18. Februar 2012

Athanasios die Glosse Es kracht im Spiegel

Verbreitet Christian K. rechte Gedanken?

Georg Diez soll Christian Kracht wegen seines neuen Romans „Imperium“ als „Türsteher rechter Gedanken“ bezeichnet haben. Das habe ich zumindest bei „Welt Online“ gelesen, sein Artikel war leider nicht im Netz. Jetzt rufen alle Feuille-Tonmeister „Haltet den Diez!“ — deshalb will ich dem Kolumnisten mit der Werberbrille den Steigbügel halten und Krachts Seitenscheitel gegen den Strich bürsten. Weil ich mir den „Spiegel“ nicht kaufe, muss ich mich an die Vorankündigung auf SpOnline halten:

„In seinem neuen Werk ‚Imperium‘ verbreitet der Autor rechtes Gedankengut.“ Stimmt das? Kracht erzählt die Geschichte des Nudisten und Fruktivoren August Engelhardt. Der flieht vor „Europavergiftung“ nach Übersee, um die Kokosnuss zum Hauptnahrungsmittel, Hauptgebrauchsmittel und höchsten Wesen zu erheben. In Melanesien nimmt der Traum von Hyperborea Gestalt an. Falls Parallelen zu einem späteren „Vegetarier ins Bewußtsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt“, räumt Kracht ein. Der Nationalsozialismus, wie er sich in den östlichen Tempeln der Theosophie materialisiert, die Kolonien, wo sich eine völkische Utopie ansiedelt, die fremd in die Heimat zurückkehrt, das sind die Themen von Christian Kracht. Seine Helden sind Männer wie Engelhardt oder Ungern von Sternberg, verkappte Buddhisten, Hakenkreuzler, Vorläufer des Totalitarismus.

Das „Dritte Reich“ auf Fernost zu schieben, aufs Früchtefressen und die Freikörperkultur — das ist rechts. Für einen New Yorker Intellektuellen wie George Díez ist der Nationalsozialismus die Erfüllung des Abendlandes, und die Aufhebung vielleicht. Wäre der Vegetarier aus Braunau bei seiner Staffelei geblieben, so wäre Diezens antifaschistischer Kolumnismus eine sinnlose Angelegenheit. Auch wenn Kracht also rechtes Gedankengut verbreitet, seine Imperien sind nicht rechts, sie sind fleischlos-fruchtig.


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