23. Januar 2012

Fernsehen Big-Bang-Feminismus

Geschlechterdemokratie und Kinderfeindlichkeit in der US-Sitcom „The Big Bang Theory“

In der letzten Folge der amerikanischen Nerd-Sitcom „The Big Bang Theory“ wurde einmal mehr der Vogel abgeschossen, was die mehr oder minder subtile Verbreitung der feministischen Agenda im Fernsehen angeht. Von einem emphatischen Miteinander der Geschlechter ist wenig zu spüren. Weil immer mal wieder nach den „Wirkungen des Fernsehens“ gefragt wird – hier ein Antwortversuch in gegebener Kürze.

Sitcoms sind ja eigentlich Unterhaltungsformate. Würde man Menschen befragen, warum sie sich solche Sendungen anschauen – sie gäben ein buntes Allerlei an Motiven preis: Eskapismus, Zeitfüllen, Entspannung und dergleichen mehr. Dass jemand sein Einschalten mit dem Wunsch nach „politischer“ oder „gesellschaftspolitischer“ Bildung rechtfertigt, darf man aber getrost als unwahrscheinlich abhaken. Genau diese gesellschaftspolitische Dimension aber ist der springende Punkt. Seit es das Fernsehen gibt, treibt Forscher die Frage um, welche Wirkungen dieses Medium denn so hat. Nicht zuletzt seit dem Erscheinen von Joshua Meyrowitz‘ Buch „Die Fernsehgesellschaft“ vor etwa 25 Jahren existiert die Einsicht, dass es nicht allein die unmittelbaren Effekte sind, die auf den einzelnen Zuschauer wirken,  sondern dass die neuerdings in HD-Qualität ins Haus gelieferten Angebote mehr über ihre Beständigkeit und Dauerhaftigkeit sowie ihre Identifikationsangebote im Bereich des menschlichen Miteinanders wirken. Gerade relativ alltagsähnliche Formate wie Sitcoms sind dafür prädestiniert. Wer seine Botschaften in diesen beliebten Formaten positionieren kann, gestaltet Gesellschaft mit – sogar international.

Die nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande beliebte Serie „The Big Bang Theory“ (TBBT) ist dabei keine Ausnahme. Seit 2007 (in Deutschland seit 2009) flackert die Sendung über die Bildschirme. Das Schöne an TBBT ist, dass nun auch diejenigen Hochschüler und Absolventen hinschauen dürfen, die vormals über all jene die Nase rümpften, die bei Blödelsitcoms wie „Two and a Half men“, „King of Queens“ oder deren Äquivalenten vor den Schirmen saßen. Denn die Serie lebt nicht zuletzt durch skurrile Figuren des akademischen Lebens.

Der Plot der letzten TBBT-Folge („The Shiny Trinket Maneuver“, Sendedatum in den USA war der 13. Januar 2012): wie der Ingenieur und Hobbymagier Howard und seine Verlobte, die promovierte Mikrobiologin Bernadette, Pläne für ihr gemeinsames Leben schmieden. Howard war sehr lange unglücklich solo, was er auch seinen sexistischen Sprüchen zu verdanken hatte, die aber vor allem von Unsicherheit dem anderen Geschlecht gegenüber zeugten. Nun glaubt er, mit Bernadette die Frau fürs Leben gefunden zu haben und thematisiert erstmals seinen Kinderwunsch: „Eines Tages wirst du eine Mutter sein, richtig?“, fragt er sie – eher hoffend und schon beinahe devot. Er ahnt wahrscheinlich dunkel, was da auf ihn zukommt. Das „Ja, bestimmt“ seiner Angebeteten könnte kaum weniger enthusiastisch ausfallen. An sich ist das aber noch kein Grund zur Besorgnis. Während der anschließenden Zaubershow, bei der sie Howard assistiert (!), kommt es jedoch zum Eklat: Bernadette hält es mit den Kindern im Publikum nicht aus, sie wird ausfällig und begründet das während der Heimfahrt im Auto damit, dass sie sich in ihrer Jugend um ihre jüngeren Geschwister kümmern musste, weil ihre Mutter vollzeitbeschäftigt war (!). Howard fragt darauf in gewohnter Demut, ob sie nicht denke, dass die Sache anders liege, wenn es sich erst einmal um ihr gemeinsames Kind handelt. Bernadettes schnippische Antwort spricht Bände: „Richtig, wenn es unser Kind ist, das meinen Körper ruiniert und das mich die ganze Nacht wach hält und ich keine Karriere und Zukunft habe – sicher, das wird ganz anders sein.“

Man muss kein Antifeminist, kein Maskulinist und kein gläubiger Christ sein, um so etwas kritikwürdig zu finden. Kinder werden hier herabgewürdigt zu Parasiten, die nichts anderes vermögen als erst den Körper und dann die Selbstentfaltung ihrer Erzeugerin zu hemmen. Um eins klar zu stellen: Mit Liberalismus oder einer gesunden Selbstbestimmtheit hat der hier zur Schau gestellte Egoismus nichts zu tun – Robert Grözinger schrieb in diesem Blog schon einmal darüber. Wenn Kinderkriegen derart platt mit einem „Verlust“ gleichgesetzt wird und diese Botschaft dann als Identifikationsangebot, zumal für viele junge Menschen, über die Bildschirme läuft, dann darf man sich über die Folgen nicht wundern. Man stelle sich eine Akademikerin vor, die mit Mitte 30 nach drei Dutzend Artikeln in drittklassigen Fachzeitschriften – nun endlich auf dem Sprung in die Juniorprofessur – während ihrer Hast vom Gastvortrag A zur Podiumsdiskussion B bei einem Latte macchiato von ihrem Smartphone aufblickt, in die Weite starrt und sich in diesem Moment der Ruhe fragt: „Wozu eigentlich das alles?“ Man stelle sich weiterhin vor, wie besagte Akademikerin einer vierköpfigen Familie in ihrer Nähe gewahr wird, deren zwei vergnügt zwischen den elterlichen Hosenbeinen Fangen spielende Kinder sie daran erinnern, dass all das Geschwafel mit den guten Freunden und lieben Kollegen, dass der gut dotierte Promotionspreis und das neue Buchprojekt ihr eines nicht geben kann: das Gefühl, jemandes Mutter zu sein. Also schnell wieder Augen aufs Display richten und Mails checken. Zugegeben, auch das ist stereotypisch und überspitzt. Aber angesichts aktueller Entwicklungen in etwa genau so realitätsnah oder -fern wie TBBT.

Noch einmal zurück zu Bernadette und Howard: Seinen Nerd-Freunden Leonard und Rajesh offenbart Howard seine Zweifel an der Beziehung, er denkt sogar über eine Trennung nach, denn auf Kinder möchte er nicht verzichten. Eine Lösung können ihm seine Freunde aber nicht anbieten, Bernadette jedoch hält wenig später eine Gender-gemainstreamte Übereinkunft bereit: Weil sie mehr Geld als Howard verdiene, solle er mit den Kindern daheim bleiben und sie arbeitet weiter. Der anscheinend in relativ traditionellen Rollenvorstellungen verhaftete Howard ist noch einigermaßen verdutzt über die Pistole, die ihm da auf die Hühnerbrust gesetzt wird, während ihm Bernadette genüsslich unter die Nase reibt, dass er dann den ganzen unliebsamen Kinderkram an der Backe hat, während sie arbeiten, Gespräche mit Gleichaltrigen führen und „ihr Leben genießen“ kann. Jetzt geht der Blick von Howard in die Leere des Raumes. Eine Lesart dieses Vorgangs ist, dass Howard sich das etwas anders gedacht hatte: In seiner grenzenlosen Einfalt war der Bursche der Meinung gewesen, Bernadette gehöre, wie seine eigene Mutter, ins Hausfrauenamt und nun, da der Spieß in sozial gleichmacherischer Weise umgedreht wurde, mag er selbst nicht den Windelwechsler und Breifütterer geben (als ob das Großziehen von Kindern lediglich daraus bestünde). Endlich hat‘s dem Chauvi mal eine gezeigt, kann doch nicht angehen, dass gerade der den Pascha gibt. Soll er sich doch um die Bälger kümmern, das ist nur gerecht – „suck it, Howard!“ Man könnte seinen  Blick aber auch so erklären: Langsam setzt sich bei Howard die Erkenntnis, dass er sich einen ziemlich realen Geist gerufen hat, dessen abschätzigen Blick auf Kinder er nicht teilt und den er nun nicht mehr losbekommt. Er sitzt in der Falle: Trennt er sich von Bernadette, dann sieht es schlecht für ihn aus. Wer will schon so einen wie ihn? Wenn er überhaupt Kinder haben möchte, dann hat er sich Bernadette gefälligst zu beugen, immerhin ist sie für ihn so weit gegangen, das Kinderkriegen überhaupt in Betracht zu ziehen. Wer hier überhaupt noch schwankte: Wie der Zuschauer das alles zu deuten hat, legt die folgende Szene nahe: Howard nimmt Bernadettes Entschuldigung an. Und damit er nicht noch weiter grübelt, macht sie ihm ratzfatz den Vorschlag, jetzt gleich geschützten Versöhnungssex zu haben.

Anmerkung: Die deutsche Übersetzung der englischen Dialoge erfolgte frei durch den Autor.

Link:

Robert Grözinger: Egoismus: Gesunde Bescheidenheit oder ungesundes Selbstwertgefühl


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Autor

Sven Korthon

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