19. Juli 2011

Lagerhaltung Das neue Herz des Wirtschaftslebens

Eine Ode an die Lagerhalle

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Online-Transaktionen werden bald zehn Prozent des gesamten Einzelhandelvolumens umfassen, ein Anteil, der derzeit exponentiell wächst. Wir klicken und bezahlen und das Produkt wird, sofern es keine digitale Ware ist, innerhalb einiger Tage geliefert. Wer erinnert sich noch an „sechs bis acht Wochen Lieferzeit“? Das gibt es nicht mehr. Alles kommt schnell. Sollte die Ware nicht auf Lager sein, werden wir benachrichtigt. Wird sie versendet, werden wir benachrichtigt. Wir können online den Weg unserer Pakete und jeden Zwischenstop nachvollziehen.

Die Ware geht direkt vom Hersteller in die Lagerhalle und dann zu uns nach Haus, wobei auf Ausstellungsregale, Schaufenster, Geschäfte, das Verkaufspersonal und alles andere innerhalb dieser Verkaufskette verzichtet wird. Der anspruchsloseste Abschnitt – der Abschnitt, der im modernen Handel zunehmend an Bedeutung gewinnt – ist jener der Lagerhalle, wo die Produkte ruhen und auf den Entschluss des Kunden warten, sie aus ihrem Schlummer zu wecken.

Die Lagerhalle war historisch betrachtet schon immer ein Bestandteil der Geschäftswelt. Sogar Jesus erzählt in einer Parabel vom Besitzer eines Getreidelagers, der mehr und mehr Getreide scheffelte, ohne jemals etwas zu verkaufen und letztendlich starb. Ja, so endet die Geschichte.

Heutzutage erlangt die Lagerhalle immer mehr Bedeutung. Die Globalisierung und Digitalisierung des Handels hat die Lagerhalle von einer nützlichen Einrichtung in das Herz des Wirtschaftslebens verwandelt. Die Technik, mit der die Lagerhalle betrieben wird, hat innerhalb der letzten zehn und selbst der letzten fünf Jahre einen Umbruch erlebt. Einst lief alles über Telefax und Schreibmaschinen. Heute können Cloud-Internetdienste Lagerhallen rund um die Welt mit einem Dutzend verschiedener Lieferanten und hunderten von Online-Shops verbinden, die innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde miteinander kommunizieren. Die Zeit zwischen dem Kauf des Endverbrauchers und dem Druck des Paketaufklebers hat sich auf Minuten reduziert. Es ist absolut möglich, um 20 Uhr zu bestellen und die Ware am nächsten Tag zu erhalten, sogar ohne für eine Eilzustellung zu bezahlen.

Trotz dieser unglaublich modernen Technik ist die Lagerhalle so abgeschieden wie ein mittelalterliches Kloster. Ihr eigentlicher Zweck ist nicht die Erlösung der Seelen im Jenseits, sondern die Besserstellung der Menschheit im Diesseits.

Im ganzen Land verzeichnen Kommunen enorme Zuwächse bei der Nachfrage nach Lagerhallenflächen. Die Aufträge werden immer überwältigender: 1.000 Quadratmeter; 10.000 Quadratmeter und sogar 60.000 Quadratmeter. Von Küste zu Küste entstehen ganze Gemeinden, die aus nichts anderem als riesigen Metallgebäuden mit Be- und Entladerampen bestehen. Dasselbe passiert in China, Indien, Malaysia und Lateinamerika. Vorher unbewohnte Gebiete – Lagerhallen entstehen in eher preisgünstigen Lagen – werden von heute auf morgen umgewandelt.

Bemerkenswerterweise werden die meisten Menschen niemals eine Lagerhalle betreten und dessen seltsame, geschäftige aber dennoch beschauliche, Umgebung erfahren, die es so auf dieser Erde nicht nochmal gibt. Die Beleuchtung ist schwächer als man erwartet und sonderbar, weil sie in einem riesigen, fensterlosen Raum existiert, der auf allen Seiten fest abgedichtet ist. Das einzige natürliche Licht, das man sehen kann, kommt von der Laderampe, einer Fläche, die dem ansonsten orientierungslosen Hohlraum eine räumliche Ausrichtung und Bestimmung gibt. Die Decken sind unnatürlich hoch, und die Regale ragen bedrohlich in die Höhe. Die optische Ausrichtung ist vertikal und horizontal gleichmäßig verteilt, wie eine alte europäische Kathedrale, und die Angestellten steuern bequem sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.

Sie können auf ihren Spezialmaschinen genauso schnell von einem zum anderen Punkt eilen, wie sie in die Höhe gelangen können. Ihre digitalen Aufzeichnungen könnten den Bedarf nach einer 50 Meter hoch befindlichen Palette anzeigen, sie durchqueren den Raum und kommen scheinbar in Sekunden mit ihrer Beute – die mehrere tausend Kilo wiegen kann – zurück. Sie machen dies, ohne von irgendjemandem einen Kommentar oder gar Beachtung zu bekommen. Sie sind gleichgültig gegenüber diesen Meisterleistungen, die Besucher in Erstaunen versetzen. Die Angestellten im Lager reden tatsächlich nur, wenn es einen Grund dafür gibt. Und wenn sie reden, benutzen sie ausschließlich ihre Fachsprache. Es klingt wie ein Code, aber sie alle verstehen einander. Die Lautstärke ihrer Stimmen ist gering und sie sprechen in leiseren Tönen, als man erwarten würde. Die Temperatur variiert je nach Jahreszeit, aber die Lagerhalle ist bis auf die Laderampe auf allen Seiten fest versiegelt. Im Winter kann es mächtig kalt werden, dann tragen die Angestellten im Gebäude schwere Mäntel und Handschuhe – und unangenehm warm im Sommer – aber immer ist es angenehmer als außerhalb des Gebäudes.

