31. Mai 2012

Analyse Der Intellektuelle als Mangelware

Woher nehmen, wenn nicht selber denken?

„Was läuft schief in Europa?“, lautet die Frage, die in den letzten Wochen immer häufiger gestellt wurde. Eine negative Schlagzeile über fast schon von einem Tag auf den anderen nach oben korrigierte Schulden von Staaten oder Banken jagte die andere. Manche fragten gar, ob Europas Intellektuelle versagt hätten.

Nun wird es schwierig. Denn die Beantwortung dieser Frage hängt von der Begriffsdefinition ab. Werfen wir einmal einen Blick in das beliebteste und größte Online-Nachschlagewerk der Welt, Wikipedia: „Für die Soziologie (Joseph Schumpeter folgend) sind intellektuelle Menschen solche, die zu reden und zu schreiben verstehen und mit ihrer Kritik öffentlich Dinge zur Sprache bringen, die an sich außerhalb ihrer eigenen Sachkompetenzen und Verantwortungsbereiche liegen. Ihre Erfolgschance beruht auf der Legitimationsfähigkeit durch in der jeweiligen Gesellschaft verbindliche Grundwerte und liegt vor allem in ihrem Störpotential.“

Weiter: „Der Intellektuelle analysiert, hinterfragt und kritisiert laut Sartre in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen. Dabei ist der Intellektuelle nicht an einen politischen oder moralischen Standort gebunden. Dies führt häufig zu Konflikten mit den politischen Machthabern.“

Je nachdem, welchen Auszug man nun als verlässliche oder gar verbindliche Definition gelten lassen möchte, hätte man in Deutschland entweder ein Überschuss- oder ein Mangelproblem. Soll das Reden und Schreiben über Dinge, die außerhalb der eigenen Sachkompetenz liegen, ein hinreichendes Kriterium sein, gäbe es in der Politik und ihrer Hofberichterstattung (Presse) Intellektuelle im Überfluss, so viele, dass wir sie eigentlich in alle Welt exportieren müssten, da wir es sonst mit argen Raumproblemen zu tun bekämen. Sieht man mal vom letzten Satz ab, der von einem ominösen Störpotential spricht.

Denn Störpotentiale müssen sich heute für Redezeit rechtfertigen, werden von TV-Talkredaktionen plump aus dem Programm gelogen oder – die mit Abstand effizienteste Methode – durch Totschweigen gleich ins Reich der Mythen und Legenden verschifft. „Halt´s Maul oder wir schlagen zurück!“, „Sowas darf im öffentlich-rechtlichen Bildungsprogramm keinen Platz haben!“ hingegen – solche und ähnliche putzigen, pubertär-renitenten Drohgebärden, die aufgrund mangelnder Reife noch nicht mit dem Umstand zurechtkommen, dass die Welt die unangenehme Neigung besitzt, sich ab und an über die eigenen vier Kinderzimmerwände hinaus zu erstrecken, werden – ist das nicht paradox? – im Neusprechdiktionär zu den wahren Störpotentialen umdefiniert. Intoleranz ist Mut, Ignoranz Stärke und Borniertheit aufgeklärtes Denken.

Was nicht in den Zeitungen steht oder über Flachbildschirme wandelt, existiert offiziell auch nicht. Es kann vielleicht noch hoffen, eine verschwörungstheoretische, populistische oder unseriöse Existenz im Internet zu führen. Dank großer Zeitgenossen wie Helmut Schmidt wissen wir über den Cyberspace drei Dinge: „Erstens: Das Internet gehört kaum zu meiner Welt. Zweitens: Ich empfinde es als bedrohlich. Und drittens: Es hat Zukunft.“ Die Netzkommunikation sei ihm zu oberflächlich. Im Gegensatz zu den tiefschürfenden Selbstgesprächen der politischen Elite, die oft noch nicht mal mehr wissen, was eine Million oder Milliarde ist, aber wichtige Haushaltsentscheidungen treffen sollen? Oder dem Papageiengekrächze aus dem Ministerium für GEZahlte Wahrheit?

