Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Murray Rothbard und Kinder: Über den Vorteil intellektueller Kälte

von Robert Grözinger

Wirksamer Schutz gegen tödliche Gedankenlosigkeit

Holger Graf hat auf dieser Seite in einem Text über zunehmende Zahlen von Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und die seelischen Narben, die dadurch in Kindern und Jugendlichen verursacht werden, auch einen Standpunkt des erzlibertären amerikanschen Denkers Murray Rothbard kritisiert. Es geht um zwei Aussagen Rothbards in seinem Werk „Die Ethik der Freiheit“. Obwohl Graf in seinem Artikel reale Fehlentwicklungen identifiziert und zu Recht anprangert, begeht er leider den Fehler, Rothbard aus dem Zusammenhang zu zitieren und in einem Fall auch noch ungenau zu übersetzen. Eine sorgfältigere Analyse der Gedanken des „Mr. Libertarian“ ist daher angebracht.

Grafs erstes Rothbard-Zitat lautet: „Ein Elternteil sollte nicht das Recht haben, ein Kind zu töten oder zu misshandeln, aber Eltern sollten das gesetzliche Recht haben, ihr Kind nicht zu nähren, es also zuzulassen, dass es stirbt.“ In der englischen Fassung steht: „Applying our theory to parents and children, this means that a parent does not have the right to aggress against his children, but also that the parent should not have a legal obligation to feed, clothe or educate his children ...” Zum einen ist die erste Hälfte also keine normative Aussage, sondern eine schlichte Übertragung der Theorie auf den konkreten Fall Kindesbetreuung: Kein Elternteil hat das Recht, gegen seine Kinder Gewalt zu initiieren. Mit keinem Wort sagt Rothbard, dass Eltern das Recht haben „sollten“, ein Kind sterben zu lassen. Und es heißt nicht „gesetzliches Recht“, sondern „gesetzliche Verpflichtung“. Also: Eltern sollten nicht gesetzlich – also staatlich – verpflichtet werden, ihr Kind zu ernähren. Dann folgt im Originaltext ein von Kritikern dieser Stelle oft und gern übersehener Klammersatz, der besagt, dass der Autor hier nicht über die moralische, sondern lediglich über die gesetzlich durchsetzbare Verpflichtung spricht.

Ein ähnlicher Satz folgt auch auf Rothbards Aussage über Abtreibung. Der Ursprungssatz lautet, von Graf diesmal korrekt übersetzt: „Aber sollte eine Mutter entscheiden, dass sie ihren Fötus nicht länger will, dann wird der Fötus zu einem parasitärem Eindringling, und die Mutter hat das perfekte Recht, diesen Eindringling auszustoßen. Abtreibung sollte nicht als Mord einer lebenden Person angesehen werden, sondern als Ausstoßung eines ungewollten Eindringlings aus dem Körper der Mutter.“ In der Fußnote dazu steht dann aber bei Rothbard: „Was wir hier zu begründen versuchen ist nicht die Moral von Abtreibungen (die aus anderen Gründen moralisch oder nicht moralisch sein können), sondern ihre Legalität, das heißt, das absolute Recht der Mutter, eine Abtreibung vorzunehmen. Wir beschäftigen uns in diesem Buch mit den Rechten von Menschen, verschiedene Dinge zu tun oder zu lassen und nicht, ob sie diese Rechte ausüben sollten oder nicht.“

Rothbard trennt analytisch Recht von Moral. Erst lässt er feststellen, welche Rechte Menschen überhaupt besitzen. Danach erst greift die Moral, die in Form von sozialer Kontrolle Verhaltensnormen durchsetzt. Diese kann von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sein. Keinesfalls jedoch darf nach Rothbards Vorstellung der Staat die Moral flächendeckend vorschreiben und durchsetzen. Ein Ansatz übrigens, den US-Präsidentschaftskandidat und Rothbard-Kenner Ron Paul übernommen hat. Der studierte Frauenarzt, Christ und erklärte Abtreibungsgegner verzichtet auf eine religiös oder moralisch begründete bundesweite Regelung. Statt dessen will er die Entscheidung über die rechtliche Behandlung von Abtreibungen dezentralisieren und den Einzelstaaten überlassen.

Graf übergeht aber noch einen weiteren, wesentlichen Punkt: Nachdem Rothbard seine Vorstellung von den Rechten der Eltern dargestellt hat, macht er im selben Kapitel im Gegenzug geltend, dass Kinder das absolute Recht haben, ihren Eltern davonzulaufen. Nun könnte man einwenden, kleine Kinder und Säuglinge können dies nicht. Das stimmt. Das allein aber kein Grund, dem Staat eine Elternrolle zu geben und damit eine natürlich gewachsene soziale Kontrolle oder Moral zu gefährden oder gar zu zerstören. Außerdem haben Eltern nach Rothbard das Recht, ihre Kinder zur Adoption zu verkaufen. Beides, das Davonlaufen und das Verkaufen von Kindern sind Dinge, die der Staat derzeit verbietet, womit er ursächlich zur Gewalt von Eltern gegen Kinder, einschließlich Abtreibung, wesentlich beiträgt. Von der Gewalt, die der Staat Kindern durch die Schulpflicht antut, haben wir dabei noch gar nicht geredet.

Konsequent zu Ende gedacht – oder zumindest zu Ende gelesen – führt Rothbards Ansatz zu einer weit humaneren Gesellschaft als es die gegenwärtige ist. Wer aber angesichts solcher Gedanken den Vorwurf von „intellektueller Kälte“ erhebt, und wem „feministische Unbekümmertheit“, also Gedankenlosigkeit, dagegen „fast schon sympathisch“ erscheint, dessen Beschwerden über den Zustand der Gesellschaft werden unwirksam bleiben.

Internet:

Holger Graf: Charlotte Roche, Murray Rothbard und die Kids: Geschiedene Leute, gebrochene Kinder

03. September 2011

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen