27. Juli 2011

General Sprung in der Schüssel Ein Massenmörder mit Messias-Komplex

Pathologische Egomanie als Triebfeder extremistischer Gewalt

In jeder Gesellschaft gibt es einen gewissen Prozentsatz von Leuten, die – salopp gesagt – einen „Sprung in der Schüssel“ haben. Für diesen „Sprung in der Schüssel“ hat die moderne Psychologie verschiedene Krankheitsbilder identifiziert wie etwa Depression, Paranoia, Neurose, zwanghafte Persönlichkeit oder Wahnvorstellungen. Im Grunde geht es dabei um eine begriffliche Annäherung an bestimmte Eigenarten, die man gehäufter bei einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung feststellt.

Ob diese Eigenarten durch die Behandlung in der frühen Kindheit entstehen, ob sie teilweise genetisch bedingt sind, oder ob einfach zur falschen Zeit die falsche Persönlichkeit unter falschen Umständen die falschen Gedanken in den falschen Hals bekommen hat, ist noch umstritten. Wahrscheinlich ist es wie immer eine Mischung aus alledem. Dies ist kein Plädoyer für eine Psychiatrisierung der Gesellschaft: Solange man sich an das Gesetz hält, hat jeder Bürger auch ein Anrecht darauf, seinen persönlichen Komplex zu hegen und zu pflegen. Bedeutende Leute verstanden es sogar, ihre inneren Zwänge in konstruktive Leistungen zu überführen, man denke etwa an Vincent Van Gogh. Andere suchen professionelle Hilfe und wieder andere lernen einfach, damit zu leben.

Es gibt kein letztgültiges Kriterium dafür, wo das emotionale Normalmaß aufhört und die Macke anfängt. Ein zentrales Merkmal ist die extreme Übertreibung von im Kern durchaus nachvollziehbaren Verhaltensweisen und Einstellungen. Sich vor dem Essen die Hände zu waschen ist ein sinnvoller Akt der Hygiene, sich am Tag hundertmal die Hände zu waschen und in einem Sauberstoffzelt zu schlafen, weil man überall die Bedrohung durch schädliche Keime sieht und nur noch Bücher über Virologie liest, ist offensichtlich eine zwanghafte Übertreibung. Es gibt keine politische Idee, die man nicht so übertreiben kann, dass sie am Ende absurd wird und zu gewalttätigen Konsequenzen führt. Wenn man sich zum Beispiel über die Zugverspätungen der Bahn aufregt und sich beschwert, dann ist das für jeden nachvollziehbar, wenn man die Verspätungen der Bahn zu seiner fixen Idee macht und eines Tages loszieht um einen Zug entgleisen zu lassen und dabei Hunderte von Toten in Kauf nimmt, um sich dann als Rächer der Fahrgäste zu stilisieren, ganz offensichtlich nicht. So in etwa hat sich der norwegische Terrorschütze Anders Breivik verhalten, der eine Bombe zündete, ein Zeltlager mit Jugendlichen angriff und 76 Menschen ermordete. Gerechtfertigt sah er das durch seine persönliche politische Erleuchtung, einem merkwürdigen Brei aus Biographischem, Antimarxismus, Antiislamismus, Freimaurerei, Christentum und Gewaltphantasien.

