22. Juli 2011

EU-Finanzkrise Banken sollten für ihre Länder sterben

Nicht umgekehrt

Als 1922 griechische Armeen versuchten, Westanatolien zu erobern, wurden sie durch den türkischen Militärführer Mustafa Kemal Atatürk in die Flucht geschlagen. Hunderttausende ethnische Griechen aus den ionischen Küstengebieten wurden entwurzelt. Nach diesem Debakel knöpften sich griechische Offiziere drei ehemalige Premierminister, einen General und zwei weitere Politiker vor, die den türkisch-griechischen Krieg geführt hatten, und erschossen diese. Die Griechen jubelten.

Heute müssen sich viele Griechen eine ähnliche Bestrafung ihrer Politiker und Banker wünschen, die für die Staatspleite und niederschmetternde 500 Milliarden Dollar Schulden verantwortlich sind. Seit Jahrzehnten haben Griechenlands konservative und sozialistische Parteien gleichermaßen Stimmen gekauft, indem sie sehr bequeme, überflüssige Beamtenjobs, hohe Pensionen und Beihilfen verteilt haben, die Griechenland in die Knie zwangen. Nennen wir es staatlich unterstützte Faulheit. Politiker wissen, dass ihre Partei garantiert kontinuierlich an der Macht bleibt, solange sie 51 Prozent der Bevölkerung auf die Gehaltsliste der Regierung setzen können.

2010 wurde Europa von der zweiten Phase der andauernden US-Finanzkrise getroffen. Griechenland, Irland, Portugal und Spanien gerieten in finanzielle Schwierigkeiten, wodurch das beängstigende Ausmaß offenbart wurde, wie sehr unkontrollierte, amoklaufende Banken und Geldverwalter Europas wirtschaftliche Grundlagen durch Spekulation und reine Zockerei vergiftet hatten. Nach intensiven Gesprächen haben Griechenlands EU-Partner und der Internationale Währungsfond gerade noch Griechenlands drohenden Zahlungsausfall seiner Altschulden durch einen 165 Milliarden Dollar Kredit abgewehrt. Aber Athen muss bald weitere enorme Zahlungen leisten. Das EU-Hilfspaket häuft weitere Schulden auf Griechenlands ohnehin gewaltigen Schuldenberg – so wie es Präsident Barack Obama in den USA tut.

Die Papandreou-Regierung betet, dass die EU weitere 150 Milliarden Euro bereitstellt, damit Griechenland zwei weitere Jahre durchhält. Deutschland und die wohlhabenden EU-Mitglieder aus dem Norden sind wütend über Griechenland und sträuben sich, für dessen Verschwendung zu zahlen. Aber Griechenland kann unmöglich durch Kosteneinsparungen und den Verkauf von Vermögenswerten seine Schulden abbezahlen. Ein Zahlungsausfall in irgendeiner Form ist unvermeidlich. Das jüngste EU-Rettungspaket verzögert den Tag des Ausfalls lediglich.

Aufrufe an Griechenland, der EU den Laufpass zu geben, die alte Drachme wieder einzuführen und diese dann abzuwerten, gehen in die falsche Richtung. Griechenland produziert und exportiert wenig Werthaltiges. Mit Feta, Oliven und Reiseveranstaltungen werden Griechenlands Schulden nicht bezahlt werden können. Ein Austritt aus der EU würde die griechischen Banken zum Einsturz bringen und die gigantische Landwirtschaftshilfe der EU beenden.

Griechenland nutzt dieselbe Angstmacherei-Taktik, die die angeblich „to big to fail“, insolventen Banken im Jahr 2008 einsetzten: „Wenn ich untergehe, reiße ich jeden mit.“ In diesem Fall betrifft dies Europas große Banken. Drei große französische Banken, BNP, Crédit Agricole, Société Général, halten große Brocken an Griechenlands Schulden. Sollte Griechenland zahlungsunfähig werden, geht das Geschrei, könnten französische, deutsche und belgische Banken Pleite gehen.

Es geht wieder los. Politiker haben nicht nur zugelassen, dass die Banken größer als die verarbeitende Industrie wurden – insbesondere in den Vereinigten Staaten, wo die fünf größten Banken 40 Prozent aller Einlagen kontrollieren –, sondern auch, dass sie so mächtig, übergroß und riskobehaftet wurden, dass sie eine Gefahr für sich selbst und die Öffentlichkeit darstellen. Banker, die in griechische Schulden oder minderwertige US Hypotheken investiert haben, sind gierige Narren und sollten gefeuert und nicht gerettet werden. Wir hören sie rufen: „Lehman Brothers II!“ Und „wir wissen nicht, welche dunklen Finanzgeschäfte die Banken miteinander verbinden.“

Griechenlands einzig machbare Lösung besteht darin, seine Verpflichtungen nicht einzuhalten, wie Argentinien pleite zu gehen und neu anzufangen. Wenn das europäische Bankensystem ein derartiges Kartenhaus ist, dass das Scheitern Griechenlands mit nur zehn Millionen Einwohnern es zum Einsturz bringen kann, sollte es verstaatlicht, saniert und als Privatunternehmen wieder betriebsfähig gemacht werden. Die USA sollten dasselbe tun, statt insolventen Banken das Weiterleben als Finanzzombies zu ermöglichen. Europas Banken werden zweifellos erschüttert werden, aber sie werden den Schock überleben, so wie das US-Bankensystem 2008 überlebt hat. Es wird Zeit für die europäischen Banken, diese uneinbringlichen Forderungen aus ihren Bilanzen zu entfernen. Rettungsgelder sollten falls nötig auf Spanien und Italien konzentriert werden.

Es wird Zeit, dass die Banker für das verursachte Durcheinander, ihre Gier und Zügellosigkeit bezahlen. Erst kürzlich haben wir erfahren, dass die US-Regierung Goldman Sachs während der Krise im Jahr 2008 15 Milliarden Dollar geliehen hat. Goldman hätte man bankrott gehen lassen sollen. Die Welt wäre ohne diese Bank besser dran. Aber die skandalöse inzestuöse Beziehung zwischen den Geldverleihern bei Goldman und der Regierung rettete deren Haut auf Kosten der Allgemeinheit.

Kein Wunder, dass die Griechen so wütend sind. Sie müssen für die Sünden ihrer Politiker und Banker bezahlen, deren Bonuszahlungen ein Allzeithoch erreicht haben. Das aktuelle EU-Rettungspaket für Griechenland rettet in Wirklichkeit die Banken, nicht die griechischen Bürger. Genauso hat die US-Regierung Wall Street gerettet und bereichert, und der einfache Bürger zahlt die Zeche.

Das Finanzwesen ist unsere neue Staatsreligion. Die Macht der Banken muss eingeschränkt und unter Kontrolle gebracht werden. Wieviele weitere Krisen brauchen wir, bis diese Lektion erkannt wird?

Information:

Dieser Artikel wurde zuvor in englischer Sprache am 09.7.2011 auf der Webseite des Autors unter dem Titel „Banking has become our state religion“ und am 12. Juli 2011 auf der Webseite Lewrockwell.com unter dem Titel „Banks Should Die for Their Country, Not Countries for Their Banks“ veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.


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