03. April 2012

Die Aufgabe des liberalen Intellektuellen Der Kampf um die Seele von Faust

Über die Erneuerung des Denkens aus dem Geiste der Freiheit

Eine Nation ist kein homogener Block, Nationalgeschichte ist kein geradliniger Strom. Es gibt eine Vielzahl von Strömungen, diese Strömungen verengen sich manchmal zum Rinnsal, um dann im nächsten historischen Augenblick als breiter Fluss wieder aus dem unterirdischen Verlauf an die Oberfläche zu treten, sie fließen ineinander und die Gewässer trennen sich wieder. Die Kultur- und Geistesgeschichte besteht aus Sümpfen und Seen, Bächen, Tümpeln, Wasserfällen und reißenden Strömen. Sozialismus, Konservatismus, Liberalismus, Nationalismus, Konfessionen, regionale Identitäten, soziale Zugehörigkeiten überlagern und beeinflussen sich und kollidieren miteinander. Für die Zukunft Deutschlands und Europas geht es nicht nur darum, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt die Koalition AB oder XY das Land regiert, sondern ob ein bestimmter Fluss von Ideen und Idealen versickert oder zum breiten Strom wird.

Unser Wissen ist Ergebnis unserer Sozialisation

Die Informationen, die wir über die Welt haben, sind immer das Ergebnis von Selektion. Im Zuge unserer Sozialisation werden wir mit bestimmten Überzeugungen, Informationen, Gefühlen konfrontiert und mit anderen nicht. Dass wir Menschen uns im Irrtum befinden, muss also nichts über unsere moralischen Qualitäten oder unsere Intelligenz aussagen, sondern kann einfach Folge unserer Sozialisation sein. Nur einen Bruchteil der Informationen, die wir in unserem Leben erhalten, können wir wirklich persönlich nachprüfen. Die meisten von uns glauben, dass die Welt eine Kugel ist, obwohl wir selbst es nie nachgerechnet haben oder die Richtigkeit der Satellitenaufnahmen überprüft haben. Viele Ideen der Liberalen und der Österreichischen Schule der Nationalökonomie werden in Deutschland weder in den Schulen noch an den Universitäten noch in den Medien vermittelt. Es gilt: Was nicht kommuniziert wird, das ist auch nicht in der Welt.

Glanz und Elend der Intellektuellen

Den festgefügten Kanon von Informationen und Ansichten in Frage zu stellen und für  alternative Deutungen zu kämpfen und die Kommunikation zu verändern, war zu allen Zeiten das Feld politisch aktiver Denker und Publizisten. Marx hatte unrecht: Die Arbeiterschaft war nie eine revolutionäre Klasse. Die Intellektuellen sind die eigentliche revolutionäre Klasse. Die Berufsrevolutionäre par excellence. Der Intellektuelle als Typus ist bei vielen Liberalen nicht wohl gelitten, aufgrund der Anmaßung von Wissen, die ihm unterstellt wird. So etwa die bekannte Intellektuellenkritik von Friedrich August von Hayek. Es ist aber völlig richtig bemerkt worden, dass auch diese Intellektuellenkritik die Kritik von Intellektuellen an Intellektuellen war. Was sie kritisierten, waren im Grunde nicht die Intellektuellen an sich, sondern die linken Intellektuellen. Denn was waren Eucken, Hayek und Mises denn anderes als Intellektuelle – liberale Intellektuelle? Sie waren Teil der Intelligenz, die sich für politische Ideale engagiert hat. Und das ist die Definition für einen Intellektuellen. Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, alle großen Leistungen erfordern Zeit und Mühe. Es gab immer Menschen und es muss sie auch immer geben, die die Förderung politischer und wissenschaftlicher Ideen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben.

Liberalismus als Lebensaufgabe

Neben den vielen Menschen, die sich liberalen Ideen verbunden fühlen, muss es auch einen harten Kern von Menschen geben, die die Verbreitung und Weiterentwicklung des Liberalismus als Beruf und Berufung betrachten: Als Redakteur und Journalist, Publizist, Herausgeber, Universitätslehrer, Lehrer, Pfarrer, Politikberater, Blogger. Die lehrenden, forschenden, publizierenden und beratenden Berufe haben eine Wirkung, die über ihre ökonomische Bedeutung weit hinausreicht. Was war die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts ohne die national gesinnten Historiker, was die 68er-Bewegung ohne die links ausgerichteten Soziologen und was die Wirtschaftsreformen der Achtziger ohne die neoklassischen Ökonomen? Ideen sind nicht allmächtig, aber wenn sie sich mit einer guten Organisation und historischen Umbrüchen verbinden und in ein geistiges und politisches Vakuum vordringen, sind sie ein wichtiger Faktor.

Individualistische Ethik und die  Österreichische Schule der Nationalökonomie

Die Aufgabe, vor der der liberale Intellektuelle in Deutschland steht, ist eine Aufgabe für eine ganze Generation: die Einführung und Ausbreitung der individualistischen Ethik in einen Kulturraum, in dem weitgehend in staatlichen und kollektiven Begriffen gedacht wird, sowie die Übertragung der Ideen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie auch in die Fächer jenseits der Volkswirtschaftslehre – in die Philosophie, die Politikwissenschaft, die Soziologie, die Psychologie, die Kulturanthropologie. In jedem Bereich muss sie modifiziert und weiterentwickelt werden. Ideen aus anderen Fächern werden wiederum auf die Schule zurückwirken. Eine liberale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sollte eingefahrene Deutungsmuster in Frage stellen und historische Quellen und Fakten aus dieser Perspektive einer Neubewertung unterziehen. Dies ist keine Existenz im Elfenbeinturm, denn es gehört viel Management und ein enormer Einsatz dazu. Unter anderem ist eine Infrastruktur aus Instituten, Zeitschriften, Verlagen, Vereinen, Organisationen, Schulungsstätten und privater Finanzierung aufzubauen. 

Keine kulturelle Hegemonie, sondern Wettbewerb der Ideen

Man darf nicht glauben, man könne nur selig werden, wenn hundert Prozent der Menschen die eigene Auffassung teilen. Das von rechts und links verbreitete Konzept einer kulturellen Hegemonie des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci oder die Vorstellung von dem Ende der Geschichte widerspricht den Möglichkeiten und dem Zweck einer freien, pluralistischen Gesellschaft. Außer in einer totalitären Diktatur wird es nie die absolute Macht einer bestimmten Denkrichtung geben, der nicht widersprochen wird. Es darf sie auch nicht geben. Was sich im freien Wettbewerb der Ideen verschieben kann und soll, das ist der relative Einfluss der Ideensysteme zueinander. Eine realistische und legitime Aufgabe für den liberalen Intellektuellen ist es, den Liberalismus in Deutschland zu einer starken Strömung in der Gesellschaft zu machen und einen starken Fußabdruck in der Ideen- und Geistesgeschichte unserer Zeit zu hinterlassen.

Teil einer universellen geistigen Bewegung

Die Bedeutung einer starken intellektuellen Strömung in Deutschland sollte man nicht gering schätzen. Sie kann über Deutschland hinaus Früchte tragen. Deutschland war immer so etwas wie die Denkfabrik der Welt. Die Ideen von Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Marx, Humboldt haben ihre Wirkung weit über Deutschland hinaus entfaltet. Der Liberalismus ist eine weltumspannende Bewegung mit universalem Anspruch. Die Modell- und Vordenkerrolle springt von einem Land zum anderen. Im 19. Jahrhundert waren die Blicke der Liberalen auf Großbritannien gerichtet, und Adam Smith war die Lektüre preußischer Reformer. Die britischen Think Tanks der 70er Jahre studierten, während Großbritannien am ökonomischen Abgrund taumelte, das westdeutsche Wirtschaftswunder der Ordoliberalen. In Deutschland entdeckt man heute über den Umweg der USA die Österreichische Schule wieder, und hier kann man sie weiterentwickeln und eine neue Generation begründen.

Die Aufgabe des liberalen Intellektuellen in Deutschland

Wohl jeder Mensch trägt tief im Innersten den Ansporn in sich, seine Freiheit zu nutzen, einer Sache zu dienen, die größer ist als er selbst. Die großen liberalen Ideen, die sich im 19. Jahrhundert in Deutschland und Mitteleuropa entfaltet haben, aber am Ende des Jahrhunderts im Schatten von Nationalismus und Sozialismus verblasst  und im Zeitalter des Totalitarismus über den Atlantik ausgewandert sind, nach Mitteleuropa zurückzuholen und in der Heimat von Kant, Schiller und Goethe tief zu verankern, ist der Mühe und Anstrengung der Besten wert. Die Auseinandersetzung um die geistigen und moralischen Grundlagen in Deutschland hat der amerikanische Hochkommissar John McCloy in ein eindruckvolles Bild gebracht. Im Bewusstsein der zentralen Rolle Deutschlands in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus zu Beginn des Kalten Krieges und im Hinblick auf den damals noch latent vorhandenen Nationalismus sprach er  vom „Kampf um die Seele von Faust.“ Und eben in dem Kampf um die Erneuerung des Denkens in Mitteleuropa aus dem Geiste der Freiheit besteht die Aufgabe des liberalen Intellektuellen in Deutschland für die kommenden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts.


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