Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Pressefreiheit und Meinungsfreiheit: Gott schütze Ungarns Regierung!

von Lion Edler

Warum ich auf der Seite von Viktor Orbán bin

30. Januar 2012

Um meine Meinung zur angeblich drohenden konservativen Diktatur in Ungarn nachvollziehbarer zu machen, sollte ich zuvor einige Ausführungen zum Thema ,,Quellenkritik“ machen. Mein Brockhaus definiert die geschichtliche Quellenkritik als Prüfung von Geschichtsquellen ,,auf ihren Quellenwert“. Geprüft werden muss dabei dem Wörterbuch zufolge zum Beispiel der örtliche und zeitliche Abstand des Berichtenden vom Geschehnis. Und nicht zuletzt: der ,,Standpunkt des Berichtenden“!

Dieser Punkt ist besonders wichtig bei einer deutschen Medienlandschaft, in der sich 76 Prozent der Journalisten, die eine Parteineigung angeben, zu rot-grünen Parteien bekennen. Und die in der Vergangenheit immer wieder extrem unangenehm auffiel mit einem gleichschaltenden ,,Rudeljournalismus“, der urteilte, ohne die Fakten zu kennen oder wahrhaben zu wollen (Sarrazin, Wulff, Mügeln, Fukushima et cetera). Eine quellenkritische Herangehensweise beeinflusste daher beispielsweise auch meinen Standpunkt zum angeblich menschengemachten Klimawandel oder zur Atomenergie. Denn ich bin kein Klimaforscher und kein Atomenergie-Experte und werde es insofern natürlich immer nur als Laie beurteilen können, ob der Welt eine ,,Klimakatastrophe“ droht, wie ständig geunkt wird (in letzter Zeit etwas weniger, da manche Journalisten offenbar allmählich aufwachen), und ob Atomkraft so schrecklich ist. Trotzdem habe ich natürlich nicht den geringsten Zweifel, dass die ,,Klimaskeptiker“ und die Warner vor einer Atomenergie-Hysterie recht haben. Denn diese argumentieren glaubwürdiger, weniger demagogisch und ideologisch, verstricken sich nicht ständig in Widersprüche und werden von den Medien dennoch permanent dämonisiert und pauschal als Öl- und Atomlobbyisten an den Pranger gestellt.

Durch solche Quellenkritik kann man sich manchmal auch Fragen beantworten, die durch linke Medien gar nicht gestellt werden. Beispiel: In einer Videotext-Meldung las ich vor einer Weile von einem Zusammenstoß bei einer Demonstration von Linken und Rechten, bei der es zu vier Festnahmen wegen Straftaten gekommen sei. Frage: Wurden vier Rechte festgenommen oder vier Linke oder jeweils zwei oder drei auf einer Seite und einer auf der anderen? Antwort: Selbstverständlich kann es sich nur um linke Täter gehandelt haben, denn andernfalls wären wir durch die Meldung mit absoluter Sicherheit informiert worden. Frage: Ist durch Fukushima überhaupt schon jemand zu Tode gekommen? Antwort: Auf keinen Fall, denn sonst wäre es auf allen deutschen Titelblättern das Thema Nummer eins. Schon allein aufgrund dieser Hintergründe hatte ich von Anfang an keinen Zweifel, dass es sich bei der Hysterie um eine angeblich drohende konservative Diktatur in Ungarn um rein konstruierte Vorwürfe handelte. Ja, sogar ohne den Gesetzestext des umstrittenen Mediengesetzes zu kennen, zögere ich nicht, meine Sympathie für den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán zu bekennen. Die deutschen Qual(-itäts-)medien haben das Gesetz im Übrigen ebenfalls allesamt nicht gelesen, bevor sie wegen des Gesetzes hysterisch ,,Diktatur“ schrieen – ich komme darauf noch zurück.

