28. Juni 2012

Geldkrise Magna Cum Haschmich

Blindekuh, Topfschlagen, Eierlaufen – oder doch eher Gotcha?

The plot thickens: Die ablehnende oder zögerliche Haltung der deutschen Kanzlerin in einigen aktuellen Streitfragen über die richtigen Strategien zur Krisenbewältigung scheint gewisse Kreise langsam mächtig zu ärgern. Erst drohte Italiens Premier Mario Monti ganz unverhohlen damit, bei einem Euro-Austritt seines Landes stünde Deutschland vor noch viel größeren Problemen als bisher, dann veröffentlichte das Finanznachrichtenportal bloomberg.com einen Artikel („Hey, Germany: You Got a Bailout, Too“), der ebenfalls hart mit der deutschen Politik ins Gericht ging und stark für die Einführung von Eurobonds und Fiskal- beziehungsweise Schuldenunion plädierte.

Auch Christine Lagarde, Chefin des vermeintlich unabhängigen Internationalen Währungsfonds, der in Wahrheit weitestgehend unter US-amerikanischer Kontrolle steht (der größte Stimmanteil im IWF liegt nach wie vor bei den USA) , hielt noch einmal knatschig die Stoppuhr über Europa und forderte, Rettungsgeld solle doch bitte gleich in Bankhäuser gepumpt werden, außerdem möge die EZB mit Goldman-Sachs-Mann Mario Draghi im Chefsessel den Kauf von Staatsanleihen wiederaufnehmen – ein Vorschlag, der für heftiges Augenreiben sorgen sollte, denn diese Maßnahme hat sich im bisherigen Verlauf des Schulden-, Spekulationsblasen- und Papierschnitzeljagd-Debakels stets zuverlässig als kontraproduktiv beziehungsweise brandbeschleunigend erwiesen. Investor und Milliardär George Soros, der im ersten Quartal 2012 sicher rein zufällig massiv in Gold investierte (Soros Fund Management LLC hat seine Investitionen in den „SPDR Gold Trust“ nahezu vervierfacht und hält mittlerweile Anteile in Höhe von circa 50 Millionen Dollar), wirft dem Hosenanzug ebenfalls falsches Krisenmanagement vor: Merkel führe Europa in die falsche Richtung.

Nun goß ein Harvard-Ökonom noch ein kleines Probenpäckchen Tabasco in die brodelnde Rezeptur: „Angela Merkel leugnet die Probleme der Währungsunion. Die einzige Frage, die man sich im Hinblick auf die Probleme in Europa stellen muss, ist jene nach der psychologischen Konstitution einer deutschen Frau – das meine ich ernst! Manchmal reduziert sich die Geschichte auf eine einzige Person.“

Feisty one. Fragt sich allerdings, wie ernst man die Worte eines sogenannten „Top-Ökonomen“ eines Landes nehmen muss, das letztes Jahr kurz vor der Zahlungsunfähigkeit (!) stand, die nur durch eine abermalige Erhöhung der Schuldenobergrenze abgewendet werden konnte. Man kann sich gerne auch darüber streiten, ob die deutsche Politik – das meine ich ernst! – überhaupt noch Ratschläge einer politischen und großfinanziellen Elitistenclique beherzigen sollte, die zur Ablenkung von den gewaltigen Rissen im Fundament des eigenen Luftgeldlofts die Häuser anderer  – aus rein humanitären Motiven – in Grund und Boden bombt, um ihren Spielplatz zu vergrößern, geostrategische Stellungen auszubauen, Unabhängigkeitsstreben und unerwünschte Konkurrenz durch goldgedeckte Währungen zu unterbinden (Libyen, „African Dinar“) oder sich die besten Liegeplätze neben wichtigen Ressourcen zu sichern. Womit nicht nur Öl gemeint ist – siehe Afghanistan. Selbst Wolfgang Schäuble wurde die arrogante Klugscheißerei zuviel: „Herr Obama soll sich doch vor allen Dingen mal um die Reduzierung des amerikanischen Defizits kümmern. Das ist höher als das in der Eurozone“.

In der Tat. Ist es nicht seltsam, dass eine Nation trotz Beinahe-Bankrotts und eines Schuldgeldberges, der durchaus geeignet wäre, die Weltwirtschaft in Ohnmacht fallen zu lassen – warum die Fed im Jahre 2006 wohl die Veröffentlichung der Geldmenge M3 eingestellt hat? – weiterhin ein Triple-A-Rating behält (meiner Kenntnis nach lautet die aktuelle Benotung durch Moody´s und Fitch „AAA“, Standard & Poor´s vergab „lediglich“ AA+), während manche europäische Staaten, die zweifellos auch ihre Schuldenprobleme haben, im Vergleich zu den USA aber in jedem Fall immer noch weitaus besser dastehen, ständig herabgestuft werden?

Man sollte diesem doch sehr durchschaubaren Spielchen nicht auf den Leim gehen. Handelt es sich bei der bezeichnenderweise vor allem von amerikanischer Seite kräftig übersalzenen Kritik an Merkel und ihrem Führungsstil in der „Krise“, die man auch bezeichnen könnte als längst überfälligen Bereinigungsprozess,der das völlig außer Rand und Band geratene „Fiat Money“ – oder besser Ponzigeld-System unerbittlich mit seinem wahren Wert konfrontiert, lediglich um aufrichtige Sorgen um die Zukunft Europas?

