02. August 2011

Buchbesprechung Royce will Rache nehmen

Jim Nisbets „Tödliche Injektion“ ist ein fulminanter Höllentrip

Schon der erste Satz packt den Leser beim Schlafittchen: „Den Geistlichen plagten ein Schnupfen und Zweifel an seiner sexuellen Identität“. Der Priester, der den jungen Schwarzen Robert Mencken auf seinem letzten Gang begleitet, macht keine besonders gute Figur, genauso wenig wie der alkoholkranke Arzt Franklyn Royce, der dem zu Tode verurteilten vermeintlichen Mörder die tödliche Injektion verabreicht. Den Gefängnisjob hat der Doc aus ziemlich unlauteren Motiven angenommen. Er will ein paar Dollars dazu verdienen, denn die eigene Praxis geht schlecht, die Ehefrau fährt ein teures deutsches Luxusauto, und der Schnaps ist auch nicht umsonst.

Rund 64 Seiten nimmt die Schilderung der letzten Stunden von „Bobby“ Mencken ein, der im Knast vom dürren Junkie zum Muskelpaket mutiert ist. Kurz bevor ihm das Lebenslicht ausgeblasen wird, nimmt er noch schnell einen besonders brutalen weißen Wärter mit auf seinen letzten Gang. Dieses knappe Viertel des grandios geschriebenen Romans ist nicht nur von besonderer literarischer Intensität, sondern auch ein Plädoyer gegen die perverse und unmenschliche Todesstrafe, auch wenn Nisbet viel zu klug ist, um die Moralkeule zu schwingen.

Im Fall des hingerichteten Schwarzen regen sich bei Royce schon frühzeitig Zweifel an dessen Schuld. Um die Wahrheit ans Licht zu befördern, muss sich der aufgedunsene, vom Leben gezeichnete und frustrierte Mediziner auf einen wahren Höllentrip begeben. Er verlässt seine Frau Pamela, mit der ihn seit Jahren nur noch (schlechte) Gewohnheit und Hass verbindet. Mit der heroinsüchtigen Gelegenheitsprostituierten Colleen Valdez, halb Schlampe, halb Schönheit, lernt er sowohl die Freuden der Sexualität wie die Dämonen der Drogen kennen. Royce verfällt dieser Frau, die in den Elendsvierteln von Dallas dahinvegetiert. Sie spritzt sich das süße Gift in die Adern, trinkt und dämmert meistens benebelt in ihrer völlig versifften Umgebung dahin – und übt trotzdem eine starke Faszination auf Royce aus, da sie eine einzigartige Mischung aus Verkommenheit und Schönheit darstellt. Colleen ist sicher weit entfernt vom Glamour der Blondinen in den Romanen Raymond Chandlers, doch eine gefährliche Femme Fatale ist sie allemal.

Royce will Rache nehmen „für die erbärmliche und geistlose Täuschung, die sein Leben inzwischen geworden war“. Deshalb lässt er sich nicht nur mit Menckens Ex-Freundin Colleen, sondern auch mit ihrem brutalen und fiesen Liebhaber und Drogenkumpan „Fast Eddie“ ein. Beide Männer werden den sich anbahnenden Alptraum nicht überleben. Als Royce am Ende die Wahrheit erfährt, ist sein Leben, das auf Täuschung basierte, an sein Ende gelangt.

Nisbet zeichnet seinen „Helden“, für den man durchaus Mitleid und Sympathie aufbringt, als einen Getriebenen, der auch nach seiner Flucht aus dem alten Leben keine eigenen Entscheidungen fällt.

Leider (oder Gott sei Dank) finden sich die Bänder der Pulp-Master-Reihe, in der auch dieses Buch erschienen ist, nur in gut sortierten Buchhandlungen oder solchen, die nicht (nur) dem Massengeschmack huldigen. Für Fans des klassischen „Noir“ ist dieser Stoff natürlich ein absolutes Muss.

 

Literatur:

Jim Nisbet: Tödliche Injektion. Pulp Master, Berlin 2011


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