06. Januar 2012

Werde Redenschreiber im Bundespräsidialamt! Heilige fünf KönigInnen

Ein Praxisbericht aus unpolitischer Perspektive

Letzten Sommer brachte mich der Krieg mit dem Zehlendorfer Finanzamt dazu, eine Ablenkung zu suchen, die ich im Nachhinein nicht bereue. Ich bewarb mich systematisch und online für einen Redenschreiberjob im Bundespräsidialamt. Ausgeschrieben war eine Stelle, die am Ende mit 1700 Euro Netto vergütet werden hätte sollen, Vollzeit. Da ich heimlich kubanische Zigarren rauche, gern einen guten Tropfen hebe, eine Schreibwohnung und eine Mittelschichtfamilie mit mehreren Kindern und einer feschen Frau unterhalten muss, wäre ein solcher Arbeitsdienst natürlich nicht ernsthaft in Frage gekommen. Die Bewerbung war also als Freizeitgestaltung angelegt.

Ich log und kratzte alle greifbaren Unterlagen zusammen. Man lud mich zu einem Termin ins Amt, wo es gegolten hätte, Fähigkeit und Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. „Gekämmt“ und mit guten Schuhen, den Rechner unterm Arm, stellte ich mich der Empfangsdame vor. Gemeinsam mit mir waren über ein Dutzend geduckte Leute erschienen, die üblichen Verdächtigen, verkrachte Journalisten, ältliche Politikstudentinnen des zweiten Bildungsweges, ein halb verrückter evangelischer Nerd und einige blitzsaubere Wirtschaftsstudenten. Wir wurden nach einander zum Bewerbungsgespräch gebeten.

Der Personalverantwortliche verstand nichts vom Gewerbe; das gab er nach einem kurzen Wortwechsel offen zu. Ich legte meine Familienverhältnisse dar und verwies auf meinen österreichischen Migrationshintergrund; wir lachten beide. Im Anschluss hatten die Bewerber in einem Konferenzraum am eigenen Rechner eine „Idee für eine Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten“ zu entwickeln. Die Atmosphäre war erbärmlich und von Hass erfüllt; man erlaubte mir nicht, einer Mitbewerberin bei einem Rechnerabsturz zu Hilfe zu kommen und die Dame verließ weinend den Raum.

Angewidert entwarf ich eine Redenidee, die darauf basierte, dass zum Bundespräsidenten die Heiligen Drei Könige kommen sollten; ich klopfte am Ende die Bemerkung hin, dass es auch vier oder fünf Könige sein können sollten, je nach verfügbaren Hautfarben in der Statisterie. Das Geschlecht der Könige sei selbstverständlich paritätisch zu organisieren, ein „König“ möge als Behinderter antreten, womöglich im Rollstuhl usw. In meinem Übermut schlug ich vor, den Raum für die Ansprache mit Turnmatten auszulegen, Kinder und Tiere hereinzuführen usw.

Nach zehn Minuten verließ ich den Raum. Draußen war keiner; ich druckte meinen Text wie vorgesehen im benachbarten Büro aus und gab ihn ab. Die Dame dort fand den Text sehr gut und reichte ihn gleich weiter. Nach dreißig Minuten war ich wieder im eigenen Büro und machte noch schnell ein paar Sachen fertig. Es ist besser, auf eigene Rechnung zu arbeiten, gutes Geld zu verdienen und sich nur vom Finanzamt terrorisieren zu lassen als für den erbärmlichen Staat zu rackern.


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Fritz Gstättner

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