Ralph Janik

Studierte Rechtswissenschaften in Wien und Madrid. Mitarbeiter am Institut für Wertewirtschaft; seine Beiträge geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des Instituts wieder.

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Entwicklungshilfe: Vom Guten, das stets das Böse schafft

von Ralph Janik

Eine kurze Problematisierung

Dieser Tage wird Österreich dafür kritisiert, in der Rangliste der Entwicklungshilfe zahlenden Staaten zurückgefallen zu sein – die Rangliste richtet sich nach den Ausgaben für Entwicklungshilfe gemessen am BIP. Auch scheint die Alpenrepublik sich dabei, wie bei so vielem, am großen Nachbarn Deutschland zu orientieren, der in der Rangliste der Entwickungshilfe-Ausgaben mit 0,38 Prozent des BIP 0,6 Prozentpunkte mehr ausgibt und somit einen Platz vor Österreich liegt, womit beide Länder das von der UNO festgelegte Ziel von 0,7 Prozent des BIP klar verfehlen.

Auf den ersten Blick erscheint die daraus resultierende Rechnung so einfach wie katastrophal: Weniger Geld bedeutet weniger Hilfe und daraus folgt wiederum mehr Not und Leid für die Ärmsten der Armen.

Doch ist dem so? Ist Entwicklungshilfe wirklich ein geeignetes und wirksames Instrument, denjenigen zu helfen, deren Not am größten ist und ihr Leben zum Besseren zu wenden? Lässt sich mehr Geld von den Reichen mit mehr Wohlstand für die Armen gleichsetzen? Oder ist Entwicklungshilfe ein Beispiel für den Kurt Tucholsky zugeschriebenen Aphorismus, dass das Gegenteil von gut nicht böse, sondern gut gemeint ist?

Gewiss, derartige Fragen sind ebenso wenig zufriedenstellend zu beantworten wie sie moralisch aufgeladen sind. Doch sind es oftmals aus den mit Entwicklungsgeldern bedachten Staaten stammende Stimmen, die sich dieser gegenüber kritisch äußern sind und sogar ihr Ende fordern.

Eine dieser Stimmen ist etwa die aus Sambia stammende Ökonomin Dambisa Moyo. In einem Interview mit der „Weltwoche“ aus dem Jahr 2009 wies sie darauf hin, dass die Entwicklungshilfe versagt und die Empfänger ärmer denn je gemacht habe:

„Als Anfang der sechziger Jahre die Entwicklungshilfe startete, waren ihre Ziele, das Wirtschaftswachstum zu steigern und die Armut zu reduzieren. Doch alle Programme haben hinsichtlich dieser Messgrößen versagt. In den vergangenen fünfzig Jahren sind mehr als zwei Billionen Dollar Hilfe von den reichen an die armen Länder geflossen. Dennoch steht Afrika heute schlechter da als vor fünfzig Jahren. Lebten damals nur 10 Prozent der Einwohner unter der Einkommensgrenze von zwei Dollar, so sind es heute 70 Prozent. Während der letzten dreißig Jahre sank das Wirtschaftswachstum jährlich um 0,2 Prozent.“

Dabei handle es sich nicht um ein regionales oder afrikanisches Phänomen; vielmehr habe Entwicklungshilfe „nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht“, wie sie in ihrem Bestseller „Dead Aid“ betont. Entwicklungshilfe sieht sie somit als das Grundursache für den wirtschaftlichen Misserfolg der meisten afrikanischen Staaten:

„Die Frage ist nicht, warum diese Länder nicht weiter sind, trotz der jahrzehntelangen Entwicklungshilfe. Die Antwort ist: wegen ihr. Das fundamentale Problem ist, dass die Entwicklungshilfe keine Jobs geschaffen hat, sondern das Gegenteil bewirkte, sie zerstörte. Entwicklungshilfe produziert Inflation, Schulden, Bürokratie und Korruption. In ein solches Land wollen Unternehmer nicht investieren und dort Jobs schaffen. Machen Sie ein Land abhängig von Hilfe, dann nehmen Sie die Karotte weg und den Prügel: Niemand wird bestraft, wenn er nicht innovativ ist, denn die Hilfe fließt trotzdem. Und niemand wird belohnt, wenn er sich anstrengt.“