In einigen Fällen vielleicht. Ansonsten muss man aber leider davon ausgehen, dass es sich auch um Schwarzpeterschiebung handelt: Man braucht einen Sündenbock, ein Ziel mit klaren Konturen, und das scheint im Augenblick Deutschland mit seinem Widerstand gegen die Pläne einer Vergemeinschaftung von Schulden und mehr „Kompetenztransfers“ Richtung Brüssel zu sein. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy forderte unlängst ganz unverhohlen mehr Entscheidungsgewalt für europäische Institutionen; man möchte mehr Einfluss auf nationale Haushaltsplanungen. Der in den letzten Tagen überdeutlich gestiegene Druck, der Deutschland offensichtlich zur Aufgabe seines Restwiderstands gegen die finanzdiktatorischen Pläne bewegen soll, spricht eine eindeutige und klare Sprache.

Allerorten heißt es: Nur eine Schuldenvergemeinschaftung könne aus der derzeitigen Sackgasse Europas führen. Charles Dallara, Chef des Weltbankenverbandes IIF („Institute of International Finance“), argumentierte, „für alle gemeinsam“ seien „die Schulden tragbar, einzelne Staaten“ seien „damit überfordert. Deshalb argumentieren viele von uns, dass eine Vergemeinschaftung der Finanzpolitik sinnvoll ist“. Sind diese Leute einfach nur inkompetent, verblendet oder geschieht das aus Absicht? Ich vermute Letzteres. Hat nicht die jüngste Entwicklung der Krise eindeutig belegt, wie unrealistisch solche Annahmen sind? François Hollande, um nur ein Beispiel zu nennen, versprach die Rente mit 60 – wohlwissend, dass er sie in der derzeitigen Haushaltslage Frankreichs eigentlich gar nicht finanzieren kann. Er scheint also bereits jetzt darauf zu hoffen, dass im Falle einer Notlage „Hilfsgelder“ fließen, sprich: andere seine Wählerköder bezahlen.

Wenn das die EU und Währungsunion sein sollen, die angeblich für mehr Stabilität, Wachstum, Einigkeit und friedliche Kooperation der Völker sorgen, na dann gute Nacht.

Immerhin hat sich das Bundesverfassungsgericht dazu durchringen können, den Bundespräsidenten öffentlich um Aufschub bei der Unterzeichnung des finanzoligarchischen Ermächtigungsgesetzes ESM zu bitten. Ob das etwas nützen wird, ist mehr als fraglich, da die Bitte der Karlsruher eigentlich viel zu spät kommt. Sie hätten sich schon viel früher einschalten müssen. Wenig überraschend ist auch der Unmut, den die Einmischung des BVG hervorrief und die Gauck keine andere Wahl ließ, als ebenso öffentlich und aus „Respekt vor den Verfassungsorganen“ mit der Ausfertigung ein Weilchen zu warten. Dr. Schäubuse: „Ich glaube nicht, dass es klug ist, wenn Verfassungsorgane öffentlich miteinander kommunizieren.“ Na hoppla. Warum das unklug sein soll? Ganz einfach: Wo kämen wir denn hin, wenn diejenigen, die den ganzen Irrsinn letztendlich in mehrfacher Weise werden bezahlen müssen (nämlich nicht nur in finanzieller Hinsicht) Einblicke in die Entscheidungsprozesse ihrer Eliten bekämen. Vielleicht noch ein Mitspracherecht? Das sind ja gleich zwei Dinge auf einmal – das geht aber nicht.

Dank Klaus Peukert, Beisitzer im Bundesvorstand der mit viel Medienejakulat auf Russ-Meyer-Dimensionen aufgespritzten politischen Hühnerbrüstchen der Piraten, wissen wir nun außerdem, dass den „Nazi-Esospinnern“ der ESM-Gegner nicht zu trauen ist. Mit Ausdrücken wie „Finanzdiktatur“ und „Ermächtigungsgesetz“ möchte er nicht zündeln! Nichts für ungut: Seit Bestehen der Währungsunion wurde EU-Vertragsrecht schon so oft verbogen und gebrochen, dass nur ein taubstummer und stockblinder Einsiedler in einer von jeder Zivilisation abgeschnittenen Hütte im Hochgebirge der Karpaten die Verhältnisse dermaßen verdrehen würde. Wenn man schon von Nazi-Esospinnern reden möchte, sollte man bitte auch diejenigen mit solchen Beschimpfungen belegen, die immer noch ganz esoterisch glauben, ein bisschen Voodo-Finanzpolitik und schwarzmagische Umverteilungsbürokratie sei ein wirksames Medikament erstens gegen die Probleme unseres Geldsystems und zweitens gegen die pathologische volkswirtschaftliche Inkompetenz wohlfahrtsstaatlicher Polit-Zauberlehrlinge.

Allerdings sind nicht alle Akteure aus Politik und Hochfinanz so verzweifelt, ratlos oder unentschlossen, wie oftmals behauptet wird. Im Gegenteil. Es ist nicht Blindekuh, Topfschlagen oder nervöses Eierlaufen, das da gespielt wird – das Spiel nennt sich „Gotcha“, und im Augenblick scheinen die USA es besser und zielgerichteter zu spielen als Europa.


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