Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Ausblick 2200: Eine Welt ohne Hunger, in der jeder leben kann wie Bill Gates

von Gérard Bökenkamp

Betrachtungen über Demographie, Arbeitsteilung und technologischen Fortschritt

Stellen wir uns eine Autofabrik im Jahr 2200 vor. Das Automobil der Zukunft kann inzwischen nicht nur fahren, sondern auch fliegen, schwimmen und tauchen. Dieses Automobil wird in einer Fabrik gefertigt, die ausschließlich mit Maschinen arbeitet. Die Überwachung der Maschinen leisten andere Maschinen, und diese werden wiederum von Großcomputern gesteuert, die wiederum von anderen Großcomputern überwacht werden. Die Energie für diese Fabrik kommt aus einem Kraftwerk, das ebenfalls auf diese Weise betrieben wird und die Zulieferung mit Einzelteilen kommt aus Fabriken, die ebenfalls von Maschinen betrieben und von Computern überwacht wird usw. Es ist klar ersichtlich, dass eine solche Fabrik kein Lohnproblem haben wird, kein Problem mit Lohnzusatzkosten und kein Problem mit Betriebsräten und Streiks. Den Vorwurf der „Ausbeutung“ muss sich der Arbeitgeber nicht gefallen lassen, denn die Maschinen beschweren sich nicht.

Nun leben wir im Jahr 2011 und nicht im Jahr 2200, aber diese hier vorgestellte Fabrik ist eigentlich nur das zu Ende gedachte Modell der Produktionsweise, die auch schon heute praktiziert wird. Marx’ proletarische Revolution findet nicht statt, weil die Proletarier nicht mehr da sind. Diese wurden inzwischen durch Maschinen und hoch ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten ersetzt. Der deutsche Mittelstand steht an der Spitze dieser Entwicklung –eben deshalb hat die deutsche Wirtschaft die hohen Lohnkosten und Lohnzusatzkosten verkraftet und eben deshalb ist die Produktivität so hoch, aber gleichzeitig auch die Arbeitslosigkeit und der schlechte Beschäftigungsstand für Geringqualifizierte. Die Rationalisierung bringt also mehr Wohlstand und eine höhere Zahl von Erwerbslosen – wie ist dieser Widerspruch aufzulösen? Rationalisierung ist eine Reaktion auf Knappheit. Rationalisierung ist deshalb eine positive Entwicklung – soweit die Verknappung des Arbeitsangebots natürliche Ursachen hat und nicht künstlich herbeigeführt wurde. In Deutschland wurde sie jedoch auch künstlich herbeigeführt.

Die natürliche Form der Verknappung ist die Folge demographischer Entwicklungen. Wenn die Bevölkerung schrumpft, dann schrumpft die Zahl der Erwerbstätigen und die Löhne steigen, weil ein kleineres Angebot von Arbeitskräften der Nachfrage nach Arbeitskräften zur Verfügung steht. Das macht die Rationalisierung attraktiver, und es werden mehr Maschinen eingesetzt. Die künstliche Verknappung erfolgt hingegen durch die Tarifpolitik oder Mindestlöhne. Die Löhne werden hochgesetzt, so wird ein Verhältnis von Angebot und Nachfrage simuliert, das vorherrschen würde, wenn das Angebot von Arbeitskräften zurückgegangen wäre. Die Löhne steigen aber unter diesen Umständen nicht, weil sie durch die Verknappung der Arbeitskräfte nach oben getrieben, sondern weil sie künstlich festgesetzt werden. Man tut quasi so, als wären viel weniger Arbeitnehmer auf Arbeitssuche als wirklich auf Arbeitssuche sind. Der Effekt ist derselbe, der Anreiz zur Rationalisierung steigt, und es werden mehr Maschinen eingesetzt. Das Ergebnis ist Arbeitslosigkeit, da die Lohnfestsetzung auf einem Niveau erfolgt, als seien die betroffenen Erwerbslosen schlicht nie geboren worden.

