13. Dezember 2011

Wissenschaft Die Übereinstimmung mit dem Zeitgefühl

Wie versteckte Auftragsforschung belohnt wird

„Ich bin der Auffassung, dass jeder Kreative bestenfalls zehn Jahre bekommt, in denen er mit dem Zeitgefühl übereinstimmt.“ So Georg Stefan Troller im FAZ-Interview vom 10. Dezember 2011. Danach könne der Kreative leisten, was er wolle, er komme nicht mehr an. Er verliert den Bezug zu seiner Zeit, seine Zeit ist vorbei. Was bedeutet das? Der Kreative verkauft weniger Bilder, seine Bücher verlieren an Absatz, die Einschaltquoten gehen zurück, der Plattenvertrag wird gekündigt. Der Kreative verliert an Einfluss, an breiter Öffentlichkeit. Ist er deshalb weniger kreativ?

 Wenn Wissenschaftler mit dem Zeitgeist flirten, bekommen sie den Leibniz-Preis. Eigentlich hätte man es vorhersagen können, eine Überraschung war es nicht: Rainer Forst, Frankfurter Philosoph und Politikwissenschaftler, arbeitet über „Grundbegriffe der politischen Philosophie – Gerechtigkeit, Demokratie, Toleranz, Macht insbesondere.“ (FR-Interview vom 10. Dezember 2011). Er ist Schüler von Deutschlands Vorzeigephilosophen Jürgen Habermas, der zu den Leibniz-Preisträgern des ersten Jahrgangs gehörte. Nun hat auch Forst den Leibniz-Preis erhalten. „So schließt sich ein Kreis.“ Wir gratulieren.

 Forst schaltet sich nach eigener Aussage dann in öffentliche Debatten ein, wenn „im Umgang mit kulturellen Minderheiten etwas schief läuft oder Grundforderungen der Gerechtigkeit verfehlt werden.“ Das ist schön. Den Preis erhielt er für seine Werke über Rechtfertigung und Rechtfertigungsverhältnisse, vor allem aber, so darf man vermuten, für den von ihm mitgeleiteten Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, der zur „internationalen Sichtbarkeit“ Frankfurts beiträgt, die ja von einer unternehmerischen Universität heute gefordert wird und wichtiger als etwa gute Wissenschaft ist. Genau diese Mischung aus politisch opportuner Thematik und wissenschaftlich-institutioneller Stromlinienform ist es, die heute Übereinstimmung mit dem Zeitgefühl genannt werden kann. In der Wissenschaft ist das nicht besser oder schlechter als in der Kunst. Erfolg ist jedem Kreativen zu gönnen. Problematisch wird es, wenn er taktiert, wenn er seine Kreativität am Erfolg ausrichtet. Auch das muss noch nichts heißen. In der Kunst kann die angestrebte Übereinstimmung mit dem Zeitgefühl aber zum Ausverkauf werden, in der Wissenschaft den Verlust der Freiheit bedeuten.

 An anderer Stelle (siehe Link) habe ich eine Veranstaltung des erwähnten Exzellenzclusters beschrieben, in der es um eine Spezialität Forsts ging („Was heißt Toleranz?“), und gezeigt, wie deutsche Wissenschaft mehr und mehr zur Auftragsforschung verkommt. Ich möchte an dieser Stelle die Darlegung der Mechanismen, die zu dieser Auftragsforschung führen, nicht wiederholen. Es bedeutet jedoch die äußerste Anpassung an das „Zeitgefühl“, wenn versteckt politische Vorgaben erfüllt werden. In der offiziellen Ankündigung des Exzellenzclusters hieß es damals (leicht gekürzt): „Ausgehend von der Vielfalt an kulturellen und religiösen Standpunkten in modernen Gesellschaften, speziell der Vielfalt der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Differenz. Im Zentrum steht die Frage, was wir eigentlich unter Toleranz verstehen. Anerkennung? Duldung? Oder doch am Ende nur Anpassung?“ – Das „nur“ in dieser Ankündigung war nun äußerst verräterisch. Wie bei einer öffentlich geförderten Veranstaltung zu Fragen der Toleranz in Deutschland nicht anders zu erwarten, soll natürlich keinerlei Anpassung von kulturell und religiös differenten Leuten an deutsche Gepflogenheiten erwartet werden. Dieses vorhersehbare und von vorneherein beabsichtigte Ergebnis der „Diskussion“ wurde mit subtilen und weniger subtilen Mitteln erreicht. Nicht anders ist es mit der Wissenschaft an der neuen deutschen Universität. Ich schrieb damals: „Die ‚Idee der Bildung durch Wissenschaft, des forschenden Lernens und lehrenden Forschens in Einsamkeit und Freiheit‘ (Helmut Schelsky) ist abgelöst von den für praktische Zwecke instrumentalisierten Kulturwissenschaften. Betriebswirtschaftlich geschulte Dienstleister, als die heutige Wissenschaftler wie Rainer Forst zu sehen sind, bedienen praktisch nützliche und ökonomisch verwertbare Forschungsgebiete.“ Es geht mit anderen Worten um Marketing und Propaganda durch eine dienstbare Wissenschaft. Und Dienstbarkeit wird belohnt. Es ist kein Zufall, dass bei Forst mehr von den vielen Millionen Euro an Fördergeldern für den Exzellenzcluster die Rede ist als von seinen Werken. Nun kommen 2,5 Millionen Euro an Preisgeldern dazu. Das verpflichtet. So viel Geld bekommt man nicht umsonst. Es ist nicht zu erwarten, dass unter diesen Umständen eine lebendige, kontroverse Wissenschaft und Forschung zustande kommt.

 Doch der wahre Kreative war schon kreativ, bevor seine Zeit kam, und er bleibt auch dann noch kreativ, wenn seine Zeit vorbei ist. Mancher Kreative steht außerhalb jeder Zeit. Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila (1913-1994) hat sich nie um die Verbreitung seines Werkes bemüht, er hat nie dem Zeitgeist gehuldigt, obwohl er mit der herrschenden Klasse seines Landes, zu der er gehörte, nie gebrochen hat. Er hat nie auf eine breite Öffentlichkeit gewirkt, er hat nie einen Preis bekommen. Zwei seiner Aphorismen seien zitiert: „Erfolg an sich ist nicht schon verächtlich. Aber es ist nicht wichtig, Erfolg zu haben.“ „Wer der gegenwärtigen Welt nicht den Rücken kehrt, entehrt sich.“ Beherzigenswerte Einstellungen für einen freien Denker. Undenkbar an einer deutschen Universität. Einsamkeit und Freiheit – das war gestern. Aber was heißt das schon – gestern? Es darf die Prognose gewagt werden, dass Dávilas brisante Werke noch gelesen werden, wenn sich niemand mehr für Rechtfertigungsverhältnisse oder die Herausbildung normativer Ordnungen interessiert.

Link:

Freie Welt: Wissenschaft als Wurmfortsatz der political correctness


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