31. Oktober 2011

Kulturpolitischer Provinzkäse aus der DDR Death in June in Eisleben

Skurriler Bericht über ein skurriles Konzert in einer skurrilen Republik

Anfang Oktober erfuhr ich über irgendwelche Internetkanäle, dass Death in June vorhätten, in Eisleben aufzutreten. Death in June ist schwarzes Cabaret, eine Rockgruppe, die seit dreißig Jahren von einem kultivierten und zu allen Späßen aufgelegten Engländer geführt wird. Als Traditionalisten halten diese wackeren Leute, die eigentlich nur noch einer sind, nämlich der kultivierte Engländer, bis heute die düsteren Ikonen ihrer rebellischen Jugend unter Margret Thatcher in Ehren; einen Totenkopf, von der SS gefleddert und ein paar fetischistische Symbole, die der Mama Angst machen, wenn sie weltfremd und bei den Grünen ist. Der Engländer ist außerdem eine launische Schwuchtel und schwenkt seine Schwulenflagge gemeinsam mit dem Totenkopf. In Deutschland mag man ihn nicht, weil er bessere Musik macht als die Söhne Mannheims, weil er nicht religiös ist und weil er sich weigert, doofe linksliberale Manifeste zu unterschreiben. Am meisten aber hasst man ihn dafür, dass er bei der Hervorbringung seiner zahlreichen guten Platten nicht den alten Rezepten der deutschen Kultursoziologen gefolgt ist und bis heute auf eigene Rechnung arbeitet.

Ich beschloss, dieses Konzert aufzusuchen. Es hätte ursprünglich in Leipzig stattfinden sollen; wegen zahlreicher ernsthafter Drohungen der Autonomen hatte man die Verlegung nach Eisleben beschlossen. Auf der Homepage des vorsichtigen Künstlers tauchten Hinweise auf, man hätte beim einzigen Deutschlandkonzert mit allem zu rechnen; auf Facebook äußerte sich der Mann im Schutz eines Fake- Profils ironisch, wenn auch ein wenig ängstlich zu bevorstehenden deutschen Ereignissen. Ich ging also auf die Suche, was da los sein könnte in Lutherstadt Eisleben und wurde bald fündig.

Ein antifaschistisches Bündnis hatte sich gebildet, das am Tag des Konzerts die Innenstadt von Eisleben besetzen, dort Kundgebungen abhalten und „Informationsmaterial“ zu „faschistischer Kunst“ verteilen wollte. Dem Aktionsbündnis gehörten in aller Offenheit die Bürgermeisterin von Eisleben, zahlreiche Kommunalpolitiker und allerhand buntes Volk der linken Reichshälfte und des protestantischen Lagers an. Ein arbeitsloser Soziologe setzte sich an den Rechner und veröffentlichte innerhalb weniger Tage ein Dutzend denunziatorische und sich wissenschaftlich gebende Schwätzereien zur Musik von Death in June. Die Analysen sind der Textgattung nach Stasiberichte, nur mit dem Unterschied, dass ihnen der Bezug zur Realität fehlt. In der „Mitteldeutschen Zeitung“ wurden von einem jungschen Lokalredakteur Berichte zu „Naziästhetik auf der Bühne“ zusammengestopselt; eine Schande für die mitteldeutsche Provinz, die mit dem vor allem in den USA hoch angesehenen Peter Wicke immerhin den größten Popmusikforscher („GröPopMuF“) aller Zeiten hervorgebracht hat.

Als Besitzer einiger leistungsstarker Rechner der Marke Apple und als halbwegs freier Mensch beschloss ich, diesen Lappen das Handwerk zu legen. Ein bisschen Hackerintelligenz, ein Telefon, meine verstellte Radiostimme, ein paar Mails und Postings genügten, um den politisch inkorrekten Haufen so zu verunsichern, dass die Besetzung der Innenstadt abgesagt werden musste, weil der Veranstalter der Demo deren Anmeldung mitten in der Nacht per Fax zurückgezogen hatte. Plötzlich war klar, dass eine Kommune keine Demonstration ausrichten kann und dass die Bürgermeisterin bei den geplanten geschäftsschädigenden und beleidigenden Aktionen den Boden der Rechtsordnung unter den Füßen verlieren hätte müssen.

Stattdessen wurde eine „Diskussionsveranstaltung“ im Rathaus abgehalten; Tage später wurde über die „Mitteldeutsche Zeitung“ ausposaunt, dass bei dieser Sitzung folgende Strategie gegen „faschistische Kunst“ vorgetragen worden war: Erhöhung der städtischen Parkgebühren am Konzertabend auf 10 Euro die Stunde; verschärfte Anwendung des Gaststättenrechts und absichtliche Schikanen durch zusätzliche, spontan vorgeschriebene Fluchtwege und Lärmbestimmungen; Veränderung der Sperrstunde am Konzerttag; politischer Druck auf die Veranstalter; öffentliche Anprangerung der Künstler durch kommunal finanziertes Informationsmaterial.

Ein Schelm wer denkt, dass diese Leute verhinderte Stasifunktionäre sind. Der kultivierte Engländer, der seit Jahrzehnten in Australien lebt, ging am Konzerttag in die Offensive: Er hatte sich seinen Schnauzer, wie er betonte, allzu langsam und in kleinen Schritten abrasiert, so dass es eben heute ein Hitlerbart sei. Ein wenig kämpferisch und in grotesker Verschlossenheit, überfordert durch die doch recht anstrengende Provinzposse, trug der um sein in Deutschland verbotenes Bandsymbol betrogene und schikanierte weltberühmte Mann sein Set vor. Es war zu hell im Raum; man sah den nicht mehr ganz gesunden Sechzigjährigen in einer österreichischen Tarnuniform, mit Fliegerkappe und Sonnenbrille. Die Bühnendeko hatte man ihm großteils weggenommen, so sah es ein wenig aus wie bei einem musikalischen Vortragsabend in der Realschule. Der Engländer war mit seinem alten Schlagzeug-Mitstreiter und seiner Gitarre allein auf der Bühne; die Show war verkrampft, hektisch und großartig.

Der Song „Rose Clouds of Holocaust“, ein Meisterstück des unpolitischen Schauerkabaretts, wurde spontan umgetextet, und es war nicht mehr von Rosen-Wolken aus Holocaust, sondern von Rosen-Wolken aus deutschem Schmarrn die Rede: Rose Clouds of Deutsche Bollocks! Rose Clouds of Flies! German Politicians tell many lies! Rührend.

Ich lernte unter den Konzertbesuchern, die vom Bundestagsabgeordneten Harald Koch per Presseaussendung als „hellbrauner Mob“ bezeichnet worden waren, eine baumlange blonde Uniformfetischistin kennen, die in sorgfältig gebügeltem figurbetontem Kampfanzug nach Eisleben-Einöden gekommen war. Weil ich ein molliger Spießer bin, und weil ich Süddeutscher bin, fürchtete sich die exotische Schönheit ein wenig vor mir nach dem Konzert, hielt mich vielleicht auch für einen Linksliberalen oder einen Lehrer. Im Gespräch mit einem Spezialisten für Heizungssysteme und einer Maskenfrau im Dirndlkleid beschlossen wir dann aber trotzdem in liebevoller Umarmung, nicht als Nazibrut gelten zu wollen.


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Fritz Gstättner

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