Daher bezeichnet sie Entwicklungshilfe sogar als „tödlich“, indem sie sie in einem Zusammenhang mit den Kriegen in Afrika setzt:

„Wohin hat die Entwicklungshilfe geführt? In den Neunzigern gab es in Afrika mehr Kriege als auf der ganzen Welt zusammen. In den letzten sechs Monaten allein sind vier weitere Kriege ausgebrochen. Es gibt Millionen von Menschen in Afrika, die heute ärmer sind als noch vor fünfzehn Jahren. Über 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 24 Jahre alt. Diese Leute wollen arbeiten. Sie haben aber keine Möglichkeiten, da Entwicklungshilfe verhindert, dass Jobs geschaffen werden.“

Eine andere kritische Stimme aus Afrika ist der kenianische Ökonom James Shikwati, der sich in einem aus dem Jahr 2005 stammenden Interview mit dem „Spiegel“ in ähnlicher Form über das gescheiterte Konzept der Entwicklungshilfe äußerte. Auch er gelangt zu der Feststellung, dass gerade jene Länder, die in den letzten 40 Jahren die meiste Entwicklungshilfe erhalten hatten, heute am schlechtesten dastehen und sieht sie ebenfalls als Problem und nicht als Teil der Lösung:

„Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen. Sie ist einer der Gründe für Afrikas Probleme, so absurd das klingen mag.“

Diese Beobachtungen decken sich mit jenen des US-amerikanischen Ökonomen William Easterly. Dieser belegt in seinem mit der Entwicklungshilfe und den dazugehörigen Wirtschaftsprogrammen hart ins Gericht gehenden Werk „The White Man’s Burden“ (deutscher Titel „Wir retten die Welt zu Tode“), dass durch diese im Endeffekt das Geld von den Regierungen, die ihr Geld am besten ausgeben, zu jenen wandert, die damit am schlechtesten umgehen – womit es nicht weiter verwunderlich ist, wenn es die eigentlichen Zieladressaten nie erreicht.

Shikwati problematisiert im Zusammenhang mit einem der schwerwiegendsten Effekte der Entwicklungshilfe, dem Zerstören des Arbeitsmarktes und damit der Volkswirtschaft, selbst Hilfsmaßnahmen bei drohenden Hungersnöten; denn im Moment seien diese ein Glücksfall für die korrupten Politiker des Kontinents, die stets mehr Nahrung aus dem Ausland erhalten als notwendig; ein Teil von diesen Lieferungen werde von den Politikern dazu verwendet, um sich die Zustimmung des jeweiligen Stammes zu erkaufen. Der Rest lande auf dem Schwarzmarkt, wobei die einheimische Nahrungsmittelindustrie chancenlos sei, mit dieser Flut an Nahrungsmitteln zu Dumpingpreisen zu konkurrieren, was die Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze zur Folge habe. Hinzu komme, dass dadurch die nächste Nahrungsmittelknappheit aufgrund des zerstörten oder non-existenten Agrarsektors und des damit einhergehenden Nicht-Anlegens von Reserven vorprogrammiert ist – ein teuflischer Kreislauf der Abhängigkeit.

Ein anderer Kritikpunkt im Zusammenhang mit den ökonomischen Folgen bezieht sich auf die unzähligen Sachspenden für Afrika, vor allem in Form von alten Kleidungsstücken, die ins Land strömen, obwohl in Afrika niemand friere; auch diese Spenden zerstören die lokalen Märkte und die Textilindustrie oder lassen sie erst gar nicht entstehen und bringen augenscheinlich perverse Auswüchse mit sich. So beschreibt er, dass Deutsche auf afrikanischen Märkten mit guten Vorsätzen gespendete Fußball-Trikots erwerben, um sie für den dreifachen Preis via Ebay nach Deutschland zurückzuverkaufen.