Der ef-Online-Kommentar von André F. Lichtschlag zu Ungarn ist vielleicht auch von manchen Lesern missverstanden worden, weshalb ich es zur Vermeidung von Missverständnissen gleich vorab klarstellen möchte: Selbstverständlich befürworte ich nicht einen autoritären Obrigkeitsstaat oder gar eine Diktatur, sonst würde ich auch nicht für eigentümlich frei schreiben. Aber wenn vornehmlich linke Medien vor einer rechten Diktatur warnen – und zwar nicht von rechtsextremen Nationalisten, sondern von einer durch die Mehrheit der Ungarn demokratisch gewählten Regierung, die zufällig eine der konservativsten in ganz Europa ist – dann ist schon mal Vorsicht angesagt. Das wäre ja zu schön für die Linken, da würde sich ja die Theorie von linken Sozialwissenschaftlern und Politologen bestätigen, es gebe ein ,,Scharnier“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus! Wenn dann auch noch durch die Medien über eine Demonstration gegen Orbán extrem stark berichtet wird, eine viel größere Pro-Orbán-Demonstration jedoch systematisch totgeschwiegen wird, und wenn es dann auch bei der Beurteilung der konservativen Regierung permanent Faschismuskeulen von links hagelt, ja dann lassen mein politischer Instinkt und die Erfahrung einen gewissen Verdacht bei mir entstehen. Schließlich ist Orbán wegen seiner dezidiert christlich-nationalkonservativen Gesinnung ein Hassobjekt der linken westeuropäischen Medien. Da könnte man den Verdacht haben, dass es in den linken deutschen Medien mal wieder kräftig sarraziniert, hohmannt und fukushimiert beziehungsweise orbániert... Oder wie meine Berliner Oma gesagt hätte: ,,Nachtijall, ick hör dir trapsen!“

Und ich hörte sie immer penetranter, je mehr ich mich mit dem Thema befasste. Jan Mainka, Gründer und Herausgeber der ,,Budapester Zeitung“, verteidigte etwa Orbán in der ,,Jungen Freiheit“. Es sei für ,,viele deutsche Politiker und Medien“ eine unangenehme Tatsache, dass in Ungarn ,,eine kompromisslos konservative Partei mit einer soliden Zweidrittelmehrheit regiert und sich in der Bevölkerung noch immer einer ungebrochen hohen Unterstützung erfreut.“ Mainka machte auf einen merkwürdigen Punkt in der Debatte um das Mediengesetz aufmerksam: ,,Obwohl der endgültige Text des Gesetzes zunächst nur auf Ungarisch veröffentlicht und erst am Montag in englischer Übersetzung nach Brüssel übermittelt wurde, konnten sich schon Wochen vorher die Kritiker im Ausland zum Inhalt äußern. So treffsicher, dass die ungarische Opposition ihre Angriffe auf Gesetz und Regierung zu wesentlichen Teilen aus den scharfsinnigen Kommentaren der deutschen Rezensenten speisen konnte.“ Im „FAZ“-Interview zog Mainka diesbezüglich eine Parallele zum Fall Sarrazin-Buch: ,,Noch bevor sich dessen Kritiker überhaupt die Mühe machten, es zu lesen oder überhaupt zur Hand zu nehmen, wurde es von ihnen massiv zerrissen.“

