16. Juli 2011

Der vergessene republikanische Präsidentschaftskandidat Gary Johnson

„Toleranz ist amerikanisch“

Er hat den Everest bestiegen. Aber jetzt hat Gary Johnson sich ein schwierigeres Ziel gesetzt: republikanischer Kandidat für 2012 zu werden. Auf den ersten Blick sieht das hoffnungslos aus. Außerhalb seines Heimatstaats New Mexico ist er fast unbekannt, in den Medien wird er abgetan oder gleich ganz ignoriert. Und seine Kampagne muss mit einem minimalen Budget zurechtkommen. Doch auf den zweiten Blick sieht es ganz danach aus, als wenn er es schaffen könnte, vielleicht noch nicht 2012, aber dann 2016.

Gary Johnson hat sein Handwerk gelernt. Jahrgang 1953, wuchs er in New Mexico auf. Dort gründete er sein eigenes Unternehmen mit nur einem Mitarbeiter: sich selbst. Er bot Handwerksdienste an und schaffte es in wenigen Jahren, eines der größten Bauunternehmen New Mexicos aufzubauen. Nicht allein frustriert über hohe Steuern, entschloss er sich zu den Gouverneurswahlen 1994 anzutreten. Als er bei den Republikanern anklopfte, rieten ihm die Profi-Politiker bitte erst einmal die Ochsentour zu gehen. Er ignorierte diesen Rat und gewann die Nominierung. Doch der schwerere Teil sollte noch kommen. New Mexico hat doppelt so viele registrierte Demokraten wie Republikaner. Mit einer Kampagne für einen schlankeren Staat, die nur auf Inhalte abstellte und bei der er seine Gegner nie auch nur erwähnte, entschied er die Wahl klar für sich.

Schon im ersten halben Jahr seiner Amtszeit zeigte Gary Johnson, dass seine Wahlkampfversprechen kein leeres Gerede waren. Er legte sein Veto gegen mehr als 200 Gesetzesvorlagen ein und suchte die öffentliche Diskussion mit der Frage: Sollte das der Staat wirklich machen? Sein Argument: Machen wir eine Kosten-Nutzen-Analyse. Dem kann kaum jemand widersprechen, und das Verhältnis von Kosten zu Nutzen ist erbärmlich. Mit Gusto spricht er noch heute über eine Gesetzesvorlage, dass Besitzer von Tierhandlungen ihre Katzen und Hunde dreimal die Woche trainieren müssen. Ja, er finde das natürlich auch ganz toll, schmunzelt er. Aber soll man wirklich eine Hunde-und-Katzen-Trainingspolizei zur Kontrolle hinterherschicken?

Nach vier Jahren waren seine Mitbürger so zufrieden mit Gary Johnson, dass sie ihn mit einer noch größeren Mehrheit wiederwählten. Und er machte weiter. Insgesamt fielen 750 Gesetzesvorlagen seiner Kosten-Nutzen-Analyse zum Opfer, davon ein Drittel republikanische. Er legte mehr Vetos ein als alle anderen Gouverneure zusammen. Das Ergebnis: In acht Jahren wurden keine Steuern erhöht, sondern vierzehnmal die Steuern gesenkt, der Staatsapparat schrumpfte um mehr als 1.000 Beamte, und New Mexico hatte am Schluss einen Haushaltsüberschuss. 1999 erregte er dann nationales Aufsehen, als er den Drogenkrieg als gescheitert anprangerte und eine Legalisierung von Marihuana forderte. Offenherzig gab er zu, selbst gekifft und dabei nie exhaliert zu haben.

Auch heute ist er noch in seinem Heimatstaat sehr beliebt, anders als alle anderen Ex-Gouverneure, die antreten. Aber nach zwei Amtszeiten war Schluss. Fürs erste zog er sich aus der Politik zurück und widmete sich seiner Leidenschaft: Ausdauersport und Bergsteigen. Allerdings fand er dabei immer noch Zeit, Initiativen wie die zur Legalisierung von Marihuana zu unterstützen. Schon für die Wahl 2008 als möglicher Kandidat gehandelt, entschied er sich stattdessen, Ron Paul zu unterstützen. Im April 2011 kündigte er dann seine Kandidatur als erster per Twitter an.