Wohlstand aus eigener Kraft, China und das Ende der Entwicklungshilfe

Angesichts dieser Kritikpunkte fordern beide Ökonomen das Ende der Entwicklungshilfe. Vielmehr setzen beide auf den (Welt-)Markt als Wohlstands-Motor, ein Rezept, das sich bereits auf anderen Kontinenten oder im Falle Südafrikas oder Botswanas auch in Afrika als erfolgreich erwiesen habe. Eine Schlüsselrolle kommt bereits heute China zu, das mit seinen regen Tätigkeiten den Unmut der USA und Europas auf sich gezogen hat; doch entgegen der westlichen Vorwürfe, rücksichtslos eigene Interessen zu verfolgen, betont Moyo die positiven Auswirkungen des chinesischen Engagements, das in zehn Jahren mehr erreicht haben soll als „der Westen“ in sechzig Jahren:
„Die Chinesen haben in zehn Jahren das erreicht, worin der Westen sechzig Jahre versagt hat. Sie haben eine Infrastruktur aufgebaut und weit über 100.000 Jobs geschaffen. Allein im Jahr 2004 investierte China 900 Millionen Dollar in Afrika, die USA nur 10. China kaufte Kupfer- und Kobaltminen im Kongo, Eisen- und Platinminen in Südafrika, Textilfabriken in Lesotho, kaufte sich mit 20 Milliarden in Afrikas größte Bank ein, beteiligte sich für 3 Milliarden Dollar an einem nigerianischen Ölfeld. Mittlerweile stammen 30 Prozent der Rohölimporte Chinas aus Afrika. China baute Straßen in Äthiopien, Pipelines im Sudan, Elektrizitätswerke in Ghana. Man baute 30 Spitäler, 100 Schulen, 2000 Studenten erhalten jedes Jahr Stipendien für chinesische Universitäten.“ Und weiter:

„Wenn Afrikaner schlussendlich ein besseres Leben haben, weil Chinesen nach Afrika kommen, sollte man sie willkommen heißen. Afrikanische Mütter wollen ihre Kinder ernähren. Kann der Westen dabei helfen? Kann er Jobs kreieren? Nein. Die Chinesen hingegen schon. Vielleicht haben wir in fünfzig Jahren keine Demokratie mehr. Doch man muss darauf fokussieren, was heute ist. Es bringt nichts, jemandem, der sechs Kinder ernähren muss, zu sagen, er solle diesen Baum nicht umhacken. Armut ist ein größerer Feind der Umwelt als Wirtschaftswachstum.“

Mit der Herausbildung afrikanischer Volkswirtschaften und der Teilnahme am Weltmarkt plädieren Shikwati und Moyo für ein neues afrikanisches Selbstverständnis und afrikanisches Unternehmertum. Die Afrikaner seien nach dem Ende der Kolonialzeit aufgrund der Entwicklungshilfe nicht für ein Leben in Unabhängigkeit erzogen worden; im Moment benehme Afrika sich daher wie ein Kind, das gleich nach dem Babysitter schreit, wenn irgendetwas schief läuft. Die Bewohner des Kontinents müssten daher aufhören, sich als jene Almosen-Empfänger, Bettler und Opfer wahrzunehmen, zu denen sie durch die Entwicklungshilfe gemacht werden.

Laut Shikwati würde der durchschnittliche Afrikaner von einem Ausbleiben der Zahlungen aufgrund der oben getroffenen Feststellungen, bei wem sie letztlich hängen bleiben, nicht einmal etwas bemerken. Die einzigen, die davon stark betroffen wären, seien die Bürokraten der ohnehin nicht-funktionierenden Regierungen – worin auch der Grund dafür liege, dass diese die Ansicht am Leben erhalten, dass die Welt ohne Entwicklungshilfe unterginge. Selbst im Falle von drohenden Hungersnöten sei es besser, wenn die UN mit ihren Hilfsprogrammen nicht sofort einspringen würde, weil dies positive Anreize für die heimischen Agrarsektoren und den Ausbau des innerafrikanischen Handels, der Infrastruktur und den Abbau der zumeist durch die Europäer gezogenen Grenzen zur Folge hätte – allesamt Entwicklungen, die zur dringend notwendigen Herausbildung afrikanischer Marktwirtschaften beitragen könnten. Die afrikanischen Staaten wären somit durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen und zu versorgen – man müsse sie nur lassen.

Gewiss, der mit einem Ende von Entwicklungshilfe verbundene Rückzug der Hilfsorganisationen und der Anbeginn afrikanischen Unternehmertums wären mit dem Verlust vieler Arbeitsplätze verbunden. Doch sei dies eine notwendige Korrektur, zumal diese Arbeitsplätze künstlich und mit einer funktionierenden Volkswirtschaft nicht in Einklang zu bringen seien. Hierzu führt Shikwati ein typisches Beispiel an: Als einer der wenigen potentiellen Arbeitgeber können Hilfsorganisationen höchste Standards von Bewerbern verlangen; so müsse ein Chauffeur etwa fließend Englisch sprechen und gute Manieren aufweisen – was im Endeffekt dazu führe, dass ein afrikanischer Biochemiker, anstelle seine Ausbildung sinnvoll einzusetzen, Mitarbeiter einer Hilfsorganisation chauffiert, um hoch subventionierte europäische Nahrungsmittel zu verteilen und lokale Bauern in die Arbeitslosigkeit zu treiben – was schlichtweg verrückt sei.

Das Problem liegt somit nicht nur bei den in die Abhängigkeit getriebenen Afrikanern, respektive deren korrupten Regierungen, sondern den Hilfsorganisationen selbst; die UNO und ihre Suborganisationen, bezeichnet er als eine „eine riesige Behörde von Apparatschiks, die in der absurden Situation sind, sich zwar dem Kampf gegen den Hunger verschrieben zu haben, aber alle arbeitslos wären, würden sie diesen Hunger tatsächlich beseitigen.“

Mit dieser Bemerkung trifft Shikwati einen neuralgischen Punkt: Die Abschaffung von Entwicklungshilfe erscheint gerade deshalb unmöglich, weil sich auf Basis der Zerstörung der afrikanischen Volkswirtschaften eine regelrechte Entwicklungshilfe-Industrie herausgebildet hat; mit unzähligen Beschäftigten, gewachsenen Strukturen und einem mächtigen Lobbying-Apparat. Der ehemalige Entwicklungshelfer Michael Maren bezeichnet diese Industrie in seiner äußerst kritischen Abrechnung „The Road to Hell“ als Religion, als eigennütziges System, das seine Mitarbeiter und die beabsichtigten Nutznießer für das eigene Überleben und das eigene Wachstum opfert. Daraus ergibt sich ein eingespieltes Netzwerk und ein nicht enden wollender Kreislauf, der von den westlichen Gebern auf der einen und afrikanischen Nehmern auf der anderen Seite am Leben erhalten wird. Am sichtbarsten wird dieser Mechanismus im Zuge der alle Jahre stattfindenden „Geberkonferenzen“, auf denen gebetsmühlenartig die Absichten betont werden, den „Ärmsten der Armen“ helfen zu wollen. Die für die Gegenwart bedeutendste Geberkonferenz dieser Art fand im Jahr 2000 statt und brachte die UN Millenium-Entwicklungsziele mit sich, deren Inhalt vor allem die Bekämpfung von extremer Formen von Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, die Gleichstellung der Geschlechter oder die Senkung der Kindersterblichkeit sind bis zum Jahr 2015 sind (wobei das Nicht-Erreichen dieser Ziele bereits klar absehbar ist).

