03. Juni 2011

Europa-Vergleich Die Früchte der Arbeit

Deutsche kaum produktiver als Griechen?

Die Arbeitsstunde eines durchschnittlichen deutschen Staatsbürgers wirft weniger Euro ab als die Arbeitsstunde eines Durchschnittsbürgers der meisten anderen alten EU-Länder. Deutschlands Werktätige erwirtschaften also pro Stunde weniger als die Werktätigen in Italien, Frankreich, Österreich, den Benelux-Ländern, den skandinavischen Ländern und Irland. Und die deutsche Produktivität ist kaum höher als die der Spanier und Griechen. Nur Portugal und die neuen ost- und südosteuropäischen EU-Länder werden noch von Deutschland übertroffen.

Das ergibt eine Rechnung, in der die durchschnittliche Gesamtlebensarbeitszeit in Relation zum Bruttosozialprodukt pro Einwohner gesetzt wird (siehe Tabelle im Anhang). Die Lebensarbeitszeit ergibt sich aus der Summe der geleisteten Arbeitsstunden, die ein durchschnittlicher Bürger von einem Alter von 25 Jahren an bis zu seinem Rentenantritt geleistet hat, wobei auch die aktuelle Arbeitslosenrate der jeweiligen Länder mit eingerechnet wurde. Der so entstandene Vergleich ist insofern eine nicht passgenaue Extrapolation, als einerseits relativ aktuelle Daten (Arbeitslosenrate, Bruttoinlandsprodukt, Renteneintrittsalter) mit längerfristigen Daten (Lebenserwartung) verglichen und andererseits dynamische Daten (Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenrate) mit weniger dynamischen Daten (Lebenserwartung, Wochenarbeitszeit) verrechnet werden. Diese Extrapolation ist allerdings unvermeidlich, wenn man alle verfügbaren Daten zueinander in Beziehung setzen möchte.

Das Resultat dieser Rechnung ist also quasi eine aus Daten sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart gespeiste Momentaufnahme. Obwohl diese nicht zukünftige Anpassungen berücksichtigt, etwa die geplante Anhebung des Rentenalters in Griechenland, lässt sie dennoch Schlussfolgerungen auf die Produktivität zu, gibt also an, welchen Ertrag die Arbeitsstunde eines durchschnittlichen Bürgers abwirft. Die Zahlen beantworten also im großen und ganzen die Frage, was die Bürger der einzelnen europäischen Länder für ihre Arbeit herausbekommen und wie diese Arbeit gemessen am anteiligen Bruttoinlandsprodukt bewertet wird. Mit der so ermittelten Produktivität ist selbstverständlich noch keine Wertung über die Qualität der Arbeit verbunden, vielmehr sind die Diskrepanzen zwischen den Ländern im einzelnen zu analysieren, etwa warum die Produktivität des Durchschnittsdeutschen kaum höher ist als die des Durchschnittsgriechen und des Durchschnittsspaniers sowie weitaus niedriger als die des Durchschnittsitalieners oder des Durchschnittsfranzosen.

Ausgangspunkt der Berechnung zur Lebensarbeitszeit ist das momentan noch sehr unterschiedliche Renteneintrittsalter in Europa (zwischen 57 in Griechenland und 67 in Norwegen), auch wenn hier Anpassungen nach oben, etwa im Falle von Griechenland und Deutschland (aktuell 65) im Gespräch sind. Die Zeitspanne zwischen Renteneintrittsalter und dem Alter der durchschnittlichen Lebenserwartung ergibt die durchschnittliche Rentenbezugsdauer, die zwischen 17,5 (Norwegen) und 25,5 (Griechenland) schwankt (Deutschland: 19). Je höher die Zahl der Lebensjahre nach dem Renteneintrittsalter ist, um so produktiver müsste die arbeitende Bevölkerung des betreffenden Landes sein, um einen im Vergleich zu anderen Ländern gleichen Lebensstandard für sich selbst und ihre Rentner zu erreichen. Das gleiche gilt für die Arbeitslosigkeit: Je mehr Arbeitslose ein Land hat (zwischen 4 Prozent in den Niederlanden und 20 Prozent in Spanien), desto höher muss dann die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung sein, um einen Ausgleich zu schaffen. Die Zahl der Arbeitsjahre ab einem Alter von 25 errechnet sich aus allen ebengenannten Faktoren. Das idealisierte Arbeitseintrittsalter von 25 ist dabei eine willkürlich gesetzte Grenze, da es keine verlässliche Angaben zum jeweiligen Arbeitsantrittsalter in den Ländern Europas gibt. Sicherlich gibt es, etwa aufgrund längerer Ausbildungszeiten in vielen Ländern wie etwa auch in Deutschland, hier durchaus Unterschiede, die aber eben aufgrund der unzureichenden Datenbasis nicht berücksichtigt werden können. Ein weiterer in die Berechnung Eingang zu findender Faktor ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, die zwischen 37,7 Stunden in Frankreich und 41,4 Stunden in Großbritannien (Deutschland: 41,1. Europäischer Höchstwert: 44,0 in Island) liegt.

