit der Schwächung des Nationalstaats auch der Bedeutungsverlust von Klassenorganisationen einhergeht. Ebenso die Erkenntnis, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen eben nicht Folge des Einflusses des „Kapitalismus“ waren, dessen grenzübergreifenden und dezentralen Charakter er zu Recht betont, sondern der „Geopolitik“ kleiner abgeschlossener Staatseliten.

Es gibt Bücher, die sind belanglos, es gibt sogar Bücher, deren intensive Aneignung dümmer macht, aber die Lektüre der „Geschichte der Macht“ macht – trotz einiger augenfälliger Defizite im Verständnis wirtschaftlicher Prozesse –klüger. Aus verschiedenen Gründen: Die tief in der Debatte und im Denken verankerte Vorstellungen einer einheitlichen Gesellschaft, die wie ein Popanz zur Erklärung aller Probleme und Legitimierung staatlichen Handelns herangezogen wird, wird aufgelöst durch die durch das Studium der welthistorischen Entwicklung untermauerte Erkenntnis, dass es so etwas wie ein einheitliches Gesellschaftsganzes niemals gab. Menschen agieren miteinander, nebeneinander und gegeneinander, ihre Gemeinsamkeiten reichen von kontinuierlich bis sporadisch, sie nähern sich an und stoßen sich ab, aber sie sind nicht Teil eines großen Ganzen. Statt den Blick durch blutleere Abstraktionen zu verstellen, gewinnt man Einsicht in die spezifische logistische und technologische Basis, die Handeln überhaupt erste ermöglichte. Wenn man Worthülsen vernimmt, fragt man sich, geschult durch die Lektüre, wie soll das „konkret“ aussehen. Welche Infrastruktur ist nötig, welche Transportwege, welche Machtinteressen überlappen sich, welche Bündnisse führen welche Ressourcen zusammen, was ergibt sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Netzwerke – welche Machtentfaltung erlaubt welche organisatorische Basis usw. Das ist in einer Zeit, in der in der öffentlichen Debatte ins Blaue hinein und ohne jede Bindung an das Machbare Forderungen formuliert werden, ein sehr nützliches Denkmodell.


Informationen:

Michael Mann: Biographie
http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Mann_%28Soziologe%29

Michael Mann: Geschichte der Macht. Von den Anfängen bis zur Griechischen Antike, Franfurt a. M. 1994.

Michael Mann: Geschichte der Macht. Vom Römischen Reich bis zum Vorabend der Industrialisierung, Frankfurt a. M. 1994

Michael Mann: Geschichte der Macht. Die Entstehung von Klassen und Nationalstaaten, Teil I, Frankfurt a. M. 1998.

Michael Mann: Geschichte der Macht. Die Entstehung von Klassen und Nationalstaaten, Teil 2, Frankfurt a. M. 2001.

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige