Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Streit zwischen Österreichern: Freebanking mit oder ohne Teilreserve?

von Gérard Bökenkamp

Die Suche nach der richtigen Geldordnung

22. August 2011

Der Verlauf von Kontroversen und die dabei zu Tage geförderten Erkenntnisse sind oft sogar interessanter als die Frage, wer eigentlich Recht hat. Eine Frage, die mit letzter Gewissheit – wenigstens in den Sozial- und Geisteswissenschaften – selten abschließend beantwortet wird. Insoweit ist die Kontroverse innerhalb der Österreichischen Schule der Nationalökonomie über den idealen Umgang mit einem zentralen Aspekt der Geldordnung aufschlussreich und bietet das Potential für die Suche nach neuen Erkenntnissen. Worin besteht der Streit, der das Lager entzweit? In der Ablehnung des Zentralbankensystems und des staatlichen Geldmonopols sind sich die Anhänger der Österreichischen Schule im Prinzip einig. Uneinigkeit besteht jedoch über die Frage, wie in einem privaten, nicht-staatlichen Bankensystem mit der Möglichkeit der Teilreservehaltung verfahren werden soll. Also mit der Praxis, dass Privatbanken bis auf eine Teilreserve die Einlagen der Kunden verleihen und damit Kredit schöpfen können. Eine Praxis, die älter ist als das Zentralbankensystem. Zu dieser Frage gibt es zwei Positionen im Lager der Austrian Economics: Die einen wollen das Teilreservesystem wie Murray Rothbard und Jesús Huerta de Soto verbieten, die anderen wie George Selgin und Lawrence H. White wollen es dem Wettbewerb überlassen, vernünftige Lösungen zu finden.

Die Auffasung von George Selgin und L. H. White

Selgin und White sind Hauptprotagonisten der Freebanking-Schule. Das heißt sie treten für ein privates Banken- und Geldsystem ohne Zentralbank und staatliche Regulierung ein. So sieht ihre Idealvorstellung aus: Es gibt keine Bankenrettungen oder Schutzschirme auf Kosten der Steuerzahler. Die Bank, die bankrott ist, ist eben bankrott. Allein der Wettbewerb entscheidet, welche Bank bestehen bleibt und welche Bank verschwindet. Da die Sparer und Banken wissen, dass sie nicht „gerettet“ werden, gehen sie mit großer Vorsicht mit dem Geld um. Der Markt reguliert die Notenausgabe und die Kreditvergabe. Die Vergabe des Bankkredits wird trotz der Möglichkeit, Kredit zu schöpfen, eher konservativ erfolgen und passt sich der realen Geschäftstätigkeit an. Welche Geld- und Umlaufmittel verwendet werden, bleibt jedem Einzelnen überlassen. Das Teilreservesystem ist den Privatbanken nicht verboten. Wenn die Kunden die Geschäftsbedingungen einer Bank akzeptieren, die das Teilreservesystem betreibt, dann fällt das unter die Vertragsfreiheit und ist das persönliche Risiko der Vertragsparteien.

Die Auffassung von Jesús Huerta de Soto

Dagegen verstoßen solche Verträge nach Auffassung von Jesús Huerta de Soto und der anderen liberalen Gegner der Teilreservehaltung gegen die traditionellen Rechtsprinzipien. Diese beruhen auf der Unterscheidung von Depositen und Darlehen, wie sie im Römischen Recht gepflegt wurde. Das heißt entweder handelt es sich bei einer Bankeinlage um eine Sichteinlage, dann darf sie nur aufbewahrt, aber nicht verliehen werden, oder es handelt sich um ein Darlehen, das die Bank für einen bestimmten Zeitraum nutzen darf. Im ersten Fall hat nur der Bankkunde Zugriff auf das Geld, im zweiten Fall hat nur die Bank Zugriff auf das Geld. Es gehe aber nicht an, dass beide über das Geld verfügen. Dies sei ein logischer Widerspruch und müsse deshalb verboten werden. Etwas flapsig gesagt besteht der Unterschied zwischen diesen zwei liberalen Schulen darin, dass Selgin und White sagen: Macht, was ihr wollt, aber wenn es schief geht, dann tragt ihr allein die Konsequenzen. Dagegen sagt Huerta De Soto: Macht, was ihr wollt, aber auf der Grundlage der traditionellen Rechtsprinzipien.

