05. Mai 2011

Buchbesprechung „Kurze Geschichte der konservativen Intelligenz nach 1945“

Die Konservativen haben den Test auf ihre Politikfähigkeit nicht bestanden

Mit diesem Buch betritt der rechte Historiker Karlheinz Weißmann Neuland, denn es gibt keine ernstzunehmende und vor allem aus fairer Sympathie geschriebene Überblicksdarstellung der konservativen Intelligenz nach 1945. Schon allein aus diesem Grund nimmt man den schmalen Band des Göttinger Gymnasiallehrers und Publizisten Weißmann mit Wohlwollen und Interesse zur Hand. Sein Buch bildet den Auftakt der neuen Reihe „Berliner Schriften zur Ideologienkunde“ des Instituts für Staatspolitik. Nach Lektüre dieses gelungenen Auftakts ist man auf weitere Veröffentlichungen dieser Reihe gespannt.

Bereits im Winter 2010/2011 hatte der Autor in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ eine Artikelserie zu diesem Thema veröffentlicht. Er hat den Umfang für die Buchpublikation erheblich erweitert. Besonders aufschlussreich ist seine kommentierte Bibliographie, die zum Weiterlesen anregt. Doch bei aller Freude über die Neuerscheinung ist auch Wehmut angebracht. Denn die Sarrazin-Debatte des vergangenen Sommers hat das versprengte Häuflein der Konservativen nicht genutzt, um ernsthaft Politik zu betreiben. Der Mantel der Geschichte wurde nicht ergriffen. Zwar verstehen viele CDU-Anhänger den Kurs ihrer Partei schon lange nicht mehr. „Mutti Merkel“ hat es aufgegeben, abrupte Positionswechsel zum Beispiel bei der Frage der Wehrpflicht oder in der Energiepolitik zu erläutern. Es wird einfach gehandelt – meistens hektisch, kurzatmig und falsch. Der pure Machterhalt ist zum Selbstzweck verkommen. Die Nachwelt beziehungsweise die Zeit nach Ablauf der aktuellen Wahlperiode interessiert nicht. Man kann ja genauso gut auch wieder mit den Sozialdemokraten oder mit den Grünen weiterregieren, vielleicht auch demnächst mit der Linken, doch wahrscheinlich nie mit einer demokratischen Rechten. Zumindest einen Sonderparteitag wären diese völlig überraschenden „Weichenstellungen“ der schwarz-gelben Regierung wert gewesen. Doch die vielzitierten Mitglieder wurden vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht gefragt. Und der Heiland, der eine neue konservative Partei mit wirtschaftsliberalem Profil anführen soll – so die Projektion mancher Wunschträumer – arbeitet lieber weiterhin in einer renommierten Anwaltskanzlei und „rettet“ irgendwelche maroden Landesbanken, die sich die Roten unter tätiger Beihilfe der Opposition in NRW zur Beute gemacht hatten.

Gleich in seiner Einleitung formuliert Weißmann eine Art Anforderungskatalog an die Konservativen, die den Test auf ihre Politikfähigkeit anlässlich der Sarrazin-Diskussion nicht bestanden haben. Grenzgänger und Auch-Konservative sollen sich erklären, eine konservative müsse auch eine politische Bewegung sein, die Lagersolidarität müsse von Hinz bis Mosebach, von Sloterdijk bis Weißmann, von Thaler bis Jäger reichen, so der Autor. Als nüchterner Realist kann man bereits jetzt (defätistisch?) vorhersagen, dass es zu dieser Solidarität nicht kommen wird. Denn Konservative in Deutschland sind vor allem eins, nämlich uneins.

Doch man soll ja die Hoffnung bekanntlich nie aufgeben, auch nicht als Konservativer, der sich die Dinge und die Lage nicht schönredet. Weißmann schreibt sachkundig und engagiert über konservative Denker wie die Brüder Jünger, Martin Heidegger, Carl Schmitt, Arnold Gehlen, Gottfried Benn, Heimito von Doderer und andere. Und er lässt die weltanschaulichen Debatten der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren, in denen Armin Mohler, Caspar von Schrenck-Notzing, Hans-Dietrich Sander, Günter Zehm, Günter Maschke, Winfried Martini, Bernard Willms und andere eine wichtige Rolle spielten. Aus den Fehlern und Missgeschicken, aber auch aus den guten und wegweisenden Ideen dieser Protagonisten, die teilweise noch leben und weiter aktiv sind, lässt sich lernen für die Zukunft.

