Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Staatliches Handeln: Von der Bedeutung des Menschenbildes

von Ralph Janik

Wie gut oder schlecht sind wir?

Wer heute in irgendeiner Form Nachrichten konsumiert, wird an unzähligen Stellen von menschlichem Fehlverhalten lesen, das sich aus menschlicher Gier, Selbstsucht und Unverantwortlichkeit ergibt – allesamt Gründe, weswegen der Staat einzugreifen habe, um diesen Auswüchsen schlechter Charaktereigenschaften entgegenzuwirken. Dahinter steht ein Menschenbild, das den Menschen die Fähigkeit abspricht, in Abwesenheit eines allumfassenden Staates und dessen Handelns vernünftig zu handeln und friedlich zusammenzuleben.

So müsse man „die Reichen“ höher besteuern, weil sie von der Finanzkrise profitiert oder diese mit ihrer Gier erst ausgelöst hätten. De facto sind damit zwar zumeist jene gemeint, die nicht in irgendeiner Form von öffentlichen Leistungen abhängig sind und dabei zu viel haben, um nichts zu zahlen und zu wenig, um Steuerschlupflöcher aller Art zu ihren Gunsten nutzen zu können, aber das stört in der politischen Rhetorik nicht. Ebenso wie das Faktum, das die Steuerlast auch ohne neue Steuern erdrückend genug ist; erst kürzlich wurde ein OECD-Vergleich veröffentlicht, demzufolge Deutschland eine Abgabenlast von 49,1 Prozent hat und damit an dritter Stelle im OECD-Raum liegt, wobei Massensteuern wie die Mehrwerts- oder Mineralölsteuer freilich noch ausgenommen sind. Auch Österreich steht dem großen Nachbarn mit 47,9 Prozent Gesamtabgabenlast um nicht viel nach – Gelder, die benötigt werden, um den Staat und dessen vielschichtige Tätigkeiten zu finanzieren.

Es heißt auch, der Staat müsse mit genau jenem Geld ausreichend Kindergärten bereitstellen, um bereits die Kleinsten möglichst früh in Obhut nehmen zu können (notfalls mit Zwang, wie in Wien, wo ein „verpflichtendes Kindergartenjahr“ eingeführt wurde), schließlich gehe es darum, allen Kindern gleiche Chancen zu ermöglichen, wie die Familiensprecherin der in Wien machthabenden Sozialdemokratischen Partei Österreichs Gabriele Binder-Maier bei der Einführung des „Pflicht“-Kindergartenjahres verlautbarte.

Weiters stehen unbescholtene Menschen unter Generalverdacht, werden im Internet wie auch auf den Straßen permanent observiert oder auf Flughäfen wie Verbrecher behandelt, dürfen sie sich dort doch bis auf die Socken ausziehen und in Bälde röntgen lassen; aus Angst vor den Mitmenschen und dem Bedürfnis nach Sicherheit, der „Hauptsäule politischer Herrschaft“, wie Wolfgang Sofsky in seinem Buch „Das Prinzip Sicherheit“ treffend festgestellt hat.

All diese zur Veranschaulichung des Ausmaßes staatlichen Handelns genannten Beispiele werden also mit wohlklingenden Begriffe wie Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Solidarität oder Sicherheit begründet – schließlich gehe es wie eingangs geschrieben darum, den negativen menschlichen Eigenschaften wie Feindseligkeit, Egoismus, Gier und Rücksichtslosigkeit Einhalt zu gebieten.

Das damit korrelierende Menschenbild findet sich beim englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes und seinem Opus Magnum „Der Leviathan“ aus dem Jahr 1651 und ist im berühmten Diktum „homo homini lupus“ ( „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) auf den Punkt gebracht. Denn der Mensch ist laut Hobbes ein nur mäßig vernünftiges, egoistisches, asoziales Wesen, das zum Zwecke der Selbsterhaltung nach immer mehr Gütern strebt, wobei nicht genug für alle da ist. Dementsprechend herrschen unter den Menschen von Natur aus Furcht und gegenseitiges Misstrauen, sie befinden sich im Krieg aller gegen alle.

