29. Mai 2012

Verschuldung und Inflation So lasst uns denn ein Apfelbäumchen zaubern

Aktuelles aus der Welt der Alchemie

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: In Ihrem Garten steht ein kleines, bescheidenes Apfelbäumchen. Aufgrund ihrer Erfahrungen im Umgang mit dem in regelmäßigen Abständen süße, saftige, duftende Früchte tragenden Gewächs wissen Sie, dass es nicht unbegrenzt Ertrag abwirft. Sie wissen: Möchte ich von den Äpfeln möglichst lange etwas haben, muss ich lernen, mit ihnen zu haushalten. Beispiel: Die Pflanze wirft im Zeitraum ihrer Blüte pro Woche drei Äpfel ab. Wenn Sie schon am Montag sämtliche Äpfel hinunterschlingen, haben Sie den Rest der Woche nichts mehr davon. Na, denken Sie sich, dann esse ich eben am Montag einen Apfel, die anderen beiden verarbeite ich beispielsweise zu Apfelkonfitüre. Die hält länger als ein Apfel in der Obstschale; vielleicht heben Sie sich den köstlichen Aufstrich für den Herbst und Winter auf oder verkaufen ihn gar, um Samen für weitere Apfelbäume zu erwerben. Da Ihr Garten natürlich keine unendlich große Anbaufläche bietet, müssen Sie allerdings kalkulieren, wie viele Bäume Sie noch pflanzen könnten, wie lange diese Äpfel wiederum reichen und so weiter und so fort.

Dann aber kommt Ihnen ein genialer Einfall: Sie gehen ins Arbeitszimmer, zeichnen mit Hilfe eines Graphikprogramms zusätzliche Parzellen Anbaufläche, drucken diese aus und stellen sie so vor Ihrem Gartenzaun auf, dass der Eindruck eines riesigen Obstgartens entsteht. „Nun habe ich viel mehr Platz!“, denken Sie und kaufen anderthalb Tonnen Saatgut für Apfel- und Birnbäume, für Brombeer- und Johannisbeersträucher, für Erdbeeren und Spargel. Was das bringen soll? Völlig unlogisch, unvernünftig und irrational? Klingt bescheuert? Das läuft doch auf eine krasse Fehlinvestition hinaus?

Genau das aber bedeutet es, wenn Notenbanken unentwegt Geld drucken. Natürlich handelt es sich bei obigem Bild um einen stark vereinfachten Vergleich, der im Wesentlichen dennoch sehr genau den Irrglauben beschreibt, durch phantasmagorisches Geld stets „Wachstumsimpulse“ geben und volkswirtschaftlichen „Reichtum“ schaffen zu können. Einfach aus dem Nichts geschöpftes, frei erfundenes Geld, das in keinerlei Zusammenhang mit realen volkswirtschaftlichen Wertschöpfungsprozessen steht, quasi nicht realwirtschaftlich „geerdet“ ist, wird auf Dauer nicht funktionieren. Um bei der landwirtschaftlichen Metapher zu bleiben: Man suggeriert eine volkswirtschaftliche „Anbaufläche“, die realiter gar nicht existiert. Seit nunmehr vielen Jahrzehnten hantieren wir mit solchem ungedecktem, virtuellem, nahezu beliebig aufblasbarem Geld, das zu einer gigantischen Aufblähung des Finanzsektors geführt hat, der mit der Realwirtschaft nur noch entfernt zu tun hat. Es war nur eine Frage der Zeit, bis den unter immer schwereren Flatulenzen leidenden Kunstgeldbäuchen die heiße Luft entfährt. In den letzten dreißig Jahren hat sich die weltweit produzierte Gütermenge ungefähr vervierfacht, die Geldmenge jedoch – man muss schon den Atem anhalten bei solchen Zahlen – nahezu vervierzigfacht (!).

Umso erschreckender, dass Gelddrucken bei manchen anscheinend immer noch als Patentlösung angesehen wird. So sprach sich François Hollande beim jüngsten EU-Kosakenzipfel tatsächlich dafür aus, die EZB solle ruhig noch mehr Voodoo money lockermachen und ohne viel bürokratisches Federlesen über Europa ausschütten (wie sonst wohl nur Frau Holle im berühmten Märchen). Es ist einfach nicht mehr zu fassen, dass solche Vorschläge – gerade in der jetzigen Situation – überhaupt noch auf den Tisch kommen. Nicht gerade vertrauenserweckend sind allerdings auch manche Krisenanalysen von seiten großer Organisationen wie zum Beispiel der OECD, deren Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan unlängst erklärte, die anhaltende konjunkturelle Schwäche spiegele die „zugrundeliegenden wirtschaftlichen, steuerlichen und finanziellen Ungleichgewichte innerhalb des Euroraums, die die Ursache dieser Krise sind“. Natürlich verliert er – aus welchem Grund auch immer, ob nun aus Uneinsichtigkeit oder ideologischer Blindheit – kein Wort darüber, dass diese Ungleichgewichte eigentlich gar kein Problem wären, hätte der Einheitsrubel es den schwächeren Ländern nicht völlig unmöglich gemacht, über Korrekturmaßnahmen auf Basis nationaler Währungen wieder mehr wirtschaftliches Muskelfleisch auf die wackeligen Beine zu bekommen. Stattdessen wurde seit jeher – nicht erst seit den jüngsten Vorschlägen in dieser Richtung, sondern von Anbeginn der Währungsunion – versucht, Angleichungsprozesse lediglich über Finanztransfers, kurz Umverteilung zu erreichen. Was Hollande betrifft, braucht man sich über solche Vorschläge sowie mangelnden ökonomischen Sachverstand im Allgemeinen nicht zu wundern – der Mann ist Sozialist, was bedeutet, dass er von solidem Wirtschaften so viel versteht wie ein Erdmännchen vom Hochhausbau. Was auch seine Begeisterung für Euro-Bonds erklärt: Enteignen und Umverteilen.