Allein die Vorstellung: ein Politiker, der sich seit Jahrzehnten konservativ und antitotalitär präsentiert, soll sich plötzlich entschlossen haben, eine Diktatur zu errichten. Woher soll dieser Sinneswandel kommen – Wechseljahre, oder was? Welchen Zweck sollte er auch damit verfolgen, nachdem er schließlich mit überwältigendem Ergebnis ins Amt gewählt wurde und er mit einem solchen Kurs doch das erhebliche Vertrauen in ihn nur zerstören würde. Orbán hatte sich bereits vor dem Fall des ,,Eisernen Vorhangs“ verdient gemacht, indem er öffentlich den Abzug der sowjetischen Soldaten aus Ungarn forderte. ,,Anfangs warst du Freiheitskämpfer, jetzt kämpfst du gegen die Freiheit“, behauptet der ungarische Rapper László Pityinger – aber wieso? Und wie merkwürdig – die EVP-Fraktion im EU-Parlament verteidigt Orbán seit Monaten, und im „Hamburger Abendblatt“ stellte Marco Schicker im letzten Jahr erschüttert fest: ,,Die ungarischen Publikationen deutscher Medienhäuser wie der WAZ-Gruppe, der Axel Springer AG, in der auch das Abendblatt erscheint, haben bislang geschwiegen. Und das Fernsehen? Enthielt sich auch. Weder die RTL Group noch ProSieben Sat.1 bezogen Position, dabei wurde gestern bekannt, dass auch gegen den Sender RTL Klub ein Verfahren eingeleitet wurde. Eine Sendung über einen Mord in einer Familie in Südungarn vom letzten Oktober wurde als zu ‚reißerisch‘, ‚jugend- und sogar erwachsenengefährdend‘ bewertet. RTL Klub, das alle Anschuldigungen zurückweist, gilt in Ungarn als linksliberaler Sender.“ Warum wohl? Vielleicht, weil es sich einfach um einen konservativen Politiker und nicht um einen zweiten Hitler handelt, was manche Leute im Gegensatz zu den Linken eben noch immer auseinanderhalten können? Oder knickt der Westen ähnlich wie bei islamistischen Diktaturen ein? Aber durch welchen militärischen oder wirtschaftlichen Druck? Ist schon klar, Europa ist eben von dem wirtschaftlichen Schwergewicht Ungarn abhängig. Ohne die Diamanten und das viele Erdöl, das täglich durch die Donau in die Bunte Republik gepumpt wird, könnte in den neuen Bundesländern kein Pkw mehr fahren.

Teile von Orbáns Mediengesetz wurden vom ungarischen Verfassungsgericht in der Tat gekippt. Aber dass Gesetze vom Verfassungsgericht beanstandet werden, sagt  nun wirklich nichts, wie auch der Blick nach Deutschland zeigt. Und was sind nun die konkreten Vorwürfe jenseits des medialen Zusammengeschmieres aus Geraune, Behauptungen und unkonkreten Unterstellungen? Erstens: Eine neu geschaffene Medienbehörde, die EU-Vorgaben in Sachen Jugendschutz, Kartellrecht und Digitalisierung umsetzen sollte, soll in Wahrheit Kontrolle über die Berichterstattung ausüben. Die Behörde ist nun nicht mehr nur für öffentlich-rechtliche Medien zuständig, sondern auch für private Fernseh- und Rundfunksender und Internetseiten. In der ,,Zeit“ erfährt man beiläufig in einem Nebensatz, dass eine solche Kontrolle öffentlich-rechtlicher Medien, auf die die Behörde zuvor beschränkt war, ,,auch in anderen EU-Staaten üblich ist.“ Orbán erklärte zudem, das Gesetz enthalte ,,kein Element, das es nicht im Mediensystem in irgendeinem europäischen Land gebe“. Im ,,BILD“-Interview meinte er kürzlich, wer ihm Mediengängelung vorwerfe, solle in die aktuellen Zeitungen schauen, dort werde er ,,beschimpft und bedroht“, gleichgeschaltete Presse sehe anders aus. Tatsächlich hat mir die linksfaschistische Medienmafia trotz permanenter gegenteiliger Beschwörungen noch kein einziges handfestes Beispiel präsentieren können, bei dem ein regierungskritisches ungarisches Medium wegen seiner Regierungskritik mit finanziellen Auflagen in den Ruin getrieben wurde.

