24. November 2011

Nach Zwickau Bekenntnis eines unglücklichen Faschisten

Ich bin schuldig

Ich klage an und bekenne mich schuldig. Ja, auch ich bin irgendwo tief drinnen ein Faschist. Ich wusste es schon immer, aber seit den grauenerregenden Vorfällen um die BAF, deren Spinnennetz unsere ganze Gesellschaft überspannt, habe ich die Kraft gefunden, es zuzugeben.

Es fing schon damit an, dass ich hier geboren wurde. Meine Eltern (Elter1, Elter2) sind beide Deutsche nach faschistischem Gesetz. Wenn das mal kein schlechter Anfang ist!

Oft saßen wir verzweifelt in der Familienrunde; ich erinnere mich noch an die Vorwürfe, die ich meinen Eltern machte. Wie konntet Ihr nur – wenn schon keine andere Hautfarbe, warum dann nicht wenigstens einen Franzosen oder Italiener (das war damals der dernier cri)? Meine Eltern verwiesen darauf, dass man ja damals, als man noch ehelichen Sex hatte, noch nicht ahnen konnte, welche Nachlässigkeit das sei. Aber so ist es immer – man wusste von nichts. Wir kennen das ja!

Ich wuchs die ersten Lebensjahre bei Elter 2 auf und war ihrer Indoktrination hilflos ausgesetzt, ohne dass sie mir die Möglichkeit gab, einen staatlichen Kindergarten zu besuchen und mich dort richtig zu sozialisieren. Noch schlimmer: Mein Elter 2, obwohl mit Berufsausbildung, entschied sich für Ihre Kinder und blieb zu Hause. Das konnte ja nicht gutgehen! Man kann zwar anführen, dass es damals noch keinen staatlichen Kindergarten in meinem Dorf gab (heute weiß ich: cui bono!). Aber das erklärt eben nicht alles.

Es reichte meinen Eltern aber nicht, mich während der ersten drei Lebensjahre der Obhut staatlicher Erzieher_Innen zu entziehen, nein. Als ob sie mir noch das letzte Kainsmal aufdrücken wollten, schickten sie mich ausgerechnet in den katholischen Kindergarten. Warum nicht wenigstens in den evangelischen, die haben keinen Papst und sind doch auch sonst recht flexibel (Es gab zwar noch keine Kässmann, aber der evangelische Dorfpfarrer ließ auch nichts anbrennen).

Als ich meine Eltern diesbezüglich zur Rede stellte, kam heraus, dass es nur um die geringere Entfernung von unserem Haus ging. Man stelle sich das mal vor: Bequemlichkeit ging vor Weltanschauung!

Doch es kam alles noch viel schlimmer. Eines Tages entdeckte ich im Führerschein meines Vaters seinen Geburtsort. Dort stand Bad Ziegenhals/OS. Zu meinem Entsetzen stellte sich heraus, dass es sich dabei um jahrhundertelang widerrechtlich deutsch besetzte Gebiet handelte, die eigentlich zu Polen gehören und dies auch heute Gott sei Dank wieder tun. Darauf angesprochen, schwieg mein Vater nur. Das kennen wir ja auch! Wenigstens hat er das Thema nie vor Freunden oder bei Elternabenden angesprochen. Was hätten die zahlreichen SPD-Eltern auf dem Elitegymnasium dazu gesagt?

Doch ich will mich nicht schonen, nicht ablenken, nicht alles auf meine Eltern abwälzen. Ich war kein Stück besser. Leider hatte ich anfangs nur deutsche Freund_Innen. Zugegeben, es war schwierig andere zu finden, aber ich habe mir eben einfach nicht genug Mühe gegeben. Ich habe es außerdem unterlassen, homosexuelle Erfahrungen zu suchen, ich habe keinen Kontakt zu Transsexuellen-Arbeitskreisen gesucht. Ja, ich fand auch die Idee abwegig, Kontakt zu einer der bei McDonalds im Stadtzentrum ein- und ausgehenden pummeligen schwarzen Soldat_Innen aus der benachbarten US-Garnison zu suchen. Nachträglich betrachtet muss ich sagen: typisch deutsch. Klar – aber damals wusste ich es noch nicht.