Das größte Problem für Gary Johnson ist sein geringer Bekanntheitsgrad. Aber das ist auch fast sein einziges Problem. In New Mexico, wo man ihn kennt, ist er nach Umfragen der einzige Republikaner, der eine Chance gegen Obama hätte. Liest man in Internetforen die Reaktionen von Leuten, die zum ersten Mal auf ihn stoßen, so sind zynische Kommentare nicht selten. Politiker versprächen doch alles, um gewählt zu werden, und hielten es dann nicht ein. Schauen sie sich dann Gary Johnson näher an, kann das in ungläubige Begeisterung umschlagen.

Ein Beispiel: In einem Forum schreibt ein bekennender Progressiver, also weit links im amerikanischen Spektrum stehend, dass er überlegt, sich als Republikaner zu registrieren, um die  schlimmsten Kandidaten zu verhindern. Etwas später editiert er seinen Post: „Wenn Sie wirklich die bürgerlichen Freiheiten wiederherstellen, dann stimme ich für sie sogar bei den Wahlen.“ Und etwas später editiert er seinen Post noch einmal: „Holy crap. You might be the real deal.“ Die Reaktion ist nicht ungewöhnlich und zeigt, wie breit Gary Johnson Wähler ansprechen kann, die mit dem eingefahrenen Parteiensystem und der Gängelei bei bürgerlichen und/oder wirtschaftlichen Freiheiten unzufrieden sind.

Für einige Monate schien die Kampagne von Gary Johnson zu versanden. Zwar wurde er zur ersten Debatte der republikanischen Kandidaten eingeladen, dann aber von CNN aus der zweiten mit fadenscheinigen Gründen herausgehalten. Doch in den letzten Wochen hat es Gary Johnson verstanden, mit einfachsten Mitteln durchzudringen. Der erste Schlag kam aus einer ungewöhnlichen Richtung. Im April hatte die Bundesregierung die größten Websites für Online-Poker zerschlagen. Die Wut der Pokerspieler hatte nur Gary Johnson mitbekommen. Als er sich für die Freiheit des Glücksspiels aussprach, war die Resonanz riesig, und bald stellte sich einer der größten Verbände hinter ihn. Als nächstes plädierte er in einem Artikel für CNN für die Freigabe von Marihuana. Binnen kurzem bekam er Tausende von enthusiastischen Kommentaren.

Doch sein bis jetzt größter Coup gelang ihn unter dem Slogan „Toleranz ist amerikanisch“. Angefangen hatte es mit dem sogenannten „Family Leader Pledge“, mit dem die Kandidaten auf eine Art christlicher Scharia eingeschworen werden sollten. Das traf bei Gary Johnson einen Nerv. Schließlich vertritt er die Legalisierung von Prostitution, Trennung von Staat und Kirche, Fristenregelung und eine wohlwollende Haltung gegenüber Schwulen. Und für amerikanische Verhältnisse gewagt: Er geht nicht in die Kirche.

Michele Bachmann und Rick Santorum sprangen sofort auf den Zug auf. Und Gary Johnson gab Paroli: In einer scharfen Erklärung geißelte er das Gelöbnis als „anstößig und unrepublikanisch“. „Während der Family Leader Pledge fast jede sogenannte Tugend abdeckt, die ihnen einfällt, gibt es eine, die auffällig fehlt: Toleranz. In einem knappen Dokument schaffen sie es, Schwule, alleinerziehende Eltern, Singles, Geschiedene, Moslems, Schwule im Militär,  unverheiratete Paare, Frauen, die sich für Abtreibung entscheiden, und alle, die nicht in ein Bild von Norman Rockwell passen, zu verdammen.“ – „Diese Art von Rhetorik ist, was Republikanern einen schlechten Namen gibt.“

Mit einem Videoclip, von dem jemand auf Youtube meinte, er sei wohl mit einem Budget von zehn Dollar entstanden (die Kosten) führte er noch einmal die Heuchelei vor: Wofür der Family Leader Pledge steht, sei nicht amerikanisch: „Toleranz ist amerikanisch.“ Der Zuspruch ist seitdem groß (der Nutzen) und nun gewinnt die Kampagne an Fahrt. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Wie die „Conservative Daily News“ Anfang des Jahres formulierten: Gary Johnson könnte der „Sleeper Candidate“ dieser Wahlsaison sein.


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Hansjörg Walther

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