30. November 2011

Neo-Imperialismus Rivalitäten im Südchinesischen Meer erinnern an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Die USA brauchen einen Bismarck

Gemäß Santayanas überstrapazierter aber nichtsdestotrotz weiterhin gültiger Maxime sind diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern, dazu verurteilt, diese erneut zu durchleben.

In meinem Arbeitszimmer habe ich ein schönes kleines Ölgemälde von Deutschlands erstem modernen Kaiser, Wilhelm I. Er lächelt und ist zufrieden.

Das Portrait wurde kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gemalt, der zur Gründung eines vereinten Deutschen Reiches unter dem Preußenkönig Wilhelm führte, der Dank dem großen deutschen Staatsmann, Fürst Otto von Bismarck, in Versailles zu Deutschlands Monarch gekrönt wurde.

Dem britischen Empire, das damals über ein Viertel des Globus herrschte, erschien die schnell ansteigende wirtschaftliche und militärische Macht des vereinigten Deutschlands als ernste Bedrohung.

Jedoch gelang es Bismarck, auf geschickte Weise Deutschlands Gegner oder Rivalen entweder zu spalten oder abzulenken und Europas Machtgleichgewicht aufrechtzuerhalten. Aber der neue eigensinnige junge Kaiser Wilhelm II entließ dummerweise den dominierenden Bismarck und stürzte seine Nation in die Konfrontation mit dem imperialen Britannien in den Bereichen Seemacht, Kolonien und Handel.

Großbritanniens Imperialisten beschlossen, den Rivalen Deutschland auszuschalten. Die Lunte zum ersten Weltkrieg war gezündet.

In Südasien beobachten wir, wie die ersten Stufen eines ähnlichen Machtkonflikts Gestalt annehmen.

China praktiziert normalerweise eine sehr vorsichtige Außenpolitik. Aber in letzter Zeit hat Peking maritime Ansprüche im ressourcenreichen Südchinesichen Meer aggressiv geltend gemacht, eine Region, die an Indonesien, Vietnam, Brunei, den Philippinen, Malaysia, Taiwan und China grenzt.

Japan, Indien, Südkorea und die Vereinigten Staaten haben ebenfalls strategische Interessen in diesem heiß umstrittenen Meer, unter dem man 100 Milliarden Barrel Öl und 26 Billionen Kubikmeter Erdgas vermutet.

China ist wiederholt mit Vietnam und den Philippinen wegen der Spratly- und Paracel-Inseln und sogar bloßen Felsen im Chinesischen Meer aneinander geraten. Die Spannungen sind enorm.

2010 haben die USA den Ansprüchen der kleineren asiatischen Staaten an die maritimen Ressourcen ihre deutliche Rückendeckung gegeben, indem sie China gegenüber Warnungen aussprach und das Recht der US Navy bekräftigte, überall zu patrouillieren. Peking verstand das als Kampfansage an seine regionale Oberhoheit.

In der letzten Woche wurde der Einsatz in diesem Machtspiel erhöht, als Washington die dauerhafte Stationierung von 2.500 Marines in der abgelegenen nordaustralischen Hafenstadt Darwin ankündigte.

Eine Marineeinheit kann in einem riesigen, abgelegenen Gebiet wenig ausrichten, aber Washingtons symbolischer Truppenaufmarsch ist ein weiteres starkes Signal an China, seine Finger vom Südchinesischen Meer zu lassen. China und das benachbarte Indonesien reagierten alarmiert. In Indonesien sind Erinnerungen an die in den 1960er Jahren erfolgte Intervention durch CIA-Söldner und britische Truppen noch lebendig.

Die USA machen sich zunehmend Sorgen über Chinas militärische Modernisierung und wachsende Flottenstärken. Washington hat eine neue inoffizielle militärische Allianz mit Indien gebildet und Delhi bei der Entwicklung nuklearer Waffen unterstützt – ein Pakt, der klar gegen China gerichtet ist. China und Indien befinden sich in einem nuklearen und konventionellen Rüstungswettlauf.

US-Streitkräfte werden derzeit in der Mongolei ausgebildet. China wird vielleicht eine neue vierte Flotte im Südchinesischen Meer stationieren. Washington bringt seine Besorgnis über Chinas neuen Flugzeugträger, neue Schiffsabwehr-Raketen und U-Boote zum Ausdruck – allerdings sind diese Warnungen von der weltweit führenden Seemacht ein wenig starker Tobak.

