09. Juli 2012

Der „Focus“ gegen zuviel Sinn Systempropaganda vom Feinsten

Wie man informierte Leser verschreckt

Irgendwann ist die Schmerzgrenze eines jeden Menschen erreicht – egal, worum es geht. In puncto Euro, Eurorettung, Rettungsrettung, Volksenteignung, Massenbetrug und -täuschung ist meine schon vor langer Zeit weit überschritten worden. Gab es noch eine Zeit, da ich mich über Artikel wie den am 6. Juli 2012 auf focus.de erschienenen sicher aufgeregt hätte, sitze ich heute schmunzelnd davor und weiß: Es gibt sie nach wie vor, die Propaganda, die Schelte, manchmal bis hin zur Hetze, die kollektive Geisteskrankheit, die Selbsttäuschungen und rhetorischen Taschenspielertricks systemtreuer journalistischer Gesinnungsputzkräfte. IM „Focus“ sozusagen, hihi. Kein Problem. Wie gesagt, es bringt mich nur noch zum Lachen.

Denn das Beste, was putzmuntere, aufgeweckte Fische tun können, wenn im wilden Strom zeitgerecht verdrehten und vermurksten Slapstick-Lebens der veröffentlichten Meinung Zombie-Schlagzeilen wie „Der Anti-Euro-Kreuzzug des Hans-Werner Sinn“ untot an ihnen vorbeitreiben: Lachen. Die Wortwahl des Artikels ist, sobald es um Sinns Person geht, so unbeholfen manipulativ, so ungeschickt tendenziös und tölpelhaft, dass ich mich an Charlie Chaplins famosen Auftritt als Anton Hynkel in „Der große Diktator“ erinnert fühlte. „Hans Werner-Sinn, Leberwurst Kartoffelkunst Rhabarber, schnrrrrrrr, grrrrrrrr, Kreuzzug Sauerkraut, mit der Peitschen, Aufheizen, Zwischengrätschen Stimmungsmache, Erfolgsgeschichte Schtonk!“. Wie unfreiwillig komisch soll es in Deutschland eigentlich noch werden? Gibt es da überhaupt noch irgendein Limit?

Der „Focus“ in Einschulungsdeutsch: „Das Bundesverfassungsgericht hat ihn als Sachverständigen für die ESM-Klagen bestellt. Doch schon im Vorfeld macht Ifo-Chef Hans-Werner Sinn öffentlich Front gegen die Beschlüsse des Euro-Gipfels. Darf er das?“. Süß, diese Frage an die Klassenkameraden: Sagt mal, was meint ihr, darf der Hans Witze übers Direktorium machen? Und weiter – es wird noch viel lustiger: „Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass Sinn Stimmung gegen die Euro-Politik der Regierung macht.“ Krokodilstränige Primanerpetze: Herr Lehrer, der Hans macht schon wieder Faxen. Ist ja nicht das erste Mal. Kriegt der jetzt endlich einen Eintrag ins Klassenbuch, buhu? Ich hab‘s genau gesehen: Der Hans hat der Angela in den Hosenanzug geschaut, Spießbürgerskandal!

Wisst Ihr, liebe Kollegen, es mag ja sein, dass der durchschnittliche „Fakten, Fakten, Fakten“-Trottel auf sowas tatsächlich noch hereinfällt. Aber wenn man sich schon den Anspruch gibt, ein Qualitätsmagazin zu sein (und vor allem: wenn man Interesse daran hat, auch in Zukunft ein paar Hefte zu verkaufen), sollte man sich nicht dadurch diskreditieren und blamieren, dass man alles, was Hans-Werner Sinn bisher zum Euro und zu dessen Krise verlautbaren ließ, einfach als bloße Stimmungsmache bezeichnet. Das ist ganz, ganz peinlich. Deshalb möchte ich Euch beherzt unter die Arme greifen, indem ich unter diesem Artikel einige auf Youtube verfügbare Vorträge vom ollen Hans-Werner verlinke, durch die Ihr Euch davon überzeugen könnt, dass der Mann keine, wie Ihr es zu suggerieren versucht habt, schlicht gestrickte Stimmungskanone ist, der Tony Marshall der Anti-Euro-Templer, der Roberto Blanco der antieuropäischen Eso-Nazis, der Gottlieb Wendehals der unsachlichen, populistisch-extremistischen Eurokritik. Glaubt´s mir. Der kann schon was. Die Wendehälse sitzen ganz woanders.

Der Fairness und Ausgewogenheit halber habt Ihr dann ja auch Äußerungen zweier Systemlinge dazugepanscht, einmal des nicht umsonst immer verbiestert-verbitterter, vergrämter und irgendwie auch ein bisschen kränklich dreinschauenden Europathen Dr. Schäuble sowie des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. „Das hat eher das Niveau von Boulevardpresse“, so Bofinger zum Appell der 170 Ökonomen. Alles Stammtischler, alle keine Ahnung, alle inkompetent, alles Hetzer, alles Terroristen, diese Anti-Euro-Muslime. 170 Wirtschaftswissenschaftler, die gegen die finanzpolitische Genialität eines Bofinger keine Chance haben. Bofinger zur Frage, ob Sinn das Bundesverfassungsgericht zur Besinnung bringen könne: „Die Richter sind klug genug, um zu erkennen, welche Qualität der Aufruf hat.“  

Sind die Richter auch klug genug, mir folgende Fragen zu beantworten?

Erstens: Warum wurde Hans Reckers, damals Chef der hessischen Landesbank sowie Vorstandsmitglied der Bundesbank, der am 26. April 2000 in einer öffentlichen Pressekonferenz davor gewarnt hatte, Griechenland in die Währungsunion aufzunehmen – aufgrund der wirtschaftlichen Schwäche des Landes – vom damaligen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke sowie Finanzminister Hans Eichel sofort scharf zurückgepfiffen? Reckers: „Ich habe damals nur die Meinung meiner Kollegen im Zentralbankrat wiedergegeben. Aber ganz schnell nach den politischen Interventionen distanzierten sich Bundesbank, EU-Kommission und Finanzministerium.“

Zweitens: Warum halfen Mitarbeiter von Goldman Sucks der griechischen Regierung beim Frisieren der Bilanzen?  

Drittens: Es ist mittlerweile bekannt, dass die großen Gefahren eines Griechenlandbeitritts der Regierung Schröder bewusst waren. Da die Währungsunion ja auf ökonomischer Vernunft basieren soll: Warum wurde der Beitritt dann nicht verhindert oder zumindest aufgeschoben, wie es Reckers forderte?

Ich könnte diesbezüglich noch viel mehr Fragen stellen, aber bei diesen drei soll es erstmal bleiben. Irgendeine Idee, liebe Karlsruher?

Auch Antworten der Kollegen vom faktennackten „Focus“, von Herrn Professor Bofinger oder Herrn Dr. Schäuble nehme ich gerne entgegen.

Links

Vorträge von „Stimmungsmacher“ Hans-Werner Sinn:

Ist der Euro noch zu retten – 19.12.2011

Zur Situation in der EU (Februar 2012)

Gefangen in der Euro-Rettung – Wo liegt die Grenze der Belastbarkeit, 16.1.2012


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