07. Juli 2012

Streit der Ökonomen Ein Zeugnis weltanschaulicher Unbildung

Re-Ideologisierung wird kommen

Dem Aufruf der 172 Ökonomen um Professor Sinn folgten eine Stellungnahme einer bunten Truppe um Professor Bofinger und eine weitere Stellungnahme von Ökonomen um die Professoren Snower und Krahnen. Nun liegen drei Positionen auf dem Tisch. Jeder ökonomische Laie hat nun die Chance, sich für eine Gruppe zu entscheiden und die anderen als Interessenvertreter zu geißeln. Genau das passiert auch gerade, Politiker äußern sich und die Kommentarspalten quellen über.

Die entbrannte Debatte bringt dabei vor allem eines zum Vorschein: Die meisten Menschen sind nicht mehr in der Lage, politische Äußerungen weltanschaulichen Grundüberzeugungen zuzuordnen. Das gilt in stärkerem Maße für Politiker als für Kommentarschreiber. Gerade im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich ist dies kritisch. Denn die Volkswirtschaftslehre kann auch als politische Ökonomie bezeichnet werden, ein Begriff, der unter Sozialisten viel verbreiteter war als unter Liberalen - wohl, weil das Bewusstsein für die ideologischen Wurzeln der Disziplin unter Linken ausgeprägter ist. Vielleicht sollte man den Begriff häufiger nutzen, da er die Fundierung ökonomischer Lehren in philosophischen Überlegungen anzeigt.

Will man praktischen Gewinn aus den unterschiedlichen Stellungnahmen der Wirtschaftsprofessoren ziehen, so muss man sie den weltanschaulichen Denkschulen zuordnen können. An dieser grundlegenden Fähigkeit mangelt es. Das zeigt sich nicht nur in dieser Debatte, sondern allgemein häufig: Da wollen freidemokratische Politiker die Wirtschaft ankurbeln oder warnen vor der Ausbeutung von Arbeitnehmern. Sie sind weltanschaulich zu ungebildet, um den Ursprung dieser Worte im keynesschen oder marxistischen Denken verorten zu können. 

Es erstaunt daher kaum, wenn die Stellungnahme von Professor Sinn als nationalistisch verkannt wird. Nicht nur verwunderlich, sondern geradezu erschreckend ist es, wenn man sich sogar lieber auf Professor Bofinger bezieht. Es ist keine Schande, keine Ahnung von den Wirtschaftswissenschaften zu haben, wenn man sich nicht lautstark dazu äußert, hat Murray Rothbard einmal geäußert. Verstärkt gilt dies für Politiker, die sich frei von jeder Kenntnis von ökonomischen Denkschulen nicht nur lautstark äußern, sondern überdies auch auf dieser Grundlage der Unwissenheit über unser Schicksal entscheiden.

Bei der Lektüre der Kommentarspalten gewinnt man hingegen den Eindruck, dass die Re-Ideologisierung großer Teile der Bevölkerung bereits vollzogen ist. Insbesondere hat unter politisch Aktiven eine Re-Liberalisierung stattgefunden. Öffentliche und veröffentlichte Meinung liegen auseinander wie selten. Auch der breite öffentliche Widerstand gegen die pragmatisch orientierte, das Verlustprinzip des Marktes aushebelnde und zentralistische Euro-Rettungspolitik, zeigt dies an. Die Mehrheit der Liberalen ahnt, dass der Insolvenzschutz von Banken und Staaten mit ihren eigenen weltanschaulichen Grundlagen nicht vereinbar ist. Eine im Wachsen begriffene liberale Minderheit ahnt das nicht nur, sondern weiß es.

Diese Minderheit hat die weltanschaulichen Wurzeln des Liberalismus erkundet und verinnerlicht. Sie ist re-ideologisiert und damit gesellschaftlicher Außenseiter. Sie ist Avantgarde des Liberalismus und hat der Masse voraus, die weltanschauliche Leere des politischen und medialen Hauptstroms erkennen zu können. Noch ist diese Avantgarde passiv, doch wird dies auf Dauer nicht so bleiben können. Die Frustration mit der weltanschaulichen Leere wird sie über kurz oder lang zu politischer Aktivität treiben. Die Chancen stehen gut, dass der marktwirtschaftliche Ausfall der FDP und ihr Mittun an der vergeblichen Euro-Rettungspolitik diese Aktivität auslösen wird. Die Freidemokraten täten gut daran, sich lieber früher als später dementsprechend zu positionieren.


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