05. Juli 2012

„Kita“-Politik Der neue Sozialstaat als Nachfolger des alten Obrigkeitsstaats

Auch im Sommerloch am Köcheln

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Ich kann das Wort „Kita“ nicht mehr hören. Es macht mich aggressiv. „Kita“ ist für mich zum Gegenwort zur Familie geworden. Doch es steht zu befürchten, dass die Propagandisten des Kita-Wahns nicht locker lassen und die Debatte über das Betreuungsgeld auch im Sommerloch am Köcheln halten werden. Wer streitet heute auf politischer Seite über diese Themen? Da positioniert sich zum einen die FDP, die panische Angst davor hat, überflüssig zu werden. Man will es dem Koalitionspartner CDU und insbesondere der CSU mal ordentlich zeigen. Die Liberalen sind gegen das Betreuungsgeld und damit für immer mehr Verstaatlichung im Bildungs- und Erziehungswesen, weil sie von Merkels Truppe einmal zu oft verdroschen wurden. Dabei sollte der liberale Parteichef doch am besten wissen, welches Glück Familie bedeuten kann.

Ansonsten gibt es da eine aufstrebende Sozialdemokratin namens Manuela Schwesig, die für die Kita und gegen die Familie wettert, weil sie sich als eine Art Mutter Theresa des erziehenden Obrigkeitsstaats profilieren möchte. Dafür konnten sich Sozialdemokraten ja schon immer erwärmen. Leider sieht es auf Seiten der CDU nicht besser aus. Die zuständige Familienministerin macht ihren Job nicht und schreibt lieber Bücher. Und die eigentlich nicht zuständige Ursula von der Leyen sucht krampfhaft nach öffentlicher Profilierung. Klasse war ihr Vorschlag, die Schlecker-Frauen mal schnell auf Erzieherin umzupolen. Ob die Ministerin den Gedanken so toll fände, ihre zahlreiche eigene Kinderschar einer vielleicht 50-jährigen vormaligen Kassiererin an der Schlecker-Kasse anzuvertrauen? Steht eine solche Maßnahme für frühkindliche Bildung, die Erziehung in den eigenen vier Wänden aber nicht?

Beim Lesen des Artikels „Der Verlust der Kindheit“ in der „FAZ“ bin ich melancholisch geworden. Der Union fehlt heute ein Mann vom Format eines Norbert Blüm, der von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung war. Seine Sprache ist von großer Klarheit. Er bringt die Dinge auf den Punkt: „Die Erziehung wird verstaatlicht, die Kindheit enteignet und die Familie sozialisiert. Das ist das Maximalprogramm des familienfeindlichen Fortschritts“. Die außerschulische Freizeit reduziere sich weitgehend auf Zeit zur Regeneration der Lernbereitschaft: „Für Familie bleibt der kümmerliche Rest. Familie verwandelt sich in eine Art Garage, in der man abends einfährt, um morgens – frisch getankt – ins eigentliche Leben wieder auszufahren.“

Norbert Blüm erinnert an Artikel 6 unseres Grundgesetzes: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Der neue Sozialstaat werde „unter der Maske der Fürsorge zum Nachfolger des alten Obrigkeitsstaats“. Vor einer Kita-Pflicht scheue der pädagogische Generalstab einstweilen noch zurück.

Doch werden die Dämme noch lange halten? Warum sollten nicht auch Rentner, die das Pech hatten, von einer liebenden Mutter und einem liebenden Vater erzogen worden zu sein, nachträglich in die Kita gesteckt werden? Das schafft doch mehr Stellen für Erzieherinnen. Und da frühkindliche Bildung doch so wichtig ist: Was ist mit der vorgeburtlichen Bildung? Darf es überhaupt noch sein, dass „bildungsferne Schichten“ Geschlechtsverkehr zum Zwecke der Fortpflanzung haben? Sollten nicht endlich Kopulations-Kommissare – das wären auch neue Stellen! – geschaffen werden, die das vorgeburtliche Treiben der „Erziehungsberechtigten“ (dieses Wort wollen wir in Zukunft nur noch für Kita-Angestellte reservieren) mal ordentlich unter die Lupe nehmen? Hier könnte man zum Beispiel auch an arbeitslose Schlecker-Frauen denken.

Wäre dies alles nicht so traurig, man könnte sich schütteln vor Lachen. Mit dem Wort „Kita“ im Mund und der dumpfen Polemik gegen das Betreuungsgeld werden Familien diskriminiert, die sich in der Regel bemühen, ihre eigenen Kinder so gut wie möglich zu erziehen. Und hinter dem Argument, man wolle ja gerade Kinder mit Migrationshintergrund in die Kitas bringen, während das Betreuungsgeld sich dabei kontraproduktiv erweise, versteckt sich letztlich Ausländerfeindlichkeit. Sagt es doch offen, Ihr Propagandisten der flächendeckenden Staatserziehung: Liebe Deutsch-Türken, wir trauen es Euch nicht zu, dass Ihr den „kleinen Ali“ zu Hause ordentlich erzieht. Das können nur unsere deutschen Kitas. Eine solche Argumentation wäre zwar schäbig und ressentimentgeladen, aber sie wäre zumindest ehrlicher.


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