Eine Episode, von der Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in einem Interview im November 1977 berichtete, führt sehr plastisch vor Augen, was sich seit Mitte der siebziger Jahre in vielen Unternehmen ereignete. Lambsdorff erzählte in einem Interview diese vielsagende Begebenheit bei einem Besuch bei VW. Ein Vorstandsmitglied des Autokonzerns hatte ihn durch ein Werk geführt. Dieser habe ihm eine Maschine gezeigt und gesagt: „Da können sie sehen, wie Handreichungen eines Mannes, der noch an der Nebenmaschine steht, durch Technik ersetzt werden. Und diese Maschine kostet eine bestimmte Summe. Der Mann daneben kostet etwas weniger. Wenn er die gleiche Summe kosten wird, dann ersetzen wir ihn durch die Maschine.“ Nachhaltig, richtig und notwendig sind Lohnerhöhungen immer dann, wenn sie durch Verknappung des Arbeitskräfteangebots, wachsende Produktivität und Kapitalvermehrung bedingt sind.


Bevölkerungswachstum ist nicht unbedingt Wohlstand fördernd, so wenig wie Bevölkerungsschrumpfung zwangsläufig Wohlstand mindernd ist. Die Länder mit der höchsten Geburtenrate gehören heute zu den ärmsten Ländern der Welt, zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate gehören die reichsten Länder der Welt. Es kommt nicht auf die Zahl der Köpfe und Hände, sondern darauf wie frei sich die Gedanken und Tätigkeiten der Menschen entfalten können. Es geht um Kapital, Produktivität und ihre effektive Nutzung durch spontane Anpassung an die Gegebenheiten. Mit wenigen Arbeitskräften kann man in einer Marktwirtschaft eine größere Vielzahl von Gütern und Dienstleistungen erzeugen als mit einer Vielzahl von Arbeitskräften im Sozialismus. Bei einem flexiblen Arbeitsmarkt, leistungsfähigen Bildungseinrichtungen, einer unternehmensfreundlichen Umwelt, preiswerter Energieversorgung und durch privates Kapital finanzierten Rationalisierungsinvestitionen kann die Bevölkerung auch altern und schrumpfen und der Wohlstand dennoch steigen. Das Problem in Deutschland ist nicht die Geburtenrate an sich, sondern fast alle anderen hier genannten Faktoren.

Die demographische Entwicklung weltweit beschreibt einen Bogen. Im Jahr 1900 lebten auf der Welt 1,5 Milliarden Menschen, heute sind es über sechs Milliarden und im 21. Jahrhundert wird wohl die 9-Milliardengrenze überschritten. Doch während die absolute Zahl der Erdenbewohner ihre Spitze noch nicht erreicht hat, zeichnet sich bereits der entgegengesetzte Trend ab: Fast überall auf der Welt fallen die Geburtenraten. Global ist die Geburtenrate von 4,8 Kindern auf 2,8 Kinder pro Frau zurückgegangen. Nicht nur in der Bundesrepublik und in Europa, auch in Asien, Lateinamerika und dem nahen und mittleren Osten. Bis in die Mitte dieses Jahrhunderts wird dieser Trend noch von dem Umstand überlagert, dass die Frauen zwar weniger Kinder zur Welt bringen, aber durch die hohen Geburtenraten der Vergangenheit sehr viele Frauen in den Entwicklungsländern ins gebärfähige Alter kommen. Wenn diese Überlagerung zurückgeht, dann wird die Weltbevölkerung mit großer Wahrscheinlichkeit in einen Prozess der Stagnation und dann der Schrumpfung übergehen – wenn sich die bisherigen Trends so fortsetzen.

Malthus Annahme eines ewig andauernden und nur durch Hungerkatastrophen gebremsten Bevölkerungswachstums hat sich nicht bestätigt. Nach einer Bevölkerungsexplosion folgt nun eine Bevölkerungsimplosion und zwar nicht verursacht durch Hungersnöte und Kriege, sondern bedingt durch das veränderte Reproduktionsverhalten. Selbst in muslimischen Ländern wie Tunesien und im Iran liegt die Geburtenrate bei unter 2,0 Kindern pro Frau. Es ist deshalb durchaus vorstellbar, dass eines Tages – vielleicht im 22. oder 23. Jahrhundert – wieder nur 1,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, so wie im Jahr 1900. Nach 300 Jahren wäre dann die Welt wieder so dicht bevölkert wie zur Schwelle des 20. Jahrhunderts, aber im Vergleich zu ihren Vorfahren werden die Menschen zu diesem Zeitpunkt über Technologien und Produktionsstätten verfügen können, deren Möglichkeiten und Effektivität selbst für uns heute schwer vorstellbar ist. Dies näher auszuführen ist die Aufgabe von guten Science Fiction-Autoren und Zukunftsforschern.