Nichts in der Lagerhalle wurde entworfen, um schön zu sein, aber die reine Zweckmäßigkeit jedes physischen Teiles kreiert ihre eigene Schönheit. Ihre Ordentlichkeit – nichts geht verloren – entspricht einer uralten Definition von Schönheit an sich. Und die Sauberkeit ist ebenso überraschend. Sicherlich würde es in einer derart gigantischen Fläche, die nur für die Lagerung von Gegenständen genutzt wird, Ecken voller Staub und Schmutz geben. Nicht hier. In der besten Lagerhalle kann ein weißer Handschuh alles berühren und strahlend weiß bleiben.

Die Geräusche, die man hört, sind fast gänzlich mechanischer Natur: piepen, brummen, schleifende Fließbänder, Stempelmaschinen, ankommende und abfahrende Lastwagen. Sie können wahllos und laut sein; aber nichts bringt diejenigen, die dort arbeiten, aus der Ruhe. Man fängt an, alle Bewegungen im Raum allein durch die Geräusche zu erkennen, genau so wie man die Aktivitäten der Personen im eigenen Haus anhand der Geräusche erkennt, die sie machen.

Was für Leute arbeiten hier? Es gibt Festangestellte und befristet Beschäftigte, die darauf spezialisiert sind, in absatzstarken Zeiten auszuhelfen. Es gibt Vorgesetzte, Eigentümer, Männer fürs Grobe, Buchhalter, Manager, Verpacker und den unvermeidlichen Computerfreak, der hinter den Kulissen die Software bedient. Den ganzen Tag lang erledigen sie ihre Aufgaben, aber während der Mittags- und anderer Pausen, die so regelmäßig sind wie die Gebetszeiten im Kloster, pflegen sie bestens Kontakt miteinander. Dann reden sie über alles außer das Geschäft. Sie weiden sich an den Unterschieden ihrer Essgewohnheiten, reden über Filme, teilen Hinweise über Happy Hours und finden Gemeinsamkeiten bei den üblichen Freuden und Leiden des Alltags. Dann meldet die Uhr, dass es Zeit wird, die Arbeit wieder aufzunehmen und der Ort beginnt mit dem koordinierten und geregelten Mechanismus der Maschinen, Software und menschlichem Fleiß zu brummen: eine glanzvolle Integration aller in dieser Welt möglichen Formen der Bewegung.

Jeder in der Lagerhalle aufbewahrte Gegenstand ist in wirtschaftlicher Hinsicht scheinbar nutzlos, augenblicklich weder im Konsum oder in der Produktion im Einsatz. Alles wird hier unter der Annahme gehalten, dass irgendwer es irgendwann kaufen wird. Das kann nicht mit Gewissheit gesagt werden. Es ist Spekulation, eine unternehmerische Entscheidung, die richtig oder falsch sein kann.

Gäbe es perfekte Informationen über die Zukunft, würde die Lagerhalle gar nicht existieren. Alle Güter würden allein auf einer Bedarfsbasis produziert werden; Lagerung wäre weder erforderlich noch notwendig. Trotz ihrer Stille und geordneten Ruhe verkörpert die Lagerhalle somit einen wilden Sprung ins ungewisse – ein physisches Monument der menschlichen Fähigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen, die wir nicht sehen können. Dies ist kein Fehler im System. Es ist eine seiner Eigenschaften. Und dasselbe gilt für das alte Bankwesen, das ebenfalls eine Lagerfunktion erfüllte. Das Geld lag nicht nutzlos herum, entgegen den Aussagen der Gegner des Goldstandards und den Drückern des Teilreserve-Banksystems. Mitnichten. Geldlagerung war eine Dienstleistung, die die Realität einer unsicheren Zukunft akzeptierte.

Nicht Regierungsaufträge haben die Entstehung dieser Lagerhallen verursacht. Tatsächlich sind wir, die Konsumenten, die Verursacher, nicht durch direkte Forderungen, sondern aufgrund subtiler Marktsignale, die bei der Interpretation von Wirtschaftlichkeitstabellen herausgelesen wurden.

Hayek würde hier den Begriff „spontane Ordnung“ benutzen, aber bei der Lagerhalle liegt die Betonung auf Ordnung. Sie ist ein erstklassiges Beispiel dafür, wie ein Markt von allein funktioniert, ohne dass irgendein Bestimmter dafür verantwortlich ist, und diese Elemente der Koordination erschaffen kann – eine sinfonische Zurschaustellungen von Produktivität im Dienste der Menschlichkeit.

Tief in der Geschichte verwurzelt und dennoch eigenartig modern, hat sich die Lagerhalle mit eigener Kultur, Gestalt und Grundsätzen entwickelt, sie sämtlich durch Marktsignale und unternehmerische Erkenntnisse geschaffen und geformt worden sind.

Information:

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 11.7.2011 auf der Webseite mises.org unter dem Titel „Ode to the Warehouse“ veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.


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Jeffrey A. Tucker

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