Unsere große, nur scheinbar aus unterschiedlichen Parteien bestehende Einheitspartei ASDAP (Antisoziale Deutsche Autokratenpartei), die dank des Fehlens echter Opposition bei Wahlen dann auch erwartungsgemäß knapp 99,9 Prozent der Stimmen erhält, möchte derweil den ESM einfach „durchwinken“. Der Knaller: Thomas Oppermann, Fraktionsgeschäftsführer der scheinoppositionellen und von Sigmar Gabriel gekonnt immer tiefer ins Lächerliche gezogenen SPD, erklärte dazu, man sei beim Fiskalpakt allerdings noch unsicher und benötige mehr Bedenkzeit. Man hat also kein Problem damit, huschhusch ein Gesetz zu akzeptieren, das es einer kleinen Gruppe sorgfältig nach Gesichtspunkten der Machtakkumulation ausgewählter Gouvernanten erlaubt, frei und ohne Rechenschaftspflicht oder juristische Anfechtbarkeit über die Haushalte der Staaten der EU zu  verfügen , während man sich beim Fiskalpakt noch nicht entscheiden könne. Tragikomisch. Gerade auch deshalb, weil keiner der beiden Mechanismen die Krise und die ihr zugrundeliegenden Probleme wirklich lösen wird. Das Gegenteil steht zu befürchten.

Überdramatisch? Keineswegs: „EU-Gipfel: ESM-Geld soll für Banken-Rettung verwendet werden“, so die Überschrift eines Artikels der „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ vom heutigen Donnerstag. Damit ist die Katze also aus dem Sack und entlarvt alle bisherigen Beteuerungen, der ESM sei eine sinnvolle Einrichtung im Interesse „europäischer Solidarität“, endgültig als das, was sie von vornherein waren: fromme Lügen und Selbsttäuschungen. Man kann die Warnung nur wiederholen: es wird mit spaltbarem Material hantiert. Mag die erste „Griechenrettung“, die in Wahrheit eine Bankenrettung war, ja noch (und erstaunlicherweise) ohne größeres Murren der Geberländer durchgegangen sein, dürfte das Maß schon sehr bald voll sein. „Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit, aber nicht das gesamte Volk die ganze Zeit“, soll Abraham Lincoln einmal gesagt haben. Besonders die deutsche Politik sollte sich das zu Herzen nehmen.

Des weiteren, soviel darf man jetzt mit Sicherheit behaupten,  wurden und werden die Bürger Europas offensichtlich belogen, was das wahre Ausmaß der Verschuldung betrifft. „Schuldenfinanzierung spanischer Regionen explodiert von 8 Euro auf 36 Milliarden Euro“, so ein Artikel auf wirtschaftsfacts.de, und weiter: „Wie die Budgetpläne der 17 autonomen Regionen zeigen, basiert die enorme Finanzierungslücke auf bislang nicht publik gemachten Bankkrediten, die die Lokalregierungen bei heimischen Instituten aufnahmen“. Mit welchen Überraschungen dürfen die Bürger noch rechnen? Man sollte sich lieber nicht der naiven Hoffnung hingeben, es handele sich dabei ausschließlich um ein spanisches Phänomen.

Denn auch in Italien und nun auch Frankreich zeichnen sich ähnliche Geständnisse ab, von denen noch nicht klar ist, wie schwerwiegend die Schuldenlöcher bei Staaten und Banken tatsächlich sind. Es scheinen sich unter den offiziell verlautbarten Löchern noch viel tiefere aufzutun. Man kann sich allerdings darüber streiten, ob es sich um tatsächliche Schulden handelt oder, so lautet ein derzeit kursierendes Gerücht, die Banken durch solche Horrormeldungen die Staaten lediglich erpressen und dazu nötigen wollen, ihnen mehr Geld bereitzustellen. Man sollte außerdem bedenken, dass es sich bei der momentanen Schwäche des Euro auch um ein von „Dritten“ beeinflusstes Problem handelt. Der als „Mr. Dax“ bekannte Börsenmakler und Buchautor Dirk Müller fasste das in die Worte, die Probleme Europas seien zwar fraglos hausgemacht, die „Angriffe auf die Probleme“ aber kämen von außen. Soll heißen: Mit Hilfe der Ratingagenturen versuche die US-Politik und -Hochfinanz, den ebenfalls am Boden liegenden Dollar künstlich aufzuwerten beziehungsweise stabil zu halten und möglichst lange zu beatmen. Ein „Trost“ wäre das freilich nicht für Europa, denn gesetzt den Fall, der Dollar würde in absehbarer Zeit dennoch kollabieren, wären die Auswirkungen auf das globale Finanzsystem nicht weniger desaströs als ein Euro-Crash.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige