26. August 2011

Popkultur Amy Winehouse und das Teufelszeug

Vorschläge gegen die Glorifizierung der Selbstzerstörung

„Lass die Finger von dem Teufelszeug!“ So sprach früher die Großmutter, wenn sie den Enkel vor verwerflichen Versuchungen warnte. Hätte man ihr erzählt, dass jemand nach einer Überdosis Alkohol und Schlaftabletten an seinem eigenen Erbrochenen erstickte, hätte sie dieses Ende als beschämend und würdelos bezeichnet. Sogar das Wort „Gotteslästerung“ wäre ihr über die Lippen gegangen, da uns der Herr das Leben nicht schenkt, damit wir es verschwenden. Aber vor allem: Es wäre ihr vollkommen gleichgültig gewesen, ob sich diesen frevelhaften Niedergang der Suffkopp aus der Nachbarschaft oder der genialische Gitarrist Jimi Hendrix zu Schulden kommen ließ. Großmutter hatte Prinzipien.

Großmutters Kinder haben ebenfalls welche. Solange der Tod in der eigenen Kotze einen Rockstar, einen Schauspieler oder einen Poeten ereilt, halten sie ihn für glamourös. Über Ray Charles, Jackson Pollock oder Johnny Cash drehen sie Filme, die sich auf ihren Drogenmissbrauch und ihre Promiskuität konzentrieren, weil sie diesen sündhaften Lebenswandel insgeheim mehr bewundern als das fleißige Veröffentlichen von Platten und Bildern. Um den Selbstmord Kurt Cobains stricken sie ersatzreligiöse Erklärungsmuster als quasi-sakrale Opferung eines Rockstars wider Willen. Der Sänger von Nirvana starb stellvertretend für die unausweichliche „Sünde“ des Musikgeschäfts, mit Liedern gegen den Kommerz kommerziell sehr erfolgreich werden zu können.

Cobain gehört in der Geschichtsschreibung des Rock’n’Roll zum sogenannten „Club 27“, da er ebenso wie Hendrix mit 27 Jahren ums Leben kam. Am 23. Juli schloss sich diesem „Club“ die Soulsängerin Amy Winehouse an. Die Britin wird in eine Familie förderungswilliger Vollblutmusiker hineingeboren und besucht als Mädchen die Popkaderschmiede Sylvia Young’s Stage School, bis sie dort und an allen nachfolgenden Schulen wegen impertinenten Verhaltens rausgeworfen wird. Fortan arbeitet sie sich durch Jazzorchester und feilt ihr Talent auf den Bühnen des realen Musikerlebens, bis sie ab der Veröffentlichung ihres Debüts „Frank“ im Jahre 2003 als neue Queen des dunklen, verruchten Souls an die Spitze geschrieben wird. In diesem Fall mit Recht. Bedauerlicherweise gelingt es Winehouse wie so vielen vor ihr nicht, ihre Karriere aufzubauen, ohne zugleich ihr Fundament durch Drogen und Alkohol zu zersetzen. In einem ihrer Hits singt sie: „They tried to make me go to rehab/ but I said ey no, no, no.“ („Sie versuchten mich in die Entzugsklinik zu stecken / aber ich sagte nein, nein, nein“). In der Realität besuchte sie mehrfach Entzugskliniken, zuletzt im Mai dieses Jahres, wenige Wochen vor ihrem Tod. Da wir als Journalisten einen Einblick in die privaten Beweggründe eines Menschen nur simulieren können, sind Spekulationen über die Gründe für ihre Sucht müßig. Und irrelevant. Eine womöglich unglückliche Ehe und Scheidung überstehen viele Menschen ohne Drogentod. Beim Aufenthalt auf der Karibikinsel St. Lucia, wo sie 2009 ihr drittes Album einspielen wollte und laut ihrer Mutter aus Einsamkeit trank, hatte die deprimierte Amy am Strand immer noch Augen für den verarmten Jean Baptiste, dem sie laut „Mirror“ eine dringend nötige Leisten-OP spendierte. Durchforstet man den Dschungel der Äußerungen von Verwandten, Bekannten, Wegbegleitern und Journalisten, zeichnet sich nicht das Bild einer suizidalen, sondern einer lebensbejahenden Frau ab. Das Problem ist, dass sie die Finger nicht vom „Teufelszeug“ lassen konnte und zwar deshalb, weil der Exzess in einer berufsjugendlichen Rock’n’Roll-Gesellschaft nicht als Feind des Lebens gilt.