So ging es weiter, bis zum Abitur. Auch das ein einziger Schandfleck übrigens. Um der allen gleiche Chancen einräumenden Gesamtschule bei uns im Dorf zu entrinnen, schlossen sich meine reaktionären Eltern dem Bildungsflüchtlingsstrom anderer Bürger_Innen an und versuchten um jeden Preis, mich auf eines der verbleibenden Gymnasien in der benachbarten Großstadt zu schicken. Koste es, was es wolle, sogar die teure Wochenkarte des privaten Busunternehmers wurde in Kauf genommen. Ich konnte mich ja nicht wehren! Das Widerlichste an dieser Geschichte ist die Begründung, die mir anschließend dafür präsentiert wurde. Sie wollten angeblich, dass ich auf eine anständige Schule komme. Vor so viel ideologischer Verbohrtheit stehe ich heute noch fassunglos.

Zu meiner Rechtfertigung könnte angeführt werden, dass meine Eltern keineswegs zum Geldadel gehörten, sondern einfache Leute sind und ich somit eher das fortschrittliche Element vertrat.

Doch dieser Umstand wird leider wieder vor der Geschichte zunichte gemacht durch die Tatsache, dass es ausgerechnet ein humanistisches Gymnasium sein musste. Selbstredend, dass außerdem auch noch viel mehr Jungs als Mädchen in den Klassen waren (die Rollen waren ja noch vollkommen überspitzt definiert), selbstredend, dass sich beim Kampf um die wenigen verbleibenden Mademoiselles auch noch verbale sexistische Exzesse sondergleichen abspielten. Es war ein widerwärtiges Schauspiel.

Pikantes Detail: Es wurden damals sogar hin und wieder vermeintlich harmlose Witzchen über Randgruppen gemacht. Statt sie beim Klassenlehrer anzuschwärzen, kicherte ich mit meinen Schulfreunden mit. Ich schwieg also – genau wie meine Großeltern. Damals sah ich da noch einen Unterschied, zwischen einem Witz und dem Holocaust – heute weiß ich: es gibt nur insofern einen, als es das zweite ohne den ersten nicht geben kann.

Heute habe ich das erste Mal den Mut, offen über meine Perversion zu sprechen. Statt mich mit Ungerechtigkeiten der aktuellen Gesellschaft und den Möglichkeiten staatlicher Eingriffe zu beschäftigen, diese Misstände zu beseitigen, las ich lieber Karl May. Etwas Dekadenteres und Rückständigeres kann ich mir eigentlich heute kaum noch vorstellen. Aber so war ich.

Ein viel dunkleres Kapitel wartete noch auf mich. Halt: ich suche schon wieder Ausflüchte. Es wartete nicht auf mich, ich forderte es heraus. Während viele meiner Klassenkameraden (hab’ ich grad Kameraden gesagt?) den gesellschaftlich notwendigen Zivildienst anstrebten und dafür bewusst und berechtigt die Inquisition des schwarzen Staates belogen, die für die Gewissensprüfung zuständig war (ein besonders ekelhaftes Kapitel unserer jüngsten Geschichte), entschied ich mich – ohne Druck von außen – für den Wehrdienst. Ich setzte noch einen drauf und verpflichtete mich und wurde so Söldner in direkter Tradition der Wehrmachtsschergen. Da half es auch nicht, dass ich in den beschissen geschnittenen Billig-Uniformen der Bundeswehr eher bemitleidenswert ausgesehen haben muss. Wie ich es fertigbringen konnte, mir eine solche Uniform eines solchen Staates anzuziehen und auch noch zu schwören, ihn und seine Bürger wie deren damals noch gar nicht so demokratischen Grundrechte zu verteidigen – es ist und bleibt mir ein doppeltes Rätsel.