Er sähe allerdings auch die großen Chancen des Mediums. Schmidt, daraufhin befragt, ob vor dem Siegeszug des Net alles besser gewesen sei: „Nehmen Sie zum Beispiel den Verteidigungsminister Strauß oder später den Generalinspekteur Trettner. Die haben damals das Publikum regelrecht getäuscht“, was heute, so der Altbundeskanzler, dank Plattformen wie WikiLeaks sehr viel schwieriger sei. Der Mann ist also nicht nur politisch, sondern auch komödiantisch ein Riesentalent.

Dass er das Internet als bedrohlich empfindet, versteht sich übrigens von selbst – alle Machtmenschen bekommen ein Jucken in der Hose, wenn die lieben Untertanen die gefährliche Gelegenheit bekommen, sich etwas freier und unabhängig informieren und auch organisieren zu können. Und spätestens seit Brainbustern wie Soderberghs Virenkrimi „Contagion“ wissen wir doch, dass nur offizielle Regierungsstellen sich um aufrichtige Information und Aufklärung der Bevölkerung bemühen, während es schattigen Kreaturen wie Bloggern, die Namen wie – ernsthaft? – „Krumwiede“ tragen, nur um die Klickzahlen der eigenen Seite geht. Netter Versuch, Mädels.

Zurück zur zweiten Definition. Sollen Intellektuelle sich also (nach Jean-Paul Sartre) dadurch ausweisen, politisch und moralisch ungebunden zu sein und dabei Knatsch mit den Machthabern zu riskieren – dann müssten wir sie aufgrund akuten Mangels massenweise importieren. Es sei denn, wir möchten uns „Aushänge“-Schriftsteller, die es in jüngster Zeit anscheinend vorziehen, durch Verfassen von Primanergedichten ihren Ruf endgültig zu ruinieren, oder vielleicht Journalisten, derer nicht wenige ihr privates Hobby – Zucht von linksgrünen Phrasenschimmelpilzen – nicht mehr vom Hauptberuf trennen können, zu Intellektuellen schönsaufen, müssten dann aber schwerste Leberschäden in Kauf nehmen.

Eines der größten Probleme in der Diskussion und Bewältigung der Krise besteht darin, dass die dringend notwendige kritisch-intellektuelle Distanz, politische Unvoreingenommenheit oder gar Neutralität leider kaum noch besteht. Des weiteren erleben wir momentan eine politisch-institutionelle Manifestation dessen, für das der deutsche Philosoph Günter Anders in seinem populärsten und weltberühmten Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“ den Begriff des „prometheischen Gefälles“ prägte.

Der Mensch, so Anders, habe sich mit Hilfe einer rasanten naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung Zerstörungspotentiale geschaffen, die sein Vorstellungsvermögen übersteigen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit des menschlichen Bewusstseins könne mit derjenigen des technologischen Fortschritts nicht mehr mithalten; Anders bezog sich dabei vor allem auf die Atomkraft und das atomare Wettrüsten. Man könnte sein Philosophem (mit einigen Einschränkungen) allerdings auch auf die Sphäre des politischen Demiurgentums ausdehnen: Der Glaube, eine Vielzahl von Völkern mit Hilfe eines politischen Konstrukts, angefangen von der Währungsunion bis hin zu totalitären Zwangsjacken wie dem ESM quasi „über Nacht“ zu einem homogenen Ganzen schmieden zu können, einem Gleichstrom-Wachstumsmotor, hat sich als falsch erwiesen. Die negativen Folgen wachsen den Planern teils über den Kopf, die menschliche „Hybris“ droht abermals das Schiff zum Kentern zu bringen. Statt aber das zu tun, was Intellektuelle eigentlich ausmacht – die Fähigkeit zu besitzen, die eigenen Wunschvorstellungen in Frage stellen zu können und eventuell einer abermaligen Prüfung auf empirischer Basis unterziehen zu müssen – mauert man sich im Traumschloss ein und baut ständig neue Werkzeugschuppen aus demselben brüchigen ideologischen Ausgangsmaterial.

Die Krise ist weniger eine der Intellektuellen – sie entspringt einem Mangel an Intellektualität.

Link

Netzwelt: Helmut Schmidt über das Internet


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