Spätestens seit der antibürgerlichen Revolte der 60er-Jahre sind Künstlertum und Selbstzerstörung im öffentlichen Bewusstsein untrennbar miteinander verknüpft. Das Teufelszeug darf nicht mehr „Teufelszeug“ genannt werden, weil es seinen Konsumenten vom Joch des spießigen Daseins erlöst und ihm die Himmelstore der Freiheit aufschließt. Das war des Teufels erster Trick – die Umdeutung von Bewusstseinsvernebelung zu Bewusstseinserweiterung. Der zweite Trick bestand darin, das Gegenteil von Sucht und Orgie – die Selbstdisziplin – als Bruder alles „Starken“ in die Nähe des Faschismusverdachts zu rücken. Selbstkontrolle ist soldatisch und somit abzulehnen; Selbstzerstörung ist verwegener und anstrebenswerter als Maß und Mitte. Wer „intensiv lebt“ und „schnell verglüht“ wird eben gerade nicht als Opfer einer teuflischen Verführung betrachtet, sondern als jemand, der selbstbestimmt seinen Weg ins Verderben gegangen ist. Der Mensch, der alles im Griff hat, gilt als gelenkt. Der Mensch, der die Kontrolle an Pillen abgibt und in der eigenen Kotze erstickt, als frei. Das ist die Umwertung aller Werte durch die Rhetorik des Rock’n’Roll.

Will man diese Umwertung wieder zurücknehmen, hilft es nicht, sie wie die Großmutter empört festzustellen, aber von der Welt, in der sie gedeiht, keine Ahnung zu haben. Interessanter ist es, nach Tendenzen innerhalb der Popkultur zu fahnden, die entweder die Selbstkontrolle zum coolen Gut erheben oder aber die sinnlose Verführung wieder einem Teufel zuschreiben, dessen würdeloses und stumpfes Opfer man werden kann.

Genau das geschieht zurzeit auf hochspannende Weise in der beliebten und auf den ersten Blick „sündigen“ TV-Serie „True Blood“. In dieser halbpornographischen Erwachsenenversion des allseits beliebten Vampirromanzenthemas bringt eine so genannte Mänade ein ganzes Dorf unter ihre hypnotische Kontrolle. Sie will ihren Dionysos (römisch: Bacchus), den Gott des Weines und des Rausches, wieder herbeirufen, da er allein ihr ewiges Wandeln auf Erden befriedigend beenden kann. In ihrem Streben sind zugleich der Drang nach exzessivem Leben und der unbewusste Todestrieb enthalten, Eros und Thanatos. Sie macht sich die Dorfbewohner nach und nach untertan, indem sie sie durch ihre verführerischen Kräfte in willenlose Wollüstige verwandelt. Es ist amüsant und erstaunlich, dieser Symbolik zuzusehen. Die Augen der Verführten werden zu pupillenlosen schwarzen „Käferaugen“. Zuvor erwachsene Menschen treiben es wahllos miteinander, hauen sich gegenseitig kichernd und gackernd aufs Maul und zerstören ihre gesamte Umgebung, weil für sie alles nur noch lustig ist. Lustig und egal. Die Inszenierung dieser Orgien sowie die Sprechweise und Kleidung der Mänade in Menschengestalt sind dabei eindeutig an die Hippiekultur angelehnt. Das dionysische Überwesen ist eine Sektenführerin der alten Schule, eine weibliche Version des Gurus Osho, der seine Bhagwan-Jünger ebenfalls zur sexuellen Enthemmung trieb. Die Autoren der Serie degradieren die post-hippiesken Dionysos-Jünger durch „Käferaugen“ und Schwarmverhalten zu dümmlichen Insekten ihrer Königin und nehmen ihnen alle Würde. Die Vampire dagegen – von Haus aus Meisterverführer – haben in dem Kosmos der Serie (dort ist ihre Existenz den Menschen bekannt) längst interne Reformen eingeleitet und beginnen nach und nach, ihren Blutdurst durch das synthetische „True Blood“ oder durch das Nuckeln an Freiwilligen statt durch Morde zu stillen. Sie wenden sich also – eigentlich ganz Triebwesen – der freiwilligen Selbstkontrolle zu.

Auf andere, humorvolle Weise geht die Serie „Reaper“ mit dem Thema der Verführung um. Der von „Twin Peaks“-Star Ray Wise als Charmeur dargestellte Teufel betreibt hier im obersten Stock eines Konzernhochhauses eine Dämonenzentrale, die Menschen zum Begehen von Todsünden im Alltag animiert. Die Sektkorken knallen, sobald ein Bürohengst einige Stockwerke tiefer endlich seine Frau mit der Sekretärin betrügt. Oder ein trockener Alkoholiker wieder zur Flasche greift. Auch in „Reaper“ verliert das „wilde Leben“ seine Reputation als selbstbestimmter Befreiungsschlag aus den Konventionen des Spießertums und entpuppt sich als Finte aus dem Obergeschoss, auf die man reingefallen ist.