Gewollte Abhängigkeit und falsche Empfänger

Ein weiterer Grund für die Unmöglichkeit des Endes der Entwicklungshilfe liegt in der simplen Tatsache, dass sie ein realpolitisches Machtinstrument darstellt. So scheinen die Geberländer, wie Easterly betont, mit ihrem Denken immer noch in der Kolonialzeit verhaftet zu sein. Entwicklungshilfe ist Mittel mit dem Zweck, das de jure beendete Abhängigkeitsverhältnis de facto aufrechtzuerhalten, indem Regierungen für ihre Loyalität, ökonomische Privilegien und aufgrund strategischer Interessen alimentiert werden. So soll der ehemalige zentralafrikanische Diktator Jean-Bédel Bokassa es einfach auf den Punkt gebracht haben: „Wir bitten die Franzosen um Geld. Wir bekommen es, und dann verschwenden wir es“ – diese Verschwendung zeigte sich im Falle Bokassas besonders drastisch, ist dieser doch ein Paradebeispiel für durch ausländische Gelder subventionierten diktatorischen Größenwahn; man denke an dessen prunkreiche Paläste und vor allem an seine opulente „Krönung“ zu „seiner Majestät Bokassa der Erste, Kaiser von Zentralafrika durch den Willen des Zentralafrikanischen Volkes vereinigt mit der nationalen politischen Partei, der MESAN“ im Jahr 1976. Moyo zitiert dementsprechende Erhebungen, die davon zeugen, wie Entwicklungshilfe letztlich Zahlungen an Diktatoren, bzw. korrupte Regierungen bedeutet:

„Eine Weltbank-Studie belegt, dass 85 Prozent der Gelder für andere Dinge verwendet werden als vorgesehen. Ein Großteil ging an korrupte Diktatoren wie Mobutu, Idi Amin oder Mugabe, wie Larry Diamond, ein Wissenschaftler, feststellte. (…) Kongos Präsident Mobutu soll fünf Milliarden an Entwicklungshilfegeldern gestohlen haben. Nachdem er eine Zinsreduktion für die Schulden des Landes verlangt hatte, leaste er eine Concorde, um seine Tochter zur Heirat an die Elfenbeinküste zu fliegen.“

Dem könnte man entgegenhalten, dass diese Fehlentwicklungen Resultate der Wirren der De-Kolonialisierung und des Kalten Krieges und den damit einhergehenden unüberschaubaren Bildung von Allianzen waren. Seit dem Ende des Kalten Krieges und dessen Bestrebungen, sich die politische Gewogenheit möglichst vieler Staatschefs zu erkaufen, gibt es heute in der Tat teilweise neue, aus der Globalisierung resultierende Faktoren, die bei der Vergabe von Entwicklungshilfe mitspielen. So entscheidet etwa Frankreich neben den konkreten Bedürfnissen vor allem auf Grundlage von sicherheitsstrategischen Fragen und solchen der Migration über die Höhe und Adressaten ihrer Entwicklungshilfe-Gelder.

Auch betonen zahlreiche Staaten heute ihre Anstrengungen, den „Richtigen“ ihre Gelder zukommen zu lassen; Deutschland etwa überhäuft laut Shikwati den ruandischen Präsidenten Paul Kagame mit Hilfsgeldern – dieser kann sich als erster Präsident Ruandas seit dem blutigen Genozid in Ruanda aus dem Jahre 1994 aufgrund seiner öffentlichen Bekenntnisse, Frieden anstelle von blinder Rache zu wollen, der Unterstützung des Westens sicher sein – woran auch die diesen Gelöbnissen widersprechenden blutigen ruandischen Militäroperationen im Kongo nichts ändern, die somit letztlich über Umwege auch durch deutsche Spendengelder finanziert werden.