Studiert habe ich, um die Vergangenheit nicht zu vergessen, Geschichte. Da unsere Gesellschaft inzwischen schon nicht mehr die alte war, blieb mir nichts anderes übrig, als Geschichte als historische Soziologie zu verstehen. Wenigstens bewegte man sich da nicht auf ideologischem Glatteis. Da gefiel es mir, ich war endlich auf dem richtigen Weg!

Da wollte ich auch bleiben, doch auch hier stand ich wieder auf der falschen Seite; verleitet durch einen versteckten Reaktionär aus der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR erdreistete ich mich, mich mit nachrichtendienstlichen und militärischen Fragen nach dem zweitenWeltkrieg zu widmen, kurz mit dem, was den Kleinbürger wirklich interessiert. Ein durch und durch verkommenes Anliegen: völlige Ausklammerung der Genderproblematik, frauenfeindlich und ohne Rücksichtnahme auf die gängige Mode, sprich den aktuellen Stand der Wissenschaft. Ich wurde abgestraft und die Kommission schmiss mich raus.

Verdient, muss ich heute sagen. Und Gott sei Dank, sonst hätte ich sicher einiges an Subtext nach draußen transportiert. Als ob das nicht genug wäre! Bis heute habe ich noch nicht mal Schulden gemacht! Man stelle sich das vor! Wie konnte es dazu kommen, wo mir doch die Commerzbank für einen Immobilienkredit fast das 100-fache meines Brutto-Einkommens angeboten hatte? Und es kommt noch dicker: Ich habe das reichliche Geld, das mir nach der Abführung aller Steuern und Abgaben bleibt, in GOLD und SILBER umgerubelt, weil ich unserem „Papiergeld“ nicht traue. Ich habe mich öffentlich despektierlich über die EZB und unser ganzes Geldsystem geäußert. Ich habe sogar das Finanzamt einmal heimlich in einem Stoßgebet als Räuberbande verwünscht! Und ich habe im Suff mal laut gefragt, wieso die den Dirk Müller eigentlich noch nicht gelyncht haben, bei dem, was er so von sich gibt in den Talk-Shows. Und das, obwohl wir doch freie Presse haben!

Vielleicht hatte ich sogar Kontakt mit den braunen Mördern, ohne dass ich es gemerkt habe? Stand ich einmal neben einem in der S-Bahn? Es war sicher kein Zufall, wenn es so gewesen sein sollte.

Mein Hang zum Gold ist übrigens keine Petitesse. Das einzige, was mich an der tiefen Verkommenheit dieser Irrlehre zweifeln ließ, war der dahinterstehende Wille, es Herrn Hitler wenigstens dieses eine Mal nicht recht zu machen.

Der größte Verbrecher aller Zeiten belustigte sich ja bekanntermaßen öffentlich mehrfach über die, welche den Goldstandard propagierten und für ein Mittel hielten, Kriege zu verhindern. Aber man sagte mir, dass Herr Hitler natürlich unrecht hatte, aber dass es heute es eben nicht mehr so wie damals sei. Heute ist es umgekehrt. Ich hatte es mal wieder nicht geschnallt.

Mein jüngster Rückfall hat mich besonders runtergezogen. Wie konnte ich die Notwendigkeit der diskussionslosen Verpfändung unserer jetzigen und zukünftigen Ersparnisse an ESFS (wie hieß das Ding nochmal), ESM und Ähnliches in Zweifel ziehen? Wieso ballt sich mein Gesicht zur Faust, wenn ich die frechen Verwaltungsbeamten der EU-Kommission sehe? Wahrscheinlich, weil ich einfach nur eine ordinäre faschistische Visage habe. Die kann man eben nicht ändern.

Wie konnte ich es wagen, heimlich nachts andere Informationsquellen außer Spiegel.de zu lesen? Warum habe ich meine Tageszeitungen alle abbestellt? Wie konnte ich mich dazu erdreisten, die offizielle Geschichte von Osama Bin Laden und dem 11. September auch nur leise in Zweifel zu ziehen? Wie konnte ich nicht wählen gehen und für die Front der Nationalen Einheit stimmen? Wie konnte ich die Junge Freiheit mal an einem Bahnhofskiosk mustern und danach mit einer Mischung aus Genugtuung und Verwunderung lesen? Und wie konnte ich, als Höhepunkt gleichsam, tatsächlich vor Zeugen behaupten, man solle eher den Verfassungsschutz verbieten als die NPD?