Zweitens wurde Orbán vorgeworfen, die Chefin dieser Medienbehörde sei von Orbán ernannt worden, der beigeordnete Medienrat sei ausschließlich mit Mitgliedern seiner Partei besetzt. Auch in anderen Bereichen habe er unbequeme Leute entlassen und durch parteinahe ersetzt. Nun, in Deutschland werden Redakteure von ARD und ZDF, Richter am Bundesverfassungsgericht und der Bundespräsident ebenfalls durch den berüchtigten ,,Parteienproporz“ besetzt, ohne dass sich die hysterisch gegen Orbán polemisierenden Journalisten in nennenswerter Weise darüber empören würden. Da Orbán eine Zweidrittelmehrheit errang, hat er eben auch mehr Einfluss. Wobei die ungarische Medienbehörde im Gegensatz zu ARD und ZDF ja noch nicht einmal für Berichterstattung zuständig ist. Über die SPD-Medienbeteiligungen mittels der SPD-Medienholding DDVG regt sich von den linken Heuchlermedien ebenfalls niemand auf. Die ,,Zeit“ erhebt einen schrecklichen Vorwurf: ,,Auch die Vorgängerregierung tauschte nach ihrem Sieg die Eliten aus; aber so gründlich wie dieses Mal, sagen Kritiker, ging noch niemand vor.“ Ach du meine Güte, wegen etwas mehr ,,Gründlichkeit“ also die Angst vor dem ungarischen ,,Marsch in den Führerstaat“ (,,Die Welt“)? Aber oh Wunder – selbst die EU-Kommission konnte nichts zu Beanstandendes an der Medienbehörde finden, wie die ,,Zeit“ berichtet: ,,Nicht im Fokus der EU-Kritik stand die umstrittene Besetzung der Medien-Kontrollbehörde, die potentiell ruinöse Strafen für inhaltlich als falsch eingestufte Berichterstattung verhängen kann. (...) Wie aus Kommissionskreisen verlautete, sah die EU-Behörde keine Möglichkeit, Ungarn in diesem Punkt Vorgaben zu machen.“ Wie kommt's bloß?

Drittens wird Orbán zur Belegung des Willkürvorwurfs gegen die Medienbehörde zur Last gelegt, dass der linke Sender ,,Klubradio“ seine Lizenz verloren habe. Orbán klärt im ,,BILD“-Interview auf: ,,Dieser Sender hat keine neue Lizenz bekommen, weil er bei der Neuausschreibung weniger Geld geboten hat als seine Konkurrenten. Das soll jetzt durch politischen Druck ausgebügelt werden.“ Nachfrage der ,,BILD“: ,,Aber freie Presse braucht auch wirtschaftliche Sicherheit!“ Gelassene Antwort Orbán: ,,Sicher. Aber ich werde nicht zulassen, dass man mit politischem Druck wirtschaftliche Vorteile erlangt. ‚Klubradio‘ kann sich erneut für Frequenzen bewerben und neu bieten. So einfach ist das.“ So geht das durch das gesamte Interview – von vorne bis hinten erhält man vollkommen glaubwürdige und einleuchtende Antworten auf teils selten dämliche Fragen. So dass man Orbán sofort glaubt, was er zu den Ursachen der Hysterie sagt: Er sei ,,überzeugt, dass zigmillionen EU-Bürger es satt haben, in alt-linken ideologischen Bahnen zu denken. Sie wollen sich nicht verbieten lassen, über Werte wie Christentum, Heimat, Nationalstolz, Familie zu reden.“ Er denke daher ,,gar nicht daran, mich der Werteordnung der internationalen Linken zu unterwerfen.“

Viertens wirft man ihm ein neues Gesetz vor, welches vorsieht, dass für die Verabschiedung von Gesetzen im Schnellverfahren künftig nur noch eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, keine Vierfünftelmehrheit mehr. Das ist natürlich wahnsinnig diktatorisch-faschistisch-braun-nazihaft, sollte lieber sofort in eine Siebenachtelmehrheit geändert werden, wir sind doch nicht mehr bei Stalin und Hitler!