Wenn man betrachtet, wie er seine Lesefrüchte zur ultimativen Weltanschauung erklärt und quasi bibelartig in einem 1500-seitigen Manifest ausbreitete, sich die Bilder von Anders Breivik ansieht und wie er sich dort inszeniert, einschließlich Posing mit Waffe und in Pseudouniform wie ein General mit Orden und Lametta, dann kommt man zu dem Ergebnis: hier war ein Typ auf dem Trip, auf dem Ego-Trip. Nur hat sich General Sprung in der Schüssel nicht die Fernsehsendung „Norwegen sucht den Superstar“ für seine Selbstdarstellung ausgesucht, sondern den politisch verbrämten Massenmord. Hätte Breivik nicht gerade einige Dutzend Menschen umgebracht, wäre er nicht mehr als ein Polit-Clown, von denen sich Abertausende im Narrensaum der Politik tummeln, wobei man das „Polit-„ eigentlich sogar weglassen könnte. Erst das unfassbare Verbrechen, das der Mann zu verantworten hat, hat aus einem Niemand eine Figur der Zeitgeschichte gemacht. Tatsächlich ist wohl genau das der Aspekt der Tat, der die Tat erklärt – der Vorgang der Transformation vom Niemand zum Jemand. Es geht hier um einen Komplex, der in seiner Bedeutung nicht hoch genug gewichtet werden kann, denn er bietet einen Ansatz zur Erklärung der Triebkräfte für politischen Mord ebenso wie für totalitäre Herrschaft: Das Phänomen der politischen Gewalt als Instrument der pathologischen Egomanie.

Die wichtigsten Denker, die sich im 20. Jahrhundert mit der Bedeutung der Eigenliebe als psychosozialen Faktor auseinandergesetzt haben, sind Alfred Adler, Dale Carnegie und Elias Canetti. Dale Carnegie hat zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung über den erfolgreichen Umgang mit Menschen gemacht, wie viel sich in dieser Welt um das Gefühl dreht, in irgendeiner Weise bedeutsam zu sein. Alfred Adler hat herausgearbeitet, wie aus persönlichen Kränkungen und dem Gefühl der Minderwertigkeit die Sehnsucht nach Größe und Macht entstehen kann. Elias Canetti hat beschrieben, wie sich die Sehnsucht des Ichs nach Unsterblichkeit in Massenherrschaft manifestiert. Dem liegt eine einfache Erkenntnis zu Grunde: Für jeden Menschen ist Eigenliebe wichtig und jeder wünscht sich Anerkennung und Aufmerksamkeit. Dieses Streben nach Selbstvergewisserung ist eine wichtige Triebkraft für Kunst, Kultur, Unternehmertum, Wissenschaft, sportliche Leistungen, Familiengründung, Sammelleidenschaft usw. Ebenso strebt jeder Mensch nach einen Stück Unsterblichkeit, etwa durch das Großziehen von Kindern, die Gründung eines Unternehmens, die Schaffung eines bedeutenden Werkes.

Bei einigen Menschen nimmt dieses Streben jedoch Züge pathologischer Geltungssucht und Selbstüberschützung bis hin zum Größenwahn an. Sie sehnen sich danach, dass die Menschheit den Boden küsst, auf dem sie wandeln und an ihrem Wesen die Welt genesen soll. Sie entfalten einen Messias-Komplex und suchen sich eine Ideologie als Vehikel, die ihnen erlaubt diesen übersteigerten Narzissmus zu befrieden. Die Erkenntnis unwichtig zu sein, erfüllt sie mit einem Gefühl von Leere, um diesem zu entkommen ist ihnen jedes Mittel recht. Darum suchen sie sich eine Mission, einen „göttlichen“ Auftrag und schaffen sich ein Weltbild, in dem sie die Sonne sind, um die die Planeten kreisen.

Deshalb zieht die politische Sphäre Irre an wie das Licht die Motten. Denn die politische Sphäre ist mit Bedeutsamkeit aufgeladen, und Bedeutsamkeit ist das, was die Egomanen dieser Welt ersehnen. In der Politik gibt es die Mechanismen von Idealisierung und Dämonisierung. Das heißt, persönliches Verhalten wird völlig anders gewichtet, als wir das aus dem normalen Leben gewohnt sind. In der Politik werden Menschen zu Ikonen und Symbolen stilisiert, die nicht mehr für sich selbst stehen, sondern für etwas Größeres. Sie ziehen Liebe und Bewunderung im selben irrationalen Maße auf sich wie Verachtung und Hass. Dabei vergisst man, dass Politiker und Menschen, die politisch handeln, in der Regel dieselben Stärken und Schwächen haben wie Hinz und Kunz. So wie Hinz und Kunz manchmal fremdgehen, manchmal opportunistisch sind, manchmal ein wenig zu ihren Gunsten abrechnen, so tun das Menschen in der Sphäre des Politischen natürlich auch. Es gibt in der Politik keine Götter und keine Teufel, es gibt einfach zu viele Leute, die zu viel Macht besitzen.