Moyo nennt eben jenen Kongo, Schauplatz zahlreicher bewaffneter Konflikte, als Beispiel für die immer noch währenden Zahlungen an korrupte Länder:

„Ein hochrangiger Mitarbeiter des IWF warnte vor zwei Jahren (2007, Anm.) davor, dass die Demokratische Republik Kongo total korrupt sei. Was passierte? Wenig später erhielt Kongo vom IWF den größten Kredit, den je ein afrikanisches Land erhalten hat.“

Am Grundproblem, dass Entwicklungshilfe an die Falschen gerät, hat sich also heute nichts geändert – so belegt William Easterly, dass es sich bei Ruanda und dem Kongo nicht um Einzelfälle handelt und die Zahlung an die falschen Empfänger bis heute den Regelfall darstellt – 2002 erhielten die 25 korruptesten Länder auch die meiste Entwicklungshilfe (9,4 Milliarden US-Dollar), was nur logisch ist, da Korruption und Armut einander notwendigerweise bedingen.

Geberkonferenzen, Schuldgefühle und die Logik der westlichen Allmacht

Die Geberkonferenzen, die zahlreichen Spenden und somit das starre Festhalten an der Entwicklungshilfe und der dazugehörigen Entwicklungsindustrie braucht jedoch neben der objektiven Machtbasis, die sich in Institutionen und einem diplomatischen Netzwerk ausdrückt, auch eine subjektive Grundlage. So gibt es zahlreiche berühmte Persönlichkeiten aus allen möglichen Sparten, die öffentlich ihr Image aufpolieren, indem sie ihren Namen „für Afrika“ einsetzen; man denke nur an „Live 8“ im Jahre 2005 – Dambisa Moyo gelangt in diesem Zusammenhang zu der Feststellung, dass die Entwicklungshilfe und das Werben für sie zu einem Bestandteil der Unterhaltungsindustrie geworden sei, ein Trend, den sie äußerst kritisch betrachtet; einerseits, weil die damit einhergehende Darstellung Afrikas einseitig-negativ sei und andererseits, weil niemand die sich für Afrika einsetzende Prominentenriege dazu legitimiert habe.

Dabei sei dahingestellt, inwiefern sich in diesem Zusammenhang hervortuende Berühmtheiten wie Bob Geldof, Bono Vox, Sharon Stone oder Angelina Jolie in der Tat von guten Absichten motiviert sind; unwahrscheinlich ist dies keineswegs, denn Entwicklungshilfe hat eine starke mentale Grundlage im kollektiven Schuldgefühl der westlichen Bevölkerungen, das freilich vor Mächtigen und Berühmten nicht Halt macht. Dazu zählt unter anderem der bis heute ungemein weit verbreitete, vor allem durch die Dependenztheorie begründete Mythos, dass jeglicher Wohlstand notwendigerweise die Armut anderer Staaten mit sich bringe. „Wir sind so reich, weil die so arm sind“.

Obwohl diese These keiner empirischen wie auch historischen Überprüfung standhält, ist sie noch immer fest in den Köpfen der westlichen Bevölkerungen verankert. Somit könnte diese Denkensart dazu führen, dass Berühmtheiten Druck auf die Vertreter westlicher Staaten ausüben, doch mehr zu tun, noch höhere Ziele zu stecken, mehr Bemühungen zu unternehmen und – letztlich – noch mehr Geld fließen zu lassen. Zu diesem Schuldgefühl treten noch durch die als immer schneller wahrgenommenen technischen Innovationen der letzten Jahrzehnte sowie die daraus resultierenden und die Moderne kennzeichnenden Allmachtsphantasien, aus denen ein enormes Interventions-Verlangen folgt.