Die Konservativen fingen nach 1945 bei Null an. Unter den Bedingungen der Zusammenbruchsgesellschaft konnten sie nicht mit viel Zuspruch rechnen. Der Publizist Winfried Martini hatte in den 1950er Jahren als erster den Mut, wieder offen und ohne Vorbehalte auf Schmitt zu rekurrieren. Zwischenzeitlich ergaben sich sogar engere Bande zur Politik, für die Mohler, die Brüder Marcel und Robert Hepp und der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß standen. Doch die feinen Konservativen in der Union wollten schnell nicht mehr viel wissen von den „Schmuddelkindern“ von der konservativen Intelligenz, so dass der Einfluss des Philosophen Günter Rohrmoser oder des Historikers Klaus Hornung auf die CDU sehr begrenzt blieben. Die Beruhigungspille der geistig-moralischen Wende war bekanntlich nur ein Werbeslogan, der nicht eingelöst wurde. Rohrmoser wurde nicht zum Hausphilosophen der Regierung Kohl.

Versuche, den Springer-Konzern und sein Flaggschiff „Die Welt“ auf konservativeren Kurs zu bringen, scheiterten. Der Name von Matthias Walden und anderen dürfte bei den Alan Poseners dieser Tage nur noch Ekel auslösen. Namhafte konservative Publikationen wie die Zeitschrift „Criticón“ nahmen ein betrübliches Ende. Konservative Journalisten der „FAZ“, „Welt“ oder des „Rheinischen Merkur“ sind entweder tot oder schreiben mittlerweile für Blätter, die mit ihrem politischen Kurs die Leerstelle besetzen, die die inzwischen sehr weit in die Mitte gerückten „konservativen“ Tageszeitungen in Deutschland gelassen haben.

Nun haben wir den sprichwörtlichen Salat. Weißmann nennt die Folgen des Linksrucks der Bundesrepublik. Der Sozialstaat ist aufgebläht, die Autorität des Staates wurde verächtlich gemacht, der deutsche Michel hat sich an Zensur und Überwachung gewöhnt, die Haushaltspolitik ist aus dem Ruder gelaufen. Die Kosten der Migration übertreffen ihren Nutzen trotz demographischen Wandels bei weitem, Ehe und Familie sowie das Leistungsprinzip wurden auf dem Altar vermeintlich „liberaler“ Prinzipien geopfert.

Man kann Weißmann in vielem zustimmen. Dass er aber am Ende seines Buches den voraussichtlichen Abstieg der Supermacht USA gleichsam freudig registriert und sich als Konservativer einiges vom Aufstieg der kommenden Supermacht China erhofft, führt zum Kopfschütteln des Rezensenten. Doch es gibt eben Konservative mit einem stark antiwestlichen, amerikakritischen und nationalen Zug. Dass ihnen die Zukunft gehören dürfte, darf bezweifelt werden. Vorgänger Weißmanns wie Armin Mohler haben jedoch auch schon in der Vergangenheit übertriebene Hoffnung auf das gaullistische Frankreich gesetzt. Dies sind Hirngespinste, die den Praxistest ebenfalls nicht bestehen dürften.

Die Politikfähigkeit der jetzigen konservativen politischen Intelligenz in Deutschland wird sich daran zeigen, ob es ihnen in absehbarer Zeit gelingt, entweder wieder einen wahrnehmbaren Einfluss auf die öffentliche Meinung und die „bürgerlichen“(?) Parteien CDU, CSU und FDP zu nehmen oder ob sie sogar dazu in der Lage sind, mit gutem Personal, dem nötigen Kleingeld und einem seriösen Programm eine konservativ-wirtschaftsliberale Alternative zum jetzigen mittigen Parteiensystem zu schaffen.

 

Literatur:

Karlheinz Weißmann: Kurze Geschichte der konservativen Intelligenz nach 1945. 120 Seiten. 15 Euro. Band 1 der Reihe Berliner Schriften zur Ideologienkunde. Institut für Staatspolitik: Schnellroda 2011.


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