Die USA reden davon, moderne Waffen an Vietnam zu verkaufen, einem historischen Feind Chinas. Außerdem modernisieren die USA Taiwans und Japans Streitkräfte.

Diese Schritte verschärfen Chinas wachsende Angst vor einer Einkreisung durch ein regionales Netzwerk von Alliierten Amerikas.

Das jüngste ASEAN Gipfeltreffen in Indonesien, das eine US-geführte „Trans-Pazifische-Partnerschaft“ forderte, wurde von Peking als Versuch angesehen, eine asiatische NATO zu gründen, die gegen China gerichtet ist.

Wachsende Spannungen im Südchinesischen Meer erinnern beunruhigend an die Flotten-Wettrüstung zwischen Großbritannien und Deutschland während der Dreadnought-Ära, die eine Schlüsselrolle bei der Auslösung des Ersten Weltkriegs spielte.

Wir sollten uns außerdem an den vor 1914 stattgefundenen Machtkampf um den Bau von Eisenbahnen erinnern, zum Beispiel an die berühmte Berlin-Bagdad-Linie, der die damalige Version des heutigen Wettbewerbs um Energie-Rohrleitungen ist.

Als Historiker bin ich über das, was ich sehe, äußerst besorgt. Die Jugend in China und Indien kocht vor gedankenlosem Nationalismus, der durch zu viel Testosteron und kindische Regierungspropaganda verursacht wird. Vor zehn Jahren schrieb ich ein Buch – „War at the Top of the World“ – das einen möglichen zukünftigen Krieg zwischen China und Indien um den Himalaya und Burma thematisiert.

Die Vereinigten Staaten, die Erben des britischen Empire, kämpfen darum, ihren enormen Einflussbereich zu finanzieren. Inzwischen befindet sich die Republikanische Partei im Griff extremer Elemente und primitivem Nationalismus.

Seit 1944 ist der Pazifische Ozean ein amerikanischer Teich. Die größte Herausforderung für die Außenpolitik Washingtons besteht darin, den Frieden mit China zu bewahren, indem sie China allmählich erlaubt, seinen unvermeidlichen Einflussbereich in der Region geltend zu machen, während sie gleichzeitig allmählich die amerikanische Vorherrschaft über die asiatische Pazifikküste reduziert.

Die bankrotten Vereinigten Staaten können nicht darauf vertrauen, langfristig im Wettbewerb mit dem finanzstarken China um die Führungsposition in Südasien zu bestehen. Aber die Geschichte zeigt, dass der Umgang mit der Ankunft einer neuen Supermacht ein gefährliches, kompliziertes Geschäft ist.

Geschickte Diplomatie, nicht mehr Marinetruppen, ist das Gebot der Stunde. Das überdehnte amerikanische Imperium muss die strategische Wirklichkeit anerkennen oder sie geht den Weg der Sowjetunion.

Aber die Weltherrschaftstypen in Washington wollen die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen. Die USA, die für 50 Prozent der weltweiten Militärausgaben verantwortlich sind, schicken nun Truppen nach Ostafrika, Kongo, Westafrika, und jetzt nach Australien.

Die amerikanische Außenpolitik ist fast völlig militarisiert worden; das Außenministerium wurde ins Abseits geschoben. Das Pentagon sieht überall Al Kaida.

Die USA brauchen die geniale Diplomatie eines Bismarck, nicht noch mehr unbezahlbare Militärbasen und militärische Geräte. Es ist nett, den nervösen Australiern zu versichern, dass Onkel Sam hinter ihnen steht; jedoch China übermäßig zu verärgern, dürfte den Preis nicht wert sein. Vielleicht wird China ein Kontingent seiner Marine nach Kuba schicken.

Ein Konflikt im Pazifik zwischen China und den USA ist nicht unvermeidlich. Aber die Geschehnisse der letzten Woche haben diesen einen Schritt näher gebracht.

Information:

Dieser Artikel wurde zuvor in englischer Sprache am 19. November 2011 auf der Webseite des Autors unter dem Titel „1914 Deja Vu in the South China Sea“ und am 23. November 2011 auf der Webseite Lewrockwell.com unter dem Titel „South China Sea Rivalries Recall Pre-World War I Era“ veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.


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