11. Juli 2012

Ägypten und die Wahl des Muslimbruders Mursi Malesh!

Im Schlüsselstaat wird der Westen das große Spiel einmal mehr verlieren

Endlich Demokratie am Nil! Endlich folgt dem Arabischen Frühling der Sommer – europäische Medien und Politiker werden nicht müde, die jüngsten Wahlen in Ägypten als großen Schritt hin zu einer „demokratischen Zivilgesellschaft“ zu preisen. Frankreichs neuer Präsident Hollande macht sich zum Sprachrohr, indem er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, der Ausgang der ägyptischen Präsidentenwahl sei der Beginn eines Übergangs zu einem „demokratischen und pluralistischen politischen System“ in Ägypten.

Was sind die Hintergründe dieser Entwicklung? Einerseits ist das Land mit weit über 80 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste arabische Staat. Dies und seine strategische Lage machen Ägypten zu dem wichtigsten Baustein jedweder Nahostpolitik. Andererseits verfügt es nicht über ausreichende Rohstoffvorkommen, Industrie oder Agrarflächen, um vor allem dem „Youth Bulge“ – dem Überschuss an jungen Menschen – eine akzeptable soziale Perspektive zu bieten. Die sich daraus ergebenden Spannungen erhöhen sich proportional zum Bevölkerungswachstum und sind der größte Unsicherheitsfaktor für die Berechenbarkeit des Landes. So beträgt das Bevölkerungswachstum in Ägypten derzeit jährlich 1,8 Prozent (Deutschland: minus 0,2 Prozent), was dem Land einen Bevölkerungszuwachs von 16 Millionen Menschen in den letzten zwölf Jahren bescherte.

Der Druck im Kessel steigt

Der Euphemismus vom „Arabischen Frühling“ beschreibt letztlich den Moment, in dem der (soziale) Druck im Kessel so groß geworden ist, dass der bis dahin mit aller Macht und westlicher Hilfe darauf gepresste Deckel abgesprengt wird. Es ist bezeichnend, dass von diesem Phänomen fast ausschließlich Staaten betroffen sind, die man mehr (Tunesien) oder weniger (Libyen) zu Parteigängern des Westens rechnen musste.

Auch Ägypten ist im Gegensatz zum Iran, wo dieses Pflänzchen noch im Keim erstickt wurde, bisher zu den pro-westlichen Staaten der Region zu zählen. Der Hauptgrund für die bisherige Haltung des Landes liegt darin, dass sich die USA das Wohlwollen der ägyptischen Führungsschicht durch Geldtransfers von ein bis zwei Milliarden Dollar pro Jahr erkaufen konnten. Neben der üblichen Korrumpierung der Führung wurde mit diesen Zahlungen in den letzten Jahren die marode Wirtschaft des Landes gestützt. Außerdem gibt es eine umfangreiche militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten.

Der Schulterschluss zwischen Ägypten und den USA liegt nicht zuletzt auch im vitalen Interesse Israels. Vor allem in der derzeit äußerst unklaren Situation an den israelischen Außen- und Binnengrenzen ist aus israelischer Sicht ein Abfall des großen Nachbarn vom Westen unbedingt zu vermeiden, denn dieser würde, das ist den Strategen in Tel Aviv klar, letztlich in eine erneute Gegnerschaft münden. Die Zeiten, in denen ein Pharao am Nil sich zum Anführer der Gegner Israels machte, sind vielen Entscheidern dort noch in allzu frischer Erinnerung.

Die Muslimbrüder als Bollwerk gegen den Westen

Als Rückgrat der antiwestlichen Haltung in Ägypten galt seit jeher mit der Muslimbruderschaft genau die Organisation, die sich nun anschickt, den Präsidenten des Landes zu stellen. Die Anfänge der Bruderschaft finden sich im Jahre 1928, als Hassan al-Banna, ein Angestellter der britischen Suez-Kanal-Gesellschaft, die „Gemeinschaft der Muslimbrüder“ gründete, um gegen die Ungerechtigkeiten und für die Wiederherstellung der Würde der Muslime in Zeiten der britischen Kolonialherrschaft zu kämpfen. Es war von Anfang an ein fundamentaler Bestandteil der Ideologie der Muslimbrüder, den westlichen Einfluss in Ägypten zurückdrängen zu wollen und sich auf die islamischen Wurzeln zu besinnen.

Obwohl die Bewegung sofort recht erfolgreich war, wurde ihre ideologische Schlagkraft erst in den 50er Jahren durch den Lehrer Sayyid Qutb zu einer Bedrohung für die ägyptischen Eliten. Es ist ein vielsagendes Detail, dass der Lehrer und Mitarbeiter des ägyptischen Bildungsministeriums sich ausgerechnet im Rahmen eines längeren Bildungsaufenthalts in den USA radikalisierte, weil ihn der „American Way of Life“ zutiefst abstieß.