Dieser wenig erstrebenswerte Zustand liege nur deswegen nicht vor, weil es einen übergeordneten, durch einen gemeinsamen Sozialvertrag geschaffenen Souverän gibt; Hobbes stellte den „zoon politicon“ des Aristoteles, den von Natur aus nach Gemeinschaft strebenden und sich in dieser verwirklichenden Menschen (weswegen er sich nach der besten Staatsform fragt), somit dezidiert auf den Kopf. Denn erst der Leviathan, entweder ein einziger Mensch oder eine Gruppe von Menschen, dem oder denen alle anderen Menschen ihre Einzelrechte übertragen, macht das Leben in friedlicher Gemeinschaft möglich; und auf dieser Grundlage nimmt dieser Leviathan alle Maßnahmen vor, die er als zur Herstellung und Bewahrung von Frieden und Sicherheit notwendig erachtet, wobei seinem Handeln keine Grenzen gesetzt sind und es auch nicht sein können. Als Souverän, als einzige Instanz mit der Macht, die Menschen vor sich selbst zu schützen, ist er diesen schließlich moralisch überlegen und kann kein (Einzel-)Recht und kein Gesetz neben sich dulden, was im Satz „Auctoritas non veritas facit legem“ („die Autorität, nicht die Wahrheit, schafft Gesetze“) zum Ausdruck kommt; die Menschen müssen demzufolge jede Maßnahme des Souveräns als ihre eigene anerkennen und haben auch keine Möglichkeit, aus dem Sozialvertrag auszusteigen oder in sonstiger Weise Widerstand zu üben. Paradoxerweise hört Hobbes‘ Menschenbild also gerade dort auf, wo es am ehesten seine Berechtigung hätte – bei(m) Machthaber(n), was nicht zuletzt daran lag, dass Hobbes sich an den zu seiner Zeit absolutistisch regierenden Oliver Cromwell anbiedern wollte.

Wie stark Hobbes‘ Menschenbild heute in den Köpfen verankert ist, zeigt sich an der allgemeinen Replik auf Kritik an übermäßigem staatlichem Handeln, wie es sich etwa in den eingangs genannten Beispiele darstellt; denn diese Replik entspricht dem Hobbes’schen Diktum vom auf Selbsterhaltung ausgerichteten, nicht zur Gemeinschaft fähigen Wesens, dessen Verhalten einer obrigkeitlichen Korrektur bedürfe.

Wie die hitzige Debatte rund um Peter Sloterdijks Essay „Die Revolution der gebenden Hand“ gezeigt hat, wird jemandem, der sich über die enorme per Zwang eingehobene Steuerlast kritisch äußert und das System der Zwangsbesteuerung durch freiwillige Abgaben ersetzt sehen möchte, reflexartig fehlender Gemeinsinn, Egoismus Kaltherzigkeit und vor allem Realitätsferne attestiert; schließlich müsse der Mensch zum Geben und zur „Solidargemeinschaft“ gezwungen werden. Die Betonung der Freiwilligkeit des Gebens sei bloße Parole, den Sozialstaat und all seine Errungenschaften abzuschaffen – man lese etwa Axel Honneth in seinem bissigen Kommentar „Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe“.

Wer in der erzwungenen immer früheren staatlichen Kindesobhut Parallelen zum antiken Sparta zieht, in dem die Kinder gleich nach der Geburt ihren Eltern entzogen wurden, übersähe, wie stark Kinder aus sozial schwächeren Familien benachteiligt werden, womit durch ein (in Zukunft wohl mehrere) verpflichtendes Kindergartenjahr Chancengleichheit hergestellt werden müsse; schließlich müssen man erkennen, dass „es nicht immer das Beste ist, wenn Kinder möglichst lange bei der Mutter bleiben“, wie die österreichische Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek erst kürzlich in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „DerStandard“ verlautbarte.

Bemängelt man vieles von dem, was heute im Namen der heiligen Kuh Sicherheit vonstatten geht, verstehe man nicht, dass die Menschen voreinander geschützt werden müssen, um ein friedliches Zusammenleben frei von stets drohenden Terroranschlägen zu gewährleisten – in Zeiten des Massen-Tourismus seien Körperscanner schließlich unverzichtbar, um Attentäter im Strom der Fluggäste zu erkennen, wie CSU-Innenpolitik-Sprecher Hans-Peter Uhl feststellte.