Huerta de Sotos Streit mit Selgin und White

Huerta de Sotos Kritik an der Position der Freebanking-Schule, die er etwas abschätzig als Neo-Banking-Schule bezeichnet, stellt sich wie folgt dar: Sein erstes Gegenargument: Auch das private Teilreservesystem stehe quer zur „traditionellen“ Rechtsordnung, die eine klare Zuordnung von Eigentumsrechten erfordere. Die Verleihung von Sichteinlagen durch Privatbanken sei deshalb auch dann illegal, wenn der Bankkunde informiert ist und dafür ausdrücklich seine Zustimmung erteilt. Das zweite Gegenargument: Es stimme zwar, dass ein privates Teilreservesystem weniger krisenanfällig wäre als das durch die Zentralbank geschützte, und dass es tatsächlich weniger Bankenkrisen gäbe. Aber er kritisiert, dass der Konjunkturzyklus durch die Wirkung der nicht durch Ersparnisse gedeckten Kreditvergabe dennoch in Takt bliebe und Blasen hervorbringen wird – wenn er auch einräumt, dass die Blasen schneller platzen und deshalb auch die Korrektur weniger drastisch ausfällt. Sein drittes Gegenargument lautet: Das Teilreservesystem führe zwangsläufig zu einem Zentralbankensystem als Kreditgeber letzter Instanz. Für ihn steht also nicht der Gegensatz von Zentralbanksystem versus Bankfreiheit im Fokus, wie für die Freebanking-Schule, sondern der Gegensatz von 100-Prozent-Deckung versus Teildeckung der Sichteinlagen.

Einschränkung der Vertragsfreiheit gerechtfertigt durch „traditionelle“ Rechtsprinzipien

Dass das Verleihen von Einlagen ohne das Wissen und Zustimmung der Kunden einen Akt der Veruntreuung darstellt, ist innerhalb der Österreichischen Schule Konsens. Auch der „Normalbürger“ würde dem ohne Zweifel zustimmen. Kompliziert wird es in dem Fall, dass ein Bankkunde mit vollständigem Wissen darum, dass die Bank das Teilreservesystem praktiziert, der Bank sein Geld freiwillig anvertraut, um für seine Sichtanlage Zinsen zu erhalten, statt dafür Gebühren zu zahlen, wie bei einer reinen Depositenbank – also einer Bank, in der Geld lediglich verwahrt wird. In diesem Fall hat man zwei Vertragsparteien, die in Übereinstimmung miteinander eine Vereinbarung treffen wollen. Sie dürften sie aber nicht eingehen, weil ein Teilreservevertrag, wenn es nach Rothbard und Huerta de Soto ginge, untersagt wäre. Durch die Untersagung eines privaten Vertrages kommt uneingestanden ein paternalistisches Element in die Argumentation. Denn schließlich setzt das eine rechtliche Instanz voraus, die in der Lage ist, Verträge zu kontrollieren, zu beurteilen, bei Nichtübereinstimmung mit der „traditionellen“ Rechtsordnung für ungültig zu erklären und den Vertragsparteien mit Sanktionen zu drohen. Das Prinzip, wo kein Kläger, da kein Richter, gälte für diesen Fall nicht: Denn selbst wenn beide Vertragsparteien mit der Einigung zufrieden sind und keinen rechtlichen Klärungsbedarf sehen, sich nicht geschädigt fühlen, wird diese Kontrollinstanz aktiv, um den freiwillig geschlossenen Vertrag für null und nichtig zu erklären.