Vereinfacht gesagt scheint folgender Grundsatz zu gelten: Wer helfen kann oder zumindest glaubt, es zu können, der muss auch. Die Armut in Afrika erscheint somit als Missstand, der durch westliches Kapital und Planung überwunden und beseitigt werden kann und muss. Wie die Geschichte der Entwicklungshilfe zeigt, eine gänzlich gescheiterte Idee, an der ungeachtet der bis heute äußerst negativen Bilanz dieser Anstrengungen mehr denn je festgehalten wird. Denn wenn es in Industriestaaten gelingt, Mobiltelefone zu kreieren, mit denen man um die Welt telefonieren, im Internet surfen, Fotos und Videos anfertigen oder videospielen kann, so müsse es doch auch möglich sein, die Millennium-Entwicklungsziele zu erreichen beziehungsweise das Leid auf der Welt entscheidend zu lindern. Es könne und dürfe nicht sein, Afrika seinen eigenen beschwerlichen und mit enorm viel Leid verbundenen Weg gehen zu lassen, auch wenn dies alle reicheren Nationen, also auch die Geberländer selbst oder jüngst Südostasien, getan haben und es kein Erfolgsbeispiel für Entwicklungshilfe- und die dazugehörigen Programme gibt.

Mehr noch, es scheint nicht zuletzt aufgrund der Wirkung der Bilder und Statistiken keine Zeit für einen solchen eigenen Weg vorhanden. Selbst wenn der große Sprung, der Afrika in Richtung Wohlstand bringen oder zumindest ein klein wenig „besser“ machen könnte gelänge, würde er zu lange dauern. Was im genuin-politischen Sinne der Wahnsinn, vorgeblich Frieden und Demokratie mit Waffengewalt erzwingen zu wollen, ist im Ökonomischen der Irrglaube, Wohlstandsvermehrung durch ausländische Gelder und Programme der Weltbank oder des IMF erzeugen zu können. Beides Irrwege mit fatalen Konsequenzen, die in krassem Widerspruch zu den (vorgegebenen) Intentionen stehen. Die Gebernationen halten somit auch deshalb an der Entwicklungshilfe fest, weil sie sich nicht eingestehen können und wollen, jahrzehntelang einem Irrtum aufgesessen und somit letztlich selbst gescheitert zu sein. Und folgt man den zitierten Feststellungen von Dambisa Moyo, ist es ausgerechnet das in den USA und Europa als raffgierig, selbstsüchtig und menschen(rechts)verachtend dargestellte China, das – ganz ohne gute Vorsätze – in etwa zehn Jahren mehr Gutes in Afrika bewirkt als jahrzehntelange Entwicklungshilfe. Womit man China unweigerlich die Rolle des Faust’schen Mephistopheles, den „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ zugestehen müsste.

Das Geschäft mit dem guten Gewissen – die private Spende

Das oben thematisierte Schuldgefühl betrifft nicht nur Berühmtheiten; wessen Namen nicht bekannt genug ist, um ihn für den „guten Zweck“ einzusetzen und Geberländer zu beeinflussen, dem stehen andere Mittel zur Verfügung: So erscheint die Zahlung von Privatpersonen an eine der unzähligen Hilfsorganisationen, die sich um Afrika kümmern, als eine der Erscheinungsformen des modernen Phänomens, das (gute oder schlechte) Gewissen zu einem frei verfügbaren Warengut zu machen. Daraus resultiert ein Mechanismus, der den eigenen Wohlstand, den Besitz eines Großbildschirmes, eines schönen Autos, von schöner Wohnung/Haus mit Garten oder den jederzeit möglichen Verzehr exquisiter oder zumindest immer frischer Speisen auch im Lichte von Bildern, die dunkelhäutige Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und Fliegen um den Mund zeigen, erträglich macht. Was Philosophen seit Urzeiten mit der Grundsatzfrage des guten, gerechten Lebens zum Gegenstand ihrer Überlegungen machen, wird in der Moderne zu einem säkularen Konsumobjekt, das in Sekundenschnelle verfügbar ist. Nicht mehr Gott soll einem etwa durch den Ablass spätestens im Jenseits wohlgesonnen sein, sondern das eigene Spiegelbild im Hier und Jetzt. Es braucht nicht mehr ein ganzes Leben ohne Sünde und voller Reue und Untertänigkeit, sondern einige wenige Mausklicks, eine SMS, das Ausfüllen eines Zahlscheins oder alte Kleider, um Erlösung zu erhalten – freilich keine göttliche, sondern Erlösung von sich und den Bürden des eigenen, als unverhältnismäßig empfundenen Wohlstands. An die Stelle der Kirche und ihrer Vertreter treten heute demgemäß Hilfsorganisationen und ihr Mitarbeiterstab. Was nicht heißt, dass Kirche und Entwicklungsindustrie heute nicht auch oftmals Allianzen schließen, die mit der Verheißung auf Erlösung, in Gegenwart und Jenseits zugleich, aufwarten.