Hinter der Kritik an exzessiver Staatstätigkeit verbirgt sich indes nicht blanke Böswilligkeit, sondern ein fundamentaler Gegensatz, nämlich ein anderes Welt- und Menschenbild, ein Zwist, der die Menschen und das Handeln von Regierungen seit Jahrhunderten spaltet. Denn Hobbes negative Beschreibung des Charakters mag zwar durchaus seine Berechtigung haben – vor allem, wenn man sich viele der führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft ansieht – ist aber dennoch höchstens die halbe Wahrheit. Unvernunft, Feindseligkeit, Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit sind durchaus bei vielen Menschen in unterschiedlich starker Form Handlungsfaktoren; doch sind sie nicht die bestimmenden und einzigen Charaktereigenschaften, die Menschen ausmachen – Hobbes hat in seinem Menschenbild den unabhängig von Staaten vorhandenen positiven Grundeigenschaften, wie der menschlichen Vernunft, der Tugendhaftigkeit, der Empathie, der Nächstenliebe oder der Großzügigkeit zu wenig bis keinen Platz eingeräumt.

Der bereits erwähnte Philosoph Peter Sloterdijk gründete seinen gewagten Vorstoß entgegen der Kritiker nicht auf Egoismus oder den Unwillen, den Armen und Schwachen zu helfen; es war auch nicht in seiner Absicht, zurück zum Chaos des Hobbes’schen Naturzustand zu gehen; vielmehr stand hinter seinen Überlegungen eine Absage an Hobbes und die Angst vor einem nicht-staatlichen, nicht von staatlichem Handeln in allen Bereichen geprägten Zustand. Sloterdijk will nicht glauben, dass der Mensch zum Guten gezwungen werden muss und in Abwesenheit staatlichen Zwanges zu einem asozialen, egoistischen, weil angsterfüllten Wesen mutieren würde, das nicht gewillt wäre, seinen Mitmenschen freiwillig zu helfen; diese Absage formulierte er in einem Interview, das in der Textsammlung „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ abgedruckt ist, folgendermaßen:

„Angst ist keine akzeptable Grundlage für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft, die vorgibt, sie sei eine Demokratie. (…) die Leute glauben, sobald der staatliche Zwang fehlt, lösen sich alle Bindungen über Nacht auf. Ich behaupte dagegen, diese ganze asoziale Tendenz, diese elende Ideologie, die bei sich und den anderen nur die Gier kennt, diese billige greedypig-Psychologie in den Köpfen von Soziologen und Politologen, das alles beweist nur eines, nämlich, dass wir im Lauf des 20. Jahrhunderts einem falschen Menschenbild aufgesessen sind. Man glaubt, der Mensch ist das Tier, das soviel wie möglich nimmt. Man kommt gar nicht mehr auf den Gedanken, die Menschen in ihren Geberqualitäten ernst zu nehmen.“

Sloterdijk ist nur einer von vielen in der Geschichte der Philosophie, die Hobbes‘ Einschätzung des menschlichen Charakters nicht teilen; der 44 Jahre später ebenfalls in England geborene, zu seinem großen Gegenspieler erhobene John Locke ist der wohl prominenteste aus dieser Riege.

Locke betonte die menschliche Vernunft und die Fähigkeit des Menschen, bereits im vor-staatlichen Zustand Eigentum zu begründen und zu wirtschaften, also miteinander in Austausch und Kooperation zu treten. Erst durch das Geld und der damit einhergehenden Bildung von Ungleichheiten in der Eigentums-Anhäufung (die er jedoch als legitim erachtet, da durch Eigentum und die damit verbundene höhere Effizienz das Gesamt-Maß an Gütern und Wohlstand mit ansteige) sei das „Verlangen, mehr zu haben, als der Mensch benötigte“ aufgetreten, womit laut Locke die Konflikte in einem Maße zunahmen, dass die Menschen sich veranlasst sahen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen. Diese Einrichtung dient dem gegenseitigen Schutz des Lebens, der Freiheit und des Vermögens der Bürger – (Grund-)Rechte, die vom Gemeinwesen also gewährleistet und, hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Hobbes, respektiert werden müssen. Denn jeder Mensch hat unveräußerliche Rechte, in denen und der Staat seine Grenzen wie auch seinen Zweck findet; schließlich ist die oberste politische Gewalt der Regierung nur in Form eines Treuhandschafts-Verhältnisses übertragen und kann bei Missbrauch und Überschreitung der Grenzen auch wieder durch Revolution und Widerstand entzogen werden. Locke ließ somit im Gegensatz zu Hobbes die Korrumpierung des Charakters durch Macht maßgeblich in sein Werk einfließen – insofern sind deren Menschenbilder einander doppelt entgegengesetzt: Bei Locke läuft der an der Macht befindliche Mensch Gefahr, all jene Charaktereigenschaften aufzuweisen, die Hobbes bei allen Menschen im Naturzustand verankert; und umgekehrt ist der „edle Souverän“ Hobbes der Locke’sche Mensch, sofern er nicht zu mächtig wird.