So viel zur Fiktion. In der Wirklichkeit gilt es nach Männern zu suchen, die mit breiter Brust die Haltung vertreten, dass das teuflische Obergeschoss sie mal gern haben kann. Das geht auf programmatische oder persönliche Weise. Die „Straight Edge“-Bewegung erhebt seit den 80er-Jahren die Ablehnung jedweder Sucht bis hin zu Koffein und „One Night Stands“ zum Ethos und bietet vor allem jungen Männern eine Szeneheimat. In den USA findet sich sogar eine breite Front christlicher Fundamentalisten, die mit ähnlichen musikalischen Mitteln (Hardcore und Metal) als irdische Heerscharen des Herrn eine Lanze für eine andere Lebensweise als die im Rock’n’Roll übliche brechen. Solche radikalen Nischen tragen freilich die üblichen Dogmatismen und Engstirnigkeiten mit sich, befriedigen das Abgrenzungsbedürfnis ihrer Anhänger aber auf gesündere Art als die Kamikaze-Konkurrenz.

Abseits dieser programmatischen Strömungen finden sich im Rockgeschäft eindrucksvolle Einzelpersonen, die ihren Anhängern eine bessere Inspiration sind als die Selbstzerstörer. Der amerikanische Plattenfirmenbetreiber und Gitarrist Brett Gurewitz zum Beispiel feiert zwei Geburtstage. Die leibliche Geburt als Windelbündel und die Wiedergeburt als Erwachsener durch sein endgültiges Cleanwerden nach langer Heroinsucht. Seine Firma Epitaph Records ist eines der erfolgreichsten unabhängigen Labels der Welt. Mit seiner Band Bad Religion ging er im letzten Jahr statt in den Club 27 in die Riege der Rockformationen ein, die dreißig Jahre lang Bestand haben. Ein anderer erfolgreicher Berufsrevolutionär der modernen Popkultur ist Tom Morello. Der Großneffe des ersten kenianischen Präsidenten Jomo Kenyatta prägte mit seinen virtuosen Riffs und Effekten nicht nur die Rockmusik, sondern drückt ihr als linker Aktivist einen relevanten politischen Stempel auf. Er veröffentlichte vierzehn Alben, komponiert Soundtracks für das Actionkino Hollywoods, gründete die Politorganisation „Axis of Justice“, startet zur Zeit eine neue Comicreihe mit dem Zeichner der „Star Wars“-Cartoons und wurde vom „Rolling Stone“ auf Platz 26 der hundert besten Gitarristen aller Zeiten gewählt. Dem überzeugten Liberalen mag sich bei der Betrachtung seiner politischen Programmatik das Nackenhaar sträuben, doch entscheidend ist, dass ein Mann wie Morello seinen Anhängern als hochrespektierter Rockstar vor allem eines vorlebt – den puren Enthusiasmus, die ungebremste Arbeitslust. Wo sie vorherrscht, ist Selbstzerstörung automatisch kein Thema mehr. Wird die Arbeit zum Zwang, bietet sie ein neues Einfallstor für Aufputschmittel oder fatale „Entspannungen“. Bleibt sie spielerisch, ist sie die wahre Freiheit, das Paradies für das Kind im Manne. Millionenschwere Videospieldesigner wie etwa Richard Garriott – die heimlichen Stars der zurzeit lukrativsten Unterhaltungsindustrie – lassen ihr eigenes Anwesen mit geheimen Gängen und Trickräumen ausstatten, die sie beim Einzug selber nicht kennen. Wer sein Leben als Spiel inszeniert, muss nicht mehr mit seiner Gesundheit pokern.

„Nimm dir mal den zum Vorbild“, hätte die Großmutter gesagt. Und hätte recht. In dieser Art von Rock’n’Roll-Dasein wird die Abkehr von des Teufels Drogenküche wieder zu einem Akt der Freiheit und Selbstbestimmung. Solche Biographien helfen, die Umwertung der Werte wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen. Dass der Teufel dabei nicht vatikanisch wörtlich gemeint ist, sondern ein Sinnbild für die Verführbarkeit bleiben sollte, versteht sich hoffentlich von selbst. Dieser Exorzismus ist psychologisch. Es ist sehr bedauerlich, dass das Jahrhunderttalent Winehouse den Kampf zwischen Schaffenskraft und Selbstzerstörung nicht gewonnen hat.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 29. August erscheinenden September-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 115


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