27. Juli 2011

Athanasios die Glosse Besser ein unzufriedener Veganer...

Henryk M. Broder und die Kannibalen

Schuldlos steht nun Henryk M. Broder in der Schusslinie. Was hat er nur getan? Er hat sich vor fünf Jahren als unzufriedener Mensch zu erkennen gegeben: Statt den Muslimen, die in aller Welt keine Comics leiden mögen, mit einer Gegenoffensive zu begegnen, erweise sich der Westen im Kampf der Kulturen als Papiertiger, „dessen Gebrüll nur vom Band kommt.“ Weil er damit als Gründervater in der „Europäischen Unabhängigkeitserklärung“ von Oslo auftaucht, wird Broder plötzlich von Türken als „geistiger Brandstifter“ verhetzt. Aber nicht mit ihm.

Er würgt den Vorwurf mit einem geistreichen Vergleich ab: „Das ist so logisch und überzeugend, als würde jemand Kannibalen und Veganer gleichzeitig für den Niedergang der Esskultur verantwortlich machen.“ Broder ist nicht nur Veganer, er ist auch ein begnadeter Dompteur. Als erster seines Standes hat er geschafft, dem deutschen Säbelzahntiger die angeblich wesensmäßige Blutrünstigkeit auszureden. Er redet ihm sogar – erfolgreich – ein, dass er ein gar zu nettes Kätzchen geworden sei und nicht schlecht daran tue, nach Jahrzehnten vegetarischer Nahrung wieder auf Mausen umzustellen. Dass der Tiger einmal seine, des Dompteurs, Familie angefallen habe, sei vergessen, wenn er gelobe, nicht aus lauter Mausliebe die Mauslime auf dem Tisch tanzen zu lassen. Wen wundert, dass es Broder mit solcher Ti(g)erliebe zum Star im deutschen Medienzirkus geschafft hat?

Was der deutsche Tiger nur widerstrebend schluckt, kriegt der norwegische Fjellfräs in die falsche Kehle. Der Kannibale von Utøya, dem Utopia der politisch Inkorrekten, hat wie jeder gute Menschenfresser seinesgleichen verspeist: westliche Protestanten – und glaubt damit auch noch, 100.000 andere aufzuwiegen, „die nur Interessen haben“, aber keine Esskultur. Für den Künstler mit dem Feuerreif ist das falsch angewandter John Stuart Mill: Besser ein unzufriedener Veganer als ein zufriedener Vielfraß.


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