10. Juli 2012

Krankenversicherung „Obamacare“ – wirklich human und sozial gerecht?

Auch im Gesundheitswesen gelten die Gesetze des freien Marktes

Von katholischer Seite ist „Obamacare“ – so die umgangssprachliche Bezeichnung für den „Patient Protection and Affordable Care Act“, welcher all jenen Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika Zugang zu einer Krankenversicherung bieten soll, die sich eine private Versicherung nicht leisten können – vor allem aufgrund des kostenlosen Zugangs zu Verhütungsmitteln kritisiert worden. Trotz „Obamacare“ sind Verhütungsmittel natürlich nicht kostenlos, sondern werden lediglich über Umwege finanziert – doch darum geht es hier nicht. Auch die fragwürdige Begründung des Supreme Court der Vereinigten Staaten (SCOTUS) zur Verfassungsmäßigkeit von „Obamacare“ bleibt außen vor. Schließlich beleuchtet dieser Beitrag auch nicht die moralischen Probleme, die der Zwang, eine Krankenversicherung abzuschließen, mit sich bringt.

In einem Kommentar für die „Tagespost“ vom 30.06.2012 erklärte Stefan Rehder, das Urteil des SCOTUS sorge insofern „für mehr Humanität und soziale Gerechtigkeit“, als dass nun auch bislang nicht versicherte Bürger wie bereits erwähnt Zugang zu einer Krankenversicherung haben. Wie bitte? Es ist zumindest sehr zu bezweifeln, dass „Obamacare“ eine humane und sozial gerechte politische Maßnahme ist!

Problematisch ist beispielsweise, dass man zu einer Strafzahlung verpflichtet ist, sollte man keine Krankenversicherung abschließen, die den staatlichen Vorgaben entspricht. Diese Strafe ist jedoch geringer bemessen als der Versicherungsbeitrag selbst. Wieso sollte man eine Versicherung erwerben, wenn man mit einer Strafe nicht nur finanziell besser wegkommt? Ist man dann tatsächlich einmal auf eine Kostenübernahme angewiesen (etwa nach einem Beinbruch), meldet man sich einfach bei der Versicherung – schließlich ist diese gesetzlich dazu gezwungen, jeden Bürger ohne Rücksicht auf seine „pre-existing conditions“, also seine Vorerkrankungen, aufzunehmen (und etwa für die Behandlung des gebrochenen Beins zu zahlen)! Daher habe ich übrigens mein Haus auch nicht gegen Feuer versichert. Wenn es brennt, schließe ich schnell eine Versicherung gegen Feuer ab, die den Brand natürlich als „pre-existing condition“ betrachtet und für den Schaden aufkommt. Doch das nur am Rande...

Abgesehen davon ist ein durch den Staat eingerichtetes Versicherungsmodell finanziell nicht tragbar. In Deutschland muss jeder Versicherte schmerzlich erfahren, wie er im Laufe der Zeit immer höhere Prämien bezahlt, nur um im Krankheitsfall immer weniger Leistungen erstattet zu bekommen. Der zuvor einzige Staat in den USA mit einer Zwangsversicherung, Massachusetts, erlebte eine unglaubliche Kostenexplosion auf ein Niveau, das mehr als elfmal höher ist als ursprünglich geplant. Gouverneur von Massachusetts war damals übrigens Mitt Romney, der nun als Alternative zu Präsident Barack Obama gepriesen wird. Die Versicherungen rechnen mit drastischen Beitragssteigerungen von bis zu 300 Prozent dank „Obamacare“. Inwiefern die Versicherungen selbst an der Entwicklung von „Obamacare“ beteiligt waren und es sich um einen massiven Betrug handelt, ist an dieser Stelle unerheblich und wird umfassend von Alex Jones analysiert. Tatsache ist, dass zumindest der Patient ein schlechtes Geschäft gemacht hat. Aber höhere Beiträge und weniger Auswahl sind doch bekanntlich genau das, was „mehr Humanität und soziale Gerechtigkeit“ ausmacht...

Sicherlich klingen meine Anmerkungen in den Ohren von Einwohnern mehr oder minder sozialistischer Staaten unglaublich hart, ja sogar unmenschlich. Es gibt jedoch eine Lösung. Der Staat hat sich aus dem Gesundheitswesen vollständig herauszuhalten. Bevor die Regierung der USA sich mit „Medicare“ und „Medicaid“ intensiv in das Gesundheitswesen eingemischt hat, sind kranke Menschen auch nicht elendig im Straßengraben verendet! Viele Ärzte haben einen Teil ihrer Arbeit ehrenamtlich verrichtet. Viele christliche Gemeinschaften haben karitative Einrichtungen betrieben, die sich – teils bis heute – hingebungsvoll um mittellose kranke Menschen kümmern. Auch heute akzeptieren in den USA einige noble Ärzte keine Staatsgelder. Wenn ein Patient sich die Behandlung nicht leisten kann, versuchen Arzt und Patient, zusammen einen anderen Weg zu finden. Ist der Patient etwa Automechaniker, dann übernimmt er die nächste Reparatur am Wagen des Arztes, ohne ihm dafür etwas in Rechnung zu stellen. Das nenne ich „human“ – nicht einen 1.000 Meilen entfernten Bürokraten in Washington, D.C., der weder von der Situation vor Ort noch von irgendetwas anderem eine Ahnung hat (denn das ist anscheinend die Voraussetzung für den Staatsdienst). Außerdem ist jene direkte Verbindung zwischen Arzt und Patient genau das, was das katholische Prinzip der Subsidiarität ausmacht.