Wenn das schrumpfende Angebot von Arbeitskräften grundsätzlich kein Problem sein muss, wenn sich der Arbeitsmarkt durch Flexibilität und Rationalisierung dieser Entwicklung anpassen kann, ist es dann nicht die schrumpfende Nachfrage, die Schwierigkeiten bereiten wird? Wenn die Geburtenzahlen sinken, verliert die Wirtschaft dann nicht ihre Konsumenten? „Nachfrage“ ist keine feste Größe. Wenn sie es wäre, wäre unsere Nachfrage schon gedeckt. Bei der enormen Wohlstandssteigerung der letzten Jahrzehnte müsste jeder Bürger der Bundesrepublik mit dem, was er hat, eigentlich zufrieden sein. Das ist aber nicht so. In der Regel beschweren sich die Menschen nach wie vor über zu wenig und nicht über zu viel Einkommen. Jeder einzelne Europäer fragt mehr Güter und Dienstleistungen nach als ein ganzes mittelalterliches Dorf zusammen. Eine Milliarde Erdenbewohner des 22. Jahrhunderts könnten ein Vielfaches der Güter und Dienstleistungen nachfragen, die heute alle 6 Milliarden zusammen konsumieren.
Ein Lebensstandard, der Bill Gates oder Madonna gefällt, würde auch vielen anderen gefallen. Theoretisch könnte – wenn man die Zeitachse der Produktivitätsentwicklung nur weit genug in die Zukunft verlängert, ein solcher Lebensstandard, der heute nur den Reichsten offen steht, irgendwann einmal fast jedem Erdenbürger zuteil werden. Betrachtet man die technologische Entwicklung der letzten 200 Jahre, vergleicht die Welt des Jahres 1800 mit der Welt des Jahres 2000, dann kann man nicht sagen, dass das besonders weit hergeholt ist. Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass wohl auch im Jahr 2200 noch über „soziale Ungerechtigkeit“ und „relative Armut“ geklagt wird, selbst wenn die Höhe des Lebensstandards alle heutigen Maßstäbe sprengen wird.

Ohne Zweifel kann man sich eine marktwirtschaftlich verfasste, arbeitsteilige Welt vorstellen, in der die Menschen „Hunger“ nur noch aus dem Geschichtsbuch kennen, so wie die heutigen Westeuropäer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen sind, niemals Hunger erfahren haben. Das mag wie eine Utopie erscheinen, dabei muss man aber bedenken, dass wir heute bereits in einer Utopie leben. Hätte irgendjemand Anfang des 19. Jahrhunderts in einem Buch einen Zustand beschrieben, in der wir heute in Westeuropa leben, einen Zustand, in der ein kleiner Prozentsatz von Menschen mit großen Maschinen die Lebensmittel für die übrigen 95 Prozent produzieren und selbst die Armen mehr konsumieren können als selbst die Reichen damals, man hätte ihn leicht für verrückt erklären können. Ebenso, wenn jemand behauptet hätte, die Weltbevölkerung könne sich in Laufe des folgenden Jahrhunderts mehr als vervierfachen. Das Problem ist nicht die Ökonomie, nicht die Demographie und nicht die Ökologie – jede dieser Herausforderungen ist durch dezentrale Anpassung lösbar – das Problem sind die weltpolitischen Rahmenbedingungen.

Von diesen weltpolitischen Rahmenbedingungen – dem Ausbau der globalen Arbeitsteilung und des Kapitalverkehrs, des Freihandels und der Freiheit autonom und zentrale Bevormundung auf Herausforderungen antworten zu können, hängt es ab, ob sich die Voraussage des Soziologen Karl Otto Hondrich erfüllt: „Nach und nach werden alle Kulturen sich umstellen: von einer breiten Reproduktionsphase mit hoher Sterblichkeit auf eine schmale Basis lange lebender Individuen; von einem risikoreichen auf ein verhältnismäßig sicheres Leben; von einer biologischen Entwicklungsstufe, in der die schiere Zahl der reproduzierten Organismen über den Fortbestand der Spezies entschied, zu einer soziokulturellen Stufe der Evolution, in der die Teilung der sozialen Aufgaben die Fähigkeit der menschlichen Spezies, Probleme zu lösen, ins Unermessliche steigert.“

03. Juni 2011

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