10. Januar 2012

Schrebergarten gegen Wulffowitz Unentschieden

Kollektive Psychose

Da jedem, der die Neigung des deutschen Pressemainstreams, in regelmäßigen Abständen hysterisch delirierenden „Es sind die da, die mit den dicken Fehlern, man!“-Rap aufzulegen, kritisiert, schnell unterstellt wird, einseitig Partei zu ergreifen: Nein, ich bin beileibe kein Wulff-Apologet. Um es also gleich klarzustellen: Ich halte Christian Wulff für einen Politkarrieristen, der symptomatisch für ein politisches System steht, in dem man auch mit wenig Gegenleistung sehr hoch aufsteigen kann. Brötchenbesteller Wulff ist in meinen Augen der brave Parteisoldat Schweig!, Muttis Handpuppenpräsident. Er glänzte bisher nicht gerade durch substantielle Aussagen, sondern durch Reden aus der phrasendatenbankgestützten, vollautomatisch in der gesellschaftlichen Taskleiste unter Ausnutzung von maximal 0,01 Prozent CPU-Leistung im Hintergrund vor sich hinkalkulierenden Zeitgeistverarbeitungssoftware CommonWord v08.15.  Ab und zu erinnerte das nützliche Tool mit kleinen Popup-Meldungen wie „Lade dir noch heute deine bunte Republik aufs iPhone!“ an seine Existenz. Solche Aussagen klingen freilich mehr nach „Ein Kessel Buntes“ oder „Der die Liebe nur zählt“ als nach eleganten Trompetensoli Bellevuescher Provenienz.

Er blies damals auch kräftig mit im Posaunisten-Ensemble „Rau, Steine, Scherben“, kritisierte den Präsidenten (durchaus zurecht) für sein Fehlverhalten, gelobte, selbst natürlich alles besser machen und ein politisches und moralisches Vorbild sein zu wollen, etc. pc (kein Schreibfehler).  

Schnitt. Einblendung am unteren Bildrand: „Einige Jahre später“.

Die Handkamera zeigt im „Dogma“-Stil einen Bundespräsidenten (!), der sich mit dem Humanisten, Philanthropen, Ethiker, Grimme-, Literatur- und mehrfachen Friedensnobelpreisträger Kai Diekmann eine Pommes- und Bratwurstbudenprügelei liefert, die einen herben Geruch nach abgestandenem Bier, Armdrücken und „Wer schleppt die Handymandy zuerst ab“ verströmt. Igitt. Schon allein deshalb sollte er zurücktreten. Kann man sich einen Richard von Weizsäcker, einen Roman Herzog oder einen Horst Köhler vorstellen, der zu Diekmann ins Erdloch steigt? Eben. Sowas darf einem Bundespräsidenten, von dem doch ein gewisses präsidiales Format, Stil, überdurchschnittliches Niveau, Vorbildlichkeit, Unabhängigkeit und vor allem auch Freidenkertum über Parteigrenzen hinweg sowie kritische Distanz zum Zeitgeschehen erwartet werden, nicht passieren.

Wegen des Privatkredits abtreten? Nö. Denn wenn das ein Grund für einen Rücktritt sein soll – knappe 500.000 Euro, die noch nichtmal gemopst, sondern nur geliehen waren – hätten die Bürokratiepaläste Brüssels aufgrund jahrelangen Leerstands längst umfunktioniert werden müssen in Freizeitparks für die ganze Familie. Damit die Menschen Europas auch mal was davon haben.

Seine Drohungen gegenüber Döpfmann? Tja, und da wird es interessant: Jein.

Sollte es wirklich seine Absicht gewesen sein, kritische Berichterstattung zu verhindern, wäre das absolut indiskutabel, keine Frage.

Dann verstehe ich aber nicht, warum zahlreiche Journalisten dieses Landes, die momentan mal wieder völlig die Selbstkontrolle verlieren und in feinster U-Bahnprüglermanier – reintreten, drauftreten, nachtreten, Koma – beinahe schon im Halbstundentakt vermeintlich „neue“ Informationen in zeigefingerigen Online-Artikelchen präsentieren und auch auf recht ermüdende Art paraphrasieren – in einem Wort: Zeilenschinderei – nicht längst von ihrem Job zurückgetreten sind. Es kommt dabei natürlich auf die Definition von „kritischer Berichterstattung“ an:

Wenn die seit geraumer Zeit in Deutschland selbst im sogenannten Qualitätsjournalismus längst alltägliche Praxis der unzulässigen Vermischung persönlicher politischer Sympathien und weltanschaulicher Präferenzen mit vermeintlich „sachlicher“, möglichst „neutraler“ und selbstverständlich nur den höchsten Standards journalistischer Arbeitsethik genügender Pressearbeit unter „kritischer Berichterstattung“ laufen soll: ja, dann muss er deshalb wohl zurücktreten. 

Wenn die bewusste Unterschlagung relevanter Zusatzinformationen in der Diskussion um bestimmte Themen, zum Beispiel diverse heilige politische Kühe unserer Zeit, das Faktenverdrehen und Lügen (ich erhalte regelmäßig Anrufe weit nördlich ansässiger Eskimostämme, die sich bei mir bitterlich beschweren über die schlafstörenden Geräusche wie von brechendem Eichenholz) zum Zwecke des Rundschliffs der eigenen Argumentation „kritisches Berichten“ definiert: dann ja. 

Wenn der unter größtem Kraftaufwand die Augenbraue hebende, paternalistisch-apodiktische, impertinente, besserwisserische, sich maßlos selbst überschätzende klerikale Tonfall Öffentlich-rechtlicher, die Zuschauer an ihrer zum Beispiel vom Aussichtspunkt des imposanten Zentralbüros auf dem Lerchenberg aus gesehen sicher kindlich erscheinenden Hand nimmt, um ihnen die Welt zu erklären, diesen Dummerchen, dududu! – wenn das journalistisches Arbeitsethos, Pressefreiheit und kritisches Benachrichtigen sein soll: dann ja. Wobei man fairerweise sogleich hinzufügen sollte, dass sich dieses Verhalten natürlich auch bei den Privaten beobachten und -lächeln lässt. Einen kleinen Unterschied gibt´s aber: Die müssen wenigstens keine Zwangsgebühren vom Bürger erpressen, um sich so manche Drecksauerei leisten zu können.

Viele heikle Themen der jüngeren Vergangenheit, die den schier übermenschlich mutigen Anstandsdamen der Demokratie, die momentan unsere Republik unter Aufopferung des eigenen Lebens doch nur gegen den bösen Wulff verteidigen, Gelegenheit gegeben hätten, ihre Recherchelust und -leidenschaft, ihren investigativen Furor und ihre kritische sowie rhetorische Brillanz von der Kette zu lassen, gerieten ein ums andere Mal zur Marginalie. Warum sich auch wochenlang fleißig echauffieren über die lächerlichen Taschengeldbeträge, die zur Rettung geretteter Rettungsversuche in die Mikrowelle gestopft wurden und bisher allesamt so ergebnislos waren, dass ein Abwurf einiger Säcke Puffreis über Athen es auch getan hätte? Nicht nötig. Es genügt doch, angesichts solcher weltpolitisch irrelevanten Themen milde ph-neutrale Artikel zu verfassen – hin und wieder – die einen eher relaxenden Wellness-Duft nach Weihrauch und Kamillenblüten ausdünsten. Sollte aber jemand dummerweise beabsichtigen, solche Lappalien unnötig aufzubauschen, nehmen die Haupt- und Gleichstromjournalisten der Etablierten sofort die Pressefreiheit wahr und berichten kritisch von  „populistischen Euro-“  oder gar „Europa-Skeptikern“, von „Abweichlern“ und „Rebellen“. Oder wenn eine Einzelperson, in diesem Fall eine Frau, zugegebenermaßen nicht ganz druckreife, etwas holprige, im Vergleich doch aber für den Bestand des Landes nicht sehr bedrohliche Sätze zu sprechen versucht: Boing, Knuff, Zack, Kündigung, öffentliche Exekution im TV-Standgericht bei Johannes B. Kernlos. Es gilt schließlich, Meinungs- und Pressefreiheit zu schützen und dafür zu sorgen, dass die Demokratie gerade auch bei jüngeren Zuschauern nicht ihren Sexappeal verliert.

Die Liste ließe sich besonders für das Causazän, also die Jahre 2010 und 2011, stark erweitern. Was mich daran stört, ist das Provinzielle, Kleingärtnerische, Autistische, Schrebergartentümelnde, das den rationalen Blick für Verhältnismäßigkeit verloren zu haben scheint.

In einem umlängst auf zeit.de erschienenen Artikel wurde man in puncto medialer Selbstreferenzialität ungewollt deutlicher: „Das kann doch nicht wahr sein: Der Gedanke an einen Präsidenten, der derart peinliche Dinge tut, ist unerträglich. Da ist der Wulff-Witz als Aggressionsabfuhr immer noch besser als Fremdschämen. Bloß der Lustgewinn ist geschmälert, weil die Zahl der Witzfiguren in Deutschlands politischer Klasse zunimmt.“

So weit, so richtig, das unterschreibe ich doch sofort, aber leider ist es auch eine prima Steilvorlage. Denn jetzt muss man nur noch „Präsidenten“ durch „medialen Betrieb“, „der Wulff-Witz“ durch „der deutsche Rudeljournalismus“ sowie „politischer Klasse“ durch „inzestuöse, neofeudale Presse-Priesterkaste“ ersetzen, und die Formulierung verlöre nichts von ihrer Gültigkeit. Ein schrecklicher Gedanke drängt sich auf: Ob da, zumindest in Teilen, auch Projektion im Spiel ist? Hermann Hesse: „Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“

Ob die Wulffsche Mittelmäßigkeit so manchen Journalisten vielleicht an seine eigene erinnert? Könnte auch das ein Grund der kollektiven Pressepsychose sein, die sich momentan auf für Deutschland so blamable Art mal wieder auslebt? Oder sind sie vielleicht deshalb so sauer, weil sie insgeheim doch gemerkt haben, aber verständlicherweise nicht öffentlich zugeben können, dass sie sich ausgerechnet von einem Diekmann für eine Werbekampagne und Machtdemonstration der „Bild“ haben einspannen lassen, diese Hochqualifiziert-Elitären? Rührt daher womöglich ein guter Teil des kindgerechten Schuldzuschiebens: Politik = verkommene Witzfiguren, Journalisten = Klone von Sankt Martin?

„Wenn mein Blick ein Zeitungsblatt durchfliegt – und nie noch hat er darin lustwandelt –, so ergreift er, ohne mehr an der selbstverständlichen moralischen Verworfenheit zu haften, eine solche Fülle von Beispielen  gedanklicher und sprachlicher Missform, dass mir für die Zukunft einer Nation, die diesen Unflat als geistige Nahrung zu sich nimmt, nur die Hoffnung bleibt, sie werde bei fortschreitender Verblödung schließlich nicht  mehr imstande sein, zu lesen – was dann den Ruin der Presse, und in weiterer Folge  die geistige Erholung der Menschheit herbeiführen wird“. – Karl Kraus


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