Teildeckungsverbot und die Frage der Regulierung

Ein solcher Eingriff in die Vertragsfreiheit ist eigentlich nicht spektakulär, sondern im Rahmen des Interventionsstaates gängige Praxis. Solche Konsequenzen sind aber für die Österreichische Schule, die versucht in ihren Modellen mit so wenig Regulierung wie möglich auszukommen, durchaus ein diskussionswürdiger Umstand. Huerta de Soto erklärt die Abschaffung des Teilreservesystems zu einem „Ziel, das mit allen im jeweiligen historischen Kontext verfügbaren rechtlichen Mitteln verfolgt werden sollte.“ Das würde wohl in der Praxis unseres politischen Systems bedeuten, dass eine staatliche Regulierungsbehörde – wahrscheinlich die Bankenaufsicht – damit beauftragt wäre, die 100-prozentige Deckung der Bankeinlagen zu kontrollieren. Huerta de Soto ist allerdings zuversichtlich, dass einige wenige Rechtsprinzipien ausreichen können, die Teilreservepraxis zu verhindern und weitere Regulierungen unnötig zu machen. Seine eigene – hervorragende – Schilderung der Bankengeschichte in „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen“ lässt daran aber Zweifel aufkommen. Er selbst hat dort sehr anschaulich nachgezeichnet, wie – trotz anders lautender Rechtsnormen – Goldschmiede und Privatbanken immer wieder zur Praxis der Teilreservedeckung gegriffen haben.

Die Geldgeschichte ist voller Beispiele für die quasi spontane Entstehung von Kreditgeld „aus dem Nichts“, bei der Schuldversprechen die Rolle von Zahlungsmitteln einnehmen. Die zentrale Frage lautet, ob dies in einer nicht durch staatliche Geldpolitik gesteuerten Wirtschaft ein Ausmaß erreichen würde, das tatsächliche eine solche Einschränkung der Vertragsfreiheit erforderlich macht. Der Versuch, jede Fluktuation der Geldmenge zu verhindern, würde beim Erfindungsreichtum der Finanzmärkte wahrscheinlich sehr viel mehr Kontrolle erfordern, als es den liberalen Kritikern der Teilreserve lieb sein kann.

Was ist die richtige Rechtsauffassung?

Huerta de Soto räumt in seinem Buch „Geld. Bankkredit und Konjunkturzyklus“ der rechtsphilosophischen und rechtshistorischen Argumentation breiten Raum ein, um zu beweisen, dass die Teilreserve universellen und ewig gültigen Rechtsprinzipien widerspricht. Unter den Tausenden von Rechtsordnungen, die die Kulturgeschichte der letzten Jahrtausende hervorgebracht hat, erklärt Huerta de Soto die Rechtsprinzipien, die die Römischen Rechtsexperten entwickelt haben, für die „traditionellen“ und für die verbindlichen Grundsätze. So sehr er auch gerade auf diesen Punkt insistiert, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass diese Vorliebe für das Römische Recht eine gewisse Willkürlichkeit zeigt. Der Verweis auf die „Tradition“ erscheint bei der Vielzahl der Rechtstraditionen eher als Geschmacksurteil und nicht als belastbares Argument. Die konkurrierenden Rechtsschulen reichen vom Positivismus, dem es genügt, dass das Recht eben zu einem bestimmten Zeitpunkt so verfasst ist, wie es verfasst ist, bis hin zu David Friedmans Vorstellungen eines komplett privatisierten Rechtssystems, in dem sich die Rechtspraxis aus dem Wettbewerb verschiedener Rechtinstitutionen und der praktischen Suche nach Übereinkünften ergibt.

Eine bestimmte Rechtstradition für die allezeit alleinverbindliche zu erklären, ist unter diesen Umständen ein brüchiges Fundament als Begründung für das Verbot einer so weitverbreiteten und epocheübergreifenden Praxis wie der Teilreservehaltung. Wenn der Verweis auf die „Tradition“ an sich kein Argument ist, bliebe sein Vorwurf, ein Teilreservevertrag verstoße gegen die universelle Logik. Dies setzte aber wenigstens die Grundannahme voraus, dass universelle Logik grundsätzlich der Vertragspraxis auch dann normativ übergeordnet ist, wenn dieser Vertragspraxis alle Beteiligten freiwillig zustimmen – immer ausgehend von der Annahme der Freebanking-Schule, dass das auch tatsächlich der Fall ist.