Aber die Medien haben ja noch die Methode Wulff im Köcher: Wenn Vorwürfe als lächerlich erkannt werden, wird eben monatelang so lange gesucht, bis man ein möglicherweise noch nicht mal existentes lächerliches Haar findet. Und schon die Anzahl der Haare kann dann als Argument dafür durchgehen, dass der gescholtene Politiker einfach untragbar sei. Eine Internetsatire brachte im Fall Wulff schon ein Sammelkartenspiel mit Wulff-Vorwürfen ins Gespräch – daran muss ich auch im Fall Orbán denken. Nun soll also auch die ungarische Verfassung furchtbar faschistisch sein, die ,,BILD“-Zeitung meint, die Verfassung nehme neben Kirchen ,,auch Schwule und Lesben ins Visier“. Weiter geht es mit der politisch korrekten Vorwurfsklaviatur: Weiterhin wirft die ,,BILD“ Orbán im Interview sein ,,Frauenbild“ vor, denn nur ein Mitglied seiner Regierung ist weiblich – et cetera et cetera, der Lächerlichkeit sind keine Grenzen gesetzt. Es wird überdeutlich, was der einzige Grund für die Aufregung ist, die nun schon über ein Jahr dauert: Diese Ungarn waren so dreist, sich keine linke und politisch korrekte Regierung zu wählen, sondern einen dezidierten Konservativen. Und das kann die linksfaschistische Mediendiktatur in Westeuropa nicht dulden. Patriotismus und christliche Werte sind Orbán halt wichtiger als das deutsche Jahrhundertprojekt Homo-Ehe. Vermutlich wird Orbán auch nicht wie Merkel zum Gedenken an den 8. Mai nach Moskau fliegen, und wahrscheinlich wird er sich auch nicht Pfauenfedern an den Hut stecken und anschließend im rosa Röckchen beim Christopher Street Day spazieren gehen. Wie unverschämt! Nur noch ein wenig Geduld, dann werden ihm die Linken neben dem bereits erfolgten Vorwurf der Frauen-, Schwulen- und Sonstwas-Feindlichkeit auch noch Holocaustleugnung vorwerfen, oder irgendein Drecksblatt wird herausfinden, dass er als Elfjähriger den 8. Mai als ,,Tag der Niederlage“ für Deutschland bezeichnete. Von Jenninger über Heitmann bis Hohmann haben die Medien ja Erfahrung damit, wie man konservative Politiker kaltstellt.

Mit diesem Zwischenstand betrachte man nun die Massendemonstration für Orbán in Budapest am vergangenen Samstag, die in Bezug auf den Punkt ,,Quellenkritik“ ebenfalls sehr bemerkenswert ist. Jan Mainka berichtet in einem sehr lesenswerten Kommentar in der ,,Budapester Zeitung“: ,,Schätzungen hinsichtlich der Zahl der Teilnehmer variieren je nach politischem Lager: Während die Organisatoren kurz nach dem Marsch von ‚über 500.000 Teilnehmern‘ sprachen, legte sich die linksliberale Presse in Ungarn am Montag auf einen Wert um die 100.000 fest. Das untere Ende der Schätzungen markierte das Gros der westlichen Medien, deren ungarische Zuträger nur ‚einige Zehntausend‘ Teilnehmer beim ‚Friedensmarsch‘ gesehen haben wollen. Der Wahrheit am nächsten kommt vielleicht das Innenministerium, das in einer Pressemitteilung eine Schätzung von 400.000 Teilnehmern verlautbarte. Immerhin hatte diese Institution wohl den besten Überblick, kreiste doch gelegentlich ein Polizeihubschrauber über der langgestreckten Marschsäule. Hinter dem Zahlenkrieg dürfte von linksliberaler Seite das Bestreben stehen, die aktuelle Demonstration in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit auf eine Stufe mit der Anti-Regierungs-Kundgebung der Opposition am ersten Neujahrsmontag zu stellen. Bei dieser von westlichen Medienvertretern – im Gegensatz zur jüngsten Demonstration – mit höchster Aufmerksamkeit und Wertschätzung begleiteten Kundgebung aus Anlass des Festakts der Regierung zum Inkrafttreten der neuen Verfassung waren auf der Andrássy út vor der Oper nämlich tatsächlich nur ‚einige Zehntausend‘ Teil­nehmer erschienen.“ Die „größte Demonstration seit der Wende“ in Ungarn (,,Budapester Zeitung“), und unsere linken Medien schweigen sie also systematisch tot. Wieder einmal erfuhr ich erst durch die ,,Junge Freiheit“ überhaupt von dieser Demonstration – es ist wirklich eine gespenstische Situation wie in einer Diktatur! Man kann, abgesehen von wenigen medialen Nischen wie eigentümlich frei und ,,Junge Freiheit“, wirklich fast nur noch ausländische Presse lesen, die deutsche Presse ist zu erbärmlich und gleichgeschaltet. Wenn wir von den 400.000 Teilnehmern ausgehen und bedenken, dass Ungarn knapp ein Achtel der Bevölkerung Deutschlands hat, dann wären es bei einer gleich großen Bevölkerung 3,2 Millionen Teilnehmer – eine ganze Menge Holz! Darf man noch fragen, wie es wohl dazu kommt, warum so viele Ungarn sich so stark über die Hetze gegen Orbán aufregen, dass sie für ihn demonstrieren und bei der Demonstration auf Schildern die Medien als ,,Lügner“ bezeichnen? Wahrscheinlich alle nur vom konservativen Regime dazu gezwungen, weil sie ja sonst exekutiert worden wären, oder was? Und warum nur eine sehr viel geringere Anzahl gegen ihn demonstrierte?