Der legendäre Dr. Tom Woods, selbst Katholik und einer unserer besten Männer im Kampf für die Freiheit, schildert in seinem Buch „Rollback“, wie ein Mitarbeiter von Google, Vijay Boyapati, eine Zyste entfernen lassen wollte. Boyapati, selbst aus freiem Willen nicht versichert, besuchte zunächst die Praxis eines Dermatologen, die vornehmlich mit versicherten Patienten zu tun hatte. Eine Entfernung der Zyste hätte 700 Dollar gekostet, kaum 20 Minuten gedauert und wäre nicht einmal vom Dermatologen, sondern von einer Arzthelferin vorgenommen worden. Daraufhin besuchte Boyapati auf Empfehlung eines Freundes einen Landarzt, den hauptsächlich nicht versicherte Patienten der Unterschicht sowie unteren Mittelschicht mit geringem Einkommen konsultierten. Der Landarzt nahm die Entfernung der Zyste persönlich vor und verlangte weniger als 50 Dollar. Dieses Beispiel illustriert sehr schön das Problem, das eine Übernahme von Kosten durch die Versicherung mit sich bringt. Wenn die Patienten wissen, was eine Behandlung kostet, überlegen sie sich genau, ob die Maßnahme wirklich notwendig ist. Dann ergibt sich auch ein Preis, den die Patienten zu zahlen bereit sind.

Auch im Gesundheitswesen gelten die Gesetze des freien Marktes, die staatliche Eingriffe nicht umgehen können. Der Arzt will eine Dienstleistung zu einem möglichst hohen Preis anbieten. Der Patient will diese Dienstleistung möglichst kostenlos in Anspruch nehmen. Beide Parteien einigen sich dann auf einen Preis, der für beide vertretbar ist. Und sollte eine Maßnahme notwendig sein, die der Patient nicht zahlen kann (ob in Dollar oder Gold oder einer anderen Ware oder Dienstleistung), wird wohl kaum ein Arzt so grausam sein und jede Tätigkeit verweigern. Entweder hat der Arzt seinen Beruf ergriffen, um Menschen zu helfen – dann sollte es keine Probleme geben. Oder er ist aus selbstsüchtigen Gründen Arzt geworden. Dann aber wird er nicht in der Lokalzeitung lesen, im Lokalradio hören oder im Lokalfernsehen sehen wollen, wie unmenschlich und geldgierig er ist!

Abschließend sei auf die Funktion hingewiesen, die eine Versicherung eigentlich haben sollte. Gegen Risiken, für die wir selbst verantwortlich sind – etwa für einen Verlust im Wettbüro dank einer Niederlage im Halbfinale der EM – können wir uns nicht versichern. Idealerweise schließt man eine Krankenversicherung gegen größere Risiken ab (beispielsweise einen längeren Krankenhausaufenthalt oder Krebs). Die Behandlung alltäglicher Probleme wie Erkältungen oder Schnittverletzungen bezahlt man direkt. Die Schlüsselfigur der Freiheitsbewegung in den vergangenen 40 Jahren, Dr. Ron Paul, schreibt in „Liberty Defined“: „Unabhängig davon, ob sie aus eigenem Interesse nach Macht streben oder wirklich davon motiviert sind, die Welt ein Stück besser zu machen – die meisten autoritären Persönlichkeiten betreiben ihre Politik und ihre Herrschaft über andere, indem sie Partei ergreifen für als Tugenden ausgegebene humanitäre Zwecke. Und längst haben viele Bürger das Grundprinzip akzeptiert, wonach wir den Staat brauchen, um eine faire, moralische, friedliche und wohlhabende Gesellschaft zu schaffen. Dieser Betrug bleibt bestehen, während wir Zeugen der Anwendung gescheiterter politischer Maßnahmen sind, obwohl wir uns in einer Wirtschaftskrise befinden, die von diesen falschen Grundsätzen verursacht wurde.“ (meine Übersetzung) – But As For Me, Give Me Liberty Or Give Me Death!


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Martin Bürger

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