13. Februar 2012

Kommunismus Die Geister, die sie rufen

Leider nicht so hübsch

Vor einigen Tagen bekamen Leser der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ das schmucke Antlitz einer aparten jungen Dame unter der Überschrift „Das Gesicht des Kommunismus“ präsentiert. Im letzten Jahr veröffentlichte die „Zeit“ einen verquasten Artikel („Schafft das Wort Extremismus ab“), der auf eine so krude, geistig brüchige und tölpelhaft formulierte Art für den Linksextremismus argumentierte und diesen ganz ernsthaft in verwerflichen und gesellschaftlich akzeptableren auszudifferenzieren versuchte, dass man beim Verfasser entweder boshafte Absichten oder einfach nur Dummheit vermuten musste. Die „Junge Welt“ bedankte sich 2011 für den Mauerbau der SED, einer Partei, in der viele ehemalige Nationalsozialisten ihr Wirken fortsetzen konnten, gut eingehegt von Selbstschussanlagen und Stacheldraht.  

Gesine Lötzsch dachte über „Wege zum Kommunismus“ nach; linksextremistischen Schlägern, die einige vor dem Veranstaltungsort der regressiven Diskussionsrunde in Richtung totalitärer Barbarei demonstrierende ehemalige DDR-Oppositionelle zusammentraten, wurde Zuflucht im Gebäude gewährt. Worüber in deutschen Medien übrigens nicht ganz so ausführlich berichtet wurde – der investigative Einzylinder in den Köpfen vieler Journalüftchen kommt erst dann auf Touren, wenn jemand ein Bobbycar geschenkt bekommt oder sich zu einem Fußballspiel einladen lässt. Bald darauf gratulierte Lötzsch zusammen mit Klaus Ernst – die beiden ließen sich auch gut als Pat und Patachon oder „Dumm und Dümmer“ der Linkspartei beschreiben – Fidel Castro zum Geburtstag: er könne „voller Stolz auf ein kampferfülltes Leben und ein erfolgreiches Wirken an der Spitze der kubanischen Revolution“ zurückblicken. Ein Satz mit stark rollendem R. Die antisemitischen Ressentiments in der  SED 2.0, durch die sie mehrfach in die Schlagzeilen geriet, sind ebenfalls keine Ausrutscher, sondern stehen in bester Tradition des Kampfes gegen die kapitalistisch-zionistische Weltverschwörung, über die bekanntlich schon der weltberühmte Linksextremist Adolf Hitler referierte und die auch in der SED 1.0 zu vernehmen waren.

Nun kommt der jüngste, extreme Linksruck von Teilen des „FAZ“-Feuilletons nicht überraschend, wird es doch seit Jahresbeginn 2012 von Nils Minkmar geführt, der die Morde von Utøya ohne jedes Wimpernzucken unter anderem dazu nutzte, der Leserschaft zu erklären, Sozialdemokraten seien das „Lieblingsziel aller totalitären Weltretter“. Man beeilte sich außerdem, besonders deutlich auf das antimarxistische Gedankengut Breiviks hinzuweisen, um alle Kritiker des Marxismus in die Nähe des Wahn- und Krankhaften zu stellen und am besten gleich in die Zelle des Mörders zu setzen. Das sind Formen suggestiver Rhetorik und Propaganda, die man ja aus der deutschen Geschichte kennt. Und die man von einer Zeitung wie der „FAZ“ eigentlich nicht erwarten würde, aber das passiert eben, wenn man politischen Fanatikern das Steuer überlässt.  

Die totalitären Weltrettungs- und Umgestaltungsversuche des Marxismus, Sozialismus  und Kommunismus, die im 20. Jahrhundert Abermillionen von Menschen das Leben kosteten, werden von solchen in romantischer Vergangenheitsverklärung schwelgenden Geistern wenig überraschend nur ungerne erwähnt und falls doch, zu realhistorisch-politischen „Verzerrungen“ oder „Entstellungen“ einer „an sich guten“ Idee naiv umgeträumt oder gleich bewußt -gelogen.  