Und das war erst kürzlich – nachdem die Verbraunung der deutschen Gesellschaft offen zu tage getreten ist. Ich bin noch nicht mal auf die Idee gekommen, zur Döner-Bode um die Ecke zu gehen und der dortigen Spießkraft meine aufrichtige Entschuldigung entgegenzubringen. Noch nichtmal DAS!

Alles hat ein Ende, nur mein innerer Faschismus nicht. Anlässlich des jüngsten Papstbesuches ertappte ich mich bei Sympathiegefühlen für den alten, grundbösen Herrn. Das setzt wirklich dem Ganzen die Krone auf. Ich war nun kein gewöhnlicher Fascho mehr, sondern obendrein noch ein papistischer. Wie das gehen soll, weiß ich zwar nicht, aber Claudia Roth kann es sicher erklären.

Neulich hatte ich auch kurz negative Gefühle, als ich hörte, ein wegen HartzIV–Terrors dahinvegetierender türkischer Mitbürger ohne Deutschkenntnisse habe seine Frau auf offener Straße erschossen, weil sie ihr Leben ohne ihn führen wollte. Mein Hass richtete sich natürlich nur gegen den rassistischen Staat, der es versäumt hatte, den jungen Mann durch Fördermaßnahmen und Sozialtherapie die Aggressionen zu nehmen. Ich sollte mir lieber erst mal Gedanken machen über die machistische Gewalt, die deutsche Männer ihren Frauen angedeihen lassen. Trotz allem konnte ich die Frage nicht unterdrücken, wie es eigentlich kommt, dass jemand, dem nach fünf Jahren Aufenthalt die Möglichkeit verwehrt wurde, Deutsch zu lernen und der gezwungen wird, unter menschenunwürdigen Bedingungen auf Kosten des Steuerzahlers zu leben, hier eigentlich einen Aufenthaltstitel hat. Und vor allem, wo er die Waffe herhat. Noch gibt es die ja nicht an jeder Ecke.

Man stelle sich das mal vor: Was für eine Frage – als ob es darauf ankäme!

Da wusste ich es endgültig. Ich bin einer von denen, die den Nazi in sich drin haben. Ist halt doch übertragbar, die Genetik gilt zwar nicht für alle, aber für Deutsche dann halt doch etwas mehr. Wenn man nicht entschieden dagegen ankämpft. Und das habe ich nicht getan.

Doch ich habe nicht alles falsch gemacht. Meine Frau kommt aus dem befreundeten europäischen Ausland. Meine Kinder tragen einen widerlichen Doppelnamen. Wir sind nicht verheiratet. Ich hatte schon diverse schwule Chefs. Beruflich habe ich teilweise mit Polen zu tun. Wenn ich nicht gerade in meinem Kleingarten sitze.

Dennoch oder genau deswegen bitte ich um Hilfe. Wenn nicht ausgeprägter Faschist, so bin ich doch zumindest Keimzelle für zukünftige Faschisten, eventuell sogar Nazis. Da das bestehende große Umerziehungslager und seine immanenten Kontrollmechanismuen bei mir offensichtlich fruchtlos waren, bitte ich bei der Bestrafung um besonders drastische Maßnahmen.

In den stalinistischen Schauprozessen erflehten die Angeklagten die Todesstrafe. Davon sind wir Gott sei Dank in unserem demokratischen Rechtsstaat weit entfernt. Die Vernichtung der bürgerlichen Existenz durch die Entsendung von Antifa-Truppen ist jedoch das Mindeste, was ich verdient habe.

PS: Weitere Punkte übrigens, die noch gegen mich sprechen. Ich war als Kind im Schützenverein. Mir gefallen Jankerl. Ich esse lieber Bratwurst als Döner. Manchmal sogar zwei nacheinander, wenn es eine echte Thüringer ist. Ich war auch schon mal auf Youporn.


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Guido Neumann

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