Die Spende lässt sich somit auf einen banalen Kaufakt herunterbrechen: Geld oder Sachgüter für das gute Gewissen. Damit es nicht bei einem bloßen inneren Gefühl bleibt, liefert die Empfängerorganisation ein Zertifikat der guten Tat, etwa ein Foto des Kindes, dessen Pate man geworden ist, Dankesbriefe oder Erläuterungen, wie viele Menschen durch die geleisteten Zahlungen nun ernährt oder in die Schule geschickt werden können.

Für eine weitere Beschäftigung oder gar eine kritische Betrachtung mit dieser Materie fehlen indes zumeist Zeit, Muße oder auch Antrieb – zu verlockend simpel erscheint die Rechnung, auf diesem einfach erscheinenden Wege viel Gutes bewirken und somit neben dem Wohlbefinden des armen Afrikas auch das eigene steigern zu können. Was für den freilich die diabolisch anmutende Frage aufwirft, wessen Wohlbefinden hier eigentlich Haupt- und wessen Nebenzweck ist.

Fazit

Es dürfte noch sehr lange dauern, bis Entwicklungshilfe nicht nur punktuell, sondern als solche auf globaler Ebene kritisch hinterfragt wird oder gar ihre Einstellung ernsthaft möglich erscheint. Bis dahin dürften noch zahlreiche Geberkonferenzen, Absichts-Erklärungen und Bemühungen, sie zu verbessern, folgen. Insofern erscheint die seit 2008 einsetzende Weltwirtschaftskrise als Möglichkeit und Chance – so könnte der damit einhergehende Sparzwang auch zu einem Rückgang der Entwicklungshilfe führen, auch wenn dies auf noch so heftigen Widerstand stößt. Eine Entwicklung, die eine enorme Chance darstellt; sollte es zumindest einzelnen Staaten im Lichte geringer werdender Zahlungen gelingen, ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation (nicht zuletzt durch den Handel mit China) zu verbessern, könnten dies die ersten Schritte eines eigenen – gewiss immens beschwerlichen – Weges darstellen, der bislang versperrt geblieben ist. Was Südostasien gelingt, sollte auch für Afrika möglich sein. Denn, wie Easterly schreibt, sind „große Erfolge ohne Bevormundung durch den Westen möglich“, während „wiederholte Behandlungen (mit Geldern und IMF-Programmen) anscheinend keine Katastrophen verhindern können“. Insofern hat Afrika viel zu gewinnen und nichts zu verlieren.

Literatur:

„Der Standard“ (31.08.2011): Zu wenig Entwicklungshilfe – OECD kritisiert Österreich

„FAZ“ (13.04.2009): Gespräch mit Dambisa Moyo

„Weltwoche“ (07.09.2011): Entwicklungshilfe ist tödlich. Interview mit Dambisa Moyo.

„Spiegel“ (04.07.2005): James Shikwati fordert eine Streichung der Entwicklungshilfe

Dambisa Moyo: Dead Aid (2009)

William Easterly: Wir retten die Welt zu Tode (2006)

07. September 2011

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