Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Demografie: Warum Französinnen fruchtbarer sind als Deutsche

von Edgar L. Gärtner

Sie delegieren ihre Hoffnung an die Nachkommen

29. Januar 2012

So kann man sich irren. Vor kurzem las ich am Ende eines in der FAZ abgedruckten Aufsatzes über den „deutsch-französischen Gleichschritt“ folgende optimistische Einschätzung: „Wie groß das Vertrauen der Franzosen in die Zukunft ist, zeigt keine Statistik besser als die hohe Geburtenrate.“ Tatsächlich lag die so genannte zusammengefasste Geburtenziffer der Französinnen im vergangenen Jahr bei 2,01, während  jede deutsche Frau im gebärfähigen Alter statistisch nur 1,4 Kinder in die Welt setzte. Mehr Nachwuchs als die Französinnen bekommen in Europa nur noch die Irinnen. Schon malen sich Strategen der Geopolitik aus, Frankreich könne in wenigen Jahrzehnten Deutschland als bevölkerungsreichstes Land der EU überholen. Schon im Jahre 2040 wäre die französische Bevölkerung, wenn alles so weitergeht wie bisher, von derzeit 65,4 auf über 73 Millionen angewachsen, während die deutsche Bevölkerung von derzeit 81,8 Millionen möglicherweise schon unter diese Zahl abgesunken sein wird.

 Wenn es darum geht, die zunehmende Divergenz zwischen den beiden Nachbarländern zu erklären, sind Standard-Argumente rasch bei der Hand. Sozialdemokraten aller Parteien verweisen auf das „fortschrittliche“ französische System der ganztägigen Kleinkinderbetreuung mit Kinderkrippen ab dem dritten Lebensmonat und kostenlosen Vorschulen ab dem dritten Lebensjahr. Dieses ermöglicht es auch berufstätigen Frauen, Kinder in die Welt zu setzen und erklärt sicher die vergleichsweise hohe Frauenerwerbsquote in Frankreich. Die meisten Beobachter sind sich aber darin einig, dass dieses System weder die Frauen noch die Männer glücklich macht. Denn die Verbindung von Familie und Beruf erzeugt insbesondere in den tristen Plattenbauten und Reihenhäusern der Vorstädte von Ballungszentren mit ihren langen Wegen zwischen Wohnung, Arbeitsstätten und Schulen für allerhand Stress. Nicht von ungefähr hält Frankreich seit Jahrzehnten unangefochten den Weltrekord beim Verbrauch von Beruhigungsmitteln. Dennoch bringen es viele französische Mütter mit ihrer zupackenden Art zu heldenhaften Leistungen. Sie zeigen auch beachtliches Improvisationstalent, das nicht zufällig an Beobachtungen in der DDR erinnert, denn Planwirtschaft und Improvisation bedingen offenbar einander. Aber sie werden dabei immer unzufriedener, maulen und nörgeln immer öfter herum und verfallen am Ende in Depression. Den Vätern geht es nicht viel besser. Um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu testen, braucht man sich nur (wie weiland die deutsche Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann) an eine Straßenecke zu stellen und zu zählen, bei wie viel Prozent der Passantinnen und Passanten der Mundwinkel nach oben oder unten zeigt.

Glaubt man Umfragen, dann ist das in Frankreich bei beiden Geschlechtern am weitesten verbreitete Lebensgefühl die „Sinistrose“ (am besten zu übersetzen mit Schwarzsehen), das heißt gerade das Gegenteil von Vertrauen in die Zukunft. Das hängt vermutlich mit ihrer kaum erschütterbaren Staatsgläubigkeit zusammen. In kaum einem Land ist die Angst vor der Globalisierung der Märkte so ausgeprägt wie in Frankreich. Schon Schüler gehen für die Verteidigung der vor fast 70 Jahren von der Kollaborationsregierung Pétains eingeführten chronisch defizitären allgemeinen Bürgerversicherung (sécurité sociale) auf die Barrikaden. Drei Viertel aller Franzosen unter 30 Jahren träumen von einer Beamtenlaufbahn. Das zeigt nach Ansicht des bekannten französischen Publizisten Pascal Bruckner deutlich, dass die hohe Streikbereitschaft seiner Landsleute kein Zeichen von Vitalität, sondern eher Symptom einer Depression ist. Streiks sind längst zur Routine, wenn nicht zum Ritual geworden, das die „Sinistrose“ durch kurze Momente des Dampfablassens und Luftholens unterbricht. Das eigentliche Leben findet in den langen Sommerferien oder an „Brückentagen“ der 35-Stundenwoche statt, sofern es nicht gänzlich aufs Rentenalter ab sechzig verschoben wurde. Im Herbst 2010 haben in allen größeren französischen Städten Schüler massiv für die Verteidigung der Rente ab sechzig demonstriert. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen!  Tatsächlich lagen die Franzosen, was den Pessimismus anbelangt, in einer Ende 2010 veröffentlichten vergleichenden Untersuchung  an der Weltspitze - weit vor den Völkern des Irak, Afghanistans oder Nigerias, die wirklich einigen Grund hätten, pessimistisch zu sein.

Pascal Bruckner bescheinigt seinen Landsleuten in seinem neuesten Buch „Le fanatisme de l’Apocalypse“ (Paris 2011)  eine eigenartige Schizophrenie: Die Franzosen scheinen ihre „Sinistrose“ zu bekämpfen, indem sie die Kinderkrippen füllen. In jedem Franzosen leben offenbar zwei verschiedene Wesen: eines, das nörgelt, ächtzt und stöhnt und ein anderes, das munter Kinder in die Welt setzt. Eines sieht das Ende nahen, das andere wähnt sich am Beginn einer neuen Ära. „Nicht ohne Narzismus delegieren wir die Hoffnung, die uns längst verlassen hat, an unsere Nachkommen“, folgert Bruckner daraus.

 Literatur:

Pascal Bruckner: Le fanatisme de l’Apocalypse. Sauver la terre, punir l’homme. Editions Bernard Grasset, Paris 2011

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