Der Schlüssel liegt in der Finanz- und Bankengeschichte

Sein Verweis auf die ökonomische Instabilität, die mit der Teilreserve einhergeht, ist durchschlagender. Dass ein System mit 100-prozentiger Reservehaltung per Definition stabiler ist als ein System mit Teildeckung, ist kaum von der Hand zu weisen. Dem stehen allerdings die empirischen Befunde von White gegenüber stehen, der in seinen Bankhistorischen Studien festgestellt hat, dass reine Freebanking-Systeme eine vergleichsweise große Stabilität aufweisen. Die Frage ist, ob das die berühmte Ausnahme war, die die Regel bestätigt. Huerta de Sotos stärkstes Argument gegen das private Teildeckungssystem ist daher nicht das rechts-, sondern das wirtschaftshistorische, das er allerdings längst nicht so gründlich ausgearbeitet und dargelegt hat wie seine rechtsphilosophischen Sichtweisen. Wenn die Entstehung des Papiergeld- und Notenbanksystems tatsächlich mit historischer Zwangsläufigkeit aus dem privaten Teildeckungssystem folgt, wie Huerta de Soto behauptet – das heißt, das weniger problematische private Teildeckungssystem stets nur einen Übergang zu einem hochproblematischen inflationären Notenbanksystem markiert oder zu einem Zustand, in dem private Banken vom Steuerzahler gerettet werden müssen – dann stünden die Verteidigung des privaten Teildeckungssystems tatsächlich auf tönernen Füßen. Schließlich macht es wenig Sinn, eine einfache Vertragsbeschränkung abzulehnen, wenn diese wesentlich umfassendere Einschränkungen der Vertragsfreiheit zur Folge hätte.

Für Huerta de Sotos These scheint in der Tat einiges zu sprechen. Es ist bei der Lage der Dinge heute kaum vorstellbar, dass eine Bank die Türen schließt und ihre Kunden mit leeren Taschen zurücklässt, ohne dass sich der Staat einschaltet, um Banken und Sparer auf Kosten der Steuerzahler abzusichern. Im Falle der Gründung der US-Zentralbank spielte die Erfahrung der „Panik von 1907“ – als die Zahlungsunfähigkeit von Kreditinstituten drohte – eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Kontroverse zwischen Teilreservekritikern und Freebankern kann ein fruchtbarer Anstoß sein, für weitere Forschungen im Bereich der Banken- und Finanzgeschichte, die von der zentralen Frage ausgehen müssten: Ist ein Freibankensystem ohne ausdrückliches Verbot der Teilreservedeckung langfristig stabil, ohne zwangsläufig zu einem Zentralbanksystem zu führen? Oder besitzt der Übergang von einem privaten Teilreservesystem zu einem staatlichen Zentralbankensystem tatsächlich den Rang einer quasi historischen Gesetzmäßigkeit. Wäre das nicht der Fall und die destabilisierende Wirkung der Teilreserve würde sich in engen Grenzen halten – dann könnte man wohl der Vertragsfreiheit gegenüber den grundsätzlichen Bedenken den Vorrang einräumen. Eine vergleichende Untersuchung der Übergänge von Privatbanken zu Zentralbankensystemen zur Klärung dieser Frage wäre in der Tat des Schweißes der Besten wert.

Internet:

Gérard Bökenkamp in eigentümlich frei: Teilreserve und Kreditschöpfung: Das „verfluchte Privileg“. Zur deutschen Ausgabe von „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklus“ von Jesús Huerta de Soto

Literatur:


L. H. White: Freebanking in Britain: Theory, Experience and Debate 1800-1845. 2nd ed

Murray Rothbard: Mystery of Banking

Jesús Huerta de Soto: Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen. Stuttgart 2011.

George Selgin: Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität, in: Im Schatten der Finanzkrise. Muss das staatliche Zentralbankwesen abgeschafft werden. Hrsg. von Peter Altmiks, München 2010.

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