Die sich aus all den im letzten Abschnitt genannten Daten ergebende Gesamtarbeitszeit (effektive Arbeitjahre nach einem Lebensalter von 25 Jahren, multipliziert mit der Wochenarbeitszeit) erreicht Höchstwerte in Island (1718) Norwegen (1568), den Niederlanden (1536), Deutschland (1528) und der Schweiz (1497). Die niedrigsten Werte erreichen Griechenland (1085), Italien (1135), Frankreich (1217), Belgien (1235) und Spanien (1248). Das Klischee vom länger arbeitenden Nord- und Mitteleuropäer und dem eher behäbigeren Mittelmeereuropäer wird also durch diese Zahlen nicht widerlegt.

Jetzt müsste man erwarten, dass die erhöhte Arbeitsleistung der Nord- und Mitteleuropäer sich auch in einem entsprechenden höheren Bruttosozialprodukt pro Einwohner niederschlägt. Und tatsächlich führen hier Länder wie Norwegen, Schweiz, Dänemark, Schweden, Irland, die Niederlande, Finnland und Österreich die Rangliste an. Doch beim deutschen Werktätigen, der bei der Zahl der Lebensarbeitsstunden zu den Spitzenreitern gehört, steht sein Wohlstand nicht gerade in einem direkt proportionalen Verhältnis zu seiner Arbeitszeit. Beim Bruttosozialprodukt pro Kopf gehört er zum unteren Drittel der alten EU-Länder und wird von Werktätigen aus Ländern getoppt, die insgesamt deutlich weniger arbeiten, etwa von Franzosen, Belgiern oder Iren. Seine Arbeitsproduktivität scheint also geringer zu sein als die seiner Kollegen in den meisten anderen alten EU-Ländern. Selbst die früh in Rente gehenden Griechen und die Spanier mit ihrer enormen Arbeitslosigkeit bekommen pro geleisteter Arbeitsstunde kaum weniger heraus als die Deutschen.

Die geringe Arbeitsproduktivität erstaunt, wenn man daran denkt, dass Deutschlands Industrie, also Deutschlands Maschinenbauer, Autobauer, Ingenieure oder Chemiker, aber auch die deutsche Softwarebranche und die deutschen Finanzinstitute im europäischen Vergleich als herausragend gelten. Zudem gelten die Deutschen als die europäische Exportnation schlechthin, mithin als die Chinesen der Alten Welt. Kann deren Produktivität tatsächlich so schlecht sein und nicht einmal die von Ländern wie Griechenland deutlich hinter sich lassen, von Ländern also, die nicht gerade im Rufe stehen, eine besonders dynamische, effektive und innovative Wirtschaft zu haben? Was reduziert also die eigentlich mit guten Gründen anzunehmende höhere Arbeitszeitproduktivität der Deutschen?

Die Antworten darauf sind statistisch nur schwer zu ermitteln. Wir können also nur Vermutungen anstellen, etwa wenn wir uns den Grad der Verschuldung der einzelnen Länder ansehen: So fällt auf, dass Länder, bei denen die statistisch gemessene Arbeitszeitproduktivität viel höher liegt als man eigentlich erwarten würde, auch einen ungleich höheren Verschuldungsgrad haben, etwa Italien (116 Prozent im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt), Griechenland (115) und Belgien (97). Das würde bedeuten, dass der Umstand, dass sie für ihre Arbeit unverhältnismäßig viel herausbekommen, zum Teil auf bloßem Pump basiert.

Des weiteren fällt auf, dass Länder mit besonders hohem Exportüberschuss, oder andersherum gesagt mit einem hohen Importdefizit, keine erhöhte Arbeitszeitproduktivität aufweisen. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Ausgerechnet alle Länder mit erhöhtem Exportüberschuss liegen bei der Wertschöpfung pro Arbeitsstunde unter den erwartbaren Daten. So weist Deutschland, dessen arbeitende Bürger sich im Schnitt mehr anstrengen müssen als die meisten ihrer EU-Nachbarn, um das gleiche Bruttoinlandsprodukt zu erzielen, einen hohen Exportüberschuss auf. Deutschland führt global gesehen 16 Prozent, EU-weit sogar 24 Prozent weniger Waren ein als es ausführt. Zu den Ländern mit großem Importüberschuss dagegen gehören wiederum zumeist unsere Kandidaten, die mit verhältnismäßig wenig Aufwand erstaunlich viel Wohlstand erringen: Griechenland, Spanien und Frankreich. Es scheint fast so, als ob ein europäisches Land, das mehr produziert als es selbst braucht, sich automatisch bei der Arbeitszeitproduktivität schlechter stellt, und umgekehrt scheint es sich zu lohnen, weniger zu arbeiten, da dies durch Importüberschüsse wettgemacht werden kann, ohne dass man sich finanziell wesentlich schlechter stellt als die Überschussgeberländer. Man kann hier also die Frage stellen, ob der deutsche Werktätige sich viel vom Titel Exportweltmeister kaufen kann. Jedenfalls offenbar nichts von Bestand: Beim Immobilieneigentum ist Deutschland bei einer Eigentumsquote von nur 43 Prozent Schlusslicht. Unsere pfiffigeren EU-Partner Spanien (86 Prozent), Belgien und Griechenland (74 Prozent) dagegen können sich entspannt und mit viel weniger laufenden Kosten in ihren eigenen vier Wänden zurücklehnen, selbst wenn sich dort etwas am Renteneintrittsalter, am Verschuldungsgrad oder am Importüberschuss tun sollte.

Anhang:

Arbeitszeitproduktivität, europäischer Vergleich (eigene Berechnung, Excel-Tabelle)


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Naomi Braun-Ferenczi

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