Der Historiker Stefan Scheil beleuchtet im Rahmen seiner Studie zu den „Transatlantischen Wechselwirkungen“, wie die USA in Deutschland nach dem Kriege systematisch und mit großem Erfolg versuchten, die hiesigen Eliten durch derartige Austauschprogramme in ihrem Sinne umzuprägen. Ähnliche Programme wurden zeitgleich auch für andere Staaten in den Interessenssphären der USA aufgelegt. Bei allem Erfolg dieses Programms in Deutschland kann man Sayyd Qutb getrost für den aus Sicht der Amerikaner fundamentalsten Fehlschlag halten. Nach seiner Rückkehr nach Ägypten schloss er sich den Muslimbrüdern an und wurde schnell zu ihrem Vordenker.

In seinem Hauptwerk „Milestones“ gibt er den Muslimbrüdern die bis heute geltende Maxime vor: Der Islam ist nicht mit Werten wie Liberalismus, Demokratie und Pluralität vereinbar und wird diese eines Tages ersetzen. Der Islam ist der natürliche Feind der westlichen Werte. Dieses Ziel kann nur durch kompromisslosen Kampf erreicht werden. Und es wird in jedem Fall erreicht, weil ein starker Glaube der Dekadenz des Westens überlegen sei.

Das Regime hielt Qutb für so gefährlich, dass er 1966 hingerichtet wurde. Seine Ideen aber leben in den Muslimbrüdern fort und stellen auch zentrale ideologische Bestandteile von Nachfolge- oder Bruderorganisationen wie der Hamas und letztlich auch al-Qaida dar. Gemeinsam ist diesen Organisationen auch die kompromisslose Feindschaft zu Israel als Vorposten des Westens in einem Herzland der muslimischen Welt.

Soweit die strategische Ausgangsposition am Nil. Man kann sich also gut vorstellen, dass der „Arabische Frühling“ dort, wo das „große Spiel“ der Geopolitik strategisch geplant wird, nicht unbedingt mit frühlingshaften Gefühlen beobachtet wurde.

Strategische Planspiele

Während Feinde des Westens wie der Iran in den letzten Monaten mit Nachdruck und entsprechenden Geldern am weiteren Erstarken der Bruderschaft arbeiteten und sich die offiziellen europäischen Meinungsführer ihren Emotionen im Hinblick auf „Freiheit und Demokratie“ hingaben, wurden vor allem in Tel Aviv und Washington fieberhaft Gegenkonzepte entworfen.

Zunächst ließ man die Militärs als Interimsmachthaber wissen, dass die Milliarden an Hilfsgeldern nicht bedingungslos fließen. Die Wahl zwischen westlich gestütztem Ausbau ihrer Macht gegenüber einer gewählten Regierung oder Bürgerkrieg und einer Nacht der langen Messer fiel den Militärs nicht schwer, so dass sie mit Unterstützung der USA noch schnell die Verfassung änderten, als absehbar wurde, dass man die Muslimbrüder nur um den Preis einer blutigen Militärdiktatur würde aufhalten können.

Es galt, unbedingt zu verhindern, dass sich das Demokratie-Trauma des Gaza-Streifens wiederholt, wo die Hamas die vom Westen vehement eingeforderte Demokratie direkt nach ihrer Wahl als unislamisch brandmarkte, sofort wieder abschaffte und seitdem dort ein stramm antiisraelisches und antiwestliches Regime unterhält.

Ziel der Strategie des Westens ist es, Ägypten mit Hilfe des Militärs in westlichem Sinne zu stabilisieren und den gewählten Präsidenten zu einer Marionette zu machen. Unter offizieller Aufrechterhaltung ihrer Mission für Demokratie und Freiheit stützen sich die USA damit faktisch auf ein Militärregime.

Die Frage ist allerdings, ob der Plan aufgeht oder schließlich doch das gleiche Schicksal erleidet wie schon einige Pläne der US-Strategen zuvor. Man denke nur an die Rolle, die Milosevic in Jugoslawien eigentlich zugedacht war. Es dürfte schwerfallen, die Muslimbrüder längerfristig an der Leine der Militärs zu führen. Zu groß ist ihre Unterstützung in der Bevölkerung. Und ihre Beharrlichkeit haben sie in ihrer langen Geschichte ebenso unter Beweis gestellt wie ihre strategischen Fertigkeiten.

Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass die Muslimbrüder langfristig mit der Methode Erdogan Erfolg haben: Innerägyptische Gegner werden im Sinne einer von oben verordneten Graswurzelrevolution durch einen „tiefen Staat“ so lange unterwandert oder kaltgestellt, bis die schließlich ausgehöhlten Säulen westlicher Interessen in sich zusammenfallen.

Der „Arabische Frühling“ und die naiven Reaktionen des Westens auf dieses Phänomen werden in den Kreisen der Bruderschaft und darüber hinaus längst als das wahrgenommen, was sie sind: Zeichen der Schwäche. Und als Beweis dafür, dass Hassan al-Banna und Sayyd Qutb recht hatten.

Dominoeffekt

Langfristig wird Ägypten aus der Phalanx pro-westlicher Staaten wegbrechen. Der dadurch ausgelöste Dominoeffekt in der Region wird die Spirale der zunehmenden Instabilität dort weiter beschleunigen. Die Frage wird sein, ob der schrumpfende Machtfaktor USA und ein zunehmend marginalisiertes Europa in der Lage sein werden, den Deckel wieder auf den Topf zu pressen. Eine für Israel überlebenswichtige Frage. „Malesh“ sagen die Ägypter für „dumm gelaufen“ – es sieht nicht danach aus.


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