Die politische Öffentlichkeit gleicht aber sehr oft einem Zerrspiegel, in dem kleine Männer groß erscheinen. Was wäre Hitler, wenn er nie in die Politik gegangen wäre, sondern einem als WG-Partner, Nachbar oder Arbeitskollege begegnet wäre? Eine verkrachte Existenz mit zwanghaften Tagträumen von Architektur und nationaler Größe. Heute würde man so jemanden als Freak bezeichnen. In der Politik kann ein Freak zum Gott werden, und genau das ist der Grund, warum sich so viele Freaks zum Politischen hingezogen fühlen und in Macht oder in einer Ideologie ihren persönlichen Lebenszweck finden. Das gekränkte Ego und die politische Gedankenwelt gehen eine Symbiose miteinander ein. Das Ego gibt sich einen neuen Namen, es nennt sich jetzt Arbeiterklasse, Weltrevolution, Gott, Allah, Abendland, Staat. Die Auswahl möglicher Popanze ist groß. Pathologische Egomanie und politische Weltanschauung bilden dann zusammen ein explosives Gemisch. Der Nachbar, der sich in seiner Freizeit eine Uniform anzieht, wie Napoleon herumstolziert und dicke Pamphlete verpasst, ist einfach der komische Typ, der nicht richtig tickt. Wenn dieser Nachbar einer politischen Bewegung beitritt und durch den Zufall der Geschichte nach oben gespült wird, dann ist seine Macke plötzlich kein Ausdruck einer soziopathischen Persönlichkeit, sondern von Auserwähltheit und Genie. Wenn der pathologische Egomane Menschen ermordet oder ermorden lässt, dann ist es nicht mehr das kranke Ich, das seinen Tribut fordert, sondern die „Weltrevolution“, die „Rasse“, „Gott“ oder „Allah“.

Mann kann totalitäre ideologische Bewegungen sehr oft als eine Kerntruppe egomanischer Persönlichkeiten mit einem chronischen Mangel an Empathie beschreiben, die einen Weg aus der persönlichen Bedeutungslosigkeit in die Bedeutsamkeit suchen und bereit sind, dabei über Leichen zu gehen. Die Fahnen, die Aufzüge, die Parolen und das ganze Klimbim sollen zwar offiziell, der Religion, der Nation, der Arbeiterklasse oder der Rasse dienen, in Wahrheit dient sie der Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse einzelner, die sich anmaßen, im Namen von Kollektiven zu sprechen, die sie um ihre Meinung nie gefragt haben. Stalin ging es in erster Linie um Stalin, Hitler um Hitler, Mao um Mao und Bin Laden um Bin Laden. Auch Breivik ging es nicht um das Abendland, sondern um Breivik. Es ist kein Zufall, dass Stalin mehr Kommunisten umgebracht hat, als alle „faschistischen“ Regime zusammen und dass Hitler Deutschland am Ende mit sich ins Grab nehmen wollte. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass Breivik ausschließlich norwegische Landsleute umgebracht hat. Sie sind wie die zurückgewiesenen Liebhaber, die die Frau, die sie angeblich lieben, ermorden, damit sie kein anderer haben kann. Das zeigt deutlich, dass sie zwar von der Liebe zur Menschheit und dem Vaterland sprechen, aber im Grunde die Liebe zu ihrem eigenen Ego meinen.