Die Berichterstattung von linken deutschen Medien über Demonstrationen ist wirklich immer wieder lustig. Die Hunderttausenden von Pro-Orbán-Demonstranten erhielten noch nicht einmal einen Bruchteil der Aufmerksamkeit der paar Tausend ,,Occupy“-Linksradikalen oder auch nur der circa 300 Teilnehmer der ,,Schuh-Demo“ gegen Christian Wulff. Wer dies noch damit abtun will, dass ein innerdeutsches Ereignis für deutsche Medien immer wichtiger ist als ein ausländisches, der sei darauf verwiesen, dass auch eine poplige 1.500-Mann-Demo gegen Orbán deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Halb belustigt, halb erbost kann man da an einen ,,Stern“-Artikel vom 22. Dezember 2010 denken. Eine Bildunterschrift lautet dort: ,,In Budapest demonstrierten Hunderte von Menschen gegen das neue Mediengesetz“. Hunderte von Menschen! Also so viel wie gegen Wulff – nämlich praktisch das ganze Volk, obwohl ja Umfragen zeigten, dass eine Mehrheit der Deutschen Wulff als Opfer einer Medienkampagne sah. Was kommt als Nächstes? Dutzende von Menschen demonstrierten gegen Hakenkreuz im Maisfeld? Mehrere Menschen demonstrierten für feministische Sprache?

Mainka weist in seinem Bericht über die Pro-Orbán-Demo übrigens darauf hin, dass keinesfalls alle Demonstranten kritiklose Orbán-Bejubler sind. Ebenso wie im Fall Wulff  können die Bürger nämlich sehr wohl differenzieren zwischen Kritik an einer Medienkampagne einerseits und kritiklosem Anhimmeln des Medienopfers andererseits: Sie können Orbán kritisch sehen, müssen deshalb aus ihm aber nicht gleich einen zweiten Hitler machen. Auch sollen bei der Pro-Orbán-Demo auch einige EU-Flaggen geschwenkt worden sein – doch nicht zum Verbrennen, sondern um zu zeigen, dass man sich trotz allem zur EU gehörig fühlt. Man betrachte nun also die systematisch parteiische und manipulative Berichterstattung beziehungsweise Nicht-Berichterstattung über die Pro- und Anti-Orbán-Demonstrationen: Was sagt auch dieses Medienverhalten aus über die Glaubwürdigkeit der ganzen Anti-Orbán-Kampagne?

Einen Tiefpunkt der verblödenden Kampagne musste ich kürzlich beim Aufschlagen des sonst von den etablierten Medien noch erträglichsten ,,Focus“ hinnehmen. ,,Die Ungarn“ befürchteten ,,eine Diktatur von rechts“, heißt es in der Ausgabe vom 23. Januar 2012, der Widerstand gegen die Regierung wachse ,,fast wie zu Zeiten des Kommunismus“. Als langjähriger ,,Focus“-Leser gibt man dem Blatt einen gewissen Vertrauensvorschuss und hält sich die unwahrscheinliche Option offen, dass man sich vielleicht doch geirrt hat, dass man sein Bild über Ungarn korrigieren muss. Wozu man ja auch gerne bereit wäre – man ist ja nicht verbohrt. Vielleicht würde der ,,Focus“ in seinem zweiseitigen Bericht nun ja gleich mit konkreteren und sachlicheren Vorwürfen gegen Orbán kommen als bisher gewohnt.