Somit wird bei Locke ein klar begrenztes politisches Gemeinwesen auf Grundlage der Vernunft und einer bestehenden, sich immer weiter entwickelnden Eigentümergesellschaft begründet, bei Hobbes ein absoluter, allumfassender und unbegrenzt handelnder Leviathan, der aufgrund des schlechten Charakters der Menschen (Vor-)Bedingung menschliches Zusammenleben ist.

Dieser Gegensatz zwischen dem Menschenbild Hobbes und dem positiveren Menschenbild John Lockes wurde 47 Jahre nach Hobbes´ Tod literarisch in Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ aufgegriffen.

So führt Gullivers vierte Reise in das Land der Houyhnhnms, in dem zwei charakterlich völlig unterschiedliche Wesen leben. Zum einen die herrschenden Houyhnhnms, überaus rationale, tugendhafte und die Freundschaft betonende Pferde; und zum anderen die Yahoos, hässliche, lasterhafte und charakterlich verdorbene Wesen, die den Menschen optisch ein wenig ähneln. Einer der Houyhnhnms nimmt sich trotz der Kritik seiner Artgenossen, die in Gulliver einen Yahoo sehen, seiner an und hört sich dessen Geschichten aus seiner Heimat an, die von Kriegen, Lügen und Intrigen der Politiker und korrupten Rechtsverdrehern erzählen. Der Houyhnhnm versteht diese Erzählungen nur mit Mühe, weil ihm derartige Denkmuster fremd sind. Doch meint er, dass die Menschen, von denen Gulliver berichtet den Yahoos nahestehen dürften, woraufhin Gulliver sich zu diesen begibt – und als ein Yahoo-Mädchen sich ihm zugeneigt fühlt, merkt Gulliver zu seiner Bestürzung, selbst ein Yahoo zu sein, was ihn zu Selbsthass und Ekel gegenüber der gesamten Menschheit treibt.

In Zeiten, in denen ein negatives Menschenbild dominiert und überall nach staatlichem Handeln verlangt wird, um dieses auszugleichen, ist es wichtiger denn je, auf die positiven Grundeigenschaften des Menschen zu verweisen und diese zu betonen; bei gleichzeitiger Absage an ein naiv-überpositives Menschenbild dem Hobbes’schen Yahoo den Locke’schen Houyhnhnm, ein vernunftbegabtes, empathisches und in Friede und Freundschaft lebendes Wesen entgegenzusetzen. Also durchaus anzuerkennen, dass Menschen in unterschiedlichem Maße Schattenseiten haben, die vor allem bei jenen verstärkt vorliegen, die über allzu viel Macht verfügen oder nach dieser streben; gleichzeitig aber darauf zu verweisen, dass „der Mensch“ deswegen noch lange nicht von Grund auf asozial, selbstsüchtig und allen anderen schlecht gesinnt ist.

Es liegt freilich an jedem selbst, es entweder Gulliver gleich zu tun oder sich doch eher den Houyhnhnms verbunden zu fühlen – zum Abschluss sei jedoch angemerkt, dass der Hobbes’sche Leviathan, in dem gerade die Yahoos aufgrund ihres Machtstrebens und ihrer Selbstsucht das Sagen haben, in keinem Fall ein lebenswertes politisches Gemeinwesen darstellen kann.

19. Mai 2011

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