Man findet die passende Typologie dazu schon lange bevor es so etwas wie eine moderne Psychologie gab, etwa bei Shakespeares Richard III: Der Mann mit dem Buckel, der beschloss, ein Bösewicht zu werden und nicht davor zurückschreckt, Minderjährige ermorden zu lassen – selbst in Shakespeares Dramenwelt der Königsmorde ein absolutes moralisches Tabu. Das Böse hat eine gewisse Anziehungskraft. Es tut dem Selbstwertgefühl wohler, ein großer Bösewicht zu sein als ein unbedeutender Niemand. Der Weg vom Spinner zum Dämon führt über die politische Gewalt. Diese Leute ziehen ihre Kraft aus dem Wunsch, ernst genommen zu werden. Das ist auch der Zweck der Gewalt, denn wer Gewalt anwendet, wird per se ernst genommen. Der geistig Verwirrte, der einen auf dem Bahnhof komisch anblafft, wird einfach stehen gelassen, der Verrückte, der einem ein Messer unter die Nase hält, wird als wichtiger Faktor für das eigene Wohlergehen wahrgenommen, und plötzlich ist man bereit, sich auf seine wirren Befindlichkeiten einzustellen.

Was will der politische Massenmörder, ebenso wie der Amokläufer oder Selbstmordattentäter. Die Antwort ist paradox: Er will überleben. Elias Canetti hat dieses Phänomen in seinem Buch „Masse und Macht“ analysiert. Dabei geht es nicht um physisches Überleben, sondern um das psychologische Bedürfnis nach Unsterblichkeit, die in den Phantasien vorweggenommen wird: „Die Genugtuung des Überlebens, die eine Art von Lust ist, kann zu einer gefährlichen und unersättlichen Leidenschaft werden. Sie wächst in ihren Gelegenheiten. Je größer der Haufen der Toten ist, unter denen man lebend steht, je öfter man solche Haufen erlebt, um so stärker und unabweichlicher wird das Bedürfnis nach ihm.“ Das Buch ist Jahrzehnte alt, aber passender kann man die Position des Massenmörders Breivik kaum beschreiben. Breivik will kein Märtyrer sein, sondern ein Popstar, für ihn gilt Canettis Diktum für Gewaltherrscher und solche, die es gerne wären: „Sie geben sich so, als gingen sie ihren Leuten in den Tod voran. In Wahrheit aber schicken sie sie in den Tod voraus, um selber länger am Leben zu bleiben.“

Bei diesen Morden ging es nicht um den Islam, um Marxismus, um Europa, Christentum, Nationalismus oder Freimaurerei, es ging um einen Mann, der auszog, um König zu werden. Das Töten gibt Menschen wie ihm das Gefühl, ein Herrscher zu sein. Canetti schreibt: „Denn jede Hinrichtung, für die er verantwortlich ist, verleiht ihm etwas an Kraft. Es ist die Kraft des Überlebens, die er sich verschafft. Seine Opfer müssen nicht wirklich gegen ihn angetreten sein, aber sie hätten gegen ihn antreten können. Seine Angst verwandelt sie – vielleicht erst nachträglich – in Feinde, die gegen ihn gekämpft haben. Er hat sie verurteilt, sie sind erlegen, er hat sie überlebt.“ Es ging um eine ganz persönliche Transformation von einer unwichtigen Figur, von einem Jungen, der nicht mal wichtig genug schien, dass sein leiblicher Vater ein Minimum an Aufmerksamkeit an ihn verschwendete, zu einem Revolutionär, der das Schicksal Europas verändert, dem kommende Generationen Denkmäler bauen, der der Welt in Uniform begegnet und durch seine Tat und sein Manifest quasi Marx und Lenin in einer Person wird – wenigstens in seinen größenwahnsinnigen Tagträumen. Die Irrenhäuser sind voller Leute, die sich für Gott oder wenigstens Napoleon halten, Anders Breivik befände sich bei ihnen in guter Gesellschaft.

Literatur:

Elias Canetti: Masse und Macht. Frankfurt a. Main, 1980.


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