Doch stattdessen liest man in dem brutal schlechten Artikel von G. Dometeit und H. Ferenczi fast nur Geraune: ,,Ultimativ forderte die EU Viktor Orbán auf, Gesetze und Politik zu ändern, die die Unabhängigkeit von Medien, Justiz und Nationalbank bedrohen“ – ,,Nun dämmert vielen, dass Viktor Orbán es ernst meint mit seiner rechtspopulistischen Revolution. Und dass er dabei wenig Rücksicht auf grundlegende Rechte nimmt.“ – ,,Jetzt argwöhnen sie, dass regierungskritische Berichterstattung sie die Frequenzen gekostet hat“, und so weiter und so fort. Als primären ,,Focus“-Kronzeugen gegen Orbán präsentiert das Blatt ,,Dopeman“, einen auf dem Foto martialisch ein Schwert schwingenden Proll-Rapper mit Tattoo und muskulösem Körper, der mit Aussagen wie: ,,Ich bin Feind Nummer eins für die Mächtigen, weil ich brutal bin“, Stellung bezieht. Hat ,,Focus“ möglicherweise ganz Ungarn nach intellektuellen Autoritäten abgegrast, die eventuell die Konservativ-Nazi-Diktatur bezeugen könnten, und war dann mangels Fundobjekten auf den Rapper verwiesen? Was soll man zu solchem Journalismus noch sagen? ,,Das Leben ist ein Traum der Hölle“ (Shakespeare), oder auch: ,,Das End' ist da! Das End' ist da!“ (Walter Kempowski, Tagebucheintrag vom 14. November 1991). ,,Die Ungarn“ fürchten eine Diktatur von rechts, sagt der ,,Focus“? Hunderttausende von Pro-Orbán-Demonstranten sprechen eine andere Sprache. Die einzige Diktatur, die diese Leute fürchten, scheint keine ,,Diktatur von rechts“ zu sein, sondern eine linksfaschistische Mediendiktatur und das naive Hereinfallen von bürgerlichen Medien auf linke Kampagnen.

Was bleibt also als Fazit aus der ganzen Aufregung? Erstens nur das, was man von den Linken gewohnt ist, sobald jemand dezidiert eine konservative Meinung vertritt und Einfluss hat: Behauptungen, Unterstellungen, Verdächtigungen, Geraune. Zweitens das bei der Linken verständlicherweise steigende Muffensausen angesichts der durch Ungarn deutlich werdenden Tatsache, wie schnell ein Machtkartell kippen kann, und wie fragil die linke Meinungs- und Mediendiktatur in Westeuropa ist. Schließlich aber auch drittens ein weiterer Akt im Trauerspiel der sogenannten ,,bürgerlichen Medien“, die entweder, wie so häufig, wieder einmal auf eine inszenierte linke Kampagne hereinfallen, oder aber zu feige sind, sich ihr entgegenzustellen. Die Aufklärung über linke Medien müssen daher überwiegend andere übernehmen als ,,Welt“ und ,,Focus“.

Liebe Ungarn, falls Ihr dies lest: Bitte verwechselt die armselige linke Medien- und Meinungsmafia in meinem Land nicht mit der Meinung des deutschen Volkes! Und wenn doch ein Deutscher Schwachsinn über Euer Land und über Eure Regierung erzählt, so bedenkt, dass dieses Volk von einer gleichgeschalteten Medienmeute gehirngewaschen wird und nichts dafür kann. Euer Land ist mir sehr sympathisch, und Eure Massendemonstration für Orbán ist eine historische Zäsur: Noch nie in der Weltgeschichte hat es einen derartigen regelrechten Volksaufstand gegen das linke Medien-Establishment gegeben. Es geht eben aufwärts mit Europa, und ebenso wie 1989, so spielt Ungarn auch diesmal eine Vorreiterrolle, während Deutschland mal wieder hinterher hinkt. Ihr könnt stolz auf Euer Land sein, also lasst Euch nichts erzählen, scheißt auf die Lügner in den linken deutschen Redaktionsstuben! Gott schütze die ungarische Regierung, Gott schütze das ungarische Volk!

Links:

Offener Brief von Jan Mainka in der ,,Budapester Zeitung“ an die ,,Mitfühlenden bundesdeutschen Journalisten“, 11. Januar 2012

Bericht über Demonstration für Orbán

Kommentar Jan Mainka zur Berichterstattung über die Demonstration

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