Solange Marxismus und Kommunismus in Deutschland nach wie vor – oder mal wieder? – von gefährlich geschichtsvergessenen, politisch einäugigen und ideologisch bornierten linksfeuilletonistischen Schrumpfköpfen, die sehr zärtliche Gefühle für totalitäres Gedankengut zu hegen scheinen,  verharmlost, relativiert und gewürzt mit einer Prise Erotik beworben werden, sollte man immer wieder auf Edvīns Šnores Film „Sowjet Story“ hinweisen. In diesem knapp neunzigminütigen Werk kommen einige Stimmen zu Wort, die in Deutschland leider nur selten zu hören sind. So bringt zum Beispiel Françoise Thom, Professorin für moderne Geschichte an der Sorbonne, die Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus auf den Punkt: „Die Ideologie der Nationalsozialisten basierte auf falscher Biologie, der Kommunismus auf falscher Soziologie“.

„Sowjet Story“ ist gespickt mit solchen Aussagen, die den Kern des Problems treffen; in der öffentlichen Diskussion zu dieser Thematik hat hierzulande bis heute leider keine wirklich ausgewogene, umfassende Auseinandersetzung mit den geistes- und ideengeschichtlichen Grundlagen von Marxismus und Kommunismus stattgefunden. Stattdessen wird der vermeintlich wissenschaftliche Marxismus, in Wahrheit eine sozialtechnokratische Ersatzreligion, in manchen Feuilletons als progressive Lösung der Probleme unserer Zeit exhumiert, inklusive der marxistisch-leninistischen „Kategorie der Materie“, die im Wesentlichen nichts anderes darstellt als ein Gottsurrogat. Die Religionsfeindschaft im Marxismus ist beileibe kein Zufall; sie dient nicht etwa aufklärerischen Zwecken, sondern der Verschleierung des eigenen religiösen Charakters.

Es gibt in „Sowjet Story“ unzählige Zitate, die man anführen könnte, um den gefährlichen Beschönigungen und dem Geschichtsrevisionismus in Sachen Kommunismus einen Strich durch die ahistorische Milchmädchenrechnung zu machen. Man könnte zum Beispiel auf eine Anordnung Lenins während der Revolution verweisen  – „Hängt mindestens hundert Kulaks. Richtet Geiseln hin! Tut es in einer Art, dass Leute in einer Umgebung von hunderten von Kilometern es sehen und erzittern!“ – der trotz solcher Äußerungen von „FAZ“-Feuilletonist Dietmar Dath als kluger Politiker bezeichnet wird.

Man könnte Friedrich Engels zitieren (1848 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“): „Es ist kein Land in Europa, das nicht in irgendeinem Winkel eine oder mehrere Völkerruinen besitzt, Überbleibsel einer früheren Bewohnerschaft, zurückgedrängt und unterjocht von der Nation, welche später Trägerin der geschichtlichen Entwicklung wurde. Diese Reste einer von dem Gang der Geschichte, wie Hegel sagt, unbarmherzig zertretenen Nation, diese Völkerabfälle werden jedesmal und bleiben bis zu ihrer gänzlichen Vertilgung oder Entnationalisierung die fanatischen Träger der Konterrevolution“.

Dazu passend Karl Marx, 1853: „Die Klassen und die Rassen, die zu schwach sind, die neuen Lebenskonditionen zu meistern, müssen den Weg frei machen. Sie müssen in einem revolutionären Weltsturm untergehen“.

George Watson, Literaturhistoriker an der Universität Cambridge: „Ich denke, dass nur wenige wissen, daß im 19. und 20. Jahrhundert ausschließlich Sozialisten öffentlich für den Genozid plädierten. Diese Tatsache ist nur wenigen bekannt und erscheint schockierend. Ich habe über diese Themen nicht nur hier, sondern auch an anderen Universitäten gelehrt und es wird immer als eine schockierende Enthüllung empfunden“.  

Zum guten Schluss noch zwei Zitate von Marx – allerdings nicht aus „Sowjet Story“ von Edvīns Šnore –, die eigentlich ein für allemal klar machen sollten, was von diesem großen Denker zu halten ist:

Karl Marx, 1857: „Es ist möglich, dass ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, dass ich im umgekehrten Fall auch recht habe“.

Aber mein Lieblingszitat ist und bleibt folgendes (Marx an Engels, 1862):  „Der jüdische Nigger Lasalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder fünftausend Taler in einer falschen Spekulation verloren ... Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweisen, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz muss ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.“

Diese Gesichter sind leider nicht so hübsch wie das auf faz.net veröffentlichte.

Links:

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: Das Gesicht des Kommunismus

„Die Zeit“: Schafft das Wort Extremismus ab!

Edvīns Šnores „Sowjet Story“ bei Amazon


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